Dritter Teil
Die Risale-i Nur (: Botschaft vom Licht) verbreitete sich immer weiter. Der Glaube (iman) und mit ihm die Islamiyet begann wieder zu erstarken. Als die heimlichen Feinde des Glaubens (din) dessen gewahr wurden, strengten sie unter Hintergehung der Regierung einen Prozess an, indem sie behaupteten: "Bediüzzaman sammelt heimlich um sich neue Leute. Er ist gegen die Regierung und versucht die fundamentalen Gesetze des Staates zu unterminieren." So versuchten sie im Jahre 1935 vor der großen Strafkammer von Eskishehir ein Strafverfahren in Gang zu bekommen, bei dem sie sich einer Verurteilung sicher sein zu können glaubten, ja sogar meinten, dass nun die Todesstrafe ausgesprochen werde. Deshalb begaben sich der Innenminister zusammen mit dem Polizeipräsidenten, eskortiert von Soldaten nach Isparta. Berittenes Militär patroullierte die Straße von Isparta nach Afyon entlang. Das ganze Vilayat von Isparta wurde von militärischen Einheiten unter Kontrolle genommen. Eines Morgens wurde Bediüzzaman, so unverdächtig und bescheiden wie er aussah, aus seinem Einsiedlerleben herausgerissen, auf einen Lastwagen verladen und mit seinen Schülern in Handschellen nach Eskishehir abgeführt. Unterwegs nahm der Kommandant der Abteilung, Ruhi Bey, welcher Bediüzzaman und dessen Schülern nahe stand, diesen ihre Fesseln wieder ab. So konnten sie ihre Reise fortsetzen, ohne die Gebete vernachlässigen zu müssen. Von der Unschuld Bediüzzamans überzeugt, wurde der Kommandant der Abteilung ein Freund von Bediüzzaman und seinen Schülern...
Said Nursi wurde mit seinen hundertzwanzig Schülern in das Gefängnis von Eskishehir gebracht; man isolierte sie voneinander, sperrte sie in Einzelzellen und schottete
sie vollständig von der Außenwelt ab. So begann für ihn und seine Schüler eine Zeit übelster Schikanen. Trotz dieser Atmosphäre ständiger Bedrohung verfasste Bediüzzaman den Dreißigsten «Lem'a (: Blitz)», sowie den ersten und zweiten «Shu'a (: Strahl)»; und nach der Ankunft von Bediüzzaman im Gefängnis änderten viele der dort Inhaftierten ihre Gesinnung vollständig und wurden gläubige Menschen.
Die heimlichen Feinde des Glaubens (din) verbreiteten nun in der Gegend von Isparta Angst und Schrecken mit der Nachricht: "Bediüzzaman und seine Schüler sollen hingerichtet werden."
Es ist in der Tat offensichtlich und muss auch ganz offensichtlich erklärt werden, dass das Ende allen Übels der Untergang der Übeltäter ist. Die solche Pläne schmieden, sind schon jetzt als die Niedrigsten aller Niedrigen in einen Zustand der Höllenqual hinunter gestürzt und zu ewiger Verlorenheit verurteilt. Sie verbringen ihr Leben in der Schande ihrer völligen Niederlage und - da in ihnen aller Glanz erloschen ist - in einem Zustand der Bestrafung, der schlimmer ist als die Strafe der Hölle.
Bediüzzaman aber ist ein Mann des Glaubens (iman) und wurde durch ihn zu einem der Großen in der Islamiyet, welcher er mit hohem Mut diente. Der Islam verlieh ihm seine Würde und aus dem Glauben (iman) erwuchs ihm jener hohe Mut, aus dem heraus er auch heute noch weiter lebt. Im Dienst am Qur'an und am Glauben und mit dem Sieg des Islam lässt er die türkische Glaubensgemeinschaft und die Welt des Islam Feiertage der Seele (manevi bayram) erleben (idrak).
Der Präsident der absolutistischen und despotischen Revolutionsregierung, welcher nun andererseits befürchtete, dass die Inhaftierung Bediüzzamans möglicherweise einen Aufstand hervorrufen könnte, brach zu einer Reise in die östlichen Provinzen (Vilayat) auf.
Bediüzzaman hatte es sich sein ganzes Leben lang zum Prinzip gemacht, positiv in seiner Haltung und Einstellung zu sein. So sagte er: "Die Fehler einiger weniger sind es nicht wert, dass Hunderte dadurch zu Schaden kommen."
Aus diesem Grunde ereignete sich in dieser Zeit nichts und geschah nichts weiter. Stattdessen empfahl Bediüzzaman seinen Schülern auszuharren in Geduld und sich einzusetzen für den Glauben und die Islamiyet. Dadurch wurde allen klar, dass die Verdächtigungen gegen ihn mit voller Absicht von atheistischer Seite aufgebracht worden waren.
Im Jahre 1935 wurde Bediüzzaman zusammen mit seinen hundertzwanzig Schülern der Großen Strafkammer in Eskishehir vorgeführt. Dort lagen zwar alle seine Abhandlungen und Briefe, so wie sie bei einer überraschenden Hausdurchsuchung beschlagnahmt worden waren, bereits vor, doch ergab sich aus ihnen kein Beweis, der zu seiner Verurteilung hinreichend gewesen wäre. Am Ende wurde Said nach Gefühl und Gutdünken des Richters zu elf Monaten Gefängnis verurteilt. Fünfzehn seiner Mitangeklagten erhielten je sechs Monate Haft. Alle übrigen 105 seiner Leute wurden frei gesprochen. Im Falle eines Schuldspruches wäre Bediüzzaman Said Nursi zum Tode verurteilt worden. Gegen seine Freunde hätte man zum mindesten eine langjährige Zuchthausstrafe verhängt.
Gegen dieses Urteil legte Bediüzzaman Widerspruch ein und erklärte mit Entschiedenheit, dass dies ein Schuldspruch sei, passend, um einen Pferdedieb zu bestrafen oder wegen der Entführung eines Mädchens zu verurteilen. Er verlangte für sich entweder einen Freispruch oder hundertundein Jahr Gefängnis.
An dieser Stelle möchten wir nicht weiter fortfahren, ohne zunächst einmal einen besonderen Vorfall zu schildern: Während Bediüzzaman noch im Gefängnis saß, wurde er eines Tages von seinem Staatsanwalt in Eskishehir auf dem Marktplatz gesehen. Erstaunt und verwundert setzte er sich sofort mit dem Direktor des Gefängnisses in Verbindung, drohte ihm seine Entlassung an und sagte zu ihm: "Warum haben Sie Bediüzzaman zum Markt gehen lassen? Ich habe ihn gerade auf dem Marktplatz gesehen." Der Direktor entgegnete ihm: "Nein, mein Herr. Bediüzzaman sitzt noch immer im Gefängnis. Er hat Einzelhaft. Sie können das
überprüfen."
Gemeinsam schauen sie nach: der Meister sitzt in seiner Zelle! Dieses wunderbare Ereignis sprach sich im gesamten Justizgebäude herum und die Gerichtskollegen sagten einer zu dem anderen: "Dieser Vorfall ist ganz und gar unerklärlich."
Ein ganz ähnliches Geschehnis ereignete sich, während Bediüzzaman in Denizli inhaftiert war. Die Leute dort sahen den Meister zwei, drei Mal zum Morgengebet in verschiedenen Moscheen. Davon hörte der Staatsanwalt. Wütend schrie er den Direktor des Gefängnisses an: "Sie haben Bediüzzaman zum Morgengebet nach draußen in die Moschee gehen lassen!" Man stellte sofort eine Untersuchung an und ermittelte, dass der Meister mit Sicherheit niemals Ausgang erhalten hatte.
Zu dieser Zeit, als Bediüzzaman in Eskishehir inhaftiert war, - es war an einem Freitag - hörte der Direktor des Gefängnisses, während er gerade mit seinem Sekretär sprach, dass ihn irgend jemand anrief. "Herr Direktor! Herr Direktor!" rief da eine Stimme, sodass der Direktor aufschaute. Da hörte er deutlich Bediüzzamans Stimme, die zu ihm sprach: "Ich muss heute unbedingt in der Weißen Moschee sein." - "Sehr wohl, mein Herr!" entgegnete ihm der Direktor und dachte doch bei sich selbst: "Vielleicht weiß Hodja Efendi gar nicht mehr, dass er doch in einem Gefängnis sitzt, das er gar nicht verlassen kann," und begab sich wieder in sein Büro. Doch um die Mittagszeit ging er, in dem Gedanken, den Meister zu besuchen und ihn zu trösten und ihm zu erklären, dass er nicht zur Weißen Moschee gehen könne, zu dessen Zelle. Er wirft einen Blick durch das Guckloch: drinnen kein Bediüzzaman! Er ruft sofort nach der Wache, fragt nach und erhält die Antwort: "Der sitzt in seiner Zelle und die Türe ist verschlossen und verriegelt." Er eilt zur Moschee. Bediüzzaman steht ganz vorne in der ersten Reihe auf der rechten Seite und verrichtet das Gebet. Als er gegen Ende des Gebetes den Meister nicht mehr an seinem Platz erblickt, eilt er sofort wieder zurück ins Gefängnis. "Allahu ekber (Gott ist groß)," spricht der ehrwürdige Bediüzzaman und wirft sich in seiner Zelle auf sein Antlitz nieder, vor den staunenden Augen seines Direktors. (Dieses Ereignis hat der damalige Gefängnisdirektor persönlich erzählt.)
Auszug aus der Verteidigungsrede Bediüzzamans vor dem Gericht in Eskishehir
1935
Es war dem Hohen Gericht in Eskishehir sehr wohl bekannt, dass Said Nursi sich nicht mit Politik beschäftigte. Man bestrafte ihn lediglich deshalb, weil er in einer Abhandlung (risalah) eine Ehrwürdige Ayah ausgelegt hatte. So etwas hat man noch vor keinem Gericht der Welt erlebt. Das ist mit absoluter Sicherheit ein gewaltiger Justizirrtum.
Hier nun ein Auszug aus dieser Verteidigungsrede
Hohes Gericht!
Sie haben mich verhaftet und beschuldigen mich in einer Anklageschrift, die vier oder fünf Punkte umfasst.
Erster Punkt:
Sie haben behauptet, dass ich die Religion in meiner rückschrittlichen Gedankenwelt mit meinen Aktivitäten dazu instrumentalisiert habe, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu untergraben.
Zum Ersten:
Eine bloße Möglichkeit ist das eine, der tatsächliche Sachverhalt das andere. Jeder einzelne von uns könnte möglicherweise viele Menschen töten. Soll er aufgrund dieser Möglichkeit als Mörder vor Gericht gestellt werden? Jedes Streichholz könnte möglicherweise ein Haus in Brand stecken. Sollten etwa die Streichhölzer ob der Möglichkeit eines solchen Brandes vernichtet werden?
Zum Zweiten:
Hunderttausend Mal Gott bewahre! Eine wahre Erkenntnis, wie wir sie aus einem tiefen Glauben zu gewinnen trachten, ist unmöglich zu einem Werkzeug tauglich und dient ausschließlich der Erlangung des Wohlgefallens Gottes. Denn so wie die Sonne kein Satellit des Mondes und nicht von ihm abhängig ist, so kann auch der Glaube, der das Licht und der heilige Schlüssel zur Ewigen Glückseligkeit und die Sonne zum anderen Leben ist, in der Tat nicht für gesellschaftliche Zwecke instrumentalisiert
werden kann, so gibt es in der Tat im ganzen Weltall nichts bedeutenderes als das Mysterium (sirr) des Glaubens, dessen Gegenstand das gewaltigste im All und das größte Rätsel bei der Erschaffung der Welt darstellt, zu dessen Zwecken dieses Mysterium des Glaubens instrumentalisiert werden könnte.
Hohes Gericht! Wäre diese meine Verhaftung aus reiner Schikane nur meinetwegen erfolgt und ausschließlich in Bezug auf dieses mein irdischen Leben, so schwöre ich, dass ich wiederum geschwiegen hätte, so wie ich schon seit zehn Jahren geschwiegen habe. Da aber nun einmal meine Inhaftierung in Zusammenhang mit dem Ewigen Leben so vieler erfolgte und die Risale-i Nur betrifft, welche erklärt, wie man das gewaltige Mysterium (tilsim) des Kosmos entdecken kann, so kann ich von diesem gewaltigen Geheimnis (sirr) nicht Abstand nehmen, selbst wenn ich hundert Köpfe hätte und man mir jeden Tag einen davon abschlagen wollte. Denn selbst wenn ich mich aus Ihren Händen zu befreien vermöchte, so könnte ich mich doch nicht vor den Krallen der Zeit und des Todes erretten. Ich bin schon alt und stehe bereits mit einem Bein im Grabe. Betrachten Sie deshalb bitte einmal nur dieses gewaltige Geheimnis (tilsim) des Kosmos, welches sich uns im Weisen Qur'an erschließt und entschleiert, welcher in der Risale-i Nur in einer so großartigen Weise vor Augen gestellt, dargelegt und erklärt wird. Eines der Geheimnisse (sirr) des Glaubens unter hundert Gegenständen der Betrachtung, die diesem Geheimnis (tilsim) zugehören, ist die Vergänglichkeit der Zeit und die Sicherheit des Todes und des Grabes, das auf jeden einzelnen von uns wartet.
Könnten etwa die ganzen gewaltigen politischen Probleme dieser Welt für einen Menschen, der an den Tod und die ihm gesetzte Frist glaubt, so groß sein, dass (die Beschäftigung mit Tod und Jenseits) für ihn zu einem Mittel werden könnte (sie zu lösen)? Denn da die Todesstunde unbestimmt ist, sie uns also zu jeder Zeit, wenn unsere Frist abgelaufen ist, den Kopf abschlagen kann, so ist sie
entweder eine immerwährende Verurteilung zum Tode oder aber der Entlassungsschein für eine Reise in eine noch schönere Welt. Das Grab, welches sich niemals schließt, ist entweder das Tor zu einem ewigen Pfuhl der Finsternis und des Nicht-mehr-Seins, oder aber das Tor zu einer beständigen Welt, die immerwährend und lichterfüllt ist.
Nun sehen Sie bitte, wie uns hier die Risale-i Nur in der Huld der heiligen Offenbarung des Qur'an mit der gleichen absoluten Sicherheit wie zwei mal zwei vier ist, zeigt, dass es eine ohne allen Zweifel absolut sichere Möglichkeit gibt, diese permanente Verurteilung zum Tode in festgesetzter Stunde umzuwandeln in einen Entlassungsschein, das Grab, diesen abgrundtiefen Pfuhl des Nichtseins in das Tor zu einem wunderhübsch gestalteten Garten. Sehen Sie, um diesen Ausweg zu finden, würde ich ohne zu zögern alles aufgeben, ja selbst wenn alle Herrlichkeit dieser Welt mein wäre. Es würde sie in der Tat jeder opfern, der seine fünf Sinne beieinander hat...
So betrachten Sie bitte, meine Herren, wie die Risale-i Nur hunderte von Problemen gleich diesem Problem aufdeckt und erklärt. Eine solche Botschaft (risalah) mit Augen zu betrachten, als handle es sich dabei um gefährliche Schriften, um ein Buch mit Hintergedanken, dass sich - Gott bewahre und verhüte es hunderttausendmal! - als ein Werkzeug für gewisse politische Strömungen benutzen ließe: welcher gerechte Geist könnte so etwas erlauben? welcher verstandesgemäße Geist könnte so etwas annehmen? welches Gesetz dergleichen fordern? Werden etwa nicht künftige Generationen und die, welche in der wahren Zukunft, dem Jenseits, leben (ehlu-l'ahirah) und der Herrscher in Seiner Majestät (Hakim-i Dhu-l'Djelal) denen, welche die Urheber einer solchen Betrachtungsweise sind, diese Frage vorlegen? Zudem ist es auch notwendig, dass diejenigen, welche in unserem gesegneten Vaterland über ein Volk herrschen, das von Natur aus religiös ist, zur Erfüllung ihrer Regierungsaufgaben sicherlich auch die religiöse Seite des Lebens vertreten und sie auch fördern. Und
es ist weiterhin auch notwendig, dass eine laizistische Republik, zu deren Prinzipien es gehört, unparteiisch zu sein und die aufgrund dieses Prinzips die Atheisten unbehelligt lässt, sicherlich auch die Gläubigen nicht unter fadenscheinigen Begründungen belästigt.
Zum Dritten:
Es sind nunmehr zwölf Jahre her, dass die Herren in Ankara meine "Zwölf Schritte" genannte Kampfschrift gegen die Engländer zu schätzen wussten und mich eingeladen hatten. Und ich bin gekommen. Doch war ich damals schon nicht mehr ganz der Jüngste und ihr Verhalten entsprach nicht mehr meinem Geschmack.
Sie sagten zu mir: "Arbeiten Sie mit uns zusammen!"
Ich erwiderte ihnen: "Der Neue Said möchte jetzt für die andere Welt (ahiret) arbeiten. Er wird zwar nicht mit Ihnen zusammenarbeiten, doch er wird auch nicht gegen Sie revoltieren.
Ich habe in der Tat weder gegen sie revoltiert, noch mit den Revolutionären paktiert. Denn durch sie wurde dieses Genie von einem Soldaten, welcher dazu geeignet gewesen wäre, die Tradition einer islamischen Nation zu stützen, leider dazu veranlasst gegen eben diese Traditionen Front zu machen. In der Tat habe ich unter den Herren in Ankara und besonders bei ihrem Staatspräsidenten diese Genialität bemerkt und gesagt:
"Es nicht erlaubt, den Verdacht eines solchen Genies zu erregen, sodass er sich schließlich gegen die Tradition wendet. Deshalb habe ich mich so weit wie möglich aus ihrer Welt zurückgezogen und mich nicht in ihre Angelegenheiten eingemischt. Seit dreizehn Jahren habe ich mich aus der Politik zurückgezogen. Ja, zwanzig Mal habe ich die Festtage einsam und allein wie ein Gefangener in meinem Zimmer vorübergehen lassen, alle die Feste und Feiern, vielleicht ein oder zwei von ihnen ausgenommen, um ja nicht in den Verdacht zu geraten, ich hätte bei der Politik meine Hand mit im Spiel. Nachstehend noch einige Beweise dafür, dass ich nicht gegen die Regierungsangelegenheiten
revoltiert habe und mich auch gar nicht damit habe beschäftigen wollen:
Erster Beweis:
Die Zeitungen, die in den letzten dreizehn Jahren das Sprachrohr der Politik gewesen sind, habe ich in dieser ganzen Zeit nicht gelesen. Das wissen meine Freunde in Barla (ein Dorf im Vilayat Isparta), wo ich neun Jahre lang gewohnt habe, ebenso wie die in Isparta, wo ich neun Monate lang meinen Aufenthalt gehabt habe. Lediglich im Polizeirevier in Isparta kam mir gegen meinen Willen ein Zeitungsartikel zu Ohren, indem ein gottloser und völlig einseitig denkender Reporter die Nur-Schüler angriff.
Zweiter Beweis:
Zehn Jahre habe ich im Vilayat Isparta verbracht. Trotz aller politischen Veränderungen und Umwälzungen, die sich in dieser Zeit in der Welt ereignet haben, konnte man bei mir nie irgendwelche Anzeichen oder Spuren entdecken, die auf eine politische Tätigkeit hingewiesen hätten.
Dritter Beweis:
Was sich niemand hätte einfallen lassen, geschah, als plötzlich in meiner Wohnung eine Hausdurchsuchung vorgenommen und das unterste zu oberst gekehrt wurde. Man beschlagnahmte meine Bücher und selbst meine ganz persönlichen Aufzeichnungen der letzten zehn Jahre. Doch sowohl der Gouverneur des Vilayats als auch der Polizeipräsident mussten gestehen, dass sie kein politisch belastendes Material in meinen Büchern finden konnten. Ja wenn man in den ganz persönlichen Aufzeichnungen eines Mannes, der wie ich grundlos verbannt, gnadenlos schikaniert, tyrannisiert und gequält wurde und dabei auch noch ständig unter Beobachtung stand, zehn Punkte (der Anklage) in zehn Jahren hätte finden können, hätte man sie dann nicht vielmehr schon in zehn Monaten bei diesen Menschenschindern (finden und ihnen) um die Ohren hauen können?
Aber selbst wenn man sagen könnte: "Man hat mehr als zwanzig verdächtige Briefe vorgefunden." würde ich
dennoch antworten: Diese Briefe wurden im Verlaufe einiger Jahre abgefasst. Ja, sind denn etwa zehn, zwanzig oder hundert Briefe in zehn Jahren an zehn Freunde geschrieben schon zu viel? Da überdies aber der reine Austausch von bloßen Nachrichten frei ist und Ihre Interessensphäre überhaupt nicht berührt, könnten selbst tausend Briefe noch nicht den Gegenstand für eine Anklage darstellen..
Vierter Beweis:
Sie sehen, dass alle Meine Schriften, die man bei mir beschlagnahmt hat, von der Politik abgewandt sind, wo hingegen ich mich in ihnen mit ganzer Kraft dem Glauben und dem Qur'an zugewandt und mit dem Leben in einer anderen Welt (akhiret) beschäftigt habe. Nur in zwei, drei Abhandlungen (risalah) hat der Alte Said sein Schweigen gebrochen, weil er über die Schikanen einiger hinterhältiger Beamter wütend war. Dabei richtete sich mein Protest nicht gegen die Regierung, vielmehr schrieb ich meine Anklage als der ungerecht Verfolgte gegen jene Beamten, die (ihre Stellung als) Beauftragte missbraucht hatten. Doch diese zwei, drei Risalat möchte ich als privat bezeichnen. Ich habe auch keine Erlaubnis zu ihrer Veröffentlichung gegeben. (Ihre Kenntnis) blieb (auf den Kreis) einiger enger Freunde beschränkt. Die Regierung richtet nur über Taten und schenkt nur tatsächlichen Geschehen ihre Beachtung. Sie hat kein Recht, in die Herzen hineinzuschauen und vertrauliche, persönliche Dinge zu betrachten. In seinem Herzen und in seinem Hause kann jeder tun und lassen, was er will, oder auch den Kaiser (padischah) kritisieren, wenn der ihm nicht gefällt.
Zum Beispiel: Vor sieben Jahren - die neue Art (auf türkisch) zum Gebet zu rufen (edhan) war noch nicht eingeführt - versuchte ein Teil der Beamten, mich wegen meines Turbans zu belästigen, als auch wegen meiner ganz privaten Art, das Gebet nach Brauch der Schafi-Schule zu verrichten. Über (dieses Verhalten solcher Beamten) habe ich dann eine kleine Abhandlung geschrieben. Kurze Zeit danach wurde diese neue Art Gebetsruf eingeführt. Ich habe meine Abhandlung für privat erklärt und ihre
Veröffentlichung untersagt. Ich habe zum Beispiel auch damals, als ich mich noch am Haus der Islamischen Wissenschaften (Daru-l'Hikmeti-l'Islamiye) befand, eine Antwort auf die Kritik (aus Europa) an der Ayah über die Verschleierung (der Frau) geschrieben. Das ist nunmehr ein Jahr her, dass ich die "Siebzehnter Lem'a (Blitz)" genannte Abhandlung aus (der Sammlung) der bereits gedruckten Abhandlungen herausgenommen und diese später "Vierundzwanzigster Lem'a" genannte kurze Tesettür Risalah (Abhandlung über die Verschleierung der Frau) geheimgehalten habe, um einen Verstoß gegen künftige Gesetze zu vermeiden. Sie ist dann durch irgendein Versehen irgendwohin versandt worden. Zudem ist diese Risalah gegen die Kritik (europäischer) Kultur an der Ayah aus dem Qur'an eine wissenschaftliche (Arbeit) und eine Antwort, (welche die Kritiker in Europa) verstummen lassen sollte. Diese Freiheit der Wissenschaft darf sicherlich auch in republikanischer Zeit nicht eingeschränkt werden.
Fünfter Beweis:
Seit neun Jahren habe ich mich für ein Einsiedlerleben in einem Dorf entschieden. Ich wollte mich aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben zurückziehen. Heute wie damals habe ich alle Schikanen, die ich erlebt und erlitten habe, erduldet, so wie sie über mich gekommen sind. Da ich mit der Politik in dieser Welt nichts mehr zu tun haben wollte, habe ich mich in diesen zehn Jahren nie bei einer Behörde gemeldet. Im Falle einer polizeilichen Anmeldung hätte ich in Istanbul wohnen können statt in Barla. Vielleicht ist der Grund meiner augenblicklichen, hinterhältigen Verhaftung der, dass mir der Gouverneur von Isparta und einige Beamten von der Regierung ob meiner Nichtanmeldung in ihrem Stolze gekränkt und über mich erzürnt sind und nun in ihrem Zorn oder in ihrer Unfähigkeit aus einem Korn eine Kuppel bauen (d.h. aus einer Mücke einen Elefanten machen) und mich beim Inneninisterium verdächtigen.
Alle meine Freunde, mit denen ich Umgang pflege, wissen, dass ich mich nicht um Politik
kümmere, politisch gar nicht aktiv bin, ja, dass dergleichen meinem Denken widerspricht, meinen Zielen, meiner Geisteshaltung und dem heiligen Dienst am Glauben entgegengesetzt ist und nicht damit vereinbart werden kann. Mir wurde das Licht (Nur) gegeben. Die Keule der Politik ist mir nicht gegeben. Der Sinn eines solchen Verhaltens und die Weisheit hinter diesen Umständen ist die, dass viele Persönlichkeiten, die sich nach den Glaubenswahrheiten sehnen, jedoch die Beamtenlaufbahn eingeschlagen haben, diese Wahrheiten nicht besorgt und beunruhigt zu betrachten brauchen, nicht von ihnen ausgeschlossen sind. Ich bin deshalb der Überzeugung, dass Gott der Gerechte aus diesem Grund eine so heftige Abneigung gegen alle Politik, ja einen Abscheu gegen sie in mein Herz gesenkt hat.
.........
Der verstorbene Major Asim Bey wurde vernommen. Würde er die Wahrheit sagen, wäre dies zum Schaden seines Meisters, und würde er lügen, wäre dies eine starke Belastung für die Ehre eines vierzig jährigen Militärdienstes in Anstand und Würden. So dachte er und so betete er: "Oh Herr, nimm meine Seele an!" Und nach zehn Minuten schied sein Geist (ruh) in Ergebenheit. Er wurde das Opfer eines abscheulichen Irrtums derer, die gegenseitige Hilfeleistung, Aufrichtigkeit und Treue, was kein Gesetz der Welt einen Fehler oder irriges Verhalten nennen könnte, für einen Fehler ansehen. In der Tat trinkt der, welcher die Lehre aus der Risale-i Nur zur Gänze gezogen hat, den Trank des Todes, den er als einen Entlassungsschein verstanden hat, mit jener Leichtigkeit wie man ein Glas Wasser trinkt. Ja, müsste ich nicht an all die Brüder denken, die nach mir voll Schmerz in dieser Welt zurückblieben, auch ich würde gleich meinem hochverehrten Bruder Asim Bey sprechen: "Oh Herr nimm meine Seele!" Doch wie dem nun auch immer sein mag: Ich komme hiermit zum
dritten Punkt der Anklage:
Die Risale-i Nur, welche ohne Erlaubnis der Regierung verbreitet wird und die
Gläubigen in ihrer Haltung noch bestärkt, könnte in Zukunft zu einer Bariere für die freiheitlich-demokratischen Grundrechte und so die Allgemeinheit verunsichert werden.
Die Botschaft vom Licht (Risale-i Nur) ist Licht (Nur). Licht schadet nicht. Die Keule der Politik hat sie seit dreizehn Jahren aus der Hand gelegt. Sie bestärkt die heiligen Wahrheiten, welche der Grundstein für das Leben in unserem Volk und Vaterland sind. Ich kann alle Menschen, die diese Abhandlungen gelesen haben zu Zeugen anführen dafür, dass die Risale-i Nur für neunundneunzig Prozent dieses gesegneten Volkes keinen Schaden sondern nur Nutzen gebracht hat. Da soll mir hier nun einmal jemand kommen und mir erklären: "Ich bin durch sie geschädigt worden."
Und zweitens:
Ich habe keine Druckerei und ich habe auch nicht so viele Schreiber. Es ist so schwierig, einen zu finden. Ich selbst kann nur mit Mühe richtig schreiben. Ich bin ja noch ein halber Analphabet und kann in einer Stunde mit meiner höchst mangelhaften Handschrift kaum eine Seite schreiben. Einige Leute wie der verstobene Asim Bey haben zu meiner Erinnerung mir mit ihrer schönen Handschrift geholfen. Sie haben meine Erinnerungen aus einer sehr betrüblichen Fremde niedergeschrieben.
Danach wollten einige Menschen, die in diesen Lichtern des Glaubens ein vollständiges Heilmittel gegen ihren Schmerz gefunden hatten, sie lesen und haben sie auch gelesen. So haben sie in ihnen jene zweifelsfreie Wahrheit erkannt, die ihnen zum Heil-Mittel für das Ewige Leben wurde. Sie haben sie für sich abgeschrieben.
Das "Verzeichnis der Abhandlungen", das Sie in die Hand bekommen haben und das Ihnen nun zur Untersuchung vorliegt, zeigt, dass jede Abhandlung der Risale-i Nur den Sinn (haqiqat) einer Ayah kommentiert und besonders die Ayat, die sich auf die Glaubenswahrheiten beziehen, mit einer solchen Klarheit auslegt, dass sie die Angriffspläne, welche die Wissenschaftler Europas seit tausend
Jahren gegen den Qur'an vorbereitet haben, vereitelt und ihnen ihre Basis entzieht. Die "Elfte Hoffnung (Ridja)" aus der "Risala für die Alten (Ihtiyarlar Risalesi)", welche Sie da gerade in der Hand halten, ist nur ein einzelnes Zeugnis unter tausenden von Zeugnissen für den Glauben (iman) und die Einheit Gottes (tauhid). Betrachten Sie sie als ein Muster und geben Sie gut acht, ob meine Lehre richtig ist oder ob sie falsch ist. Dann werden Sie das verstehen. Des weiteren bin ich der Überzeugung, dass jeder, der die Dinge nüchtern betrachtet, zugeben wird, wie sehr die "Abhandlung über die Sparsamkeit (Iktisad Risalesi)", die Krankenrisala mit ihren fünfundzwanzig aus dem Glauben gewonnenen Heilmitteln, die Risala für die Alten mit ihren aus dem Glauben gewonnenen dreizehn Hoffnungen und Tröstungen, welche als Beispiele für die Abhandlungen aus der Risale-i Nur dienen sollen, für Volk und Vaterland zu Nutz und Frommen dienen, welch äußerst wertvoller Reichtum an Schätzen, welch ein Balsam und was für ein Licht sie für die Armen, die Kranken, die Alten bilden, welche doch mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.
Um Ihnen bei Ihren Ermittlungen die Aufgabe zu erleichtern, will ich Ihnen noch sagen, dass die Liste der Abhandlungen nur einen Teil der Abhandlungen aus zwanzig Jahren enthält. Ein Teil der darin aufgezählten Abhandlungen stammt original noch (aus meiner Zeit) am Darü-l'hikmet. Die Numerierung (der Abhandlungen) in dem Verzeichnis gibt nicht chronologisch deren Abfassung wieder. So ist z.B. das "Zweiundzwanzigste Wort" vor dem "Ersten Wort" abgefasst worden und der "Zweiundzwanzigste Brief" wurde noch vor dem "Ersten Brief" geschrieben. Dergleichen ist häufig geschehen...
Zum Dritten:
Die Teile der Risale-i Nur, welche ja reine Theologie (: Wissenschaft vom Glauben) sind, sichern und begründen die Ruhe und Ordnung. In der Tat untergräbt der Glaube, welcher Wurzel und Quelle eines edlen Charakters und einer vornehmen Haltung ist, sicherlich nicht die Ordnung, sondern festigt sie. Es ist die Glaubenslosigkeit,
die durch eine Charakterlosigkeit die Sicherheit zerstört.
Und außerdem müssen Sie auch noch wissen, dass ich vor zwanzig, dreißig Jahren einmal in einer Zeitung gelesen habe, dass der Englische Kolonialminister gesagt haben soll: "Solange sich dieser Qur'an noch in Händen der Moslime befindet, können wir diese wahrhaftig auch nicht beherrschen... Wir müssen uns also darum bemühen, ihn abzuschaffen oder anrüchig zu machen." Dementsprechend hat dieses Wort eines verbohrten Ungläubigen (kafir) seit dreißig Jahren meine Blicke auf die Wissenschaftler Europas gelenkt und mich dazu veranlasst, nebst meiner eigenen Seele (nefs) besonders diese zu überwinden. Ich kann mich also nicht besonders um die inländischen Angelegenheiten bekümmern und die Mangelerscheinungen in unserem Lande, sondern vielmehr um die aus Europa importierten Fehler, die ich das Verderben nenne. Diese Wissenschaftler haben in mir den Zorn erweckt und ich habe sie angegriffen.
Doch wie die Risale-i Nur den Traum dieser hartgesottenen Ungläubigen zerbrochen hat, so hat sie auch - und Dank sei Gott! - die Vertreter einer materialistischen Philosophie und der positiven Wissenschaften durch die Autorität, die sie erlangt hat, zum Schweigen gebracht. Es gibt auf der ganzen Welt keine wie auch immer geartete Regierung, die ihrem eigenen Lande solche derart gesegneten Früchte und eine solche unversiegbare Quelle geistiger Kraft untersagen und deren Sachwalter (: den Herausgeber der Risale-i Nur) verurteilen (und einkerkern) dürfte. Die Freiheit der Mönche in Europa zeigt, dass kein Gesetz diejenigen stören kann, welche die Welt aufgegeben haben und sich nach ihren eigenen Vorstellungen um Jenseits und Glauben bemühen.
Zusammenfassung:
Ich bin sicher, dass kein Gesetz der Welt einem alten Mann, der seit zehn Jahren ohne Begründung zur Verbannung verurteilt in der Fremde lebt, dessen Kontakte zur Außenwelt abgeschnitten und dem der
Briefverkehr untersagt ist, verbieten kann oder verbieten wird, ein Werk über den Glauben, welcher der Schlüssel zur Ewigkeit ist, niederzuschreiben. Bis jetzt ist dieses Werk noch niemals von wissenschaftlicher Seite kritisiert worden, was beweist, dass es mit Sicherheit sowohl rechtens ist, als auch nur die reine Wahrheit zum Inhalt hat.
Nun, wessen ich angeklagt bin und den Grund meiner Verhaftung aufzeigend, hier der
Vierte Punkt:
Man hat mich angezeigt, weil ich Ordensleute unterrichtet haben soll (tariqat dersi), was von Staatswegen verboten ist.
Erstens sind alle die Schriften, die sich in Ihren Händen befinden, ein Zeugnis dafür, dass ich mich nur mit Glaubenswahrheiten beschäftige. Überdies habe ich in verschiedenen Abhandlungen geschrieben und öffentlich erklärt: "Diese Zeit ist keine Zeit der Orden (tariqat), sondern eine Zeit, den Glauben zu retten. Es gibt sehr viele, die ins Paradies eingehen, ohne Ordensleute zu sein; doch gibt es niemanden, der ohne den Glauben ins Paradies eingehen wird. Darum ist diese Zeit eine Zeit, sich um den Glauben zu bemühen."
Zweitens:
Seit zehn Jahren befinde ich mich im Vilayat Isparta. Da soll nun einer gegen mich aufstehen und sagen: "Er unterrichtet Ordensleute." Natürlich bin ich Hodja. Angesichts dieser Tatsache habe ich auch einigen Glaubensbrüdern Unterricht über die Erhabenheit des Glaubens und die Tiefe der Wahrheit erteilt. Es war dies keine Einweihung in mystische Praktiken, sondern eine Einführung in die Lehre der Wahrheit. Dazu möchte ich noch Folgendes sagen: Ich bin Shafi (: eine Schule isl. Rechts). Unser Tesbihat (Rezitation) nach dem Namaz (Pflichtgebet) unterscheidet sich etwas von dem Tesbihat der Hanefi (: eine andere Rechtsschule). Zudem empfange ich vom Abendgebet bis zum Nachtgebet niemanden, auch nicht vor dem Morgengebet und bete statt dessen um die Vergebung meiner eigenen Sünden, rezitiere Ayat und
beschäftige mich auch noch mit dergleichen anderen Dingen. Ich denke doch, dass kein Gesetz der Welt dieses Verhalten für verboten erklären kann.
Im Bezug auf diese Ordensangelegenheiten wird mir nun von Seiten der Beamten der Regierung und des Gerichts die Frage gestellt:
Wovon lebst du?
Meine Antwort: Seit neun Jahren, die ich nun meinen Wohnsitz in Barla habe, sind die Bewohner (dieses Dorfes) Zeugen, dass ich durch den Segen einer strengen Sparsamkeit und aus der Schatzkammer einer völligen Genügsamkeit die meisten meiner Tage mit hundert Para täglich, ja manchmal mit einem noch geringeren Aufwand leben kann. Meine Freunde, die mit mir die Verbindung aufrecht erhalten, wissen das. Während sieben Jahren habe ich für Kleider, Schuhe und andere Dinge mehr, sieben Lira in Noten ausgegeben.
Des weiteren ist mein Lebenslauf, so wie Sie Ihn in Ihren Händen haben Zeuge dafür, dass ich in meinem ganzen Leben niemals Geschenke oder Almosen von Leuten angenommen habe. Ja ich habe sogar Geschenke von meinen engsten Freunden zurückgewiesen und sie dadurch gekränkt. War ich doch einmal dazu gezwungen, ein Geschenk anzunehmen, so tat ich es nur unter der Voraussetzung einer entsprechenden Gegenleistung. Freunde, die mir hilfreich sind, wissen das. Den größten Teil meines Gehaltes, das ich an der Darül-Hikmetil-Islamiye empfangen habe, habe ich für den Druck von Büchern ausgegeben, die ich damals geschrieben habe. Nur einen kleinen Teil davon habe ich mir für die Haddjj (: die Pilgerfahrt nach Mekka) gespart. Auf diese Weise bin ich mit dem wenigen Geld durch den Segen der Sparsamkeit und Genügsamkeit zehn Jahre lang ausgekommen und hatte es niemals nötig, betteln zu gehen. Ich habe noch immer etwas von dem gesegneten Geld übrig.
Hohes Gericht! Es ist nicht meine Absicht, Sie durch
eine allzulange Verteidigungsrede zu langweilen. Denn schon in der Anklageschrift zu meiner Verhaftung sind bereits zwanzig, dreißig Bände aufgeführt. Sie werden eine lange Verteidigungsrede von mir sicherlich abkürzen. Ich habe mich seit dreizehn Jahren nicht mehr mit Politik beschäftigt und kenne daher die Gesetze nicht. Außerdem ist mein Lebenslauf ein Zeugnis dafür, dass ich mich nicht dazu herabwürdigen werde, Ihnen zum Zwecke meiner eigenen Verteidigung etwas vorzutäuschen. Ich habe Ihnen die Umstände so dargelegt, wie sie sind. Sie haben selbst ein Gewissen und Sie wissen auch, wie man die Gesetze unvoreingenommen anwendet. Sprechen Sie also Ihr Urteil! Sie wissen überdies, dass einige unfähige Beamte in ihrer Unfähigkeit, oder aufgrund von Verdächtigungen, oder nach der Art von der Ziege und dem Wolf, oder um sich bei der Regierung Liebkind zu machen, oder um ihres Ehrgeizes und ihrer Karriere willen, um ihren Intrigen den Boden zu bereiten und neue Willkürgesetze zur Anwendung zu bringen, mich wie durch ein Fernrohr beobachten, das ihnen dann für ein Korn eine Kuppel zeigt.
Was wir von Ihnen erhoffen ist Folgendes: Setzen Sie Ihre Macht dafür ein, zu zeigen, dass Ihre eingebildete Kuppel ein Sandkorn ist; d.h. drehen Sie Ihr Fernrohr um und schauen Sie dann hinein... Und noch eine Bitte habe ich an Sie: Die von Ihnen beschlagnahmten Bücher haben für mich einen Wert von mehr als tausend Lira. Geben Sie mir sie wieder! Der Direktor der Bibliothek von Ankara hat vor zwölf Jahren einen bedeutenden Teil von ihnen mit Lob und Dank in Empfang genommen. Es war eine Ehre für ihn gewesen und er hatte das auch in der Zeitung allgemein bekannt gemacht. Mit der Erlaubnis von Ihnen, die Sie jetzt über mein Leben zu Gericht sitzen, möchte ich dem Staatsanwalt eine Kopie meiner Verteidigungsrede überreichen. Ich möchte gegen diejenigen, welche mir diesen Schaden zugefügt haben, einen Prozess anstrengen. Außerdem möchte ich eine Kopie dem Innenminister und eine weitere dem Parlament vorlegen.
Erste Ergänzung zu meiner obigen Verteidigungsrede
Für den Vernehmungsrichter und den ganzen Hohen Gerichtshof zur gefälligen Beachtung.
Ich möchte dieser meiner vorstehenden Verteidigungsrede noch drei Punkte anfügen.
Erster Punkt:
Was uns so sehr in Erstaunen versetzt und ganz besonders verwundert, ist die Art, der im Hinterhalt lauernden, unter Parteinahme aus dem Nichts gegriffenen Gründe zur Anschuldigung, dieses Insistieren z.B. auf der Frage, ob es eine Vereinigung oder Organisation gibt. "Woher nehmen Sie das Geld, eine Organisation zu begründen?" fragen sie.
Ich möchte zuerst diejenigen, die mir diese Frage gestellt haben, fragen: Welche Dokumente, welche Hinweise darauf, dass eine solche politische Vereinigung unsererseits überhaupt existiert, gibt es denn und welche Beweismittel, welche Unterlagen haben Sie dafür gefunden, dass wir eine solche Organisation finanzierten, wenn Sie schon derart auf Ihrer Frage insistieren?
Seit zehn Jahren lebe ich im Vilayat Isparta unter scharfer polizeilicher Überwachung. Wenn nun von einem Mann, der außer seinen beiden Dienern in zehn Tagen vielleicht einmal ein, zwei Wanderer zu sehen bekommt, einem Mann, der als ein Fremdling, um den sich niemand kümmert, welcher der Welt überdrüssig geworden und dem die Politik ganz und gar zum Ekel und zu einem Brechmittel geworden ist, einem Mann, der es immer wieder erlebt und erfahren hat, wie empfindlich starke, politisch-revolutionäre Organisationen von einem Gegenschlag getroffen worden sind und keinen Erfolg gehabt haben, einem Mann, der unter Tausenden von Freunden in seinem eigenen Volk die beste Gelegenheit dazu gehabt hätte, politische Vereinigungen und Strömungen zurückgewiesen und sich nicht in ihnen beteiligt hat, einem Mann, der begriffen hat, dass es das größte Verbrechen wäre, seinen Dienst am
wahren Glauben, dessen außerordentliche Heiligkeit durch nichts in der Welt beschädigt werden darf, jemals zunichte werden und durch politischen Eigennutz in Misskredit geraten lassen, einem Mann, der es sich seit zehn Jahren zum Grundsatz gemacht hat, vor der Politik zu fliehen, wie man vor dem Teufel flieht und zu beten:
{"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem Teufel und vor der Politik!"},
einem Mann, der den größten Betrug im Untrüglichen gefunden, einem Mann, der kühn und furchtlos seine Geheimnisse offen legt, einem Mann, hinter dem in zehn Jahren all die Beamten des ganzen, großen Vilayats Isparta mit ihrer doch sonst so empfindlichen Schnüffelnase niemals eine derartige Organisation zu entdecken vermochten, wenn nun von einem solchen Mann behauptet wird: "Es gibt eine solche Organisation und (dieser Mann ist es, der) die Schöpfräder seiner politischen Intrigen laufen lässt", dann muss nicht nur ich, dann muss das ganze Vilayat Isparta mit all denen, die mich kennen, ja, dann müssen alle Leute von Verstand und Gewissen eine solche Verleumdung mit Abscheu zurückweisen und sagen: "Man hat hinterhältiger Weise Ränke gegen ihn geschmiedet, um ihn zu verdächtigen."
Zweitens:
Unsere Sache ist der Glaube. Durch die Bruderschaft im Glauben haben wir uns in diesem Lande und in Isparta mit neunundneunzig Prozent der Menschen verbrüdert. Ginge es dabei jedoch um eine Vereinigung, so wäre dies der Bund einer Minderheit innerhalb einer Mehrheit. Man kann aber nicht wegen eines einzelnen Menschen eine Vereinigung von neunundneunzig Menschen ins Leben rufen. Nur ein gottloser Mensch ohne jede Einsicht, aber in der Einbildung, jeder wäre - Gott bewahre! - genau so gottlos wie er, kann so etwas verbreiten, um dieses gesegnete, gläubige Volk auf diese Weise zu beleidigen...
Drittens:
Wenn ein Mann, der das türkische Volk mit einer so tiefen Zuneigung liebt wie ich der die türkische Nation, weil in ihr der Ruhm des Qur'an aufstrahlte, ganz besonders hoch schätzt, der sich so nachdrücklich auf die Seite dieses Volkes gestellt hat, das seit sechshundert Jahren der ganzen Welt Widerstand geleistet und das Banner des Qur'an hoch gehalten hat, der unter dem Zeugnis von tausend Türken der türkischen Nation tatkräftig einen größeren Dienst erwiesen hat als tausend nationalistische Türkenbündler, der dreißig, vierzig hochachtbare junge Türken vor dreißigtausend Landsleuten bevorzugt, die das Gebet nicht verrichten, der das Leben in dieser Fremde gewählt hat, der in seiner Eigenschaft als Hodja auch die Würde der Wissenschaft aufrecht erhalten hat, der die Glaubenswahrheiten in klarer, allgemeinverständlicher Form weitergeben kann, in zehn oder vielleicht zwanzig, dreißig Jahren nicht dreißig, sondern vielleicht hundert, ja vielleicht Tausende von opferbereiten Schülern allein im Hinblick auf den Glauben, die Wahrheit und das Jenseits an sich bindet und sie seine Brüder im Glauben werden, ist das dann viel oder gar ein Fehler? Können denn Leute von Gewissen und Einsicht eine solche Kritik überhaupt zulassen? Darf man (einen solchen Vorgang als Bildung) einer politischen Vereinigung betrachten?
Viertens:
Wenn man einen Mann, der mit hundert Lira in Noten zehn Jahre auskommt und am Tag manchmal nicht mehr als vierzig Para benötigt und seit sieben Jahren einen mit siebzig Flicken besetzten Überwurf trägt, fragt: "Woher bekommst du das Geld, von dem du lebst und baust du damit eine Organisation auf?", so kann jedermann, der über Einsicht verfügt, begreifen, wie weit entfernt von jeglicher Einsicht dergleichen Gedanken sind.
Zweiter Punkt:
Sie haben in einer verlogenen Nachahmung der Geschehnisse von Menemen die Leute in Schrecken versetzt und die Regierung darüber hinweggetäuscht, dass sie mit ihren hinterlistigen Plänen nur die Durchführung ihrer Willkürgesetze erleichtern wollten, so, als wäre
es eine Intrige, mit der "er der Regierung dazu verhelfen wolle, Willkürgesetze anzunehmen" und auf diese Weise erreicht, dass ich von Barla nach Isparta deportiert wurde. Als sie aber einsehen mussten, dass ich für ihre aufrührerischen (Pläne) nicht als Werkzeug zu gebrauchen war und ich keine Neigung zu derartigen fruchtlosen Versuchen, Volk, Vaterland und Glauben zu schädigen, verspürte, änderten sie sogleich ihre Pläne. Sie haben meinen (ohnehin schon) trügerischen Ruhm gegen meinen Willen dazu ausgenutzt, mir eine nur in ihrer Einbildung vorhandene Wiederholung jener gewaltsamen Ereignisse von Menemen überzustülpen, Intrigen, an die ich nie gedacht habe und die mir nicht im Traum eingefallen wären. Sie haben sowohl der Nation als auch der Regierung als auch vielen einzelnen, unschuldig, verhafteten aus dem Volk einen großen Schaden zugefügt. Jetzt, wo ihre Lügen ans Licht kommen, haben sie, so wie in der Fabel von der Ziege und dem Wolf, der eine passende Ausrede fand, auch selber Ausflüchte gefunden und möchten nun gerne die Justizbeamten in Verwirrung bringen. Ich möchte die Herren Rechtsanwälte darauf aufmerksam machen, dass sie in dieser Angelegenheit im Hinblick auf das Recht auf nationale Verteidigung einer großen Aufmerksamkeit und Umsicht bedürfen. Wer hier eigentlich unter Anklage zu stellen wäre, sind diejenigen, welche sich bei gewissen Beamten in der Regierung einschmeicheln wollen, indem sie falsche Tatsachen vortäuschen und unter dem Vorwand einer angeblich vorhandenen Organisation einige armselige, unschuldige, leichtgläubige in Aufregung versetzen, welch geringfügigen Anlass danach der Teufel einem Sandkorn gleich als eine Kuppel darstellt, wodurch die Regierung in die Irre geführt wird. Nun werden viele Unschuldige an die Wand gedrückt und der Regierung ein großer Schaden zugefügt, wofür sie dann die Schuld daran wieder den anderen aufladen. Und auch in unserem Falle ist man auf gleiche Weise verfahren.
Dritter Punkt:
Unter den Ämtern der Regierung ist dasjenige,
welches dafür verantwortlich ist, vor allen anderen Dingen darauf zu achten, die Freiheit zu erhalten und alle Dinge frei von äußeren Einflüssen, also auf gar keinen Fall einseitig und emotional zu betrachten, sicherlich der Gerichtshof. Ich stütze mich auf die absolute Freiheit des Gerichtshofes und nehme mir in dieser Freiheit das Recht, mein Recht auf meine Freiheit entsprechend zu verteidigen. Es gibt in der Tat überall in der Justitz diese Probleme von Leben und Eigentum. Wenn ein Richter in seiner persönlichen Erbitterung einen Mörder hinrichten lässt, so wird dieser Richter zum Mörder. Das heißt also, dass Rechtsanwälte, so sie sich nicht ganz und gar frei und unabhängig von persönlichen Gefühlen und äußeren Eindrücken halten, in die Lage kommen könnten, dass sie zwar äußerlich Recht sprechen, dabei aber (in Wirklichkeit) schuldig werden. So haben also auch die Mörder, die Asozialen und die Oppositionellen ein Recht. Auf der Suche nach ihrem Recht verlangen sie nach einer ganz und gar unparteiischen Instanz. Was vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus betrachtet den Gedanken an Parteilichkeit aufkommen lässt, was die Gerechtigkeit von ihrer Substanz her ins Gegenteil verkehrt, ist ein Ausdruck, der meine Person betreffend gebraucht wird. Ich werde nämlich bei manchen Verhören in Isparta und auch hier, obwohl ich doch Said Nursi (: aus Nurs) heiße, immer wieder Said Kürdi (: der Kurde) tituliert und somit als ein Kurde angesprochen. Sie wollen dadurch meine Glaubensbrüder bei ihrem Nationalstolz packen und damit ungute Empfindungen gegen mich wecken, dem Wesen der Gerechtigkeit ganz und gar entgegen- und zuwiderlaufende Richtung geben. Es gibt in der Tat Tausende geschichtlicher Ereignisse, (die belegen,) dass es die erste Bedingung der Gerechtigkeit ist, und so eine der Justiz und dass Richter und Gericht von jeglichen Makel der Parteilichkeit unbefleckt die Dinge völlig neutral betrachten. Hazret-i Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, hat zur Zeit der Kalifen mit einem Juden zusammen auf der Anklagebank gesessen und viele
Könige mussten zusammen mit ganz einfachen Männern vor Gericht erscheinen. Dergleichen gibt es noch viele Berichte in der Geschichte. Darum sage ich denjenigen Leuten, die mir das Gefühl geben wollen, hier ein Fremder zu sein und Justitias Blick gerne trüben möchten:
Meine Herren! Meine Heimat ist zu aller erst der Islam und in Kurdistan bin ich zur Welt gekommen. Doch den Türken habe ich gedient und zu neunundneunzig Prozent kam mein Dienst den Türken zugute. Den größten Teil meines Lebens habe ich mit Türken verbracht und meine treuesten und aufrichtigsten Freunde waren Türken. Türken waren die tapfersten im Heer der Islamiyet. Darum ist es vom Standpunkt des Qur'an aus betrachtet meine Berufung (meslek), die türkische Nation mehr als jede andere zu lieben und für sie Partei zu ergreifen, ist ein Erfordernis heiligen Dienstes. Dem türkischen Volke habe ich gedient wie tausend Mann von denen, die mich selbst einen Kurden nennen und sich selbst als Nationalisten gebärden. Dafür kann ich tausend wahrhaft tapfere junge türkische Männer als Zeugen anführen.
Außerdem führe ich dreißig, vierzig von meinen Büchern, die sich in den Händen des hohen Gerichtes befinden, besonders die Abhandlung über die Sparsamkeit, die Alten- und die Kranken Risala als Zeugnisse dafür an, Bücher, die den Leidenden, Armen und Kranken, den Frommen und Gottesfürchtigen, welche vier fünftel des türkischen Volkes bilden, gedient haben wie tausend Türkenbündler und die sich nicht in den Händen der Kurden, sondern in den Händen der türkischen Jugend befinden. Mit Erlaubnis des hohen Gerichtshofes möchte ich all den gottlosen Bösewichtern, die uns in dieses Unglück gebracht haben, die so manchen maßgeblichen hohen Regierungsbeamten getäuscht und hinter dem Vorhang des Nationalismus ihre Intrigen gesponnen haben, sagen:
Meine Herren! Wenn in diesem Punkte der Anklage nichts was mich betrifft festgestellt wurde, und wenn etwas festgestellt worden wäre, es doch keine Schuld darstellt, und
selbst wenn es eine Schuld gewesen wäre, ich doch alleine dafür verantwortlich wäre, ist es dann etwa ein Vaterländisches Werk, deswegen mehr als vierzig der besten türkischen jungen Männer und ehrenwerten alten mit in dieses Unglück hineinzureißen, als hätten sie ein großes Verbrechen begangen? Es gibt in der Tat unter denen, die grundlos in all die Schwierigkeiten einer solchen Verhaftung hineingeraten sind, einige Persönlichkeiten, die der türkischen Jugend einmal Quelle ihres Stolzes sein werden. Ich habe ihren Wert von weitem verspürt, konnte ihnen aber nur einen Gruß oder ein Buch über den Glauben zusenden. Ist es etwa eine nationale Tat, sie wie Verbrecher zu ergreifen und weg von Haus und Hof hierher in dieses Elend zu stürzen?
Denn von mir sage ich, dass ich in ihren Augen einem fremden Volksstamm angehöre. Doch unter den hier Inhaftierten gibt es derartige tapfere und ehrenwerte junge und alte Türken, dass ich gegen einen von ihnen nicht hundert aus meinem eigenen Volk eintauschen möchte. Unter ihnen gibt es solche, deretwegen ich es seit fünf Jahren aufgegeben habe, diese Beamten zu verfluchen, die mich zehn Jahre lang ungerecht behandelt haben. Und unter ihnen gibt es solche, die ich als hochherzige türkische Freunde mit vollkommener Bewunderung und Hochachtung als die reinsten Beispiele eines großen Charakters betrachten konnte. Durch sie habe ich die bevorzugte Stellung des türkischen Volkes verstanden. Ich schwöre bei meinem Gewissen und bei so vielen Beispielen und Hinweisen: hätte ich so viele Leiber, wie es Menschen gibt, die man unschuldig eingekerkert hat, oder könnte ich alle die Schwierigkeiten und Probleme auf mich nehmen, welche über die anderen gekommen sind: ich schwöre: mit Stolz möchte ich all dies an Stelle dieser wertvollen Persönlichkeiten auf mich nehmen. Es ist der Wert ihrer Persönlichkeiten, der mich so für sie empfinden lässt und nicht
etwa ein persönlicher Vorteil, den ich durch sie erfahren hätte. Denn einen Teil von ihnen habe ich erst kürzlich kennen gelernt. Ein anderer Teil hat vielleicht durch mich Vorteile gehabt, während sie mir aber geschadet haben. Hätten sie mir aber auch tausendfach geschadet, so hätte das doch ihren Wert in meinen Augen nicht herabgemindert.
Wohlan denn, oh ihr gottlosen Bösewichter, die ihr uns eure türkenbündlerische Ideologie verkündigt! Diejenigen, die einmal dem türkischen Volke die Quelle ihres Stolzes sein werden, mit derartigen primitiven und bedeutungslosen Vorwänden, dass ich nämlich "nur ein Kurde" sei, wie Sie das auszudrücken belieben, schmähen und verwirren zu wollen, heißt das national denken? heißt das, türkisch denken? heißt das, vaterländisch denken? Auf Ihr! Ich lege (diese Frage) Eurer fanatischen Gesinnung vor.
So hat denn das Gericht nach Recht und Gerechtigkeit viele wieder frei gelassen, nachdem es deren Unschuld erkannt hatte. Denn hätte hier eine Schuld vorgelegen, so wäre dies meine Schuld gewesen. Sie aber hatten mir, um ihrem alten Lehrer in der Fremde einen Dienst zu erwiesen, in ihrer Großherzigkeit und in ihrem Edelmut den Ofen angeheizt, Wasser geholt, Essen gekocht und mir meine persönlichen Abhandlungen abgeschrieben; das alles um Gottes willen (Lillâh). Sie haben auf meine Bitte hin auch unter die beiden Abhandlungen, welche mir als Tagebuch dienten, ihre Unterschrift gesetzt - zu meiner Erinnerung. Ja, gibt es denn in dieser Welt wohl noch ein Gesetz oder ein Prinzip, oder hat es vielleicht einen Sinn, wenn gegen solche Leute auf diese Weise unter irgendeinem Vorwand eine Verwarnung ausgesprochen wird?