Blitze
Said Nursi (1877-1960)
...erhielt vom Scheichu-l'Islam den Ehrentitel Bediüzzaman (sprich: Bedius-Saman), welcher besagt, dass er zu seiner Zeit seinesgleichen nicht hatte.
...Zeigte schon als Knabe erstaunliches, wissenschaftliches Interesse und lernte viele Bücher auswendig. Versuchte dem Niedergang der Türkei durch Besinnung auf die Werte des Islam entgegen zu wirken.
...Schrieb 130 Abhandlungen über den Qur'an, welche in viele Sprachen übersetzt wurde.
...Lehrte entsprechend dem islamischen Glauben, dass die Schöpfung selbst stets aufs Beste über ihren Schöpfer unterrichtet und somit sogar moderne Wissenschaften Kunde geben von Gott.
Titel der Originalausgabe: Lem'alar
Davut Korkmaz
Piccoloministraße 607
51067 Köln
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R. Wagner, U. Grünberg
(c) Alle Rechte vorbehalten Urheberrechtlich geschützt
Dh entspricht der engl. Aussprache in "there"
Gh entspricht dem deutschen "r"
Kh entspricht dem "ch" in "Acht"
Sh deutsches "sch"
Th entspricht der engl. Aussprache in "thing"
Dj entspricht der Aussprache des "dsch"
Tj entspricht der Aussprache des "tsch"
Q hauchloses "k"
R wird grundsätzlich gerollt
S wird scharf ausgesprochen wie "ß"
H wird grundsätzlich ausgesprochen
V wird "w" ausgesprochen
Y wie in deutsch "Ja"
Z wie deutsches "s" am Silbenanfang
Doppelkonsonanten werden separat ausgesprochen. Die Verse im Qur'an (Einzahl: Ayah, Mehrzahl: Ayat) wurden nur in arabischer Schrift mit nachfolgender deutscher Übersetzung angeführt.
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Da schrie er aus der Finsternis, dass es keinen Gott gibt, außer Dir. Gepriesen seist Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87) "Als er seinen Herrn anrief: Unheil hat mich heimgesucht. Doch Du bist der über alles Barmherzige." (Sure 21, 83) "Wenn sie sich aber abwenden, dann sage: Gott ist mein Genügen. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des gewaltigen Thrones." (Sure 9, 129) "Er ist unser Genügen und ein vortrefflicher Sachwalter." (Sure 3, 173) "Es gibt keine Kraft und keine Macht außer bei Gott, dem Erhabenen, dem Gewaltigen." "Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht. Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht." "Denen, die glauben, ist er Rechtleitung und Genesung." (Sure 41, 44)}
Erster Teil des Einunddreißigsten Briefes. Bestehend aus sechs Blitzen, welche je eines unter vielen Lichtern dieses oben genannten segensreichen Verses, deren dreiunddreißigmaliges Rezitieren jederzeit, besonders aber zwischen der Abend- und Nachtzeit als segensreich gilt, aufzeigen.
Erster Blitz
Bittgebet von Yunus Ibn Metta und des Propheten (Friede und Segen sei über ihnen), ein überaus wirksames Gebet und eines der bedeutendsten Mittel, um Erhörung eines Gebetes zu erlangen.
Hier nun eine kurze Zusammenfassung der berühmten Geschichte des Ehrenwerten Yunus, mit dem der Friede sei:
Man hatte ihn ins Meer geworfen. Ein großer Fisch hatte ihn verschluckt. Die See war aufgepeitscht, die Nacht stürmisch und finster, und er fand sich überall von aller Hoffnung abgeschnitten. Doch sein Gebet
{"Es gibt keinen Gott außer Dir. Gepriesen seist Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)}
wurde für ihn rasch zu einem Mittel der Rettung.
In seiner Lage waren alle Mittel bereits erschöpft. Denn dieser Zustand erforderte jemanden, ihn zu erretten, dessen Befehl sowohl der Wal, als auch die See, die Nacht und (die Gewalten des) Himmels unterstellt sind. Denn gegen ihn hatten sich die Nacht, die See und der Fisch gemeinsam (verschworen). Nur der, dessen Befehl sie alle drei gleichermaßen unterstellt sind, konnte ihn an das rettende Ufer bringen. Sollte selbst die ganze Schöpfung ihm zu Rettung und Hilfe geeilt sein, so wäre ihm sie dennoch für keine fünf Para von Nutzen gewesen. Das heißt, die Mittel zu seiner Errettung waren für ihn wirkungslos. Da er aber nun mit augenscheinlicher Gewissheit (ayne l-yaqien) erkannte, dass es für ihn keine Zuflucht gab, außer bei
dem, welcher der Verursacher aller Ursachen (Musebbib-ul esbab) ist, enthüllte sich ihm das Geheimnis der Einheit Gottes in allen Dingen (sirr-i Ahadiyet) im Lichte der allumfassenden Einheit Gottes (nur-u Tauhid) und so bewirkte sein Gebet (munadjat), dass plötzlich die Nacht, die See und der Fisch unterworfen wurden. Es verwandelte den Bauch des Wals im Lichte der göttlichen Einheit (Tauhid) in ein Unterseeboot und gestaltete das Meer mit seinen, einem Erdbeben gleichenden, bergesgleichen, furchtbaren Wellen im Lichte dieser göttlichen Einheit (Tauhid) zu einer sicheren Ebene und einem Platz, gleich einem Ausflugsort, fegte den Himmel in Seinem Lichte von Wolken rein und hängte über seinem Kopf den Mond wie eine Lampe auf. Die Schöpfung, die ihn von allen Seiten bedrängt und bedroht hatte, zeigte ihm nun von überall her ihr freundliches Gesicht, bis er das rettende Ufer erreicht hatte, wo er unter einem Flaschenkürbis (Yaktin) die Gnade seines Herrn (lutf-u Rabbani) bezeugte.
Nun befinden wir uns aber in einer Lage, die hundertmal fürchterlicher ist, als die, in der sich Hasret Yunus, mit dem der Friede sei, das erste Mal befand. Unsere Nacht ist die Zukunft. Unsere Nacht ist, mit den Augen der Gottvergessenheit betrachtet, hundertfach finsterer und fürchterlicher als seine eigene Nacht. Unsere See ist unsere Erdkugel, wie sie gleich wie im Taumel umherkreist. In diesem Meer finden sich mit jedem seiner Wogen viele tausend Leichname und ist es auf diese Weise tausendmal Furcht erregender als sein Meer. Die Launen (heva) unserer Seele (nefs) sind unser Fisch, die versucht, unser ewiges Leben zu erdrücken und zu zerstören. Dieser Fisch ist noch tausendmal schlimmer als sein Wal. Denn sein Wal hätte ein Leben von hundert Jahren zerstören können. Unser Fisch hingegen strebt danach, ein Leben von hundert Millionen Jahren zu vernichten. In Anbetracht dieser unserer wahren Lage sollten auch wir uns, gleich Hasret Yunus, mit dem der Friede sei, von allen Ursachen abwenden und unsere Zuflucht unmittelbar zu unserem Herrn (Rabb) nehmen, welcher aller Ursachen Ursache (Musebbib-ul Esbab) ist, und sagen:
{"Es gibt keinen Gott außer Dir. Gepriesen seist Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)}
und mit augenscheinlicher Sicherheit (ayne l-yaqien) verstehen, dass nur der im Stande sein kann, den Schaden unserer Zukunft, der Welt und der Launen unserer Seele (heva-i nefs), so wie er sich durch unsere Gottvergessenheit und unsere falschen Vorstellungen gegen uns zusammengebraut hat, von uns abzuwenden, unter dessen Befehl alle Zukunft, unter dessen Urteilsspruch die Welt und dessen Willen unsere Seele untergeordnet ist. Ja welch eine andere Ursache gäbe es denn noch, außer dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der auch noch die feinsten und verborgensten Gedanken unseres Herzens kennt und der unsere Zukunft durch die Erschaffung des Jenseits für uns erleuchten und uns von hunderttausenden Wogen dieser Welt, die uns verschlingen wollen, zu erretten vermag? Gott bewahre! Nichts gibt es, das in irgendeiner Weise neben dem, der da notwendigerweise Sein muss (Vadjib-ul Vudjud), ohne dessen Willen (irade) und Zustimmung (idhni) Hilfe leisten und Rettung bringen könnte. Angesichts dieser Tatsache sollten, so wie der Fisch in der Folge des Bittgebetes von Hasret Yunus, mit dem der Friede sei, ihm zum Fahrzeug, zu einer Art Unterseeboot, das Meer zu einer friedsamen Ebene wurde, und die Nacht durch das Licht des Vollmondes eine liebliche Gestalt annahm, auch wir im Geheimnis dieses Bittgebetes sagen:
{"Es gibt keinen Gott außer Dir. Gepriesen seiest Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)}
Mit dem Satz لآَ اِلٰهَ اِلآَّ اَنْتَ {"Es gibt keinen Gott außer Dir." (Sure 21, 87)}
ziehen wir den Blick Seiner Barmherzigkeit auf unsere Zukunft, mit dem Ausruf سُبْحَانَكَ {"Gepriesen seist Du!" (Sure 21, 87)} auf unsere Welt und mit dem Gedanken (fikra) اِنِّى كُنْتُ مِنَ الظَّالِمِينَ {"Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)} auf unsere Seele herab. So könnte denn auch unsere Zukunft im Lichte des Glaubens und unter dem milden, mondscheingleichen Licht des Qur'an erleuchtet werden und die Furcht und Einöde unserer Nacht in eine vertraute Parklandschaft verwandelt werden. Während in unserer Welt und auf unserer Erde Tod und Leben unablässig miteinander abwechseln und Wogen gleich Jahren und Generationen, beladen mit zahllosen Leichen, die ins Nichts geworfen werden, mögen wir in der Wahrheit des Islam, die einem spirituellen Schiff gleicht, das an der Werkbank des Weisen Qur'an verfertigt wurde, sicher diesen Ozean überqueren, bis wir ans sichere Ufer gelangen und den Auftrag unseres Lebens zu Ende führen. Dann werden der Sturm und die sich auftürmenden Wogen des Meeres gleich unterhaltsamen Szenen, die wie auf einer Leinwand einander abwechseln, statt Furcht und Schrecken zu verbreiten, den aufmerksam und nachdenklich (tefekkur) betrachtenden Blick (des Betrachters) erfreuen, ihn streicheln, ihn erleuchten. So wird denn unsere Begierde (nefs) im Geheimnis des Qur'an, diesem Erziehungsmittel der Unterscheidung (terbiye-i Furkaniye), nicht mehr uns reiten, sondern zu unserem Lasttier werden und wir werden sie besteigen, sodass sie uns zu einem mächtigen Hilfsmittel wird, um das Ewige Leben zu erlangen.
Da der Mensch nun einmal mit allen Fasern seines Daseins unter einem Malariaanfall leidet
und von ihm geschüttelt wird, so leidet er auch unter den Stößen der Erde, unter ihrem Beben und unter dem Gewaltigen Beben des Alls am Jüngsten Tag. Und so wie er sich vor den mikroskopisch kleinen Mikroben fürchtet, so fürchtet er sich auch vor den erhabenen Himmelskörpern, die ihm als Schweifsterne erscheinen. Und wie er des Weiteren sein Haus liebt, so liebt er auch die große, weite Welt. Und so wie er seinen kleinen Vorgarten liebt, so sehnt er sich auch nach dem grenzenlosen, ewigen Paradies. So kann also sicherlich der Herr (Rabb) eines solchen Menschen, sein Retter, den er anbetet (Mabudu), sein Zufluchtsort und das Ziel (maqsud) (seines Lebens) nur derjenige sein, dessen Lenkung und Leitung den gesamten Kosmos umfasst, unter dessen Befehl die Atome und alle die Himmelskörper stehen. Deshalb ist es auch für einen solchen Menschen ein Bedürfnis, so wie Yunus, mit dem der Friede sei, immerdar zu sagen:
{"Es gibt keinen Gott außer Dir. Gepriesen seist Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)}
{"Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, was Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Zweiter Blitz
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; ...als er seinen Herrn anrief: Unheil hat mich heimgesucht. Doch Du bist der über alles Barmherzige." (Sure 21, 83)}
Dieses Bittgebet (munadjat)\von Hasret Eyyub (Hiob - Friede sei mit ihm!) ist oft erprobt worden, und hat sich als wirksam erwiesen. Auch wir sollten, wenn wir diesen Qur'anvers verwenden, dieses Gebet sprechen:
{"Unheil hat mich heimgesucht. Doch Du bist der über alles Barmherzige." (Sure 21, 83)}
Im wesentlichen verhält es sich mit der bekannten Geschichte von Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) folgendermaßen:
Während er lange Zeit zahllose Wunden und blaue Flecken trug, vergegenwärtigte er sich den Lohn für seine Leiden und ertrug sie mit vollkommener Geduld. Später aber fürchtete er, dass er nicht länger mehr zu Dienst und Anbetung würde fähig sein, weil sich in seinen Wunden Würmer anzusiedeln begannen und ihn an Herz und Zunge quälten, der Stätte des Gedenkens und der Erkenntnis Allahs (dhikr ve marifet-i Ilahi). Deshalb sprach er sein Bittgebet (munadjat) nicht um seiner eigenen Ruhe willen, sondern für seinen Dienst und die Anbetung Gottes (ubudiyet): "Oh Herr! Das Übel beunruhigt mich. Es beeinträchtigt meine Zunge, wenn ich Deiner gedenke (dhikr), und mein Herz, wenn ich Dir diene und Dich anbete (ubudiyet)."
Und Gott, der Gerechte nahm dieses aufrichtige (khalis), reine, selbstlose, um Allahs willen verrichtete Gebet in wunderbarster Weise an. Er gewährte (ihsan) ihm vollkommene Gesundheit und erwies ihm alle Arten Seiner Barmherzigkeit (merhamet). Dieser "Blitz" umfasst fünf Anmerkungen.
Erste Anmerkung:
Im Gegensatz zu den sichtbaren Wunden der Krankheit von Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) haben wir unsichtbare (manevi) Krankheiten der Seele (ruh) und des Herzens. Wenn unser Inneres nach außen und unser Äußeres nach innen gewendet würde, erschienen wir stärker verletzt und erkrankt als Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm). Denn jede Sünde, die wir begehen und jeder Zweifel (shübhe), der uns kommt, fügt unserem Herzen (qalb ve ruh) Wunden zu. Die Wunden von Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) bedrohten nur sein kurzes irdisches Leben. Unsere unsichtbaren (manevi) Wunden bedrohen unser ganzes, langes, ewiges Leben. Wir bedürfen des Bittgebetes (munadjat) von Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) tausendmal mehr als er. Gerade so wie die Würmer, die sich in Hasrets Wunden anzusiedeln begannen, ihm Herz und Zunge beschwerten, genauso werden auch die Wunden, die uns die Sünde schlägt, werden auch die Einflüsterungen (vesvese) und die Zweifel (shübhe), die sich in diesen Wunden einnisten - Gott bewahre! - das Innere unseres Herzens, die Stätte des Glaubens, beschweren und den Glauben belasten. Auch werden sie die Zunge beeinträchtigten, die den Glauben zum Ausdruck bringt, und ihr die geistige Freude zu rauben suchen, um sie vom Gottesgedenken (dhikr) ab und zum Schweigen zu bringen.
Ja, sobald die Sünde einmal in das Herz eingedrungen ist, schwärzt, verdunkelt und verhärtet sie es, bis das Licht des Glaubens ausgelöscht ist. In jeder Sünde liegt ein Weg zum Unglauben. Wird die Sünde nicht gleich durch das Verlangen nach Vergebung (istighfar) gelöscht, wächst sie von einem Wurm zur Schlange, die am Herzen nagt. Beispielsweise wird ein Mann, der heimlich eine schändliche Sünde begeht, die Entehrung fürchten, die
daraus entsteht, dass andere davon erfahren. Darum fällt es ihm auch sehr schwer, die Existenz von Engeln und anderen geistigen Wesen (ruhani) anzuerkennen. Und schon bei einem geringen Anlass möchte er sie leugnen. Gleichermaßen wird jemand, der eine große Sünde begeht, welche Höllenstrafen nach sich zieht, das Nichtvorhandensein der Hölle aus ganzer Seele wünschen und einen geringen Anlass oder Zweifel (shübhe) nutzen, um die Hölle zu leugnen (inkar), wenn er nicht zum Schutz den Schild der Vergebung (istighfar) aufnimmt.
Ebenso wird jemand, der die fünf Gebete nicht verrichtet und seine Verpflichtung zu Dienst und Anbetung bricht, in Bedrängnis geraten, gerade so, als habe er eine der Pflichten gegenüber seinem Direktor vernachlässigt. Seine Vernachlässigung der fünf Gebete, entgegen den wiederholten Weisungen des Königs der Ewigkeiten (Sultan-i edhel ve ebed), wird ihn sehr bedrücken und er wird aus diesem Gefühl der Bedrängnis heraus aus tiefstem Inneren wünschen: "Ach, gäbe es doch diese Geschöpfespflicht zur Anbetung nicht!" Und aus diesem Wunsch wird dann der Wunsch erwachsen, Allah zu leugnen, worunter man bereits ein Gefühl der Feindschaft (manevi adavet-i Ilahi) Ihm gegenüber ahnen kann. Kommt dann ein Zweifel (shübhe) an der Existenz Gottes in sein Herz, wird er versuchen, diesen Zweifel als einen schlüssigen Beweis zu etikettieren. Vor ihm öffnet sich das Tor zu einem furchtbaren Abgrund. Der Ärmste weiß nicht, dass er sich durch seinen Unglauben im Gegensatz zu der nur geringen Mühe seiner Geschöpfespflicht millionenfach fürchterlichen Strapazen ausgesetzt hat. Er flieht vor dem Stich der Mücke und liefert sich dem Biss der Schlange aus. Und noch zahlreiche andere Beispiele könnten mit den drei obigen aufgeführt werden, um den Sinn der Worte zu verdeutlichen:
{"Wahrlich, ihre Herzen sind wie mit Rost befleckt." (Sure 83, 14)}
Zweite Anmerkung:
Wie hinsichtlich der Bedeutung von Schicksal (Qader) und Glaube schon im "Sechsundzwanzigsten Wort" erläutert wurde, haben die Menschen aus den drei folgenden Gründen kein Recht, sich über Unglück und Krankheit zu beschweren:
Erster Grund:
Gott der Gerechte hat dem Menschen den Körper angezogen wie ein Kleid und macht an ihm Seine Kunst sichtbar. Er hat den Menschen zu einem Modell gemacht, an dem Er dieses Kleid - des Menschen Körper - zuschneidet, umformt und ändert, um die Erscheinungen Seiner verschiedenen Namen zu zeigen. Und ebenso wie der Name "Heiler (Shafi)" die Existenz von Krankheit voraussetzt, bedingt auch der Name "Versorger (Rezzaq)" das Vorhandensein des Hungers, und so auch die anderen Namen in dementsprechendem Sinn.
{"Der Eigentümer des Eigentums verfügt über Sein Eigentum, wie Er will."}
Zweiter Grund:
Durch Unglück und Krankheit wird das Leben geläutert, vervollkommnet, gestärkt, entfaltet, bringt seine Frucht, erreicht Vollkommenheit, erfüllt seine Lebensaufgabe... Ein Leben, das man eintönig auf seinem Ruhelager verbringt, gleicht weniger dem absolut Guten des Seins als vielmehr dem absolut Bösen des Nichtseins und neigt dazu hin.
Dritter Grund:
Dieses unser diesseitiges Haus ist ein Ort der Prüfung, ein Dienstgebäude und nicht ein Ort für Vergnügungen, Lohn und Belohnung. Und weil es ein Dienstgebäude ist und eine Stätte der Anbetung, entsprechen Krankheiten und Unglücksfälle - soweit sie nicht den Glauben beeinträchtigen und in Geduld ertragen werden - dem Dienst und der Anbetung, ja, unterstützen noch darin. Und weil sie jede Stunde der Anbetung zu einem ganzen Tag machen, sollte man dafür
dankbar sein, statt zu klagen. Es gibt ja zweierlei Arten der Anbetung; die positive und die negative. Was mit positiver Anbetung gemeint ist, ist bekannt. Die negative Art aber ist die, das der Mensch, wenn ihn Unglück oder Krankheit trifft, seine Schwäche (adjz) und Hilflosigkeit verspürt, sich seinem barmherzigen Herrn (Rabb-i Rahiem) Zuflucht suchend zuwendet, Seiner gedenkt, zu Ihm fleht und Ihm solcher Art eine aufrichtige Anbetung darbringt. In diese Anbetung vermag sich keine Heuchelei (riya) einzuschleichen, sie ist rein (khalis). Wenn man dann geduldig ist, an den Lohn der Plage denkt und dafür dankt (shukret), so wird jede Stunde wie ein ganzer Tag der Anbetung gelten. Das kurze Leben wird ein langes Leben. Manchmal gilt sogar eine einzige Minute der Anbetung so viel wie ein ganzer Tag. Einmal war ich sehr besorgt wegen einer furchtbaren Krankheit, die einen meiner Mitbrüder namens Muhadjir Hafiz Ahmet befallen hatte. Da wurde ich in meinem Herzen ermahnt: "Beglückwünsche ihn! Für ihn gilt jede Minute wie ein Tag der Anbetung." Und so ertrug er denn auch seine Krankheit mit Geduld und Dankbarkeit (shukr).
Dritte Anmerkung:
Wie wir schon verschiedentlich erklärt haben, wird jeder Mensch, der über sein vergangenes Leben nachdenkt, laut oder in seinem Herzen "ach!" oder "oh!" ausrufen, d.h., er wird es entweder bedauern oder «Elhamdulillah!» sagen. Bedauern erwächst aus den Schmerzen, die von dem Ende früherer Freuden herrühren, die man aufgeben musste. Denn am Ende der Freude steht der Schmerz. Manchmal zieht eine vorübergehende Freude einen beständigen Schmerz nach sich. Darüber nachzudenken bedeutet einen Schmerz zu eröffnen (gleich einer Wunde), aus dem Bedauern (wie Eiter) fließt. Die dauernde geistige Freude jedoch, welche nach dem Aufhören des vorübergehenden Kummers folgt, den er in seinem bisherigen Leben erfahren hat, lässt den Menschen sagen: «Elhamdulillah!». Wenn der Mensch über diese natürliche Haltung hinaus nun noch an den Lohn - die Frucht seines Leidens - denkt, die ihn im
Jenseits erwartet, und daran, dass sein kurzes Leben infolge der Leiden als ein langes Leben gilt, so wird er nicht nur geduldig sondern auch dankbar sein und sagen:
{"Lob sei Allah für jeden Umstand, in dem auch immer ich mich befinde, wenn nur nicht in dem des Unglaubens oder des Irrtums."}
Ein bekanntes Sprichwort sagt: "Das Unglück währt lange ". Ja, Leidenszeit ist lange Zeit; aber nicht, weil sie quälend lange währt, wie man gewöhnlich glaubt, sondern weil sie die gleiche Frucht trägt wie ein langes Leben.
Vierte Anmerkung:
Wie wir schon im Ersten Kapitel des "Einundzwanzigsten Wortes" erklärt haben, ist die Kraft der Geduld, die Gott der Gerechte dem Menschen verliehen hat, ausreichend, um jedes Unglück zu ertragen, wenn sie nicht für leere Befürchtungen verschwendet wird. Aber der Mensch verschwendet unter dem Druck leerer Befürchtungen die Kraft seiner Geduld für die Beschäftigung mit der Vergangenheit und der Zukunft, bildet sich ein, dieses vorübergehende Leben sei von ewiger Dauer, verliert die Geduld und hat keine Kraft mehr, gegenwärtiges Unglück noch länger zu ertragen. Und so beginnt er zu klagen. Es ist, als klage er - Gott verhüte es! - Ihn, den Gerechten, vor den Menschen an. In völlig ungerechtfertigter, ja, geradezu wahnsinniger Weise beklagt er sich und beweist seine Ungeduld. Denn die Ruhe am Ende jeden Tages bleibt, auch wenn er unglücklich war; wenn der Schmerz vergangen ist, bleibt mit seinem Entschwinden Freude zurück; wenn die Sorge vorüber ist, bleibt der Lohn. Darum sollte man sich nicht beklagen, sondern freudig danken (shukr), nicht mit allem hadern, sondern zufrieden (muhabbet) sein. Denn das vergängliche Leben, das vergangen ist, wird um des Unglücks willen einem ewigen, gesegneten Leben gleich. Sich in schwermütigen Erinnerungen an vergangene Schmerzen zu verlieren
und einen Teil seiner Kraft auszuharren, darauf zu verschwenden, ist Narrheit. Und was die kommenden Tage betrifft, so sind sie noch nicht gekommen. Schon jetzt an Krankheit und Unglück künftiger Tage zu denken, Ungeduld zu zeigen und zu klagen ist Dummheit. "Morgen, übermorgen werde ich Hunger haben, Durst haben", zu sagen und dann heute immerzu Wasser zu trinken, Brot zu essen, was für eine närrische Dummheit ist das! Desgleichen ist es eine solche Torheit, wollte man schon jetzt über kommender Tage Krankheiten und Leiden nachdenken, die es im Augenblick noch gar nicht gibt, sich darüber Sorgen machen, ungeduldig sein, sich selbst gegenüber entgegen aller Notwendigkeit so grausam sein, dass sie jedes Recht auf Barmherzigkeit (merhamet) und Mitleid (shefqat) aufhebt.
So, wie Dankbarkeit (shukur) die göttlichen Gnadengaben (ni'met) vermehrt, so vermehrt Klagen das Leid und macht jeden Anspruch auf Barmherzigkeit (merhamet) hinfällig.
Im ersten Jahr des ersten Weltkrieges wurde ein frommer Mann aus Erzurum von einer schrecklichen Krankheit befallen. Ich besuchte ihn und er beklagte sich bitterlich: "Seit hundert Tagen habe ich nicht mehr geschlafen und keine Nacht ein Auge zu bekommen." Ich war sehr bekümmert. Plötzlich kam mir ein Gedanke und ich sagte:
"Bruder, diese hundert qualvollen Tage sind nun wie hundert Tage voll Glück. Denke nicht mehr an sie und beklage dich nicht. Betrachte sie vielmehr mit Dankbarkeit. Und was die kommenden Tage betrifft, so sind sie noch nicht gekommen. Vertraue auf die Gnade deines Herrn in der Überfülle Seines Erbarmens. Weine nicht, bevor man dich schlägt. Fürchte dich nicht vor dem Nichts. Verleihe nicht dem Nichtsein den Anstrich des Seins. Bedenke die jetzige Stunde. Deine Kraft der Geduld reicht für diese Stunde. Handle nicht wie ein wahnsinniger Kommandant, dem zu seiner Rechten der linke Flügel einer feindlichen Streitkraft zu Hilfe kam und ihn mit frischen Kräften unterstützte, und der, noch bevor der Feind mit dessen rechtem
Flügel an seiner linken Seite angegriffen hatte, so verfährt, dass er seine Streitkraft von der Mitte aus nach rechts und links ausschwärmen lässt und so seine Mitte schwächt, sodass der Feind ihn mit einer nur unbedeutenden Streitkraft vernichtend in der Mitte schlägt! Handle nicht so wie er, mein Bruder! Konzentriere alle deine Kräfte auf diese Stunde! Denke an die Barmherzigkeit Gottes und den Lohn im Jenseits und daran, wie dein kurzes vergängliches Leben eine lange und dauerhafte Form erhält! Statt dich so bitter zu beklagen, sei froh und dankbar!"
Sehr erleichtert sagte er: "Elhamdulillah" Meine Krankheit ist nur noch ein Zehntel dessen, was sie vorher war."
Fünfte Anmerkung:
Dieser Punkt umfasst drei Dinge.
Zum Ersten:
Ein Unglück, das wirklich ein Unglück ist, das Schaden bringt, ist ein Unglück, das dem Glauben Schaden bringt. Wenn ein Unglück dem Glauben schadet, soll man immer zum Thron Gottes seine Zuflucht nehmen und zu Ihm um Hilfe rufen. Ein Unglück aber, das den Glauben nicht berührt, ist gar kein Unglück, wenn man es vom Standpunkt der Wahrheit betrachtet. Manchmal handelt es sich dabei um eine Warnung der Barmherzigkeit (Gottes). Wenn ein Hirte einen Stein unter seine Schafe wirft, die eine fremde Weide betreten wollen, spüren sie, dass dies eine Warnung ist, die sie davor bewahren soll, Schaden anzurichten. So kehren sie willig um.
Genauso ist vieles von dem, was äußerlich betrachtet ein Unglück wäre, teils eine Warnung Gottes, teils eine Ermahnung, teils eine Buße für die Sünden; manch ein Unglück rüttelt den Menschen in seiner Unachtsamkeit (gaflet) auf, schenkt ihm eine Art Bewusstsein göttlicher Gegenwart. Was jene Art von Unglück betrifft, das wir Krankheit nennen, so handelt es sich dabei nicht um ein Unglück, sondern vielmehr, wie schon gesagt, um eine besondere Zuwendung Allahs, die ihn reinigt. Nach einer Überlieferung
heißt es: "So, wie man von einem Baum die reifen Früchte herunterschüttelt, so fallen von einem Kranken die Sünden ab, wenn er vom Fieber geschüttelt wird."
Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) hat in seinem Bittgebet (munadjat), um des Dienstes und der Anbetung willen, um seine Genesung gebetet (dua) und nicht um seiner eigenen Bequemlichkeit willen, als ihm sein Herzensgebet (tefekkur-u qalbiye) und Gottesgedenken (dhikr-i lisani) schwer wurden. Auch unsere Intention bei diesem Bittgebet sollte in erster Linie die Heilung unserer inneren, seelischen Wunden sein, die von der Sünde herrühren. Wegen körperlicher Krankheiten sollten wir nur dann (zu Gott) unsere Zuflucht nehmen, wenn sie uns Dienst und Anbetung erschweren, aber nicht indem wir Einwände erheben und anklagen, sondern mit einer demütigen Bitte um Hilfe sollten wir unsere Zuflucht (bei Gott) suchen. Wenn wir also Seine Herrschaft (rububiyet) über uns angenommen haben, müssen wir auch die Dinge annehmen, die uns von Seiner Herrschaft gegeben werden. Einwände gegen Schicksal (qader) und Bestimmung (qadha) zu erheben, gewissermaßen "ach" und "oh weh" sagend anzuklagen und mit dem Schicksal zu hadern, hieße Seine Barmherzigkeit zu beschuldigen. "Wer mit dem Schicksal hadert, zerbricht sich seinen Kopf auf einem Amboss. Wer die Barmherzigkeit Gottes beschuldigt, bleibt von der Barmherzigkeit ausgeschlossen." Wer seine schon gebrochene Hand dazu benutzt, um mit dieser Hand Rache zu nehmen, zerbricht sie ja noch mehr. Ebenso verdoppelt ein Mensch, der - von einem Unglück betroffen - mit Protest, Anklage und Angst reagiert, sein Unglück.
Zum Zweiten:
Materielles Unglück wächst, wenn man es als groß betrachtet, und wird klein, wenn man es als klein ansieht. Zum Beispiel: Ein Mensch hat in der Nacht einen Traum. Misst er ihm eine Bedeutung bei, bläht er sich auf; misst er ihm keine bei, löst er sich auf. Will man einen Bienenschwarm abwehren, so wird er nur noch angriffslustiger, während er sich zerstreut, wenn man ihn nicht beachtet. Auch materielles Unglück wächst, wenn
man es als groß und bedeutsam ansieht. Es dringt mit der Angst in den Körper ein, nistet sich im Herzen ein, verursacht so ein seelisches Unglück (manevi musibet), nährt sich daraus, pflanzt sich fort. Wird aber die Angst durch Übereinstimmung mit dem Schicksal (qadha riza) und Gottvertrauen (tevvekul) zum Erlöschen gebracht, so wie man einen Baum von seiner Wurzel trennt, dann wird auch das Unglück leichter und leichter werden, so wie ein Baum vertrocknet, dessen Wurzeln abgetrennt wurden, bis man es schließlich nicht mehr als Unglück empfindet. Um dieser Wahrheit Ausdruck zu verleihen, habe ich einmal das Folgende gesagt:
Hast du gefunden den, der dich plagte, wisse: Glück und Freundschaft und ein Geschenk umhüllt dir die Plage.
So lass denn nun dein Klagen! Danke! Es lächeln die Rosen. Es freut sich die Nachtigall.
Findest du Ihn nicht, dann wisse, dass die Welt liegt in Qualen, Vernichtung in ihr, Zerstörung in ihr. Es droht dir eine Welt voll Unglück ( = Hölle) ! Was klagst du über dein kleines Missgeschick? Komm doch, vertraue (tevvekul)!
Voll Vertrauen (tevvekul) lache ihr ins Gesicht, der Plage (bela)! Auch sie wird lachen, die Plage. Wird lächelnd sich umwandelnd (tebeddul) dir entschwinden.
Wenn man im Zweikampf den schrecklichen Feind anlächelt, wird er versöhnlich (musalah) werden, wird seine Feindseligkeit (adavet) lächerlich erscheinen, zusammensinken, vergehen. Wer dem Unglück (musibet) mit Gottvertrauen (tevvekul) begegnet, erreicht dies ebenso.
Zum Dritten:
Jedes Zeitalter hat seine Besonderheit (hukm). In diesem Zeitalter der Gottvergessenheit hat das Unglück (musibet) seine Form gewandelt. Zu bestimmten Zeiten und für
bestimmte Menschen ist Unglück (bela) gar kein Unglück, sondern Wohlwollen Gottes (lutf-u Ilahi). Da ich diejenigen, die von einer Krankheit oder einem Unglück betroffen sind, zur heutigen Zeit als glücklich betrachte - unter der Voraussetzung, dass ihr Unglück nicht ihren Glauben berührt - kommt es mir nicht in den Sinn, gegen Krankheit oder Unglück eingestellt zu sein. Und ich habe auch nicht das Gefühl, sie bedauern zu müssen. Denn immer wenn ein junger Kranker zu mir kam, stellte ich fest, dass er seine religiösen Verpflichtungen und auch das Jenseits viel ernster nahm als seine Alterskameraden. Hieraus schließe ich, dass Krankheit nicht ein Unglück ist für solche Menschen, sondern vielmehr eine Art Gnadengabe Gottes (ni'met-i Ilahiye). Denn obwohl Krankheit in seinem ziemlich kurzen, vergänglichen irdischen Leben eine Belastung bewirkt, bringt sie ihm doch Gewinn für das ewige Leben, gilt als eine Art des Dienstes und der Anbetung. Würde er die Gesundheit finden, könnte er sicherlich im Rausche der Jugend und den Vergnügungen seiner Zeit nicht mehr die Einstellung bewahren, die er Zeit seiner Krankheit für sich gewonnen hatte, sondern würde sich vielleicht in Vergnügungen stürzen.
Schlusswort
Gott der Gerechte hat den Menschen mit grenzenloser Schwäche (adjz) und mit unendlicher Armseligkeit (fakr) versehen, um Seine grenzenlose Macht (qudret) und Seine unendliche Barmherzigkeit (rahmet) zu erweisen. Auch hat Er, um die zahllosen Ornamente Seiner Namen zu offenbaren, den Menschen in der Weise erschaffen, dass Er ihn wie eine Maschine gemacht hat, die unzählige Arten von Schmerz zu empfinden und zahllose Arten von Freude (lezzet) wahrzunehmen vermag. Und in dieser Maschine, die der Mensch ist, gibt es Hunderte von Teilen, deren jedes einzelne seinen eigenen Schmerz, seine eigene Freude, seine eigene
Aufgabe hat und eine eigene Belohnung für sich empfängt. So wie im Kosmos, der einem großen Menschen gleicht, alle Namen Gottes hervortreten, so erscheint auch im Menschen als Mikrokosmos die Gesamtheit Seiner Namen. Und so wie Gesundheit, Wohlergehen, Freude und andere angenehme Dinge dazu führen, Dank zu sagen, so leiten sie auch die Maschine dazu an, ihre verschiedenen Aufgaben zu erfüllen. Dadurch wird der Mensch zu einer Art Dankesfabrik. Ebenso werden durch Unglücksfälle, Krankheiten, Schmerzen und andere erregende und bewegende Störungen die anderen Zahnräder dieser Maschine in Bewegung versetzt, in Schwung gebracht. Der Stoff der Hilflosigkeit (adjz), der Schwäche (da'f) und Armseligkeit (fakr), der dem Wesen des Menschen (mahiyet-i insaniye) zu Grunde liegt, wird verarbeitet. Nicht nur die Zunge, nein, jedes einzelne Teil des Körpers wird zu einer Ausdrucksform der Zuflucht und Hilfesuche. Es ist als würde der Mensch durch diese Störungen zu einer Schreibfeder, die bewegt wird, und in sich wiederum Tausende der verschiedensten Schreibfedern enthält. Er schreibt auf das Blatt seines Lebens oder die Tafel seiner Träume die Geschicke seines Lebens, verkündet den Namen Allahs und wird selbst zu einer göttlichen, gereimten Kasside (Lobgedicht), erfüllt so seine Geschöpfespflicht.
Dritter Blitz
Freudige Erregungen und Gefühle haben sich teilweise mit diesem "Blitz" vermischt. Da aber die allgemeine Begeisterung im Zusammenhang mit diesen freudigen Erregungen und Gefühlen nicht viel auf die Prinzipien des Verstandes (aqil)\hört und die Waagschale der Gedanken~(fikr)\nicht berührt, sollte man diesen "Dritten Blitz" nicht auf die Waage der Logik legen.
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Alle Dinge werden vergehen, außer Seinem Antlitz. Bei Ihm liegt alle Entscheidung und zu Ihm kehrt ihr dereinst zurück." (Sure 28, 88)}
Was nun zum Ausdruck (meal) gebracht wird durch die beiden Sätze
{"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht. Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."}
sind zwei wichtige Wahrheiten, die mit diesen beiden Sätzen zum Ausdruck kommen. Von daher kommt es, dass einige Scheichs des Naqshibandi-Ordens aus diesen beiden Sätzen eine besondere Anrufung (hatme) für sich gemacht haben und diese auch als eine kurz und bündige Anrufung für alle Naqschis gebrauchen. Da aber nun diese beiden Sätze die Bedeutung (meal) dieser gewaltigen Ayah
zum Ausdruck bringen, wollen wir hier einige Punkte erklären, die diese beiden wichtigen Wahrheiten zum Ausdruck bringen.
Erster Punkt:
Das erste Mal wird mit dem Satz يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} das Herz wie in der Operation eines Chirurgen von allem, was "Nicht-Er" ist, abgesondert und abgeschnitten. Es ist dies wie folgt:
Der Mensch ist infolge seines alles umfassenden Wesens mit nahezu allem Sein verbunden und darüber hinaus ist in dieser so vielseitigen Natur des Menschen die Fähigkeit zu einer grenzenlosen Liebe (muhabbet) mit eingebettet. Aus diesem Grund nährt der Mensch auch eine Liebe für alles Sein. Er liebt diese ganze, große Welt wie sein Heim. Er liebt das Paradies in der Ewigkeit wie seinen Garten. Doch die Dinge, die er liebt, bleiben ihm nicht, sondern gehen wieder. Und so leidet er ständig unter der Qual dieser Trennung. Diese seine grenzenlose Liebe wird ihm zu einer Quelle einer grenzenlosen inneren Qual. Die Schuld daran, dass er diese Qual erleidet, dieser Fehler liegt bei ihm selbst. Denn diese Fähigkeit zu einer grenzenlosen Liebe wurde ihm gegeben, damit er sie dem zuwendet, dem eine ewige, grenzenlose Schönheit zu Eigen ist. Ein solcher Mensch macht einen schlechten Gebrauch von seiner Liebe, wenn er sie für vergängliche Dinge ausgibt, begeht auf diese Weise einen Fehler und zieht sich die Strafe für seinen Fehler zu, indem er nun unter Verlust und Trennung leidet.
So ist es denn, um diesen Fehler zu bereinigen, dass er die Bindungen an seine vergängliche Geliebte (fani mahbubat) zerschneiden muss, noch ehe die Geliebte ihn selbst verlässt und seine Liebe einzig und allein dem Ewigen Geliebten (Mahbub-u Baqi) zuwenden, was er mit dem ersten Satz zum Ausdruck bringt
يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} womit er sagt: "Du allein bist der einzige wahrhaft Bleibende. Alles außer Dir ist vergänglich. Was aber vergänglich ist, kann sicherlich nicht das Objekt einer bleibenden Liebe (muhabbet) sein, einer Liebe (ashk), die von Ewigkeit zu Ewigkeit (edheli ve ebedi) bestand hat, bestimmt für ein Herz, das für die Ewigkeit (ebed) erschaffen ist." Damit sollte gesagt sein: "Da nun einmal alle diese unendlich vielen Liebenden nur von vorübergehender Natur sind, mich verlassen und sich davonstehlen werden, werde ich sie verlassen, bevor sie mich verlassen und sagen: يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."}
Nur Du bist es, der ewig bleibt und besteht. Ich bin davon überzeugt und erkenne, dass alles Sein nur (im Hauch) Deiner Ewigkeit Bestand hat. Wenn dies aber so ist, muss man die Dinge um Deiner Liebe willen lieben. Wenn aber nicht, sind sie es nicht wert, dass man sein Herz an sie hängt."
Wenn nun in dieser Situation das Herz die unzähligen (Objekte) seiner Liebe aufgibt, den Stempel all ihrer Vergänglichkeit auf all ihrer Schönheit und Lieblichkeit erblickt, so gibt es diese seine Herzensbindung auf. Gibt es sie aber nicht auf, so wird es an den inneren Wunden leiden nach der Anzahl seiner Geliebten.
Der zweite Satz يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} ist für diese unzähligen Wunden sowohl eine Salbe als
auch ein Gegengift. Denn: يَا بَاقِى {"Oh Du ewig Seiender!"}
"Da Du nun einmal der Ewig-Seiende bist, so genügt es. Du bist der Tauschwert aller Dinge. Denn da es nun einmal Dich gibt, gibt es alle Dinge." In der Tat sind Schönheit (hüsün), Güte (ihsan) und Vollkommenheit (kemal) allen Seins der Urgrund aller Liebe (sebeb-i muhabbet) und im Allgemeinen auch die Zeichen der Schönheit (hüsün), Güte (ihsan) und Vollkommenheit (kemal) des in Wahrheit Beständigen (Baqi-i Haqiqi) und, nachdem sie durch viele Schatten hindurchgegangen sind, nur noch schwache Schatten, ja vielmehr nur die Schatten eines Schattens der Erscheinungsformen der Schönen Namen.
Zweiter Punkt:
Zur menschlichen Natur gehört eine starke Liebe (ashk) zur Beständigkeit. Ja, (der Mensch) stellt sich sogar in einem jeden Ding, das er liebt, kraft seines Vorstellungsvermögens eine Art von Beständigkeit vor und danach liebt er es dann. Wann immer er an ihre Vergänglichkeit denkt oder sie gar wahrnimmt, so schreit er aus tiefster Tiefe auf. Alles Wehgeschrei, das aus der Trennung erwächst, ist die Übersetzung jener Tränen, die aus der Liebe zur Beständigkeit (ashk-i beqa) heraus vergossen werden... Gäbe es diese Vorstellung eines ewigen Bestehens nicht, gäbe es auch die Liebe (muhabbet) nicht. Ja man kann sogar sagen, dass ein Grund für die Existenz einer beständigen Welt und eines ewigen Paradieses der intensive Wunsch nach Beständigkeit ist, der aus einer starken Liebe zur Beständigkeit (ashk-i beqa) und aus dem allgemeinen, ganz natürlichen Gebet um Beständigkeit erwächst. Der Ewige in Seiner Majestät (Baqi-i Dhu l-Djelal) hat diesen starken und unerschütterlichen, natürlichen Wunsch, dieses so mächtig wirksame, allgemeine Gebet angenommen und für die vergänglichen Menschen eine unvergängliche Welt erschaffen. Ja wäre es denn überhaupt möglich, dass der Freigiebige Schöpfer (Fatir-i Keriem), der Barmherzige Erschaffer (Khaliq-i Rahiem) den winzigen
Wunsch eines kleinen Magens, sein Gebet um seinen vorübergehenden Fortbestand, entsprechend der Sprache seines Zustands (lisan-i hal) durch die Erschaffung zahlloser, geschmackvoller Speisearten erhört, während Er den überaus starken Wunsch des ganzen Menschengeschlechts, welcher aus einem sehr großen natürlichen Bedürfnis erwächst und ihr allgemeines, ständiges und durchaus berechtigtes, wahrhaftiges, sehr intensives in Worte gefasstes oder in ihrer Haltung ausgedrücktes Gebet um Beständigkeit nicht erhören sollte? Gott bewahre! Bewahre hunderttausend Mal! Es nicht anzunehmen wäre unmöglich. Überdies entspräche dies weder Seiner Weisheit, noch Seiner Gerechtigkeit, noch Seiner Barmherzigkeit und Allmacht in irgendeiner Weise.
Da aber der Mensch nun einmal die Beständigkeit so sehr liebt, ist mit Sicherheit auch seine ganze Vollkommenheit und seine Freude von dieser Beständigkeit abhängig. Und da nun einmal die Beständigkeit dem Ewig- Beständigen in Seiner Majestät (Baqi-i Dhu l-Djelal) zu Eigen ist, und da nun einmal die Namen des Beständigen beständig sind, und da nun einmal die Spiegel des Beständigen die Farbe und den Charakter des Beständigen annehmen und so zu einer Art Beständigkeit gelangen, ist mit Sicherheit für den Menschen die notwendigste Angelegenheit und die wichtigste Aufgabe: die Verbindung mit dem Beständigen aufzunehmen und Seinem Namen anzuhangen. Denn alles, was um des Beständigen willen geopfert wird, erlangt eine Art von Beständigkeit.
So drückt denn dieser zweite Satz يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} die Wahrheit aus. Während er zahllose innere Wunden des Menschen heilt, befriedigt er zugleich den starken Wunsch seiner Natur nach Beständigkeit.
Dritter Punkt:
In dieser Welt sind die Auswirkungen der Zeit auf die Dinge hinsichtlich ihrer Vergänglichkeit und ihres Verfalls sehr unterschiedlich. Was aber ihr Sein betrifft, so finden sie sich zwar in verschiedenen, ineinander verschachtelten Kreisen, doch sind sie, was die Bestimmung ihrer Vergänglichkeit betrifft, ganz verschieden voneinander. So wie die verschiedenen Zeiger einer Uhr, von denen der eine die Sekunden, ein anderer die Minuten, die Stunden und Tage zählt, einander ähnlich zu sein scheinen, sich in ihrer Geschwindigkeit aber voneinander unterscheiden, so sind auch im Menschen die einzelnen Bereiche, wie Leib und Seele, Herz und Verstand (ruh) verschieden voneinander. Zum Beispiel: obwohl der Körper eine Art von Beständigkeit besitzt, sind sein Leben und seine Existenz der gegenwärtige Tag, ja sogar nur die augenblickliche Stunde, während Vergangenheit und Zukunft für ihn gleichsam tot und nicht vorhanden sind, ist der Bereich des Herzens so weit wie sein Dasein und Leben viele Tage vor dem heutigen Tag und noch eine lange Zeit danach. Der Bereich des Geistes (ruh), sein Leben und seine Existenz hingegen ist ein gewaltig großer Bereich und umfasst viele Jahre vor dem heutigen Tag und noch viele Jahre danach.
So trägt denn auf Grund dieser natürlichen Anlage das vergängliche Leben in dieser Welt hinsichtlich der Erkenntnis Gottes (marifet-i Ilahi), der Liebe zu seinem Herrn (muhabbet-i Rabbani), des Dienstes und der Anbetung des Hochgelobten (ubudiyet-i Subhan) und der Zufriedenheit des Allerbarmers (mardiyat-i Rahman) (mit ihm), welche die Quelle des Lebens im Herzen und im Geiste ist, ein beständiges Leben in sich, mündet in dieses ewige und beständige Leben, gilt (wie im Keim) als beständiges, als unsterbliches Leben.
In der Tat ist ein Augenblick in der Liebe des Ewig-Seienden Allweisen, Seiner Erkenntnis, Seiner Zufriedenheit (mit uns) gleich einem Jahr. Ist er nicht in Ihm und auf Seinen Wegen, dann ist ein Jahr nur ein Augenblick. Ja auf Seinen Wegen ist eine Sekunde gleich der Unsterblichkeit
vieler Jahre. Aus dem Blickwinkel dieser Welt sind die hundert Jahre der Gottvergessenen gleich einem Augenblick. Ein berühmtes Wort sagt:
d.h. "Ein Augenblick der Trennung ist so lang wie ein Jahr und ein Jahr der Vereinigung ist so kurz wie ein Augenblick." Ich aber sage das genaue Gegenteil: In der Vereinigung, das heißt, im Bereich der Zufriedenheit des Beständigen in Seiner Majestät (Baqi-i Dhu l-Djelal'in rizasi) ist ein Augenblick der Gemeinsamkeit um Gottes willen nicht nur ein Jahr, sondern ein Fenster zu einer sogar immerwährenden Vereinigung. In der Gottvergessenheit und Irreleitung sind ein Jahr, ja sogar tausend Jahre gleich einem Augenblick. Es gibt da ein Wort, das noch berühmter ist als dieses Wort, das unsere Behauptung bestätigt:
{"Der (weite Raum einer) Wüstenlandschaft, wenn man Feinde hat, wie eine Tasse (so eng) wird, während (der enge Raum) eines Nadelöhres, wenn man Freunde hat, zu einer weiten Ebene wird."}
Da nun einmal die Verbundenheit mit vergänglichen Dingen nur vergänglich ist, wie lange auch immer sie dauern möge, ist sie doch kurz. In ihr vergeht ein Jahr gleich wie eine Sekunde, nur eine Vorstellung voller Heimweh und ein Traum voller Bedauern. Das menschliche Herz, welches Beständigkeit ersehnt, kann in einem Jahr der Vereinigung nur den Genuss von einem Körnchen eines Augenblicks empfangen. Was aber die Trennung betrifft, so ist in ihr eine Sekunde kein Jahr: es sind Jahre. Denn der Platz der Trennung ist geräumig und weit. Für das Herz, das sich nach Beständigkeit sehnt, bewirkt die Trennung, sollte sie auch nur einen Augenblick andauern, die Zerstörung von Jahren. Denn sie gemahnt an unendlich viele Trennungen. Für eine weltliche, niedere Liebe ist alle
Vergangenheit und Zukunft erfüllt von Trennungen.
Oh ihr Menschen! Möchtet ihr aus eurem vergänglichen, kurzen, nutzlosen Leben ein ewig währendes, langes, nutzbringendes und fruchtbares Leben machen? Da das Menschsein es erfordert, dies zu wünschen, so verbringt (euer Leben) auf dem Weg des Beständigen und Wahrhaftigen (Baqi-i Haqiqi). Denn was auch immer dem Beständigen zugewandt ist, erlangt die Erscheinungsform der Beständigkeit. Da aber nun jeder Mensch in einer sehr starken Weise ein langes Leben ersehnt und die Beständigkeit liebt (ashik), und da es nun einmal möglich ist, dieses vergängliche Leben in ein ewiges Leben umzuwandeln, und da es nun einmal möglich ist, es einem langen Leben innerlich (manen) gleichwertig zu machen, so wird ein Mensch, der seine Menschlichkeit nicht verloren hat, mit Sicherheit nach Mitteln und Möglichkeiten suchen, diese Möglichkeit in die Wirklichkeit umzusetzen, und sich entsprechend um Erfolg bemühen. Die Lösung dazu aber ist folgende: Bemüht euch um Gottes willen, begegnet euch um Gottes willen, arbeitet um Gottes willen! Bewegt euch im Bereich Seines Wohlgefallens um Gottes willen, um Seines Antlitzes willen, um zu Gott zu gelangen! In einer solchen Zeit werden alle Augenblicke eures Lebens Jahren gleich werden.
Als ein Hinweis auf diese Wahrheit zeigt die qur'anische Aussage, dass eine einzige Nacht, wie die Nacht der Bestimmung (leylatu-l'qadr) tausend Monaten gleich kommt, was ungefähr achtzig Jahre sind. Dementsprechend wird das Geheimnis von der "Ausdehnung der Zeit (bast-i zaman)", welche auf diese Wahrheit hinweist und unter den Gottesfreunden und Kennern der Wahrheit als ein feststehender Grundsatz gilt, dadurch bewiesen, dass bei der Himmelfahrt (Mi'radj) eine Reisezeit von nur wenigen Minuten einer von so vielen Jahren glich, wodurch die Tatsache dieser Wahrheit bewiesen wurde, was dieses Ereignis ja auch in der Tat gezeigt hat. Der Zeitraum der Himmelfahrt von einigen
Minuten oder Stunden hatte die Weite, den Umfang und die Länge von entsprechend einigen tausend Jahren. Denn auf dem Wege seiner Himmelfahrt betrat (der Prophet) die beständige Welt. So umfassen wenige Minuten in der beständigen Welt (alem) Tausende von Jahren in dieser Welt (dunya).
Des Weiteren stützen sich die Geschehnisse einer "Ausdehnung der Zeit (bast-i zaman)",
{(Anmerkung):
("Einer von ihnen fragte sie: 'Wie lange habt ihr verweilt?' Sie antworteten ihm: 'Einen Tag, oder einen Teil des Tages.'" (Sure 18, 19))
("Und sie verweilten dreihundert Jahre in ihrer Höhle und noch neun dazu." (Sure 18, 25))
Diese beiden Verse verweisen auf den "Vorübergang der Zeit (tayy-i zaman)", während die Ayah
("Und in der Tat ist ein Tag bei Deinem Herrn gleich tausend Jahren nach eurer Zählung." (Sure 22, 47))
auf die "Ausdehnung der Zeit (bast-i zaman)" hinweist.}
die sich unter den Gottesfreunden so häufig ereignet haben, auf diese Tatsache. Es wird berichtet, dass einige Gottesfreunde die Arbeit eines ganzen Tages in einer Minute erledigten. Einige erfüllten ihre Aufgaben von einem Jahr in einer Stunde und rezitierten den ganzen Qur'an in einer Minute. Diese Männer der Wahrheit und Verlässlichkeit lassen sich mit Sicherheit zu keiner absichtlichen Lüge herab. So kann denn kein Zweifel (shübhe) daran bestehen, dass sie die Tatsache der "Ausdehnung der Zeit" ganz genau beobachtet haben, worüber so häufig und so einmütig berichtet worden ist.
Eine Art Ausdehnung der Zeit kann ein jeder selbst in seinen Träumen erleben. Manchmal wäre ein ganzer Tag,
oder sogar mehrere Tage im Wachzustand nötig, um alle die Ereignisse, Worte, Freuden und Leiden zu erleben, die er in nur einer Minuten im Traum erfahren hat.
Zusammenfassung:
Der Mensch ist wahrhaftig vergänglich. Und doch ist er für die Beständigkeit erschaffen und als ein Spiegel dessen, der da Beständig ist, und wurde dazu beauftragt, Arbeiten zu verrichten, welche beständige Früchte hervorbringen; und es wurde ihm eine Gestalt verliehen, um als Hintergrund für die Erscheinungen der beständigen Namen und Ornamente des beständigen Herrn zu dienen. Weil dies aber so ist, so hat der Mensch die wahrhaftige Aufgabe und ist es sein Glück, mit all seinen Anlagen und Fähigkeiten im Rahmen des Wohlgefallens Gottes dem Namen des Immerwährenden- Beständigen (Baqi-i Sermedi) anzuhangen, sich auf dem Wege der Ewigkeit dem Beständigen zuzuwenden und weiter zu schreiten.
So wie seine Zunge يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} ruft, soll er auch mit seinem Herzen, seinem Geist, seinem Verstand und mit all seinen subtilen Fähigkeiten sagen:
{"Er ist der Beständige. Er ist Er von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er ist der Ewig-Seiende. Er ist der Immerwährende. Er ist der Ersehnte. Er ist der Geliebte. Er ist das Ziel. Er ist der Angebetete."}
{"Gepriesen seist Du. Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
{"Herr, strafe uns nicht, wenn wir vergesslich sind, oder gefehlt haben." (Sure 2, 286)}
Vierter Blitz
Diese Abhandlung verdient es, als der "Hohe Weg zur Sunna (der Tradition des Propheten)" betrachtet zu werden.
Obwohl die Frage des Imamats eine Frage von nachrangiger Bedeutung ist, soll sie hier wenigstens zum Teil besprochen werden, weil man ihr eine solch große Bedeutung beimisst, dass sie zu einer Glaubensfrage geworden und in den Blickwinkel der Wissenschaft vom Wort und von den Grundlagen des Glaubens gerückt ist und damit in Beziehung zu unserem eigentlichen Dienst am Qur'an und am Glauben steht.
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Nun aber ist ein Prophet aus euren eigenen Reihen zu euch gekommen, einer, dem es nahe geht, wenn ihr in Bedrängnis geratet, der sehr um euch besorgt und den Gläubigen gegenüber voll Mitleid und Erbarmen ist. Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: Gott allein genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des Gewaltigen Thrones." (Sure 9, 128-129) "Sag: Ich verlange von euch keinen Lohn außer der Freundschaft unter meinen Verwandten." (Sure 42, 23)}
Wir wollen hier nun in "Zwei Kapiteln" auf zwei der vielen gewaltigen Wahrheiten dieser gewaltigen Ayah verweisen.
Erstes Kapitel
Erster Punkt:
Bringt die vollkommen selbstlose Liebe (kemal-i shefqat) und Barmherzigkeit (merhamet) des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, gegenüber seiner Gemeinde zum Ausdruck. In der Tat wird der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, nach einer Wahren Überlieferung, während an jenem fürchterlichen Tage der Wiederversammlung jeder, ja sogar die Propheten "Oh meine Seele, meine Seele!" rufen werden, seine Barmherzigkeit und Liebe erweisen und wiederum "Oh meine Gemeinde, meine Gemeinde!" rufen, so wie er es an dem Tage getan hatte, da er zur Welt gekommen war, wie nach der Überlieferung einige Erforscher der Wahrheit (ehl-i keshf) berichten, als seine Mutter ihn "Oh meine Gemeinde, meine Gemeinde!" seufzen hörte. Desgleichen zeigt auch die Geschichte seines ganzen Lebens, wie auch seine liebevolle und edle Haltung und Gesinnung, die er allen gegenüber erwies, seine vollkommene Liebe und Barmherzigkeit. So zeigte er auch durch sein unendliches Verlangen nach den unendlich vielen Gebeten seiner Gemeinde, dass er sich in vollkommener Liebe um das Glück aller in seiner Gemeinde bekümmerte. So kannst du denn nun damit vergleichen, was für ein Grad an Undankbarkeit und Gewissenlosigkeit es bedeutet, die Gewohnheiten (sunna) eines so gütigen Leiters nicht zu beachten.
Zweiter Punkt:
Der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, zeigte auch, neben dem allgemeinen, umfangreichen Dienst seines Prophetentums eine große und tiefe Liebe in einigen besonderen, kleineren Dingen. Äußerlich betrachtet erscheint es über die bedeutungsvolle
Aufgabe seines Prophetentums hinaus als unpassend, eine so große und tiefe Liebe (shefqat) zu persönlichen, kleinen Dinge zu widmen. Aber in Wirklichkeit waren diese kleinen Dinge nur das erste Glied in einer Kette (silsile), ein Musterbeispiel, eine Quelle, von der die Erfüllung all der umfangreichen Aufgaben des Prophetentums ausgehen würde, weshalb diesem Musterbeispiel um dieser gewaltigen Silsila (Kette) willen eine so außerordentliche Bedeutung beigemessen worden ist.
So war z.B. die außerordentliche Liebe und die gewaltige Bedeutung, die der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, Hassan und Husseyn in ihrer Kindheit entgegengebracht hat, nicht nur (Ausdruck) einer Liebe (shefqat), die aus natürlicher Güte und einem gewissen Sinn für Familie erwuchs, sondern waren als das erste Glied einer leuchtenden Kette und als Quelle hin zur Erfüllung seines prophetischen Auftrags betrachtet, ein Musterbeispiel und der Index einer überaus wichtigen Gemeinschaft der Erben des Prophetentums.
So nahm der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, in der Tat Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, in vollkommener Liebe in seine Arme und küsste ihn um der erleuchteten und gesegneten Nachkommen, wie des Ghauthu-l'Adham Scheich Geylani willen, die von ihm ausgehen und die rechtgeleiteten (mehdi) Erben des Prophetentums und Repräsentanten des islamischen Gesetzes sein werden, auf die Stirne. Mit den Augen seines Prophetentums sah er bereits den heiligen Dienst voraus, den sie alle in der Zukunft versehen werden, wusste ihn zu würdigen und anzuerkennen. Als ein Zeichen dieser seiner Würdigung und Anerkennung küsste er Hasret Hassan auf seine Stirne. Darüber hinaus hat er, was die außerordentliche Bedeutung und die Liebe betrifft, die er Hasret Husseyn um der ruhmreichen, so hochangesehenen Imame wie Seynel Abidin oder Djafer-i Sadiq willen, leuchtende Nachkommen aus der Silsila Hasret Husseyns, mit dem Gott zufrieden sein möge, und
anderen rechtgeleiteten (mehdi), lichtvollen Persönlichkeiten, wahren Erben des Prophetentums, um ihres islamischen Glaubens und ihrer Aufgaben an der Botschaft willen erwies, ihn im Nacken geküsst und ihm so seine vollkommene Liebe und seine Anerkennung zum Ausdruck gebracht. In der Tat hat das in das Verborgene hineinschauende Herz dieser Persönlichkeit, Ahmeds, mit dem Friede und Segen sei, mit seinen lichtvollen Augen und seinem in die Zukunft gerichteten Blick noch in dieser Welt und schon vom Glückseligen Zeitalter, den Platz der Wiederversammlung auf Seiten der Ewigkeit beobachtet, von der Erde aus das Paradies gesehen und von hier unten aus die Engel im Himmel geschaut und die Ereignisse, die seit Adams Zeiten hinter den dunklen Schleiern der Vergangenheit verborgen sind, beobachtet, ja sogar die Vision des Herrn (dhat) in Seiner Majestät empfangen und sicherlich auch die in der Nachfolge von Hasret Hassan und Husseyn stehenden Pole (aqtab) und Imame als Erben und Mehdis erblickt und in ihrem Namen deren Stirnen geküsst. So hat denn in der Tat Scheich Geylani an diesem Stirnkuss für Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, einen gewaltigen Anteil.
Dritter Punkt:
{"...außer der Freundschaft zu meinen Verwandten." (Sure 42, 23)}
Einer der Überlieferungen entsprechend ist die Bedeutung der obigen Ayah die: Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, verlangt für die Erfüllung der Aufgaben seines Prophetentums keinen anderen Lohn als den der Liebe (mauvaddah) zu seiner Familie. Wenn man also sagt: Dieser Bedeutung entsprechend scheint es, als ob es einen Vorteil gäbe, der aus einer familiären Beziehung erworben werden kann, während dem Geheimnis (der Ayah):
{"Vor Gott gilt als der vornehmste unter euch der, welcher der Gottesfürchtigste ist." (Sure 49, 13)}
entsprechend nicht die familiären Beziehungen (maßgeblich) sind, vielmehr die Aufgaben des Prophetentums (vazife-i risalet) vom Standpunkt der Gottesnähe (kurbiyet-i Ilahi) aus gestaltet werden.
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, hat mit seinem das Verborgene durchdringenden Blick gesehen, dass seine Familie in der Welt des Islam zu einem Licht spendenden Baum werden würde und dass die überwältigende Mehrheit derer, welche auf allen Ebenen in der Islamischen Welt die Aufgaben von Lehrern (Murshid) und Leitern eines Unterrichts in menschlicher Vollkommenheit übernehmen werden, aus seiner Familie hervorgehen werden.
Das Gebet, das seine Gemeinde für seine Familie im Sitzen (teshahud) verrichtet, lautet:
{"Oh Gott segne unseren Herrn Mohammed und seine Familie, so wie Du Abraham und seine Familie gesegnet hast. Denn Du bist allen Lobes und aller Ehre würdig."}
Die Erhörung (dieses Gebetes) sah er voraus (keshf), das heißt, er sah - wie die überwältigende Mehrheit unter den erleuchteten Führern die (islamische) Propheten waren, aus der Familie Abrahams (mit dem Friede sei) stammten und seine Nachkommen waren - dass in seiner Gemeinde die Pole aus der Familie Mohammeds (Aqtab-i al-i beyt-i Muhammadiye), mit dem Friede und Segen sei, ähnlich den Propheten unter den Söhnen Israels, die wichtigsten Aufgaben im Islam erfüllen, wie auch auf den vielen Wegen und in den meisten Orden der Sufis.
Deshalb wurde ihm befohlen
{"Sag: Ich verlange von euch keinen Lohn außer der Freundschaft zu meinen Verwandten." (Sure 42, 23)}
Deshalb wünschte er für seine Gemeinde die Liebe (mauvaddah) zu seiner Familie. Es gibt zahlreiche Überlieferungen, welche diese Tatsache bestätigen. So war häufig sein Ferman: "Zwei Dinge hinterlasse ich euch. Wenn ihr an ihnen festhaltet, werdet ihr Rettung finden. Das eine ist das Buch Gottes, das andere ist die Familie meines Hauses." Denn die, welche Quelle der Gelobten Sitten (sunnet-i seniye) und dazu verpflichtet waren, sich in jeder Hinsicht für sie einzusetzen (iltizam), sind die (Leute der) Familie des Hauses (des Propheten).
So war es denn um dieses Geheimnisses willen, dass ein Hadith, das diese Wahrheit ausdrückt, als die Befolgung des Buches und der Sunna bezeichnet und als solche bekannt gemacht wurde. Das heißt, was von der Familie des Hauses als Aufgabe (vazife) hinsichtlich der Botschaft (des Propheten) verlangt wurde, war die Gelobte Sitte (Sunna). So wie der, welcher die Befolgung der Gelobten Sitte aufgibt, nicht wirklich der Familie des Hauses angehören kann, so kann er auch kein wahrer Freund der Familie des Hauses sein. Außerdem ist der Sinn (sirr) des Wunsches, seine Gemeinde um die Familie seines Hauses zu versammeln, der folgende: Mit Gottes Erlaubnis wusste er, dass seine Familie im Lauf der Zeit sehr zahlreich werden würde und er verstand auch, dass seine Islamiyet in Schwäche verfallen würde. Deshalb war eine sehr starke und zahlreiche Gruppe zu ihrer stillschweigenden Unterstützung erforderlich, die im Stande wäre, der Welt des Islam Quelle und Mittelpunkt ihres geistigen Fortschritts zu sein. So hat er denn mit Gottes Hilfe darüber nachgedacht und gewünscht, dass sich seine Gemeinde um seine Familie scharen möge. Und in der Tat sind die Mitglieder der Familie seines Hauses den anderen
in ihrer Hingabe (teslim), ihrer Einsatzbereitschaft (iltizam) und Parteinahme (tarafgirlik) weit voraus, und zwar auch dann, wenn sie in Glaubensdingen und in ihrer Überzeugung (iman ve itikat) nicht so weit vorne liegen. Denn von Natur aus, auf Grund ihrer Geburt und Abstammung haben sie bereits innerlich ihren Anteil (tarafdar) an der Islamiyet. Denn seine eigene innere Anteilnahmen wird man auch dann nicht aufgeben, wenn diese nur schwach, würdelos, ja sogar ungerecht wäre. Würde dann also jemand seine Anteilnahme an einer Wahrheit, die sehr stark ist, die in jeder Hinsicht übereinstimmt, der eine hohe Würde zu Eigen ist, mit der die ganze Silsila der Vorahnen verbunden ist, durch die sie geehrt werden und für die sie ihr Leben geopfert haben, würde also jemand, der ganz offensichtlich fühlt, wie grundlegend und seinem eigenen Wesen entsprechend (diese Wahrheit ist), diese seine eigene innere Verbundenheit mit ihr aufgeben können? So nimmt denn die Familie des Hauses auf Grund ihrer starken inneren Bindung und natürlichen Veranlagung für die Islamiyet den kleinsten Hinweis auf die Religion des Islam als einen starken Beweis an. Denn ihre Anteilnahme (tarafdar) ist naturgegeben (fitri). Handelt es sich um einen anderen, so wird er sich erst auf Grund eines starken Beweises anschließen.
Vierter Punkt:
Im Zusammenhang mit dem dritten Punkt möchten wir hier kurz auf eine Angelegenheit verweisen, die zwischen den Schiiten und den Leuten der Sunna und der Gemeinschaft (Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat) in einem Ausmaß Anlass zur Diskussion geworden ist, dass man sie in Büchern schon unter den Grundpfeilern des Glaubens (aqaid-i imaniye) und als tiefe Wahrheiten (sirr) von den Grundlagen des Glaubens (esasat-i imaniye) behandelt. Die Frage ist folgende:
Die "Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat" sagen: "Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, war der vierte der rechtgeleiteten Kalifen. Hasret-i Siddiq (= Abu Baqr), mit dem Gott zufrieden sein möge, war besser als er und als Kalif würdiger als er. Deshalb wurde er der erste Kalif." Dagegen
sagen die Schiiten: "Das Recht war auf Hasret Alis Seite, mit dem Gott zufrieden sein möge. Man hat ihm Unrecht getan. Der würdigste von allen war Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge." Eine Zusammenfassung ihrer Argumente für ihre Einlassungen ist die, dass sie sagen: "Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, und die von dem Propheten überlieferten Hadithe über Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, der als der "König der Gottesfreunde (Shah-i Velayet)" die Basis für die überwiegende Mehrheit der Gottesfreunde und der Ordensschulen (tariqat) und durch seine überragenden Eigenschaften, wie sein Wissen, seinen Mut und seine Frömmigkeit (ibadet) und das nachdrückliche Interesse des Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, an ihm und die von ihm ausgehende Silsila der Nachkommen aus der Familie seines Hauses, zeigen, dass er der beste war. Das Kalifat war sein immerwährendes Recht gewesen. Man hat es ihm weggenommen."
Die Tatsache, dass Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, den ersten drei Kalifen folgte, die er wiederholtermaßen anerkannt hat, dass er unter ihnen als Scheichu-l'Islam (Oberster Richter) gedient hat, widerlegt diese Behauptung der Schiiten. Des Weiteren widerlegen die Ereignisse während des Siegeszuges des Islam und sein Kampf gegen die Feinde während des Kalifats dieser (ersten) drei und die Geschehnisse während der Zeit von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, wiederum vom Standpunkt des Islam aus betrachtet, die Behauptungen der Schiiten. Das aber heißt, dass die Behauptung der Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat zu recht besteht.
Nun könnte aber jemand sagen:
Es gibt zwei (verschiedene Gruppen) von Schiiten: die eine ist die Schia der Heiligen (Velayet), die andere die Schia des Kalifats.
Nun gut, es mag ja die zweite Gruppe durch ihre Vermengung von Hass und Politik ein Unrecht begangen haben, aber bei der ersten Gruppe gab es diesen Hass und
die Politik nicht. Doch die Schia der Gottesfreunde schloss sich der Schia des Kalifats an. Denn einige der Gottesfreunde unter den Ordensleuten hielten Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, für besser. Und so unterstützten sie die Forderungen der Gruppe des Kalifats hinsichtlich deren Politik.
Man muss Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, in zweierlei Hinsicht betrachten. Die eine ist der Blickpunkt hinsichtlich seiner persönlichen Vollkommenheit und seines Ranges (kemalat ve merteb), die andere aber ist der Blickpunkt hinsichtlich seiner (Eigenschaft als) Repräsentant der Familie seines Hauses als einer geistigen Körperschaft (shahs-i manevi). Was die Familie seines Hauses als geistige Körperschaft betrifft, so zeigt sie einen Aspekt des Wesens des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei.
So gibt denn, was den ersten Punkt betrifft vor allem Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, Hasret Abu Baqr und Hasret Omar den Vorzug und räumen ihnen diesen auch alle Leute der Wahrheit ein. Sie betrachteten deren Rang im Dienste am Islam und in deren Nähe zu Gott (kurbiyet-i Ilahi) als höheren. Was den zweiten Punkt betrifft, so hat Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, als Repräsentant der geistigen Körperschaft der Familie seines Hauses und der geistigen Körperschaft der Familie seines Hauses als einer mohammedanischen Wirklichkeit Seinesgleichen nicht. So beziehen sich denn die überaus lobenden Hadithe des Propheten über Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, auf diesen zweiten Punkt. Es gibt eine zuverlässige Überlieferung, die diesen Tatbestand unterstreicht. Von dem Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, stammt der Ferman: "Die Nachkommen eines jeden Propheten stammen von ihm selbst. Meine Nachkommen sind die Nachkommen Alis, mit dem Gott zufrieden sein möge." Die tiefere Wahrheit (sirr) hinter jenen Hadithen, die Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, überaus loben, und warum sie weiter
verbreitet sind als die über die anderen Kalifen, ist die, dass die Leute der Wahrheit, welche die Ehl-i Sunna vel'-Djemaat sind, so viele Überlieferungen als Antwort an die Omayyaden und die Häretiker (Kharidjten), die ihn ungerechtfertigt angegriffen und kritisiert hatten, über ihn verbreitet haben. Weil aber die anderen rechtgeleiteten Kalifen nicht so häufig das Objekt einer solchen Kritik und ähnlicher Schmähungen waren, sah man auch keinen Grund, ihnen entgegen derartige Hadithe zu verbreiten.
Des Weiteren sah (der Prophet) mit seinem prophetischen Blick die schmerzlichen Ereignisse und die inneren Zerwürfnisse, denen Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, ausgesetzt sein würde, voraus und, um ihn vor (künftiger) Verzweiflung zu retten und seine Gemeinde (davor zu schützen), schlecht über ihn zu denken (su-i zan), tröstete er ihn und gab seiner Gemeinde mit wichtigen Hadithen, wie
{"Wessen Herr ich bin, dessen Herr ist auch Ali."}
die rechte Leitung (irshad).
Es ist aber die Schia der Gottesfreunde für ihre übertriebene (ifrat) Liebe (muhabbet) zu Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, und sind ihre Orden (sleute) für diese Überbewertung (tafdil) nicht im gleichen Grade verantwortlich wie die Schia des Kalifats. Denn die Leute der Gottesfreundschaft betrachten ihren Meister (Murshid) auf Grund des Weges (den sie eingeschlagen haben) mit Liebe und das Merkmal dieser Liebe (muhabbet) ist die Übertreibung (ifrat). Sie möchten ihren Geliebten (mahbub) gerne größer sehen, als seinem Rang (maqam) entspricht und sehen ihn auch so. Für diese Übertreibungen auf Grund ihrer Liebe kann man diese Ekstatiker (ehl-i hal) entschuldigen. Man kann sie jedoch nur unter der Bedingung entschuldigen, dass ihre Überbewertung (tafdil) infolge ihrer Liebe nicht dazu führt, die anderen rechtgeleiteten Kalifen zu hassen (adavet) und zu beschimpfen und dabei die Grundlagen des Islam zu überschreiten.
Was aber die Schia des Kalifats betrifft, so konnten sich (ihre Leute), nachdem sich politische Vorurteile unter ihnen eingeschlichen hatten, nicht mehr von ihrem Hass und von ihrer Aggressivität befreien und verloren so ihr Recht, (noch länger) als entschuldigt zu gelten. Ja man sagt sogar:
{"Nicht aus Liebe zu Ali, sondern aus Hass gegen Omar."}
Da nun der Nationalstolz der Iraner von Omars عُمَر Hand verletzt worden war, rächten sie sich dafür dadurch, dass sie nun Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, ihre Liebe bezeugten. Auch dass Amr عَمر Ibnu-l'As (= der Kommandant von Muawiye in der Schlacht von Siffin - A.d.Ü.) Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, die Stirn bot und der tragische Kampf Omar عُمَر Ibnu-s'Sads gegen Hasret Husseyn, mit dem Gott zufrieden sein möge, weckte in den Schiiten eine große Wut, ja Feindschaft gegen den Namen "Omar" عُمَر .
Die Schia der Gottesfreunde hat kein Recht, die Sunniten zu kritisieren, denn die Leute der Sunna werfen Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, nichts vor, sondern lieben ihn sehr. Doch sie vermeiden diese exzessive Liebe (ifrat-i muhabbet), die in den Hadithen als gefährlich beschrieben wird. Der Lobpreis des Propheten für die Gefolgschaft Alis in den Hadithen betrifft die Sunniten, denn diejenigen in der Gefolgschaft Alis, die ihn auf eine moderate Weise lieben (istikametli muhabbet), sind die «Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat», welche die Leute der Wahrheit sind. So wie die übertriebene Liebe zu Hasret Isa (Jesus), mit dem der Friede sei, für die Christen gefährlich ist, so macht ein zuverlässiges Hadith klar, dass diese übertriebene Art von Liebe zu Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, gefährlich ist.
Wenn erst
einmal die so außergewöhnliche Vollendung Hasret Alis, mit dem Gott zufrieden sein möge, (unbestreitbar) angenommen sein wird, wird es unmöglich sein, ihm noch länger Hasret Siddiq (= Abu Baqr, mit dem Gott zufrieden sein möge) vorzuziehen.
Hätte man alle persönliche Vollkommenheit (shahs-i kemalat) von Abu Baqr, dem Siddiq-i Akbar oder die von Omar, dem Faruq-u A'dham (mit denen Gott zufrieden sein möge) zusammen mit der Vollkommenheit, die aus (der Erfüllung) ihrer Aufgabe (vazife) hinsichtlich des Erbes des Prophetentums (veraset-i nubuvvet) in der Zeit ihres Kalifats in die eine Schale einer Waage gelegt, die außerordentliche persönliche Vollkommenheit von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, die internen Kämpfe während der Zeit seines Kalifats, die aus den tragischen Ereignissen erwuchsen, in die einzutreten er gezwungen wurde, und die dann zum Gegenstand von Zweifeln und Misstrauen (su-i zan) wurden, aber in die andere Schale dieser Waage, so hätten die Sunniten mit Sicherheit gesehen, dass die Waagschale von Hasret Siddiq oder die von Faruq oder die von Dhin-n'-Nureyn schwerer wog und diesen den Vorzug gegeben.
Des Weiteren ist das Prophetentum, wie wir bereits im Zwölften und im Vierundzwanzigsten Wort bewiesen haben, so hoch erhoben im Vergleich zur Gottesfreundschaft, dass ein Dirhem (etwa 3g) von der Auswirkung des Prophetentums einem Batman (etwa 20 kg) von der Auswirkung der Gottesfreundschaft vorzuziehen wäre. Aus diesem Blickwinkel heraus ist der Erfolg von Abu Baqr, dem Siddiq-i Akbar oder der von Omar, dem Faruq-u A'dham (mit denen Gott zufrieden sein möge) während der Zeit ihres Kalifats für die Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat Beweis dafür, dass ihr von Gott gegebener Anteil am Erbe des Prophetentums und der Aufrichtung seiner Gesetze (ahkam-i risalet) der größere ist. Da die persönliche Vollkommenheit von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, nicht diesen größeren Anteil am Erbe des Prophetentums schmälern konnte, diente Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden
sein möge, in der Zeit dieser beiden ehrenwerten Kalifen (Sheicheyn-i Mukarrameyn) als Scheichu-l'Islam und ehrte sie. Wie also könnten nun die Leute der Wahrheit und Tradition, die Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, lieben und verehren, die beiden Kalifen, die Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, doch ernsthaft geliebt und verehrt hatte, nicht lieben und verehren?
Aus dem Erbe eines sehr reichen Mannes soll einer der Söhne 20 Batman (circa 8 kg) Silber und 4 Batman Gold erhalten, der zweite soll 5 Batman Silber und 5Batman Gold bekommen. Wenn nun dem letzten 3 Batman Silber und 5 Batman Gold ausgehändigt würden, so hätten die beiden letzteren ohne Zweifel quantitativ weniger, aber qualitativ mehr erhalten. Wie in diesem Beispiel würde die kleinere Menge am Anteil der beiden Kalifen (Sheicheyn) an dem Gold der Wahrheit der Nähe Gottes (akrabiyet-i Ilahi), wie sie im Erbe des Prophetentums (veraset-i nubuvvet) und der Aufrichtung seiner Gesetze (ahkam-i risalet) zum Ausdruck kommt, schwerer wiegen als die ganze große Menge an (menschlicher) Annäherung an Gott, wie sie aus dem Juwel der Gottesfreundschaft (kemal-i velayet) und persönlicher Vollkommenheit (shahs-i kemalat) erwächst. Diese Punkte sollte man in Betracht ziehen, wenn man sie gegeneinander abwägt. Vergleicht man sie aber vom Standpunkt eines persönlichen Mutes (shedjeat) und Wissens (ilim) und dem der Gottesfreundschaft (velayet) aus, so bekommt der Sachverhalt ein anderes Bild.
Des Weiteren kann vom Standpunkt der mohammedanischen Wahrheit aus, wie sie sich hinsichtlich der geistigen Körperschaft der Familie des Hauses (shahs-i manevi-i Al-i Beyt), wie sie sich in der Persönlichkeit von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, verkörpert und hinsichtlich des absoluten Erbes (veraset-i mutlaq) dieser geistigen Körperschaft in Erscheinung tritt, von einem Vergleich keine Rede sein, denn darin liegt das gewaltige Geheimnis des Propheten, mit dem Friede und Segen sei.
Was aber die Schia des Kalifats betrifft, so haben sie kein Recht gegenüber den Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat, außer dem auf ihre Scham. Denn obwohl sie behaupten, Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, über alles zu lieben, bezichtigen sie ihn dennoch eines Mangels an Persönlichkeit, eines schlechten Charakters (su-i akhlaq), so wie dies ihrer Überzeugung zufolge notwendig wird. Denn sie sagen: "Obwohl Hasret Siddiq und Hasret Omar, mit denen Gott zufrieden sein möge, ungerecht gehandelt haben, hat Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, dennoch ihr Spiel mitgespielt und entsprechend der Terminologie der Schiiten ihnen etwas vorgespielt. Das heißt, er hat sich vor ihnen gefürchtet und sich wie ein Heuchler (riyakarlik) aufgeführt." Diese Persönlichkeit, die ein Held des Islam (kahraman-i islam) ist, die den Titel eines "Löwen Gottes (Asadullah)" erworben hat, den Kommandanten und Anführer seiner getreuen Gläubigen (siddiqlar kumanda ve rehber) mit derartigen Eigenschaften ausgestattet zu sehen, wie "heuchlerisch (riyakar)" und "furchtsam", (als einen Mann) der Leuten, die er nicht liebt, etwas vormacht und zwanzig Jahre lang in großer Angst (khauf) Ungerechtigkeiten duldet, indem er Verbrecher akzeptiert, heißt nicht, ihn zu lieben. Eine derart unterschiedliche Liebe würde Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, selbst zurückweisen.
So würde denn der Weg der Leute des Glaubens und der Wahrheit unter gar keinen Umständen Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, herabwürdigen oder ihm einen Mangel an Persönlichkeit (eine Charakterschwäche) vorwerfen. Sie würden bei einem so bewundernswerten Mut keine Feigheit attestieren, sondern sagen: "Hätte Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, die rechtgeleiteten Kalifen nicht als rechtmäßig angesehen, so hätte er sie keine Minute anerkannt und ihnen nicht Gehorsam geleistet. Das heißt, dass er, weil er sie als rechtmäßig und auserkoren anerkannt hat, sich nun auch (mit all seiner) Einsatzbereitschaft und seinem Mut für den Weg der Gerechtigkeit entschieden hat."
Zusammenfassung:
In allen Dingen ist ein zu viel (ifrat) oder
zu wenig (tefrit) nicht gut. Was den aber rechten Weg (istikamet) betrifft, so ist dies der Mittelweg (vasat), den die Ehl-i Sunna ve-l'-Djemaat gewählt haben. Aber leider haben sich die Ideen der Wahabiten und der Häretiker (Kharidji) teilweise hinter der Bühne (Ehl-i sunnet ve Djemaat perde) eingeschlichen, wie auch politische Hardliner und ein Teil der Atheisten, die nun Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, kritisieren. Sie sagen, dass er - Gott bewahre! - nichts von Politik verstand und daher für das Kalifat ungeeignet war. Er konnte nicht regieren. Und auf Grund dieser ihrer ungerechten Anschuldigungen fühlen sich nun die Aleviten von den Sunniten brüskiert. In Wirklichkeit haben die Prinzipien und Grundsätze der Sunniten solche Ideen nicht zur Folge, sondern beweisen das Gegenteil. Auf Grund derartiger Ideen, wie sie von den Häretikern (Kharidji) und den Atheisten kommen, können nicht die Sunniten verurteilt werden. Vielmehr sind die Sunniten mehr noch als die Aleviten Anhänger von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge. Sie erwähnen Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, in ihren Lobgebeten in einer Weise, die seiner würdig ist, während der Hutba (Freitagsgebet) und in ihren Gebeten (dua). Besonders die Freunde Gottes (auliya) und die (Lehrer), die (ihre Seele) geläutert (Asfiya) haben, und deren überwiegende Mehrheit der Schule (mesheb) der Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat angehören, erkennen ihn als ihren Murshid und den "König aller Gottesfreunde (shah-i velayet)". Die Aleviten sollten besser die Häretiker (Kharidji) und die Atheisten, die mit Recht die Feindschaft (adavet) sowohl der Aleviten als auch der Sunniten verdient haben, links liegen lassen und nicht gegen die Leute der Wahrheit Front bilden. Ja ein Teil der Aleviten hat sogar den Sunniten zum Trotz die Sunna aufgegeben. Wie dem auch sei, wir haben über diese Angelegenheit schon zu viel gesprochen, denn sie ist unter den Ulemas (Gelehrten) bereits viel zu viel das Gesprächsthema.
Oh ihr Leute der Tradition und der Gemeinschaft, die ihr die Leute der Wahrheit seid! Ihr Aleviten, die ihr in eurer Liebe die Familie des Hauses als euren Weg gewählt
habt! Bringt diesen bedeutungslosen, haltlosen, ungerechten und gefährlichen Streit unter euch möglichst schnell zu Ende! Sonst wird euch diese gegenwärtige atheistische Strömung mit starker Hand und in souveräner Weise als ein Instrument gebrauchen, um so den einen mit dem anderen zu erdrücken. Nachdem sie dann den einen unterworfen haben, werden sie auch noch das Mittel selbst zerbrechen. Da ihr aber Leute der Einheit (Tauhid) seid und es zwischen euch hunderte grundsätzliche heilige Bande gibt, die Bruderschaft und Einheit unter euch (ittihad) anbefehlen, ist es überaus notwendig, nebensächliche Angelegenheiten, die nur zur Spaltung führen, aufzugeben.
Zweites Kapitel
{"Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: Gott allein genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des Gewaltigen Thrones." (Sure 9, 129)}
Über die zweite Wahrheit dieser Ayah.
Fünfter Blitz
{"Gott ist unser Genügen und ein vortrefflicher Sachwalter." (Sure 3, 173)}
Es bestand ursprünglich die Absicht, die Wahrheit dieser so bedeutenden Ayah in einer Abhandlung in fünfzehn (Schritten) stufenweise zu erklären. Da diese jedoch mehr Dhikr und ein Nachsinnen (tefekkur) zum Inhalt haben, als Wahrheit und Erkenntnis, wurde sie vorerst noch zurückgestellt. Zwar war ursprünglich eine sehr wichtige Abhandlung mit dem Titel:
«Eine Stufenleiter zur Sunnah» und "ein Serum gegen die Krankheit ketzerischer Neuerungen (bid'a), die der islamischen Gesinnung widersprechen."
als "Fünfter Blitz" geplant. Da diese sich aber in elf wichtige Punkte gliedert, entstand daraus der "Elfte Blitz". So ist denn (dieser Platz für den) "Fünften Blitz" unbesetzt geblieben.
Sechster Blitz
{"Es gibt keine Kraft und keine Macht außer bei Gott, dem Erhabenen, dem Gewaltigen."}
Auch hier war ursprünglich eine Risala geplant, die mit ihren Gedanken auf fünfzehn, zwanzig Stufen die bedeutende Wahrheit vieler Ayat erläutert, die durch die oben gemachte Erklärung ausgesagt werden soll. Auch in diesem Blitz, gleichwie im "Fünften Blitz" formten sich jedoch wiederum Stufen, die ich in meiner Seele (nefs) erahnte und schließlich während einer inneren (ruh) Reise
beim Dhikr und im Nachsinnen (tefekkur) erschaute, sodass ich es für angemessen hielt, sie erst am Ende einzureihen, da es sich bei dieser Abhandlung mehr um eine innere Freude, einen Zustand des Geistes (hal), als um Erkenntnis und Wahrheit handelt.
{Anmerkung: Unser verehrter Meister hat in seiner Anmerkung zum Sechsten Kapitel, des arabisch verfassten Neunundzwanzigsten Blitzes zu diesen beiden Sätzen (= der Ayah des Fünften und der Aussage des Sechsten Blitzes) folgende Erklärung abgegeben und gesagt: "Da es sich bei dem Sinngehalt dieser beiden gesegneten Sätze mehr um Nachsinnen (Fikr) und Dhikr handelt als um Erkenntnis, wurde er auf arabisch festgehalten."
Gezeichnet: Die Schüler im Dienste von Bediuzzaman}
Siebenter Blitz
Es handelt sich hier um sieben Verlautbarungen aus dem Verborgenen, wie sie sich in den letzten drei Ayat der Suratu-l'Fath finden.
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. In der Tat hat Gott das Traumgesicht Seines Propheten wahr werden lassen. Ihr werdet ja nun mit Gottes Erlaubnis die Umhegte Moschee in Sicherheit betreten können, mit geschorenen Köpfen, mit gestutztem Haar - ohne Furcht. Denn Er wusste, was ihr nicht wisst und gab euch ferner einen baldigen Sieg. Er war es, der euch Seinen Propheten sandte mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit, aufgegangen über aller Religion. Und Gott genügt als Zeuge. Mohammed ist der Prophet Gottes. Und die mit ihm sind, sind streng mit den Ungläubigen, milde miteinander. Du siehst, wie sie sich verneigen und niederwerfen, Gottes Huld und Wohlgefallen erstrebend. Ihr Merkmal ist auf ihrem Gesicht als Spur ihrer Niederwerfung. Das ist ein Gleichnis für sie in der Thora. Ihr Gleichnis im Evangelium ist: ein Saatfeld, dass seine Triebe hervorbringt und sie stärker werden und schließlich als Halme aufrecht stehen lässt, zur Freude derer, die sie gesät haben, wodurch Er die Ungläubigen in Wut versetzt. Gott hat denen, die glauben und gute Werke tun, Vergebung und eine gewaltige Belohnung versprochen." (Sure 48, 27- 29)}
Diese drei Ayat aus der Suratu-l'Fath enthalten viele Aspekte ihrer Wunderhaftigkeit(i'djaz).Von den insgesamt zehn Aspekten im Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, kann man in diesen drei Ayat die Verlautbarungen aus dem Verborgenen (ikhbar-i ghayb)\auf sieben oder acht verschiedene Weisen betrachten.
Erstens:
{"In der Tat hat Gott das Traumgesicht Seines Propheten wahr werden lassen... usw." (Sure 48, 27)}
(diese Ayat) geben schon vor der Eroberung von Mekka sichere Nachricht. Und zwei Jahre später geschah es dann genauso, wie es vorausgesagt worden war.
Zweitens:
{"...und gab euch ferner einen baldigen Sieg." (Sure 48, 27)}
bringt das Folgende zum Ausdruck: Der Frieden von Hudeybiya wurde zwar als offensichtlich den Interessen des Islam entgegengesetzt betrachtet und man konnte die Leute vom (Stamme) Qureysh gewissermaßen als die Sieger ansehen, doch blieb es bei der Verlautbarung, dass dieser Friede von Hudeybiya in Wirklichkeit ein großer innerer Sieg (manevi fath) und der Schlüssel zu künftigen Eroberungen sein werde. Denn obwohl durch den Frieden von Hudeybiya materiell (gesehen) das Schwert in die Scheide gesteckt worden war, wurde nun das blitzende, diamantengleiche
funkelnde Schwert des Qur'an (aus seiner Scheide) gezogen und eroberte Herz und Verstand. Denn durch diesen Friedensschluss kamen (die beiden miteinander verfeindeten Seiten wieder miteinander) in Kontakt. So setzten sich die Tugenden des Islam und das Licht des Qur'an durch und zerrissen den Schleier der Verbohrtheit (inad) und der Stammesfehden. Zum Beispiel: Leute wie Khaled ibnu-l'Walid, ein geradezu genialer Kriegsheld und Amr ibnu-l'As, ein ebenso genialer Politiker, Männer, die eine Niederlage nicht ertragen konnten, wurden besiegt durch das Schwert des Qur'an, das im Frieden von Hudeybiya seinen Zauber entfaltete. Nachdem Hasret Khaled in der Leuchtenden Stadt (= Medina) in vollkommenem Gehorsam seinen Nacken gebeugt und den Islam (angenommen hatte), wurde er zum "Schwert Gottes (Seyfullah)", dem Schwert, das dem Islam zum Sieg (verhalf).
Eine wichtige Frage:
Was war die Weisheit hinter den Niederlagen der Gefährten (= Sahabis) dessen, der der Stolz der Welt und der Geliebte des Herrn der Welt ist, der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, zum Ende des Kampfes gegen die Götzendiener, bei Uhud und zu Beginn der Schlacht von Huneyn?
Es gab damals unter den Götzendienern viele Persönlichkeiten, wie Hasret Khaled, die in der Zukunft den leitenden Sahabis ebenbürtig sein sollten. Deswegen gab ihnen die göttliche Weisheit, um sie in den Augen einer künftigen Zeit, die für sie ruhmreich und ehrenwert sein würde, nicht vollständig zu diskriminieren, schon in einer vergangenen Zeit einen Ausgleich für ihre künftigen guten Taten (hasenat-i istikbal) und zerbrach sie nicht vollständig in ihrem Stolz (izzet). Das heißt, die Sahabis einer vergangenen Zeit wurden von den Sahabis der künftigen Zeit besiegt, sodass die Sahabis einer künftigen Zeit nicht aus Angst vor dem Flammenschwert der islamischen Glaubensgemeinschaft (islamiyet) beitreten würden, sondern aus Eifer für eine brennende Wahrheit, sodass sie in der ihnen eigenen Kühnheit nicht allzusehr erniedrigt werden sollten.
Drittens:
{"ohne Furcht"}
Durch diese Worte eigens hinzuzufügen, soll zum Ausdruck gebracht werden: "Ihr werdet die Kaaba in völliger Sicherheit umschreiten." Doch war in jener Zeit die Mehrzahl der umherziehenden Beduinenstämme auf der arabischen Halbinsel feindselig gesinnt, wie ja auch die überwiegende Mehrheit (der Bewohner) in der Umgebung von Mekka und (auch die meisten Leute) vom Stamme Qureysh Feinde waren. Durch die Voraussage: "Ihr werdet die Kaaba schon in kurzer Zeit umschreiten, ohne Furcht zu haben." wurde ausgesagt und mitgeteilt, dass sich die arabische Halbinsel unterwerfen (itaat) und der ganze Stamm der Qureysh der islamischen Glaubensgemeinschaft (islamiyet) beitreten und eine umfassende Sicherheit errichtet werden würde. Und all das trat genauso ein, wie es vorausgesagt worden war.
Viertens:
{"Er war es, der euch Seinen Propheten sandte mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit, aufgegangen über aller Religion."}
Hier wird mit einer absoluten Sicherheit ausgesagt: "Die Religion, die der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, gebracht hat, wird allen anderen Religionen obsiegen." Obwohl in damaliger Zeit Christen, Juden und Parsen viele hunderttausend Anhänger hatten und in einigen Ländern, die die (ganze damals bekannte) Welt beherrschten, sogar Staatsreligion waren, wie das byzantinische oder persische Reich mit Millionen Untertanen, war Mohammed, der Araber, mit dem Friede und Segen sei, noch nicht einmal in der Lage, sich seinen eigenen kleinen Stamm zu unterwerfen. Und dennoch wurde vorausgesagt, dass die Religion, die er gebracht hat, allen
anderen Religionen überlegen sein und alle Länder besiegen werde. Und sie tut dies auf eine ganz klare und bestimmte Art. Die Zukunft bestätigte diese Voraussage aus der verborgenen (Welt) und der Islam wurde vom Pazifischen Ozean im Osten bis zum Atlantischen Ozean im Westen mit seinem (diamantenen) Schwert verbreitet.
Fünftens:
{"Mohammed ist der Prophet Gottes. Und die mit ihm sind, sind streng mit den Ungläubigen, milde miteinander. Du siehst, wie sie sich verneigen und niederwerfen... usw."}
Indem sie die erhabenen Qualitäten und einzigartigen Vorzüge aufzählt, welche der Grund dafür waren, warum die Sahabis nach den Propheten (nabi) die edelsten des Menschengeschlechtes waren, beschreibt diese Ayah an ihrem Anfang entsprechend ihrer wörtlichen Bedeutung nacheinander die hervorragenden Qualitäten, welche die Schicht der Sahabis künftig charakterisieren wird. In einer weiter (gefassten) Auslegung spielt diese Ayah den Kennern der Wahrheit (tahqiq) entsprechend auf die rechtgeleiteten Kalifen an, die nach dem Tode (vefat) des Propheten, mit dem Friede und Segen sei, an seine Stelle (maqam) traten, verweist auf die Reihenfolge, in der sie das Kalifat übernahmen und gibt uns Nachricht von den edlen Eigenschaften, durch die sich jeder von ihnen besonders unterschied und durch die sie bekannt geworden sind. Es ist dies wie folgt: وَالَّذِينَ مَعَهُ {"Und die mit ihm sind"} spielt auf Hasret Siddiq (= Abu Baqr) an, der bekannt und berühmt war, weil er zur unmittelbaren Gefolgschaft (des Propheten) und zu seinem inneren Gesprächskreis (sohbet) gehörte und der auch der erste war, der (dem Propheten) im Tode (nachfolgte) und so wiederum in seine Gefolgschaft trat.
اَشِدَّآءُ عَلَى الْكُفَّارِ {"sind streng mit den Ungläubigen"} verweist (nun in Folge) auf Hasret Omar, der künftig durch seine Eroberungsfeldzüge ganze Weltreiche zum Erzittern bringen sollte, der durch seine Gerechtigkeit wie Blitzschlag (und Donnerwetter) herniederfuhr und den Tyrannen (dieser Erde) seine (ganze) Strenge beweisen sollte.
رُحَمَآءُ بَيْنَهُمْ {"milde miteinander"}
Und weiter wird von Hasret Osman berichtet, der in der Zukunft, während sich über ihm die bedeutendste Spaltung (seiner Zeit) zusammenbraute, durch seine vollkommene Barmherzigkeit und Liebe (shefqat), um ein Blutvergießen unter den Muslimen zu verhindern, sein Leben (ruh) hingeben und sich selber (nefs) als schuldloses (Opfer) darbringen sollte, indem er vorzog, während er den Qur'an las, als Märtyrer zu sterben.
{"Du siehst, wie sie sich verneigen und niederwerfen, Gottes Huld und Wohlgefallen erstrebend."}
So wird auch über die Situation von Hasret Ali berichtet, der, obwohl er sein Regierungsamt und das Kalifat mit großem Mut und in vollkommener Würde übernommen hatte, sich dennoch für eine ebenso vollkommene Frömmigkeit entschied, für Dienst und Anbetung. Sein einfaches und sparsames (Leben), seine Bescheidenheit, sein immerwährendes Gebet, wie er sich immer wieder verneigte und niederwarf, wurde von jedermann bestätigt. Die künftig durch andauernde Spaltungen (fitnah) hervorgerufenen
Kämpfe waren nicht seine Schuld. Seine Absicht (niyah) und sein Wunsch richtete sich vielmehr auf Gottes Huld (fadl).
Sechstens:
{"Das ist ein Gleichnis für sie in der Thora."}
Dieser Satz gibt in zweierlei Hinsicht Nachricht aus dem Verborgenen.
Erstens
gibt er Kunde über die Qualitäten der Sahabis, wie sie in der Thora erwähnt werden, was aber für den Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, (einer Nachricht aus dem) Verborgenen gleich kam, weil er doch Analphabet war. Wie bereits im Neunzehnten Brief dargestellt wurde, finden sich in der Thora tatsächlich folgende Sätze über die Gefährten des Propheten, der am Ende der Zeiten kommen sollte: "Die Fahnen der Heiligen finden sich an ihren (Stirnen)." Das heißt, seine Gefährten würden Leute der Frömmigkeit und des Gebetes sein, Leute der Aufrichtigkeit und der Gottesfreundschaft, was mit dem Ausdruck "die, welche geläutert wurden (qudsiler)", d.h. "die Heiligen (Gottes; muqaddes)", umschrieben wird. Obwohl doch die Thora (während ihrer Entstehungszeit) mehrfach umgearbeitet worden ist, bestätigt sie dennoch mit vielen Versen, was in der «Suratu-l'Fath» heißt: مَثَلُهُمْ فِى التَّوْرٰيةِ {"Ein Gleichnis für sie in der Thora."}
Der zweite Aspekt dieser Kunde aus dem Verborgenen ist dieser:
{"Ein Gleichnis für sie in der Thora."}
Mit diesem Satz wird verkündigt: "Die Sahabis und
die Tabiine (= die erste und zweite Generation der Gefährten) werden in ihrem Dienst (ibadet) und in der Anbetung einen solchen Grad erlangen, dass das Leuchten ihres Geistes (ruh) auf ihrem Antlitz glänzen wird und die Male vieler Niederwerfungen werden sich auf ihren Stirnen bilden und als eine Art Siegel der Gottesfreundschaft auf ihnen sichtbar werden." Die Zukunft hat dies in der Tat ohne allen Zweifel, in glänzender Weise und ganz klar erwiesen. Zahlreiche gewichtige Persönlichkeiten, wie Seynu-l'Abidin, der trotz so vieler seltsamer politischer Spaltungen und Unruhen Tag und Nacht tausend Rekat Gebet verrichtete und Ta'us-u Yemeni, der vierzig Jahre lang das Morgengebet mit dem Abdest (= rituelle Waschung) des Nachtgebets verrichtete, zeigten das Geheimnis von مَثَلُهُمْ فِى التَّوْرٰيةِ {"Ein Gleichnis für sie in der Thora."}
Siebentens:
{"Ihr Gleichnis im Evangelium ist: ein Saatfeld, dass seine Triebe hervorbringt und sie stärker werden und schließlich als Halme aufrecht stehen lässt, zur Freude derer, die sie gesät haben, wodurch Er die Ungläubigen in Wut versetzt."}
Dieser Satz gibt in folgender Hinsicht Kunde aus dem Unsichtbaren.
Er gibt Kunde über die Qualitäten der Sahabis, wie sie in den Evangelien erwähnt werden, was aber für den Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, (einer Nachricht aus dem) Verborgenen gleich kam, weil er doch Analphabet war.
Und ferner verkünden diese Sätze: Die Sahabis akzeptierten zwar den Friedensvertrag von Hudeybiya aus ihrer Schwäche heraus und auf Grund ihrer geringen Zahl.
Doch in ganz kurzer Zeit wuchs (ihre Gemeinde) so sehr, gewann an Macht und Glanz, dass sie, ausgesät von der Hand des Allmächtigen über jenen Ackerboden, der das Antlitz der Erde ist, sich (an Zahl) vermehrte, in einer erhabenen, mächtigen, fruchtbaren und gesegneten Weise. Besonders aber hinsichtlich ihrer (Samenkörner) und Keimlinge, die in jener Zeit noch klein, schwach und unvollkommen war und auf Grund der Gottvergessenheit des Menschengeschlechtes des Segens entbehrte, vermehrten sie sich nun und gewannen an Stärke, sodass die Reiche (der Mächtigen in all ihrem) Glanz vor Neid (hased), Eifersucht und Hass in Wut gerieten. In der Zukunft bewahrheitete sich diese Kunde aus dem Verborgenen in der Tat in einer besonders strahlenden Weise.
Er zeigt durch das Wort مَغْفِرَةً {"Vergebung"} dass die Sahabis zwar wegen ihrer hervorragenden Eigenschaften gepriesen werden, sodass ihnen eigentlich höchste Belohnungen versprochen werden sollten, unter den Sahabis aber künftig auf Grund von Zwistigkeiten bedeutende Fehler vorkommen würden, weil ja das Wort "Vergebung" das Vorhandensein von Fehlern anzeigt. Und in den Augen der Sahabis würde in dieser Zeit, das, wonach sie sich am meisten sehnten und die höchste Wohltat (wonach sie am meisten verlangten) die "Verzeihung ", und die größte Belohnung jene Vergebung und Verschonung von Strafen sein werde. Und so wie das Wort مَغْفِرَةً {"Verzeihung"} diesen indirekten Hinweis enthält, so steht es auch mit der Ayah am Anfang der Sure in Verbindung.
{"Damit Gott Dir deine Sünden vergeben möge, die früheren und die späteren." (Sure 48, 2)}
Am Anfang dieser Sure (ist nicht von) der Vergebung von wahren Sünden (die Rede). Denn da ist nur eine unbefleckte Reinheit. Eine Sünde gibt es nicht. Vielmehr fügt die gute Nachricht von der Vergebung, die dem Propheten (zuteil werden soll) eine Auslegung wie sie eines solchen Ranges wie dem (maqam) des Prophetentums würdig ist, (am Anfang dieser Sure) und die gute Nachricht von der Vergebung, die den Sahabis (zuteil werden soll) am Ende (dieser Sure) der Bedeutung (von der Vergebung) noch eine besondere Feinheit (letaif) hinzu.
So ist denn (der Qur'an) unter zehn (verschiedenen) Aspekten betrachtet ein Wunder, so wie es in den bekannten, oben erwähnten drei Ayat am Ende der Suratul'Fath (sichtbar wird), wovon wir hier aber nur den Aspekt einer Nachricht aus dem Verborgenen (behandelt haben), der wiederum sehr viele Aspekte (aufweist), von denen wir hier sieben erläutert haben. Im Anhang zum Siebenundzwanzigsten Wort, worin auch von den Sahabis die Rede ist, wurde auf einen wichtigen Blitz dieses Wunders verwiesen, das in der Satzkonstruktion (zum Ausdruck kommt). So wie diese letzte Ayah mit ihren Sätzen auf die Sahabis ausgerichtet ist, so verweist sie auch mit ihrer Satzkonstruktion auf die Lage der Sahabis. Und so wie sie Eigenschaften der Sahabis in Worten und mit der Satzstellung beschreiben, so auch durch einzelne Buchstaben, und so wie sie durch die Anzahl der Wiederholungen einzelner Buchstaben in dieser Ayah wiederum auf die Persönlichkeiten in den Schichten berühmter Sahabis verweist, wie die Gefährten von Bedr, Uhud, Huneyn, Riduan und die Leute des Hofes (Suffa), so drückt sie auch eine Vielzahl weiterer Geheimnisse durch Übereinstimmung (tevafuq) und durch spezielle Berechnungen (ebdjed) aus,
welche ein Zweig der Wissenschaft von den Zahlen (djifr) und deren Schlüssel ist.
{"Gepriesen seist Du. Wirhaben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Im Zusammenhang mit den Verlautbarungen, die sich durch ihre indirekte Bedeutung der Ayah am Ende der Suratu-l'Fath\auf das Verborgene (beziehen), sollen in den folgenden Ayat ähnliche Verlautbarungen kurz besprochen werden, die ebenfalls in dieser indirekten Form gegeben wurden.
Nachwort
{"Und wir würden ihnen ja den rechten Weg gezeigt haben. Und die Gott und dem Propheten gehorchen, dass sind die, welche mit denen sind, denen Gott Gnade erwiesen hat: die Propheten, die Getreuen, die Blutzeugen und die Rechtschaffenen. Welch treffliche Gefährten!" (Sure 4, 68-69)}
Unter Tausenden von Punkten, die diese Ayah erklären, wollen wir hier auf zwei Punkte hinweisen.
Erster Punkt:
So wie der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, der Wahrheit durch die Bedeutung seiner Wörter und Sätze Ausdruck verleiht, so auch indirekt durch die Bedeutung, die sich aus Form und Stil (uslub) (ergibt). Jede seiner Ayat enthält viele Ebenen (unterschiedlichster) Bedeutung. Da aber der Qur'an von einem allumfassenden Wissen ausgeht, können (alle diese verschiedenen) Bedeutungen beabsichtigt sein. Doch (im Gegensatz) zu den Worten des Menschen mit seiner eingeschränkten
Gedankenwelt (djuz-i fikr) und seinem ganz persönlichen Wollen (irade), beschränkt er sich nicht auf ein oder zwei Bedeutungen.
So ist es denn aus diesem Grunde (sirr), dass die Kommentatoren (ehl-i tefsir) zahllose Wahrheiten der Ayat des Qur'an erklären konnten. Und es gibt noch viele andere mehr, die sie bisher noch nicht erklärt haben. Und besonders zu seiner wörtlichen Bedeutung gibt es noch viel bedeutendes Wissen, das sich von seinen Buchstaben (ableiten lässt) oder aus seiner indirekten Bedeutung ergibt.
Zweiter Punkt:
{"Die Propheten, die Getreuen, die Blutzeugen und die Rechtschaffenen. Welch treffliche Gefährten!" (Sure 4, 69)}
So ist es denn diese Ehrenwerte Ayah, welche zum Ausdruck bringt, dass die Gruppe der Propheten, die Karawane der Aufrechten, die Gemeinschaft der Märtyrer, die Klasse der Rechtschaffenen und diejenigen, die ihnen folgen, Leute des Menschengeschlechtes, auf dem rechten Wege sind, die in Wahrheit die göttlichen Gnadengaben empfangen, und die darüber hinaus in aller Klarheit auf die vollkommensten unter diesen fünf Gruppen in der Welt des Islam (islamiyet) hinweist und dann die Leiter und vornehmsten Anführer dieser fünf Gruppen durch die Erwähnung ihrer sehr gut bekannten Eigenschaften und durch einen Hinweis bekannt macht, wobei sie auch mit einer Art von Blitzlicht ihrer Wunderhaftigkeit eine Nachricht aus dem Unsichtbaren überbringt und somit in gewisser Hinsicht die Stellung dieser Anführer festlegt. مِنَ النَّبِيِّينَ {"von den Propheten" (Sure 4, 69)}
Diese (Qur'anstelle) bezieht sich ausdrücklich auf den Propheten Mohammed, mit dem Friede und Segen sei.
وَالصِّدِّيقِينَ {"von den Getreuen" (Sure 4, 69)}
Diese (Qur'anstelle) bezieht sich auf Abu Baqr-us Siddiq. Sie weist außerdem darauf hin, dass er der zweite nach dem Propheten sein werde, mit dem Friede und Segen sei, und der erste, der seinen Platz einnehmen werde, und dass er in seiner Gemeinde unter dem Beinamen "der Getreue (Siddiq)" bekannt werden würde und man ihn an der Spitze seiner Getreuen (siddiqien) sehen werde. وَالشُّهَدَآءِ {"von den Blutzeugen" (Sure 4, 69)}
Dieses Wort bezieht sich auf Hasret Omar, Hasret Osman und Hasret Ali (möge Gott mit ihnen allen zufrieden sein), d.h. auf alle drei gemeinsam. Ferner weist diese Kunde aus dem Unsichtbaren indirekt auch darauf hin, dass alle drei nach "dem Getreuen (Siddiq)" zu Nachfolgern des Propheten benannt werden würden, dass sie alle drei den Märtyrertod sterben würden und sie die Tugend ihrer Zeugenschaft ihren übrigen Tugenden hinzufügen würden. وَالصَّالِحِينَ {"von den Rechtschaffenen" (Sure 4, 69)}
Dieses Wort bezieht sich auf so außerordentliche Persönlichkeiten, wie die Gefährten von Riduan und Bedr und die Leute des Hofes (Suffa).
{"Welch treffliche Gefährten!" (Sure 4, 69)}
Dieser ganz klare Ausdruck ermuntert dazu, ihnen zu folgen, um der nachfolgenden Generation (= Tabiine) zu zeigen, wie vorzüglich dies ist und welch hohe Ehre, und weist indirekt darauf hin:
{"Fürwahr, nach mir wird das Kalifat noch dreißig Jahre währen."}
womit angedeutet werden soll, dass Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, nach dem vierten Kalifen der fünfte sein und somit die Hadith bestätigen werde, und zugleich darauf hingewiesen werden soll, welch hohen Wert das Kalifat, trotz der Kürze seiner Dauer insgesamt haben werde.
Kurzum:
So wie die Ayah am Ende der Suratu-l'Fath sich auf die vier rechtgeleiteten Kalifen bezieht, so bezieht sich diese Ayah (4, 69 in diesem Anhang) als ein teilweise indirekter Hinweis auf deren zukünftige Stellung, womit diese Kunde aus dem Verborgenen bestätigt wird. So gibt es denn sehr viele von diesen Funken der Wunderhaftigkeit, welche als eine Kunde aus dem Verborgenen (ikhbar-i ghayb) eine von den (zehn) Arten jenes Wunders (darstellen), das der Qur'an ist, sodass man sie nicht (mehr) zählen kann. Theologen (ehl-i zahirin), die sie (im Gegensatz zu den Sufis, also den Esoterikern - A.d.Ü.) auf vierzig, fünfzig Ayat beschränken, tun dies auf Grund ihrer oberflächlichen, rein äußerlichen Betrachtungsweise. In Wirklichkeit gibt es (von diesen Ayat) mehr als Tausend. Ja manchmal finden sich in einer einzigen Ayah vier, fünf Aspekte einer Nachricht aus dem Verborgenen.
رَبَّنَا لاَ تُؤَاخِذْنَآ اِنْ نَسِينَآ اَوْ اَخْطَاْنَا ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِer َ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Herr, ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was wir versäumt oder vergessen haben!" (Sure 2, 286) "Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Eine zweite Erklärung zu diesem Anhang
So wie der Hinweis am Ende der Suratu-l'Fath bestätigt wird, und so wie die Ayah
{"Den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast." (Sure 1, 5)}
der Ehrwürdigen Suratu-l'Fatiha, (die entsprechend der weiter unten folgenden Ayah) erklärt, wer mit den Leuten des rechten Weges gemeint ist, und so wie (die folgende Ayah) die zahlreiche, leuchtende, miteinander vertraute, mitreißende Schar von Gefährten beschreibt, die auf diesem langen Weg seit unendlichen (Zeiten) in die Ewigkeit zieht, und die Leute des Glaubens und ihre Begleiter in einem bewussten (Leben) auf wunderbare Weise und mit großem Ernst dazu führt, dass sie sich in der Nachfolge (der Propheten) dieser Schar einreihen und mit ihr weiter ziehen, so zeigt diese letzte Ayah am Ende der Suratu-l'-Fath
{"Die, welche mit denen sind, denen Gott Gnade erwiesen hat: die Propheten, die Getreuen, die Blutzeugen und die Rechtschaffenen. Welch treffliche Gefährten!" (Sure 4, 69)}
wenn sie außer in ihrer wörtlichen Bedeutung auch indirekt darauf hinweist, also figurativ (maarid-ul kelam) oder verbal gesprochen (mustetbeatu-t'terakib) auch auf die vier rechtgeleiteten Kalifen und Hasret Hassan als fünftem Kalifen, mit dem Gott zufrieden sein möge. Sie gibt also in verschiedener Hinsicht Kunde aus dem Verborgenen.
So wie die obige Ayah in ihrer wörtlichen Bedeutung zum Ausdruck bringt, dass die Karawane der Propheten, die Gruppe der Getreuen, die Gemeinschaft der Märtyrer, die Arten der Rechtschaffenen, die Klasse derer, die ihnen nachfolgen, "treffliche Gefährten" sind, Leute des Rechten Weges (ehl-i sirat-i mustaqiem), und diejenigen des Menschengeschlechtes, die die erhabenen göttlichen Gnadengaben empfangen, so zeigt sie auch in einer Weise, welche Kunde aus dem Verborgenen gibt, dass die edelsten und vornehmsten dieser Gruppen, wie sie sich in der Welt des Islam finden, die folgenden sind: Sie verweisen auf die Gruppe der Erben der Propheten, die aus der Erbschaft des Prophetentums gleich einer Kette (silsilah) hervorgeht, die das Geheimnis des Botschafters Gottes am Ende der Zeiten ist, und die Karawane der Getreuen, die von der Quelle der Aufrichtigkeit des Großen Getreuen (Siddiqi Ekber = Abu Baqr) gleich einer Kette (silsilah) hervorgeht und die Schar der Märtyrer, die durch den Rang des Märtyrertums mit den drei rechtgeleiteten Kalifen verbunden sind, und die Gemeinschaft der Aufrechten, die durch das Geheimnis
{"Und die welche glauben und gute Werke tun." (Sure 2, 82)}
miteinander verbunden sind und die Klasse der Gefährten der zweiten Generation (tabiin), welche dem Geheimnis
{"Sag: Wenn ihr Gott liebt, so folgt mir: Gott wird euch lieben und euch eure Sünden vergeben, denn Gott ist der, welcher oft vergibt, der Barmherzige." (Sure 3, 31)}
entsprechend der Gemeinschaft der Sahabis und der rechtgeleiteten Kalifen folgen. So gibt sie denn auch in einer
weiter gefassten Auslegung Kunde mit dem Ausdruck وَالصِّدِّيقِينَ {"der Getreue"} dass Abu Baqr, der Getreue, nach dem Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, dessen Platz einnehmen und sein Kalif (= Nachfolger) sein werde, berühmt in der islamischen Gemeinschaft unter dem Titel "der Getreue (Siddiq)" und dass er der Anführer der Schar der Getreuen sein werde. Mit dem Ausdruck وَالشُّهَدَآءِ {"die Blutzeugen"} sagt sie den Märtyrertod von drei der Rechtgeleiteten Kalifen voraus, dass also nach dem "Getreuen" noch drei Märtyrer und Kalif sein würden.
Denn das Wort شُّهَدَآءِ {"Märtyrer"} steht im Plural.
Die Mindestanzahl (der Personen für den arab.) Plural ist aber drei. Was besagt, dass Hasret Omar, Hasret Osman und Hasret Ali (mit denen Gott zufrieden sein möge) nach dem "Getreuen" an die Spitze der islamischen Gemeinschaft (Islamiyet) treten und Märtyrer werden würden. Und dies geschah entsprechend der Verlautbarung aus dem Unsichtbaren.
Und so wie sie des Weiteren mit dem Ausdruck وَالصَّالِحِينَ {"die Aufrechten"} Kunde geben, dass die Aufrechten, die Leute der Gottesfurcht (taqwa),
des Dienstes und der Anbetung gleich den Leuten vom Hofe (Suffa), die es erreicht hatten, sich ihrer lobenden (Erwähnung) in der Thora würdig zu erweisen, in Zukunft zahlreich sein werden. Während der Ausdruck وَحَسُنَ اُولٰٓئِكَ رَفِيقًا {"Welch treffliche Gefährten!"} die Generation derer preist, die den Sahabis in Wort und Tat (ilim ve amel) folgte (d.h. die Tabiine) und zeigt, wie gut und richtig es ist, sich den vier Gruppen auf dem Weg der Ewigkeit anzuschließen. Wenn auch die Dauer des Kalifats von Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, mit nur wenigen Monaten kurz war, so bestätigte doch der Prophet durch eine Verlautbarung aus dem Unsichtbaren
{"Fürwahr, das Kalifat wird nach mir noch dreißig Jahre währen."}
Dabei wurde auch die folgende Hadith des Propheten
{"Dieser mein Enkel Hasan wird der Herr sein, durch den Gott zwei große Gruppen miteinander versöhnen wird."}
als eine wunderbare Kunde aus dem Unsichtbaren bestätigt. Denn durch ihn wurden zwei gewaltige Heere, große islamische Gemeinschaften, miteinander versöhnt und was strittig war zwischen ihnen ausgeräumt, was zeigt, dass das Kalifat von Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, wenn auch nur von kurzer Dauer, dennoch von Bedeutung war, weshalb er zu den (bisherigen) vier Kalifen als fünfter Kalif hinzugezählt wurde, wobei eine Art Verlautbarung aus dem Verborgenen mit den Worten
وَحَسُنَ اُولٰٓئِكَ رَفِيقًا {"Welch treffliche Gefährten!"} als indirekter Hinweis zu sehen ist, der nach einer internen Regel (sirr) der Rhetorik als figurativ (Mustatba'atu-t'-tarakib) bezeichnet wird, und ein Hinweis, auf den Namen des fünften Kalifen (Hassan ( حَسَنْ ) = der Vortreffliche) ist.
So gibt es noch viele weitere Geheimnisse gleich diesen oben erwähnten indirekten Hinweisen. Weil sie hier aber nicht weiter in Betracht kommen, hat sich diese Türe auch nicht geöffnet. Es gibt viele Ayat des Weisen Qur'an, unter denen eine jede in vielerlei Hinsicht eine solche Art Kunde aus dem Verborgenen ist. Von dieser Art Verlautbarungen aus dem Unsichtbaren finden sich Tausende im Qur'an.
{"Oh Herr, ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was wir versäumt oder vergessen haben!" (Sure 2, 286) "Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Schlusswort
Es gibt da noch einige Anmerkungen zu dem Wunder, das sich im Weisen Qur'an bezüglich der Übereinstimmungen (tevafuq) zeigt. Eine dieser Anmerkungen ist folgende:
Im Weisen Qur'an kommen die Namen «Allah», "Rahman" (der Erbarmer), «Rahiem» (der Barmherzige), «Rabb» (Herr) und «Hu» (Er) als " Ism-i Djelal" (Name Gottes in Seiner Majestät) insgesamt ungefähr 4000 Mal vor.
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
(Folgt man der Ebdjed-Rechnung der zweiten Art der Buchstabenfolge entsprechend) Auch hier ist das Ergebnis in etwa 4000 (als Gesamtwert aller Buchstaben). Da bei großen Summen kleine Bruchteile die Übereinstimmung nicht beeinträchtigen, wurden diese kleinen Bruchteile hier nicht mit in Betracht gezogen.
Des Weiteren ergibt الٓمٓ {"Alif-Lam-Mim". (*) Liest man diese drei Buchstaben nicht im Zusammenhang als "elem"- اَلَمْ (= Schmerz), sondern einzeln für sich, so ist zwischen ihnen ein "ve"- وَ (= und) dazu zu denken, also "alif"- اَلِفْ und "lam"- لَامْ und "mim"- مِيمْ . (A.d.Ü.)} fügt man noch die beiden verbindenden «ve» - وَ {Gesprochen "ve"- وَ (= und), geschrieben "wau"- وَاوْ (= Buchstabe w) (A.d.Ü.)} hinzu und rechnet ihren Buchstabenwert (zu dem Wert der acht Buchstaben «alf-lam-mm» - لِفْ - لَامْ - مِيمْ) hinzu, so ergibt sich etwa
280. Desgleichen findet sich in der Suratu-l'Baqara der Majestätische Name (= Allah) 280 Mal, was zusammen mit der Anzahl der Ayat dieser Sure, also nochmals etwa 280 in Übereinstimmung, nach der Ebdjed-Rechnung in zweiter Zählart wiederum 4000 ergibt. Beides aber stimmt mit (der Anzahl) der fünf oben erwähnten (im Qur'an erscheinenden) bekannten Namen (Allah, Rahman, Rahiem, Rabb, Hu) überein und stimmt, lässt man wiederum die Bruchteile außer Betracht mit dem Zahlenwert von
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
überein. Also ist Alif-Lam-Mim الٓمٓ auf Grund des Geheimnisses dieser Übereinstimmung sowohl ein Name dessen, der mit (den oben erwähnten fünf Namen) benannt ist, als auch ein Name für die Suratu-l'Baqara, als auch ein Name für den Qur'an, als auch eine Zusammenfassung des Inhaltsverzeichnisses beider (Sure und Qur'an), als auch ein Extrakt, ein Resümee und der Kern beider, als auch eine Zusammenfassung von
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
Entsprechend der bekannten Ebdjed -Rechnung ist (der Wert von)
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
gleich der Anzahl «Rabb» (= Vorkommen des Wortes "Herr").
Zählt man in ähnlicher Weise das «R» - ر in «er-Rahman» الرَّحْمٰنِ (geschrieben: el Rahman), "er-Rahiem" الرَّحِيمِ (geschrieben: el Rahiem) doppelt, so ergibt sich aus
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
der Wert: 990, eine Quelle zahlreicher bedeutender Geheimnisse, bei einer gleichzeitigen Anzahl von 19 Buchstaben der Schlüssel zu 19 Tausend Welten.
Unter den Feinheiten dieser Übereinstimmungen des Majestätischen Wortes (Allah) im Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, finden sich im ganzen Qur'an in der letzten Zeile einer Seite auf der rechten Blatthälfte 80 Majestätische Namen (= Allah), die jeweils übereinander liegend miteinander korrespondieren, wobei gleichzeitig auch auf der linken Blatthälfte 80 Majestätische Namen jeweils wiederum übereinander liegend miteinander korrespondieren. Und abermals finden sich auch in der Mitte der letzten Zeile wiederum 55 Majestätische Namen, jeweils übereinander liegend und vereinigen sich so, als wollten sie miteinander eine Einheit bilden. Betrachtet man nur (das erste Wort) zu Beginn der letzten Zeile, so finden sich dort manchmal kurze Worte mit vielleicht nur drei Buchstaben, von denen 25 mit gelegentlichen Unterbrechungen ganz genau übereinander liegen, sodass sich, zählt man diese noch zu den ursprünglichen, in der Mitte liegenden 25 Übereinstimmungen hinzu, wiederum 80 Übereinstimmungen ergeben, die mit den 80 Übereinstimmungen auf der rechten Blatthälfte und den 80 Übereinstimmungen auf der linken Blatthälfte übereinstimmen. Ja könnte denn eine solche subtile, feinsinnige, wohlgeordnete, ausgewogene, wundersame Übereinstimmung ohne Weisheit und Feinsinnigkeit sein? Gott bewahre! Das kann nicht sein. Sicherlich könnte diese Übereinstimmung gleich dem Faden (der Ariadne) auf den Weg zu einem bedeutenden, vergrabenen Schatz führen.
{"Oh Herr, ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was wir versäumt oder vergessen haben!" (Sure 2, 286) "Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Achter Blitz
Eine Abhandlung über ein Wunder von Ghausi (= Scheich Geylani)
Sie wurde in dem Band "Bestätigung eines Siegels aus dem Verborgenen (Sikke-i Tasdik-i Gaybi)" veröffentlicht und ist in dem Band der handschriftlich verfassten "Blitze (Lemalar)" enthalten.
Neunter Blitz
Wurde in dem Band der handschriftlich verfassten "Blitze (Lemalar)" veröffentlicht.
Zehnter Blitz
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. An dem Tag, da jede Seele sich dem gegenübergestellt finden wird, was sie an Gutem getan hat und was sie an Bösem getan hat, wird sie wünschen, es wäre zwischen dem und ihr ein großer Abstand. Und Gott warnt euch vor Sich Selbst. Und Gott hat Mitleid mit den Dienern." (Sure 3, 30)}
Der tiefere Sinn (sirr) dieser Ayah wird durch die Erklärung solcher Schläge Göttlicher Liebe (shefqat tokat) erhellt, wie sie meine Freunde im Dienst am Qur'an zufolge aller Fehler und allen Versagens auf Grund ihrer menschlichen Natur bekommen haben. Es soll hier nun eine Aufeinanderfolge von Wundern (keramet) im Dienst am Qur'an, sowie eine Art Wunder von Ghausu-l'A'dham (= Scheich Geylani) erklärt werden, der mit Gottes Erlaubnis über diesen heiligen Dienst wacht und ihn mit seinem geistigen Einfluss und mit seinem Gebet (dua) unterstützt, damit die, die sich zu diesem heiligen Dienst einfinden, bei ihrem Dienst nicht in ihrem Ernst nachlassen mögen.
Es gibt drei Arten von Wundern (keramet) in diesem heiligen Dienst (hizmet-i qudsiye):
Die erste Art geschieht unter jenem Aspekt, der diesen Dienst vorbereitet und Seine Diener dazu anleitet, diesen Dienst auszuführen.
Die zweite Art dient der Beseitigung von Hindernissen,
der Abwehr aller Bosheit derer, die (dem Dienst) schaden wollen und dafür ihre Schläge erhalten.
Es gibt bei diesen beiden Arten sehr viele Vorfälle und (sie zu schildern erfordert) sehr viel Zeit. Wir stellen sie daher für später zurück und wollen hier nun erst eine dritte Art besprechen, bei der es um besonders leichte (Schläge) geht.
{Zum Beispiel: Die (Anführer der) Volkspartei mussten noch in dieser Welt mehr an Strafe erleiden als alle Schikanen, Quälereien und Hinterlisten, die sie den Schülern der Risale-i Nur angetan hatten, und mussten nun selbst das gleiche erleben.}
Die dritte Art ist die folgende: Wann immer diejenigen, welche sich ehrlich und aufrichtig für diesen Dienst einsetzen, in ihrem Eifer nachlassen, erhalten sie einen zärtlichen Klaps (shefqatli bir tokat), sodass sie wieder wach werden und (mit frischem Mut) in ihrem Dienst (hizmet) fortfahren. Vorfälle dieser Art gibt es ٕأr als hundert. Bei nur zwanzig Vorfällen (dieser Art) empfingen dreizehn oder vierzehn lediglich einen leichten Klaps, während sechs oder sieben einen schweren Schlag erlitten.
Der erste Fall betrifft diesen armseligen Said.
Wann immer ich meines Dienstes überdrüssig geworden war und mich fragte: "Was geht mich das eigentlich an?" und mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt war, bekam ich einen Klaps. So gelangte ich zu der Überzeugung, dass ich diesen Klaps wegen meiner Nachlässigkeit bekommen hatte. Denn was immer der Grund gewesen sein mochte, weswegen ich abgelenkt und verführt worden war: ich bekam immer wieder einen Klaps dafür, der das Gegenteil bedeutete. Und wenn ich dann meine Aufmerksamkeit all meinen aufrichtigen Freunden zuwandte, die gleich mir einen solchen Klaps bekommen hatten, so bemerkte ich, dass auch sie, was immer sie beabsichtigt hatten, einen Klaps aus der genauen Gegenrichtung erhalten hatten, sodass wir zu der Überzeugung gelangt sind, dass diese Vorfälle Wunder (keramet)
waren, die sich zufolge unseres Dienstes am Qur'an ereigneten. Zum Beispiel:
Solange wie dieser armselige Said, damals noch in der Zeit von Scheich Said, damit beschäftigt war, in Van Unterricht in den Wahrheiten des Qur'an zu erteilen, hat sich die Verwaltung in ihrem Argwohn (vesvese) niemals eingemischt und konnte das auch gar nicht. Wenn ich dann also sagte: "Was habe ich damit zu tun?", dann dachte ich nur an mich selbst, zog mich in eine Ruine in einem Höhlen(dorf) am Berg Erek zurück, um (meine Seele) für das Jenseits zu retten. Da holten sie mich ohne jeden Grund heraus und schickten mich in die Verbannung. So wurde ich nach Burdur gebracht.
Auch dort wiederum blieben, solange ich dem Qur'an diente - und zu damaliger Zeit wurden alle die Verbannten sehr genau beobachtet und mussten sich an jedem Abend persönlich bei der Polizei melden - ich und meine aufrichtigen Studenten eine Ausnahme. Ich bin also niemals in Person erschienen und habe auch die Regierung nicht anerkannt. Als dann Fevzi Pascha (= der Oberkommandierende des türkischen Militärs - A.d.Ü.) zu Besuch kam, beschwerte sich der Gouverneur bei ihm darüber. Fevzi Pascha aber sagte zu ihm: "Belästigt ihn nicht, sondern behandelt ihn mit Respekt (hürmet)!" Was ihn damals dazu veranlasste, war die Heiligkeit des Dienstes am Qur'an. Wann immer aber mich der Gedanke überfiel, meine Seele (nefs) zu retten und nur noch an das Jenseits zu denken, und ich im Dienst am Qur'an einmal vorübergehend nachlässig wurde, bekam ich ganz im Gegensatz zu meinen Absichten wieder einen Schlag ins Gesicht, das heißt, ich wurde von einem Exil ins nächste, also nach Isparta überführt. In Isparta nahm ich dann meinen Dienst wieder auf. Zwanzig Tage später sagten ein paar furchtsame Menschen mahnend und warnend zu mir: "Vielleicht würde die Regierung deine augenblicklichen (Lebens)umstände gar nicht gerne sehen. Wenn du doch ein klein wenig vorsichtiger wärest, würde es besser für dich
sein." Wiederum gewann die Idee, nur noch an mich selbst zu denken, Macht über mich. So sagte ich denn: "Erbarmen (Aman)! Die Leute (Khalklar) sollen nicht kommen." Und wiederum wurde ich aus diesem Exil in ein drittes Exil, nach Barla, überstellt. Wannimmer in Barla mich ein Gefühl von Überdruss und Schwäche überkam und die Idee, nur noch an mich selbst zu denken, Macht über mich gewinnen wollte, kam diese Schlangenbrut weltlich gesinnter Leute zu mir und einer dieser Heuchler (munafiq) suchte mich heim. Während der (letzten) acht Jahre gab es achtzig Vorfälle dieser Art, von denen ich erzählen könnte, weil ich sie selbst erlebt habe. Ich will damit aber (niemanden) belästigen und fasse mich daher kurz.
Oh meine Brüder! Ich habe euch von den Schlägen erzählt, die ich aus den Händen der Göttlichen Liebe (shefqat tokat) empfangen habe. Nun will ich mit eurer Nachsicht und Erlaubnis auch von den Schlägen berichten, die in dieser Liebe auch über eure Häupter gekommen sind. Seid, also bitte nicht gekränkt. Wer sich aber gekränkt fühlt, dessen Namen will ich hier nicht veröffentlichen.
Der zweite Fall betrifft meinen leiblichen Bruder und ersten Schüler Abdulmecid.
Er war mein bester Schüler, bereit zu jeglichem Opfer und besaß ein schönes Haus in Van. Er hatte ein gutes Einkommen. Und außerdem war er Lehrer. Er folgte nicht denen, die mich entgegen meinem Willen ins Grenzgebiet schicken wollten, dorthin, wo man des Dienstes am Qur'an noch mehr bedurfte. Da er glaubte, es sei gut für mich, stimmte er dem nicht zu. Wäre ich ins Grenzgebiet gegangen, so wäre der Dienst am Qur'an rein und frei von politischen Vorstellungen nicht möglich gewesen. Zudem sagte er sich, dass man ihn aus Van vertrieben hätte und stimmte dem also nicht zu. Entgegen dem, was er eigentlich beabsichtigt hatte, erteilte ihm die Göttliche Liebe einen kleinen Klaps. Er wurde aus Van entfernt, verlor sein schönes Haus und wurde gezwungen, seine Heimat zu verlassen und nach Ergani zu gehen.
Der dritte Fall betrifft Hulusi Bey, der unter den Mitgliedern und Dienern am Qur'an einer der bedeutendsten war.
Er war aus Egridir in seine Heimat zurückgekehrt, wo die Umstände günstig waren, das Glück in dieser Welt vollkommen zu erlangen und zu genießen. Das aber war möglicherweise die Ursache, die ihn im Dienste des Qur'an, der nur auf das Jenseits ausgerichtet ist, in gewissem Grade nachlässig werden ließ. Denn nun war er wieder mit seinen Eltern vereinigt, die er so lange nicht mehr gesehen hatte. Er war wieder zurück in seiner Heimat. Und da er mit Rang und Namen und in Ehren wieder zurückkehrte, so lächelte ihm die Welt und sie erschien ihm gut und schön, während denen, welche im Dienst am Qur'an stehen entweder die Welt nicht mehr genügt, sodass sie sich enttäuscht von ihr abwenden, oder aber die Welt sich enttäuscht von ihnen abwendet, worauf sie sich nun ernsthaft und aufrichtig dem Dienst am Qur'an zuwenden können.
Nun war wohl Hulusis Herz nicht zu erschüttern, doch weil diese Situation ihn zur Nachlässigkeit verleitete, erhielt er nun einen Klaps von der Göttlichen Liebe. Ein oder zwei volle Jahre wurde er von einigen Heuchlern (munafiq) so belästigt, dass auch die weltlichen Freuden ihm vergingen. Dies aber bewirkte, dass sowohl er sich enttäuscht von der Welt abwandte, als auch die Welt ihm enttäuscht den Rücken kehrte. So wandte er sich denn wieder seiner Aufgabe zu, mit allem Ernst und so, wie sie es erforderte.
Der vierte Fall betrifft Muhadjir Hafiz Ahmed.
"Ich muss in der Tat bekennen, dass ich vom jenseitigen Standpunkt aus gesehen eine völlig falsche Vorstellung (idjtihad) über meinen Dienst am Qur'an gehabt habe. Ich hatte damals einen Wunsch, der mich im Dienst am Qur'an nachlässig hätte werden lassen. So empfing ich denn aus der Hand der Göttlichen Liebe zwar einen heftigen Schlag, aber auch die Vergebung (kaffaret). Es war dies wie folgt:
Da Ustadh (mein Lehrer) diesen Neu-Einführungen nicht gerade günstig gesinnt war, meine Moschee aber in seiner Nachbarschaft lag und die Ehrwürdigen Drei Monate vor der Türe standen, so wäre ich mit dem Verlassen meiner Moschee sowohl vieler Verdienste (sevab) verlustig gegangen und zugleich hätten sich die Leute rundum daran gewöhnt, nicht mehr zum Gebet zu kommen. Sollte ich aber die neuen Regelungen nicht mitmachen, so hätte man mich entlassen. So wollte ich denn entsprechend meiner damaligen Sichtweise, dass Ustadh, den ich mehr liebte als meine Seele (ruh), vorübergehend in ein anderes Dorf gehen möge. Ich wusste damals nicht, dass für den Fall, dass er an einen anderen Ort wechselt, oder in eine andere Gegend (memleket) geht, dies zugleich eine vorübergehende Stockung im Dienst am Qur'an hervorrufen würde. Genau zu diesem Zeitpunkt traf mich (ein Schlag wie) eine Ohrfeige. Sie war einerseits so voll Liebe (Shefqat) und doch zugleich so fürchterlich, dass ich schon seit drei Monaten nicht mehr zur Besinnung gekommen bin. Doch Dank sei Gott, wurde Ustadh - wie er mir versichert hat - eingegeben, dass wir von Gottes Barmherzigkeit erhoffen dürfen, dass eine jede Minute dieser Krankheit (musibet) einem Tag des Dienstes und der Anbetung gleich kommt. Denn dieser Fehler unterlief mir nicht aus reiner Bosheit, vielmehr war dieser Wunsch in mir nur auf Grund eines Gedankens an das Jenseits entstanden."
Der fünfte Fall betrifft Hakki Efendi.
Da er jetzt nicht hier ist, möchte ich ihn vertreten, so wie ich auch Hulusi vertreten habe und stellvertretend für ihn sagen: Während Hakki Efendi rechtschaffen seine Aufgabe als Schüler versah, kam ein sittenloser Landrat (kaymaqam). Um weder Ustadh noch sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen, verbarg er, was er geschrieben hatte.
Ja er gab vorübergehend selbst seinen Dienst an der (Risala) Nuriye auf. Da empfing er plötzlich von der Hand der Göttlichen Liebe einen Schlag in Form eines Gerichtsverfahrens, das gegen ihn eröffnet wurde, demzufolge man ihn zu einer Geldbuße von Tausend Lira verurteilte. Ein Jahr lang hing diese Forderung über seinem Haupt, bis er endlich wieder hierher kam, wo wir uns dann trafen. Mit seiner Rückkehr nahm er seine Aufgaben als Schüler im Dienst am Qur'an wieder auf. Da wurde das Urteil, das dieser Schlag der Göttlichen Liebe gegen ihn gewesen war, wieder aufgehoben und er wurde frei gesprochen.
Später begann dann eine neue Aufgabe für die Schüler, nämlich eine Niederschrift des Qur'an auf ganz neue Art abzufassen und auch Hakki Efendi bekam seinen Abschnitt zugeteilt. Er übernahm diesen Abschnitt und schulterte (seine neue Aufgabe) mit großem Ernst. Und er schrieb einen Abschnitt (djuz) recht schön, jedoch dazu gezwungen, sich um seinen Lebensunterhalt sorgen zu müssen, glaubte er, sich heimlich bei der Anwaltskammer einschreiben lassen zu müssen. Plötzlich bekam er schon wieder einen Schlag ins Gesicht. Er brach nämlich plötzlich seinen Finger, der den Bleistift hielt. Es würde ihm also nicht möglich sein, mit demselben Finger Anwaltsschriften abzufassen und zugleich den Qur'an abzuschreiben; so wurde er im übertragenen Sinne ermahnt. Da wir nicht wussten, dass er sich bei der Anwaltskammer hatte einschreiben lassen, waren wir über diesen Finger sehr erstaunt. Später wurde es klar, dass dieser so heilige und reine Dienst am Qur'an mit den eigens dafür bestimmten ganz besonders sauber gehaltenen Fingern es nicht erlaubt, (seine Hände) in anderer (Leute) Arbeit zu stecken. Wie dem auch sei... Der Überzeugung, dass Hulusi Bey darin mit mir übereinstimmt, habe ich an seiner
Stelle für ihn gesprochen; und das gleiche gilt auch für Hakki Efendi. Sollte er mit mir als seinem Anwalt nicht zufrieden sein, möge er selber über die Ohrfeigen (die er bekommen hat) schreiben!
Der sechste Fall betrifft Bekir Efendi.
Da er im Augenblick nicht anwesend ist, will ich so, wie ich bereits meinen Bruder Abdulmecid vertreten habe, im Vertrauen auf sein Vertrauen und seine Treue zu mir und gestützt auf die Kenntnis meiner mir besonders nahe stehenden Freunde, wie Schamli Hafiz und Suleyman Efendi, Folgendes sagen:
Bekir Efendi hatte das Zehnte Wort drucken lassen. So sandten wir ihm also auch das "Fünfundzwanzigste Wort", (eine Risala) über den Qur'an als ein Wunder, um es noch vor der Einführung der neuen (lateinischen) Buchstabenschrift drucken zu lassen. Dabei haben wir ihm auch geschrieben, dass wir ihm die Druckkosten schicken werden, so wie wir sie ihm bereits für das "Zehnte Wort" geschickt hatten. Bekir Efendi aber dachte an meine armselige Lage, stellte sich vor, dass dabei Druckkosten bis zu vierhundert (Lira) in Banknoten auflaufen würden und sagte sich dabei, dass der Hodja sicherlich nicht damit einverstanden wäre, wollte er (diesen Betrag) aus seiner eigenen Tasche begleichen. So betrog ihn denn seine Seele (nefs). Der Druck unterblieb. Dem Dienst am Qur'an entstand so ein beträchtlicher Schaden. Zwei Monate später wechselten neunhundert Lira in die Hände von Dieben über. So hatte er also von der Hand der Göttlichen Liebe einen ziemlich derben Schlag empfangen. Möge Gott wollen, dass diese verloren gegangenen neunhundert Lira als eine Art Sadaqa (Spende) herüber gewechselt haben mögen!
Der siebente Fall betrifft Schamli Hafiz Taufiq.
"Ich muss in der Tat gestehen, dass ich mich auf Grund meiner Unwissenheit und meines verkehrten Denkens
falsch verhalten habe und so dem Dienst am Qur'an hätte einen Schaden zufügen können. Dafür bekam ich von der Hand der Göttlichen Liebe zwei Ohrfeigen (shefqatli tokat). Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Ohrfeigen aus dieser Richtung kamen.
Die erste:
Dank sei Gott (lillahilhamd), dass mir die arabische Schrift anvertraut (ihsan) worden ist, welche in gewissem Grade (von meinen Fähigkeiten abhängig) das geeignete Werkzeug für den Qur'an darstellt. Ustadh wies mich zunächst an, drei Djuz abzuschreiben und verteilte den Rest auf meine Mitschüler. Meine Bemühungen, den Qur'an abzuschreiben zerstörten meinen Wunsch, der Risala zu dienen, sie sauber und ordentlich zu kopieren, oder auch einfach (einen Entwurf aufzunehmen). Ja in meinem Stolz (gurur) wurde ich sogar so überheblich, dass ich versuchte meine Mitschüler zu übertrumpfen, die die arabische Schrift nicht beherrschten. Wenn Ustadh mir Anweisungen bezüglich meiner Schreibweise erteilen wollte, sagte ich sogar: "Das ist meine Arbeit." und fügte in meinem Stolz hinzu: "Ich weiß schon Bescheid. Ich brauche da keine Belehrungen." Daraufhin bekam ich nun eine Ohrfeige, wie sie meinem Fehler entsprach, aber kräftiger als ich es mir vorstellen konnte: Es gelang mir nicht, es einem meiner Brüder (Husrev), der am wenigsten von arabischer Kalligraphie verstand, gleich zu tun. Darüber waren wir alle erstaunt. So verstanden wir nun: Das war eine Ohrfeige.
Die zweite:
Ich muss auch gestehen, dass mich zwei meiner Eigenschaften im Dienst am Qur'an behinderten, nämlich daran, in vollkommener Aufrichtigkeit (ikhlas) und nur um Gottes willen (livedjhillah) zu dienen. Daraufhin bekam ich eine kräftige Ohrfeige. Denn in dieser Gegend hier bin ich in der Fremde, ein Fremdling. Ich möchte mich übrigens nicht darüber beklagen, weil ich ja den wichtigsten Grundsatz von Ustadh, seine Sparsamkeit und seine Bescheidenheit (iktisad ve kanaat), nicht beachtete. So litt ich denn unter der Armut. Da ich nun einmal dazu gezwungen bin, mit selbstgefälligen
und überheblichen Menschen zu verkehren, musste auch ich selbst - möge Gott der Gerechte es mir verzeihen - ein vornehmes Auftreten vortäuschen und ein gekünsteltes Verhalten zur Schau tragen. Ustadh hat mich viele Male deswegen verwarnt, ermahnt, gescholten, doch leider konnte ich mich selbst nicht davor bewahren. Doch die Teufel in Dschinnen- und Menschengestalt zogen ihren Nutzen aus meiner Lage, die doch dem Geist des Dienstes am Weisen Qur'an entgegengesetzt war, und zugleich breitete sich über unserem Dienst eine Kälte und Nachlässigkeit aus.
So habe ich denn auf Grund meines Fehlers einen heftigen Schlag empfangen, der jedoch - wolle es Gott! - von Seinen liebevollen Händen kam. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich diesen Schlag auf Grund meines Fehlers bekommen habe. Es handelte sich aber bei diesem Schlag um Folgendes: Obwohl ich acht Jahre lang für Ustadh sowohl Gesprächspartner (muhatab) war, als auch sein Sekretär und sein Kopist, konnte ich doch in den letzten acht Monaten von diesen Lichtern (aus der Risala) keinen Nutzen ziehen. Wir haben uns über diesen Zustand gewundert. Ustadh und ich fragten uns: "Warum ist das so?" und suchten nach dem Grund (esbab) dafür. Nun aber kam uns die sichere Überzeugung, dass die qur'anischen Wahrheiten ein Licht ausstrahlen, dass sich nicht mit der Finsternis eines gekünstelten, kriecherischen, würdelosen (Verhaltens) vereinigen kann. Deshalb erschien es mir so, als ob sich die Bedeutung der Wahrheiten dieser Lichter (der Risala) von mir entfernten, sich von mir entfremdeten und mir weiterhin fremd blieben. Darum erflehe ich von Gott dem Gerechten, nach all dem möge mir Gott der Gerechte die Güte (ihsan) jener Aufrichtigkeit verleihen, die dieses Dienstes würdig ist und mich aus meinem heuchlerischen (riya), gekünstelten Benehmen gegenüber den Weltleuten erretten. Besonders aber bitte ich Ustadh und alle meine Brüder um ihr Gebet (dua)."
Der achte Fall betrifft Seyrani.
Gleich Husrev war er einer meiner besonders begabten Schüler, der sich sehr für die (Risale-i) Nur begeisterte. Nun wollte ich die Ansichten meiner Schüler in Isparta herausfinden, was die Übereinstimmungen betrifft, die ein Schlüssel zu den Geheimnissen des Qur'an sind und den Zugang zur Wissenschaft von den Zahlen (djifr) erschließen. Außer ihm nahmen alle anderen voller Begeisterung an diesem Disput teil. Er aber, weil er darüber anderer Meinung war und sich für andere Dinge interessierte, wollte sich nicht beteiligen und wollte auch noch, dass ich die Wahrheit derer ich doch sicher war, aufgeben sollte. Dann schrieb er mir einen Brief, der mich ziemlich erregte. "Oh weh!", sagte ich, "Ich habe diesen Schüler verloren." Natürlich wollte ich Licht in seine Gedankenwelt bringen. Doch eine andere Meinung brachte noch mehr Verwirrung. Er empfing von der Hand der Göttlichen Liebe einen Schlag ins Gesicht: er musste fast ein Jahr lang nach Art der Klausner in einem Gefängnis bleiben.
Der neunte Fall betrifft Hafiz Sühtü, den Älteren.
Dieser Mann erachtete zu einer Zeit, da ihm in Agrus an der Spitze der Nur-Schüler deren Betreuung oblag, die geistliche Ehre seiner Schüler, die die Befolgung der Gelobten Sitte und die Zurückhaltung vor ketzerischen Neuerungen als ihren Weg gewählt hatten, als nicht (für sich) ausreichend und übernahm daher den Unterricht in einer schwerwiegenden Ketzerei, {Das heißt, er lehrte die lateinische Umschrift in eigener Verantwortung - A.d.Ü.} mit der Absicht, dadurch in den Augen der Weltleute eine gewisse Anerkennung zu gewinnen. Damit aber beging er einen Fehler, der unserem Weg direkt und vollständig entgegengesetzt war. So empfing er denn aus der Hand der Göttlichen Liebe einen
besonders schweren Schlag. Es ereignete sich nämlich ein Vorfall, der die Ehre seines Hauses ganz und gar zerstörte. Leider wurde auch der Jüngere Hafiz Sühtü mit von diesem Vorfall betroffen, obwohl er doch diesen Schlag gar nicht verdient hatte. Möge es daher Gott wollen, dass dieser Vorfall für ihn zu einem heilbringenden chirurgischen Eingriff werde, der sein Herz von aller Anhaftung an weltliche Dinge befreit, um es vollständig dem Qur'an zu übergeben!
Der zehnte Fall betrifft einen Mann mit Namen Hafiz Ahmed.
Dieser Mann schrieb die Abhandlungen (Risala) zwei drei Jahre lang mit einer mitreißenden Begeisterung und zog daraus auch selbst seinen Nutzen. Dann aber zogen die Weltleute ihren Nutzen aus einer schwachen Seite seines Charakters. Seine Begeisterung wurde geschwächt. Er nahm Verbindung zu den Weltleuten auf. Seine Absicht war dabei, dass die Weltleute ihm keinen Schaden zufügen sollten. Zudem wollte er, dass sein Wort bei ihnen Geltung erlange und er so seine Stellung bei ihnen festige und er dadurch auch die Sorge um seinen arg beschränkten Lebensunterhalt erleichtern möge. Deshalb also empfing er eine Ohrfeige im Hinblick auf seine Nachlässigkeit im Dienst am Qur'an und noch eine für den Schaden, den er auf diese Weise angerichtet hatte. Die eine bestand darin, dass er aus seinen knappen Mitteln noch weitere fünf Seelen (nefs) unterstützen musste, was den Ernst seiner Lage nur noch verschlechterte. Die zweite Ohrfeige aber bestand darin, dass einige hinterhältige Menschen von diesem Mann, der hinsichtlich seiner Ehre und Selbstachtung so empfindlich war und der doch Kritik und Widerspruch von keinem einzigen ertragen konnte, hinter seinem Rücken und ohne dass er etwas davon wusste, dergestalt missbraucht wurde, dass seine Ehre vernichtet wurde. Neunzig Prozent seiner Ehre wurde zerstört und neunzig Prozent aller Leute kehrten sich gegen ihn. Wie dem auch sei... Möge Gott ihm vergeben!
Möge Gott wollen, dass er dadurch zur Besinnung kommt und vielleicht dadurch zu seiner Aufgabe zurückkehrt. {Er ist inzwischen in Gottes Frieden heimgekehrt. Möge Gott sich seiner erbarmen! - A.d.Ü.}
Der elfte Fall wird hier nicht geschrieben, weil es dazu vielleicht kein Einverständnis gibt.
Der zwölfte Fall betrifft den Lehrer Galip.
Dieser Mann leistete in der Tat mit einer ehrlichen Begeisterung große Dienste beim Abschreiben der Abhandlungen und zeigte keinerlei Schwäche in irgendwelchen Schwierigkeiten. Die meisten Tage kam er, hörte in vollständiger Hingabe zu und verfertigte seine Kopien. Danach ließ er alle "Worte" (Sözler) und "Briefe" (Mektubat) für dreißig Lira abschreiben. Seine Absicht dabei war es, diese in seiner Heimat zur Verteilung anzubieten und seine Landsleute auf diese Weise zu erleuchten. Jedoch zufolge einiger Überlegungen verteilte er die Abhandlungen nicht, so wie er sich das vorgestellt hatte, sondern ließ sie in ihrer Kiste. Da ereilte ihn ein schwerer Schicksalsschlag, was ihm für ein Jahr Kummer und Sorge einbrachte. Auf diese Weise machte er sich an Stelle einiger Gegner bei den Behörden, die ihm wegen der Verteilung der Abhandlungen feindlich gesinnt waren, viele brutale und ungerechte Feinde und verlor viele seiner Freunde.
Der dreizehnte Fall betrifft Hafiz Halid.
"Ich gestehe in der Tat, dass zu einer Zeit, da ich mit Feuereifer dabei war, im Dienst am Qur'an Niederschriften anzufertigen, die Ustadh dann verteilte, in einer Moschee in unserer Gegend die Stelle für den Imam frei wurde. Da dachte ich daran, mich wieder (wie ein Imam) zu kleiden und auch einen Turban dazu zu tragen und (durch diese Gedanken wurde ich) in meinem Dienst abgelenkt, bzw. ging ihm bewusst aus dem Wege. Da empfing ich von der Hand der Göttlichen Liebe einen Schlag, der
meinen Absichten entgegengesetzt war. Und obwohl ich acht oder neun Monate als Imam tätig war, war ich auf eine ganz ungewöhnliche Weise nicht in der Lage, wieder meinen Turban zu tragen, obwohl mir doch der Mufti dies versprochen hatte. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieser Schlag das Ergebnis dieses Irrtums war. Dabei war ich für Ustadh sowohl ein Gesprächspartner (muhatab) als auch sein Sekretär. Auf Grund meiner Nachlässigkeit geriet er mit der Niederschrift in Schwierigkeiten. Wie dem auch sei... Gott sei wiederum Dank: wir verstanden nun meinen Irrtum und es wurde uns klar, wie heilig dieser Dienst ist. Das gab uns die Gewissheit, dass der Ustadh Scheich Geylani hinter uns stand und gleichsam unser Schutzpatron war."
Der vierzehnte Fall betrifft die drei Mustafa, die drei winzig kleine Ohrfeigen bekommen haben.
Der erste von ihnen war Mustafa Tschavusch. Acht Jahre lang diente er in unserer eigenen kleinen Moschee, inklusive Ofen, einschließlich Heizöl, zusätzlich Streichhölzer. Wir haben erst später erfahren, dass er in diesen acht Jahren Heizöl und Streichhölzer aus eigener Tasche bezahlte. Besonders in der Nacht zum Freitag schloss er sich stets der Gemeinde an, insoweit keine anderen besonders dringenden Arbeiten vorlagen. Später sagten die Weltleute, wobei sie seine Herzensreinheit benutzten, zu ihm: "Man wird Hafiz, einen der Schreiber der 'Worte', wegen seines Turbans belästigen: er sollte doch damit aufhören, heimlich (auf arabisch) zum Gebet zu rufen (ezan). Und sage diesem Schreiber auch, er solle lieber seinen Turban abnehmen, ohne dass wir erst Zwang anwenden müssen." Dabei wussten sie aber nicht, dass es einem Mann von hohem Geist, wie Mustafa Tschavusch, außerordentlich schwer fallen musste, jemandem, der im Dienst am Qur'an stand, die Mitteilung zu machen, er solle
seinen Turban abnehmen. Dennoch machte er ihm diese Mitteilung.
In dieser Nacht träumte ich, dass Mustafa Tschavusch mit schmutzigen Händen hinter dem Landrat (kaymaqam) meine Kammer betrat. Am nächsten Tag fragte ich ihn: "Mustafa Tschavusch, mit wem hast du dich heute getroffen? Ich habe dich im Traum mit schmutzigen Händen hinter dem Landrat gesehen." Er antwortete: "Leider ja. Der Schulze (muhtar) hatte mir etwas derartiges gesagt, damit ich es dem Schreiber mitteilen solle. Ich wusste nicht, was dahinter steckt."
Am gleichen Tage brachte er etwa ein Okka (anderthalb Liter) Heizöl zur Moschee. Wie noch nie zuvor geschehen, blieb an diesem Tag die Tür offen und ein kleines Zicklein lief herein. Danach kam ein groß gebauter Mann herein, dachte, das Heizöl in der Kanne sei Wasser und goss das ganze Heizöl überall in der Moschee aus, in der Absicht, sie damit zu reinigen und dabei auch den Schmutz zu beseitigen, den das Zicklein neben der Sedjade (Gebetsteppich) hatte fallen lassen. Das Merkwürdige war nur, dass ihm der Geruch dabei gar nicht auffiel. Mit anderen Worten: Die Moschee wollte Mustafa Tschavusch in ihrer Art ohne Worte (lisan-i hal) mitteilen: "Wir brauchen dein Heizöl nicht. Ich habe dein Heizöl, auf Grund des Fehlers, den du (durch die Weitergabe dieser Mitteilung) begangen hast, nicht akzeptiert." Es war um dieses Hinweises willen, dass sie den Mann den (eigenartigen) Geruch nicht wahrnehmen ließ. In dieser Woche konnte er die verpflichteten Gebete mehrmals nicht mit der Gemeinschaft verrichten, so sehr er sich dabei auch anstrengte; selbst in der Nacht zum Freitag nicht. Danach aber bereute er aufrichtig, suchte Vergebung (istighfar) und fand danach endlich wieder zu seiner ursprünglichen (Herzens)reinheit zurück.
Die anderen beiden Mustafa waren meine ehrenwerten, fleißigen, hervorragenden Schüler Mustafa aus Kuleönü und sein sehr zuverlässiger und zutiefst ergebener
Freund Hafiz Mustafa. Nach den Festtagen (Bayram) sandte ich ihnen eine Nachricht und ließ ihnen mitteilen, sie sollten vorläufig nicht zu mir kommen, um den Weltleuten keine Gelegenheit zu geben, uns zu belästigen und den Dienst am Qur'an zu stören. Falls sie aber doch kommen wollten, so sollte ein jeder einzeln und für sich kommen. Dann aber kamen sie eines Nachts alle drei zu gleicher Zeit. Sie beabsichtigten jedoch bei günstigem Wetter noch vor der Morgendämmerung wieder zu gehen. Dann aber geschah, was noch nie zuvor geschehen war: weder Mustafa Tschavusch, noch Suleyman Efendi, weder ich selbst, noch sie selbst hatten daran gedacht, klare Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Etwas hatte es uns einfach vergessen lassen. Ein jeder überließ es dem anderen, traf aber selbst keine Vorkehrungen. Sie gingen vor der Morgendämmerung. Dann aber schlug ihnen zwei Stunden lang ununterbrochen ein solcher Sturm um die Ohren, dass ich schon befürchtete, sie würden sich vor diesem Sturm nicht mehr retten können. Es hatte bis dahin in diesem Winter noch keinen solchen Sturm gegeben, noch hatte ich bis dahin irgendwen dermaßen bedauert. Als Strafe für seine Unvorsichtigkeit wollte ich ihnen nun Suleyman hinterherschicken, um zu sehen, ob sie noch heil und wohlauf seien. Aber Mustafa Tschavusch sagte: "Wenn er geht, wird er auch dort draußen bleiben. Dann muss auch ich hinter ihnen her, um sie zu suchen. Danach muss dann Abdullah Tschavusch hinter mir her gehen." So sagten wir denn schließlich: "Wir vertrauen auf Gott (tevekkelna 'alallah)!" und wir warteten.
Eine Frage:
Du bezeichnest die Unglücksfälle (musibet), die über deine Freunde gekommen sind, als "Ohrfeigen (tokat)" und nennst sie einen Schlag ins Gesicht derer, die in ihrem Dienst am Qur'an nachlässig gewesen sind. Aber diejenigen, welche in Wahrheit euch und dem Dienst am Qur'an feindlich gesinnt waren, unbehelligt geblieben sind. Weshalb bekommen Freunde Ohrfeigen, während Feinde verschont bleiben?
{"Ungerechtigkeit setzt sich nicht fort. Doch der Unglaube besteht."}
Nach diesem Geheimnis sind die Irrtümer der Freunde eine Art von Ungerechtigkeit in unserem Dienst und werden deshalb auch rasch bestraft. Wer einen zärtlichen Klaps (shefqat tokat) erhält und bei Verstand (aqil) ist, besinnt sich. Die Feinde aber, die sich dem Dienst am Qur'an widersetzen und ihn zu verhindern suchen, tun dies auf Rechnung ihres Irrwegs. Wissentlich oder unwissentlich unterstützt ein jeder Angriff auf unseren Dienst ihre Gottlosigkeit. Da der Unglaube sich fortsetzt, empfangen sie im Allgemeinen nicht so rasch eine Ohrfeige.
Ebenso wie die Strafen für kleinere Übertretungen in den Kreisstädten abgehandelt werden, während die schwereren Verbrechen an den Hohen Gerichtshof verwiesen werden, so werden den gleichen Gesetzen entsprechend die kleinen Irrtümer der Gläubigen und naher Freunde rasch bestraft, und das teilweise in dieser Welt, um sie ebenso schnell wieder zu reinigen. Doch die Verbrechen der Leute des Irrtums sind so groß, dass sie, weil sie nun einmal in diesem kurzen Leben nicht so bestraft werden können, wie es die Gerechtigkeit erfordert, an den Obersten Gerichtshof in der Ewigkeit verwiesen werden und daher meistens unbestraft bleiben.
{"Die Welt ist ein Gefängnis für den Gläubigen und ein Paradies für den Ungläubigen."}
Diese Ehrenwerte Hadith verweist uns gleichfalls auf diese bekannte Wahrheit. Das heißt, da der Gläubige schon in dieser Welt einen Teil seiner Strafe empfängt, ist die Welt für ihn ein Ort der Strafe. Für ihn ist die Welt im Vergleich
zur Ewigen Glückseligkeit im Jenseits die Hölle und ein Gefängnis. Da aber nun einmal die Ungläubigen nicht aus der Hölle entlassen werden, empfangen sie den Gegenwert zum Teil schon in dieser Welt, während der für ihre schweren Sünden (büyük seyyiatlar) noch aufgehoben wird, sodass diese Welt für sie zum Paradies wird im Vergleich zu (ihrem Leben) im Jenseits. Andererseits ist der Gläubige in dieser Welt gegenüber dem Ungläubigen in seinem Inneren (manen) und im Hinblick auf die Wahrheit bei weitem glücklicher. Für den Gläubigen ist seine Überzeugung (iman) im Geiste dieses Gläubigen so gut wie das Paradies in seinem Inneren. Des Ungläubigen Unglaube aber entzündet das Feuer der Hölle in der Natur des Ungläubigen.
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Elfter Blitz
"Eine Stufenleiter zur Sunna" und ein Serum gegen die Krankheit ketzerischer Neuerungen (bid'a), die der islamischen Gesinnung widersprechen.
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Nun aber ist ein Prophet aus euren eigenen Reihen zu euch gekommen, einer, dem es nahe geht, wenn ihr in Bedrängnis geratet, der sehr um euch besorgt und den Gläubigen gegenüber voll Mitleid und Erbarmen ist." (Sure 9, 128)}
(Das erste Kapitel zu dieser Ayah ist der "Hohe Weg zur Sunna (der Tradition des Propheten)" und das zweite Kapitel die "Stufenleiter zur Sunna.")
{"Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: 'Gott allein genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des Gewaltigen Thrones.'" (Sure 9, 129) "Sprich: Wenn ihr Gott liebt, dann folgt mir. So wird Gott euch lieben." (Sure 3, 31)}
Unter Hunderten von Anmerkungen, welche diese beiden
mächtigen Ayat betreffen, wollen wir nun elf Anmerkungen kurz und bündig erklären.
Erste Anmerkung:
Von dem Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, stammt der folgende Ferman:
Das heißt: "Wer zur Zeit des Verderbens in meiner Gemeinde dennoch an meiner Sunna festhält, wird Lohn und Segen von hundert Märtyrern gewinnen." In der Tat ist die Befolgung der Gelobten Sunna mit Sicherheit sehr wertvoll. Besonders in einer Zeit, wo die ketzerischen Erneuerungen (bid'a) auf dem Vormarsch sind, ist es ganz besonders wertvoll, dennoch an der Gelobten Sitte festzuhalten. Besonders zur Zeit des Verderbens in meiner Gemeinde dennoch einen kleinen Teil der Gelobten Sunna zu befolgen, setzt einen bedeutenden Anteil an Gottesfurcht (taqwa) und einen starken Glauben (kuvvetli bir iman) voraus. So ganz unmittelbar der Sunna zu folgen, ruft den Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, in Erinnerung und diese Erinnerung wird zu einem Erlebnis, welches sich dann umwandelt in ein Erleben der göttlichen Gegenwart (huzur-u Ilahi). Sogar die geringfügigste Handlung, ja selbst Gewohnheiten wie Essen, Trinken oder Schlafen, diese gewöhnlichen Tätigkeiten, diese rein natürlichen Handlungen (fitri amel) werden, sobald man dabei die Gelobte Sitte beachtet, so verdienstvoll wie ein Gebet und entsprechen dem islamischen Gesetz (sheriat). Denn bei solch gewöhnlichen Handlungen (adi) denkt man daran, dass man dem Ehrenwerten Propheten nachfolgt, mit dem Friede und Segen sei, und stellt sich dabei vor, dass man dem islamischen Gesetz (Scharia) entsprechend der Gesittung (des Propheten) folgt. Sodann erinnert man sich, dass (der Prophet) der oberste Repräsentant des Gesetzes ist. Und von ihm aus wendet man sein Herz Gott dem Gerechten zu, der der wahre Gesetzgeber ist. Und so erwirbt man eine Art Gespür für
die Gegenwart Gottes, gelangt zu Seinem Dienst und zu Seiner Anbetung (ibadet).
So kann denn der, der in diesem Geheimnis die Befolgung der Gelobten Sitte zu seiner Gewohnheit (adet) gemacht hat, alle seine Handlungen in einen Gottesdienst verwandeln und so sein ganzes Leben fruchtbar und verdienstvoll werden lassen.
Zweite Anmerkung:
Imam Rabbani Ahmed Faruqi, mit dem Gott zufrieden sein möge, sagte: "Während ich auf meiner geistigen Reise die Stufen emporstieg, sah ich, dass die strahlendste, glänzendste, subtilste und sicherste Ebene (im Wege) der Gottesfreundschaft, (die Ebene derer ist), welche die Befolgung der Gelobten Sitte als Basis ihres Ordensweges angenommen hatten. Ich sah, dass auf dieser Ebene sogar die gewöhnlichen Gottesfreunde noch prächtiger aussahen als die edelsten unter den Gottesfreunden auf den übrigen Ebenen." Imam Rabbani, der Reformator des zweiten Jahrtausends (Mudjeddid-i elf-i sani), mit dem Gott zufrieden sein möge, hat in der Tat die Wahrheit gesagt: wer die Gelobte Sitte zu seiner Basis wählt, gelangt unter dem Schatten des Geliebten Gottes (Habibullah) auf die Stufe der göttlichen Liebe (maqam-i mahbubiyet).
Dritte Anmerkung:
Zu einer Zeit, da sich dieser arme Said noch darum bemühte, sich von dem alten Said zu verabschieden, wurden mein Herz und mein Verstand ohne einen Wegweiser und infolge dieses Stolzes meiner eigenwilligen Seele zwischen (all den verschiedenen Dingen, die ihm als) Wahrheit erschienen, in einem überaus fürchterlichen Sturm hin und her geworfen. Bald wurden sie vom Siebengestirn zur Erde, bald von der Erde zum Siebengestirn, zwischen empor und wieder hinab umhergeschleudert.
So konnte ich denn in dieser Zeit beobachten, dass die Gelobten Sitten in jeder Angelegenheit, ja sogar die kleinen Verhaltensmaßregeln, einem Schiffskompass mit
Richtungsweiser gleichen und sah, dass sie wie die Begrenzungspfähle an den zahllosen, gefährlichen, dunklen Straßen sind. Als ich ferner in der damaligen Zeit auf diesem geistigen Weg in eine Lage geriet, wo ich mich gebeugt unter dem Druck meiner wirklich schweren Last gehen sah, fand ich, jedes Mal wenn ich in einer solchen Lage den Gelobten Sitten in der entsprechenden Angelegenheit folgte, in ihnen eine Erleichterung, als hätte man mir alle Last (von meinen Schultern) genommen. Wenn ich mich ihnen unterwarf (teslim) und mich in meiner Unsicherheit z.B. fragte: "Ist etwa dieses Verhalten so richtig? Ist es so vielleicht angemessen?", so rettete ich mich (auf diese Weise) von allen Zweifeln (vesvese) und Skrupeln. Wann immer aber ich mich von ihnen abwenden wollte, sah ich, dass der Druck (der auf mir lastete) groß war. Es gab da so viele Wege, doch wohin sie führten, war unbekannt. Die Last war schwer und ich war völlig hilflos. Meine Augen waren kurzsichtig und der Weg (der vor mir lag) finster. Wann immer ich aber an der Sunna festhielt, erleuchtete sich mir der Weg. Ein sicherer Weg wurde sichtbar. Meine Last wurde leichter und ich fühlte mich in einem Zustand, als hätte man meine Bürde von mir genommen. Und so konnte ich denn damals das Urteil von Imam Rabbani auf Grund meiner eigenen Erfahrung bestätigen.
Vierte Anmerkung:
Zu einer Zeit, da ich mich einmal mit dem Tod verband (rabita-i maut), bestätigte sich mir das Urteil:
اَلْمَوْتُ حَقٌّ {"Der Tod ist eine Realität."} und ich sah mich in einer sehr merkwürdigen Welt, einer aus meinem eigenen Geisteszustand heraus entstandenen Welt voll Untergang und Zerfall. Und ich erblickte mich: Ich war ein Leichnam und stand am Kopfende dreier riesiger Leichname.
Der erste (Leichnam):
Ich war gleich einem Grabstein am Kopfende eines symbolischen (manevi) Leichnams, gebildet aus all den lebendigen Geschöpfen, mit denen ich im Leben verbunden gewesen und die nun ins Grab der Vergangenheit hinabgestiegen waren.
Der zweite:
In jenem Friedhof, der unser Globus ist, bin ich nur ein Punkt im Antlitz dieses Jahrhunderts, das wie ein Grabstein am Kopfende jenes gewaltigen Leichnams steht, der die Gesamtheit aller Arten von Lebewesen ist, die mit dem Leben des Menschengeschlechts verbunden sind und in das Grab der Vergangenheit hinabgesenkt werden, (bin ich nur ein Punkt) der bald wieder abgewischt werden und eine Ameise, die bald sterben muss.
Der dritte:
Da nun einmal das Weltall am Jüngsten Tage sterben wird, ein Ereignis, das mit Sicherheit eintreten wird, ist dies in meinen Augen so, als wäre es bereits geschehen, wobei es mir vor Entsetzen über den Todeskampf dieses Riesenleibes voller Staunen und Verwunderung erschien, als wäre dieses Ereignis, das mit Sicherheit eintreten wird, da ich ja selbst einmal sterben werde, zur gleichen Zeit auch über mich gekommen. Nach dem Geheimnis von فَاِنْ تَوَلَّوْا {"Wenn sie sich aber abwenden... usw." (Sure 9, 129)} wandte sich bei meinem Tode alles Sein von mir ab, kehrten mir alle meine Freunde (mahbub) den Rücken, gingen hinweg und ließen mich allein. Mein Geist (ruh) wurde auf Seiten der Ewigkeit in die Zukunft, welche die Gestalt eines uferlosen Meeres hatte, geführt. In dieses Meer sollte er mit oder gegen meinen Willen hineingeworfen werden.
Doch während ich noch in diesem so sonderbaren und sehr traurigen Zustand war, standen mir mein Glaube und der Qur'an bei:
{"Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: Gott allein genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des Gewaltigen Thrones." (Sure 9, 129)}
Diese Ayah kam mir zu Hilfe und wurde mir zu einem sicheren und zuverlässigen Boot. Mein Geist stieg in vollkommener Zuversicht und Freude in diese Ayah ein. So verstand ich denn nun in der Tat, dass mich neben der wörtlichen Bedeutung dieser Ayah noch eine weitere Auslegung getröstet hat, wodurch ich Geborgenheit (sekinet) fand und sie mir innere Ruhe gab. So wie in der Tat der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, wortwörtlich sagt: "Wenn dir die Irrgläubigen den Rücken kehren und sich von Schariah und Sunna abwenden und nicht auf den Qur'an hören wollen, so mach dir deswegen keine Sorgen, sondern sage: 'Gott der Gerechte genügt mir. Zu ihm nehme ich meine Zuflucht. Er wird andere an eurer Stelle aufstehen lassen, die mir folgen werden. Der Thron Seiner Herrschaft umfasst alle Dinge. Weder können die Aufständischen Ihm über dessen Grenzen hinaus entfliehen, noch werden diejenigen, die Seinen Beistand anrufen, ohne Seine Hilfe bleiben!'", so sagt er, um das gleiche mit anderen Worten noch weiter auszulegen: "Oh Du Führer und Lehrer (Murshid)! Wenn auch alles Sein sich von Dir abwenden und auf dem Weg der Vergänglichkeit in das Nichtsein hinübergehen sollte, wenn alle lebenden Wesen sich von dir lossagen und auf dem Wege des Todes davoneilen sollten, wenn alle Menschen dich verlassen und in das Grab hinabsteigen sollten, wenn die Leute der Gottvergessenheit und des Irrtums dich nicht hören wollen und in die Finsternis stürzen, so mach dir deswegen keine Sorgen! Sage: 'Gott der Gerechte genügt mir. Da es Ihn gibt, so gibt es alle Dinge.' Und in diesem Fall sind die, welche weggegangen sind, nicht in ein
Nichts hineingegangen; sie sind in Sein anderes Königreich hinübergegangen und an ihrer Stelle wird der Herr des gewaltigen Thrones andere von Seinen unzähligen Soldaten aus seinen Streitkräften an ihre Stelle senden. Und die, welche in ihre Gräber hinabgestiegen sind, sind nicht zu nichts geworden, sie werden in eine andere Welt hinübergehen. Er wird andere an ihrer Stelle beauftragen und sie senden. Und an Stelle derer, die dem Irrtum verfallen sind, kann Er Seine gehorsamen Diener senden, die dem rechten Weg folgen werden. Weil dies aber so ist, so ist Er der Gegenwert aller Dinge. Alle Dinge können für den, auf den Er ein Auge geworfen hat, ein Äquivalent nicht sein!"
Jedoch entsprechend dieser anderen, etwas weiter gefassten Auslegung verwandelte sich (das Bild) dieser drei fürchterlichen Leichen, die mir zuerst einen solchen Schrecken eingejagt hatten, und vor mir entstand eine ganz andere Szene. Sie verwandelten sich nämlich unter der Leitung (tedbir) und Herrschaft (rububiyet) des Allweisen (Hakiem), Allbarmherzigen (Rahiem), Gerechten (Adil), Allmächtigen (Qadier) Herrn in Seiner Majestät (Dhat-i Dhu l-Djelal), des Allwissenden und Allerbarmers (zu Bildern) einer Lehrfahrt zu (den Quellen) der Weisheit, einem Studiengang mit Lehrbeispielen, einer Dienstreise mit verschiedenen Fahrzeugen auf einer belebten Straße, verbunden mit Entlassungen und Dienstverpflichtungen, wobei das ganze Weltall auf diese Weise durcheinander geschüttelt wurde, ging und wieder kam!...
Fünfte Anmerkung:
{"Sprich: Wenn ihr Gott liebt, dann folgt mir. So wird Gott euch lieben." (Sure 3, 31)}
Diese gewaltige Ayah verkündet auf eine sehr sichere Weise, wie wichtig und notwendig es ist, der Sunnah des Propheten zu folgen. In der Tat ist diese Ehrwürdige Ayah unter den Syllogismen der Logik (qiyasat-i mantik) die mächtigste, die eindeutigste
unter den hypothetischen und konditionalen Syllogismen (qiyas). Es ist dies wie folgt: Als Beispiel für einen hypothetischen Syllogismus sagt uns die Logik: "Wenn die Sonne aufgeht, wird es Tag." Im Falle einer positiven Schlussfolgerung heißt das: "Die Sonne ist aufgegangen. Wenn dies aber so ist, so ergibt sich daraus: es ist jetzt Tag." Im Falle einer negativen Schlussfolgerung sagt man also: "Es ist jetzt nicht Tag. Wenn dies aber so ist, so ergibt sich daraus: die Sonne ist nicht aufgegangen." Entsprechend der Logik sind diese beiden, die positive wie die negative Schlussfolgerung, eindeutig. In gleicher Weise sagt uns die Ehrwürdige Ayah: "Wenn ihr Gott liebt, so werdet ihr auch dem Geliebten Gottes folgen. Wenn ihr ihm nicht folgt, so ergibt sich daraus, dass ihr Gott nicht liebt." Wenn ihr Gott liebt, so ergibt sich daraus, dass die Befolgung der Gelobten Sitte des Geliebten Gottes sich daraus ergeben muss. Wer an Gott den Gerechten glaubt, der wird Ihm in der Tat auch gehorchen (itaat). Unter den Wegen des Gehorsams aber ist der angesehenste (maqbul), der direkteste (mustaqiem), kürzeste ohne allen Zweifel (bi lâ shübhe) der Weg, den der Geliebte Gottes uns gezeigt hat und dem er auch selbst gefolgt ist.
Es ist in der Tat zwangsläufig und offensichtlich, dass der Herr aller göttlichen Schönheit in Seiner Freigiebigkeit (Dhat-i Keriem-i Dhu l-Djemal) für Seine Gnadengaben von allen mit Bewusstsein begabten Wesen Dank erwartet. Und es ist ferner ganz klar, dass der Allweise in Seiner Majestät (Dhat-i Hakiem-i Dhu l-Djelal), der das Weltall mit so vielen Wunderwerken Seiner Kunst ausgestattet hat, unter allen mit Bewusstsein begabten Wesen sicherlich den vornehmsten zu Seinem Ansprechpartner und Dolmetscher, zu Seinem Ausrufer und zu einem Vorbild (imam) für Seine Diener und Anbeter machen wird. Und ferner ist auch klar, dass der Herr aller göttlichen Schönheit und Vollkommenheit (Dhat-i Djemil-i Dhu l-Kemal), der das Weltall und die unzähligen Manifestationen Seiner Schönheit und Vollkommenheit ins Dasein gerufen hat, sicherlich und in jedem Fall den vollkommensten Dienst und Seine Anbetung dem
übertragen wird, der (in seiner Begeisterung für Gottes) Schönheit und Vollkommenheit, (für all Seine guten) Namen und (all Seine) Kunstwerke, die Er doch sicherlich liebt und die Er ausstellen möchte ein umfassender, ein vollendeter Maßstab ist und das vollkommenste Mittel, seine innere Haltung zu einem guten Beispiel für andere werden zu lassen und sie dazu zu ermutigen, ihm zu folgen, damit seine vorbildliche Haltung auch in allen anderen sichtbar werde.
Die Liebe zu Gott (muhabbetullah) macht es notwendig und sie führt in ihrer Konsequenz dazu, der Gelobten Sitte zu folgen. Wie glücklich muss doch ein Mensch sein, der (sich von jedem Tag einen) großen Anteil zu ihrer Befolgung nimmt! Und wehe dem, der die Gelobten Sitten nicht zu schätzen weiß und sich statt dessen ketzerischen Neuerungen (bid'a) zuwendet!
Sechste Anmerkung:
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Segen und Friede sei, hat den folgenden Ferman erlassen:
{"Eine jegliche Neuerung ist ein Irrweg; und ein jeglicher Irrweg führt in das Feuer."}
Das heißt, entsprechend dem Geheimnis (der Ayah)
{"Heute habe ich für euch den Glauben vollendet." (Sure 5, 3)}
wäre, wollte man bezüglich der Gesetze der Glänzenden Schariah und der Bestimmungen der Gelobten Sitte, nachdem sie bereits vollendet und vervollständigt worden sind, durch Vorschläge ein Missfallen zu erkennen geben, oder aber sie - Gott bewahre! - für unvollständig erachten und ketzerische Neuerungen (bid'a) vorschlagen, so wäre dies ein Irrweg, (der ins) Feuer führt.
Es gibt in der Gelobten Sitte (zwischen den unterschiedlichen Sitten verschiedene) Abstufungen. Einige
von ihnen sind notwendig (vadjib) und dürfen nicht vernachlässigt werden. Diese Art wird bis ins Einzelne in der glänzenden Schariah beschrieben. Hier handelt es sich um Gesetze (muhkemat), die auf gar keinen Fall abgeändert werden dürfen. Andere hingegen sind freiwillig (nafila) und auch von dieser Art freiwilligen (Handlungen) gibt es wiederum zwei (Unter)arten:
Eine Art dieser Gelobten Sitte beschäftigt sich mit Dienst und Anbetung. Auch dies wurde in den Büchern der Schariah beschrieben und sie zu verändern käme einer Neuerung (bid'a) gleich. Die andere Art könnte als "Anstandsregeln" (Adab) bezeichnet werden. Man findet sie in den Büchern der Gelobten Lebensbeschreibungen (des Propheten). Sich ihnen zu widersetzen, kann man nicht als eine "Neuerung (bid'a)" bezeichnen. Es ist jedoch eine Art von Opposition gegen das stets untadelige Verhalten (Adab) des Propheten und hat zur Folge, dass man aus dem Licht, das von ihm ausgeht, und von seinem stets aufrichtigen Lebenswandel (edeb) keinen Nutzen zieht. Was diesen Teil (Sitten und Gebräuche) betrifft, so handelt es sich dabei um die alltäglichen Handlungen des Propheten, mit dem Friede und Segen sei, die uns durch gesicherte Überlieferungen (tavatur) von seinem spontanen Umgang her bekannt geworden sind. Zum Beispiel: Es gibt viele Gelobte Sitten, welche die Regeln darlegen, wie man mit Anstand und Würde spricht, isst und trinkt und wie man sich niederlegt. Derartige Gewohnheiten werden unter der Bezeichnung "anständiges Verhalten (Adab)" zusammengefasst. Wer den entsprechenden Regeln (Adab) folgt, verwandelt seine gewohnheitsmäßigen Handlungen (adat) in einen Gottesdienst (ibadet). Aus einem solcherart anständigen Verhalten empfängt er dann (Gottes) reichsten Segen. Befolgt er auch nur die kleinste dieser Verhaltensregeln, so ruft er sich den Ehrenwerten Gesandten, mit dem Frieden und Segen sei, ins Gedächtnis zurück und sein Herz wird erleuchtet. Die wichtigsten unter den Gelobten Sitten sind die Kennzeichen
der Islamiyet und die Merkmale (sheair), die mit ihr verbunden sind. Diese Merkmale sind gewissermaßen ein Gottesdienst, der durch seine Verbundenheit mit der Gemeinde eine Art öffentliches Recht ist. So wie die ganze Gemeinde von jemandem profitiert, der ihn verrichtet, so ist auch die ganze Gemeinde dafür verantwortlich, wenn einer von ihnen ihn unterlässt. Bei dieser Art Merkmale gibt es keine Heuchelei (riya). Sie werden öffentlich ausgerufen. Auch wenn sie zur Art der freiwilligen Handlungen (nafila) gehören, sind sie dennoch wichtiger als die persönlichen Pflichten (fardh).
Siebente Anmerkung:
Die Gelobte Sitte ist der stets aufrichtige Lebenswandel (edeb). In ihr gibt es keine Angelegenheit hinter der sich nicht ein Licht (oder doch wenigstens die Spur dieses) aufrichtigen Lebenswandels entdecken ließe! Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, hat dazu den folgenden Ferman erlassen:
das heißt: "Mein Herr in Seiner Güte hat mir diese Aufrichtigkeit (edeb) in meinem Lebenswandel (zum Geschenk) gemacht, und Er hat mich eigens zu dieser Aufrichtigkeit in meinem Lebenswandel befähigt." Wer die Biographie des Propheten aufmerksam betrachtet und die Gelobte Sitte kennt, wird mit Sicherheit verstehen, dass Gott der Gerechte in Seinem Geliebten jegliche Art eines aufrichtigen Lebenswandels vereinigt hat. Wer seine Gelobte Sitte vernachlässigt, der lässt in seinem Lebenswandel die Aufrichtigkeit außer Acht. Er bestätigt den Grundsatz
{"Wer in seinem Lebenswandel nicht aufrichtig ist, dem bleibt die Güte des Herrn versagt."}
So fällt er durch seinen Lebenswandel in eine Unaufrichtigkeit, durch die er viel Schaden erleidet.
Frage:
Wie kann man vor dem, der das Verborgene kennt (Allamu-l'Ghuyub), der alles weiß und alles sieht und vor dem nichts verborgen bleiben kann, schamhaft (edeb) sein? Situationen, die mit Scham verbunden sind, kann man vor Ihm nicht verheimlichen. Eine Art Scham ist die Verhüllung. Alles, was Ekel erregt, muss bedeckt werden. Wie aber kann man vor dem, der in das Verborgene schaut, etwas verhüllen?
Erstens:
Gleich wie der Künstler in Seiner Majestät (Sani-i Dhu-l'Djelal) Seine Kunstwerke mit einer vollkommenen Wertschätzung als schön darstellen möchte und alles was abscheulich ist, verschleiert, und seine Aufmerksamkeit auf seine Gnadengeschenke lenkt, indem er sie schmückt, genauso möchte er auch seine Geschöpfe und seine Diener vor den übrigen mit Bewusstsein begabten Wesen als schön darstellen. Wenn sie in einer misslichen Lage erscheinen, so gilt das als eine Rebellion (isyan) gegen Namen wie «Djemil» (schön), «Museyyin» (verzieren), «Latief» (anmutig), «Hakiem» (weise) und widerspricht allem Anstand und der Schamhaftigkeit (edeb).
So ist denn Schamhaftigkeit (edeb) als ein Bestandteil der Gelobten Sitte als ein reiner Ausdruck einer Haltung von Anstand (edeb) innerhalb der Grenzen der Namen des Majestätischen Künstlers (Sani-i Dhu l-Djelal) zu betrachten.
Zweitens:
Gleichwie ein Arzt auch die privatesten (Körperteile) von Personen, die nicht zu seiner Familie (mahrem) gehören, vom medizinischen Standpunkt aus anschauen darf und man ihm diese (Körperteile) - insoweit notwendig - auch zeigen darf, ohne dass man dies als eine Schamlosigkeit bezeichnen dürfte, ja man sogar sagen muss, dass die Verhaltensmaßregeln (edeb) eines Arztes dies erfordern, so darf doch ein Arzt diese privaten (Körperteile) in seiner Eigenschaft als ein Mann, oder weil er den Titel
eines Predigers führt, oder weil er in seiner Eigenschaft als ein Lehrer (hodja) kommt, nicht anschauen. Eine Fetwa für den aufrichtigen Lebenswandel (edeb), der es erlaubt, ihm diese zu zeigen gibt es nicht, und sich ihm in dieser Weise zu zeigen, ist schamlos.
In gleicher Weise hat der Majestätische Künstler (Sani-i Dhu l-Djelal) viele Namen. Ein jeder dieser Namen hat seine eigene Erscheinungsform. Wie zum Beispiel der Name "Verzeiher" (Ghaffar) ein Vorhandensein der Sünde und der Name "der Verhüllende" (Settar) die Existenz von Fehlern erfordert, so will auch der Name "der Schöne" (Djemil) die Hässlichkeit nicht sehen. Namen, welche die göttliche Schönheit und Vollkommenheit bezeichnen, wie «Latief» (anmutig), «Keriem» (Freigiebig), «Hakiem» (weise), «Rahiem» (barmherzig) erfordern, dass alles Sein sich in bestem Zustand und in der bestmöglichen Lage befinden. Was aber diese Namen göttlicher Schönheit und Vollkommenheit betrifft, so erfordern sie, vor den Augen der Engel, der Geister, der Dschinnen und der Menschen ihre Schönheit in der Form der Schönheit allen Seins und eines guten Benehmens (edeb) zu zeigen.
So ist es ein schönes Verhalten (adab) innerhalb der Gelobten Sitte (des Propheten) ein Zeichen dieses erhabenen Verhaltens (Gottes adab), Seiner Grundsätze und Seiner Beispiele.
Achte Anmerkung:
Folgt man der Ayah فَاِنْ تَوَلَّوْا فَقُلْ حَسْبِىَ اللّٰهُ {"Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: 'Gott allein genügt mir.'" (Sure 9, 129)} die der Ayah لَقَدْ جَآءَكُمْ رَسُولٌ {"Nun aber ist ein Gesandter zu euch gekommen usw." (Sure 9, 128)} vorausgeht, so sagt sie, nachdem sie die vollkommene
selbstlose Liebe (shefqat) und das Mitleid des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, gegenüber seiner Gemeinde dargestellt hat فَاِنْ تَوَلَّوْا {"wenn sie sich aber abwenden, ..." (Sure 9, 129)} womit diese Ayah sagt:
"Oh ihr Menschen! Oh ihr Gläubigen! Wenn ihr eine Persönlichkeit, die mit einer solch grenzenlosen Liebe euch Rechtleitung (irshad) gegeben und seine ganze Kraft für euer Wohlbefinden eingesetzt hat, der in vollkommener Liebe (kemal-i shefqat), durch die Gesetze (ahkam), die er gebracht hat und durch seine Gelobte Sitte, eine heilende Salbe auf die Wunden der Seele aufgetragen hat, wenn ihr eine solch liebenswerte Persönlichkeit verleumdet (inkar) und ihre offensichtliche Liebe, ihr Mitleid, das doch mit bloßem Auge zu erkennen ist, in dem Grade verleugnet, dass ihr euch von seiner Sunna und von den Gesetzen, die er verkündet, abwendet, so sollt ihr wissen, was für ein (Mangel an gutem) Gewissen (vidjdan), an (Einsicht und) Verstand (aqil) das ist!
Oh du liebevoller (shefqatli) Prophet (Rasul) und mitleidsvoller Gesandter (Nabi)! Wenn sie diese deine so große Liebe und dein umfassendes Mitleid nicht erkennen und dir in ihrer Einsichtslosigkeit (aqilsiz) den Rücken zukehren und nicht auf dich hören wollen, so beachte es nicht! Der Majestätische Herr (Dhat-i Dhu l-Djelal), unter dessen Befehl die Legionen Himmels und der Erden stehen, und das Königreich Seiner Herrschaft, das Sein allumfassender gewaltiger Thron regiert, ist genug für dich! Er wird Seine treuen, dir gehorsamen Völker um dich herum versammeln, sie werden auf dich hören und deine Gesetze annehmen!"
Das Mohammedanische Gesetz und die Sunna Ahmeds behandelt in der Tat keine Angelegenheit, ohne dass sich in ihr viele verschiedene Weisheiten finden ließen.
Ich armseliger (Mensch) behaupte dies trotz all meiner Fehlern und Schwächen und bin auch dazu bereit, diese Behauptung zu beweisen. Außerdem gleichen die siebzig, achtzig Teile der Risale-i Nur, die bis heute geschrieben worden sind, siebzig, achtzig zuverlässigen Zeugen dafür, wie voller Weisheit und Wahrheit die Sunna Ahmeds und die Mohammedanischen Gesetze sind. Wenn es möglich wäre, über dieses Thema nicht siebzig, sondern selbst siebentausend Abhandlungen zu schreiben, könnten sie dennoch alle diese Weisheiten nicht vollständig aufzählen.
Des Weiteren habe ich in meinem eigenen Leben durch meine Beobachtungen und Erlebnisse vielleicht tausendmal erfahren und bin so zu der Überzeugung gelangt, dass die Bestimmungen der Schariah und die Prinzipien der Gelobten Sitte für die Krankheiten des Geistes, des Verstandes und des Herzens und besonders für die Krankheiten der Gesellschaft überaus wirksame Heilmittel sind und nicht durch Themen der Philosophie und anderer Geisteswissenschaften ersetzt werden können. So habe ich denn anderen in meinen Abhandlungen (Risala) bis zu einem gewissen Grade bekannt gegeben, was ich erfahren hatte. Wer an meiner Behauptung zweifeln sollte, möge in den Abhandlungen der Risale-i Nur nachschlagen und sich dort vergewissern!
So kann man denn selbst einen Vergleich machen, welche Vorteile es mit sich bringt, welches Glück im Ewigen Leben, und wie verdienstvoll es im irdischen Leben ist, die Gelobte Sitte einer solchen Persönlichkeit so weit wie möglich zu befolgen.
Neunte Anmerkung:
Alle Regeln der Gelobten Sitte vollständig zu befolgen, gelingt nur den vornehmsten unter den besten. Wenn man sie aber auch nicht vollständig befolgen kann, so kann sich doch jeder in seinen Absichten (niyat), seiner inneren Anteilnahme (tarafdar) und Einsatzbereitschaft (iltizam) darum bemühen. In jedem Fall aber muss man wenigstens die vorgeschriebenen (fardh) und notwendigen (vadjib)
Dinge tun. Und wenn es auch keine Sünde ist, das, was in Dienst und Anbetung empfohlen ist, zu vernachlässigen, so geht man doch dabei großer Verdienste (sevab) verlustig. Wenn es sich aber darum handelt, sie abzuändern, so ist dies ein großer Fehler. Wenn man der Gelobten Sitte im täglichen Umgang (adat) und im sozialen Leben (muamelat) folgt, so werden diese alltäglichen Umgangsformen zum Gebet (ibadet). Folgt jemand ihnen nicht, so kann man ihn zwar nicht deswegen tadeln, doch der Nutzen, den er von dem Licht des Geliebten Gottes und seines aufrichtigen Lebenswandels (adab) zu ziehen vermag, verringert sich. Neue Erfindungen, was die Gesetze für Dienst und Anbetung betrifft, sind eine Ketzerei (bid'a). Was aber solche ketzerischen Neuerungen betrifft, so müssen diese, weil sie dem Geheimnis der Ayah اَلْيَوْمَ اَكْمَلْتُ لَكُمْ دِينَكُمْ {"Heute habe ich für euch den Glauben vollendet." (Sure 5, 3)} zuwiderlaufen, zurückgewiesen werden. Wenn sie jedoch von der Art der Gebete und Rezitationen (dhikr ve evrad) sind, wie man sie in den verschiedenen Sufi-Orden antrifft, so gelten sie, unter der Bedingung, dass sie im Buch und in der Sunna verwurzelt sind, also unter der Bedingung, dass sie den feststehenden Grundlagen und Prinzipien der Gelobten Sitte nicht widersprechen und sie nicht ändern, nicht als ketzerische Neuerung (bid'a). Zwar hat ein Teil der Gelehrten auch diese (Gebräuche der Sufis) zu den Neuerungen gezählt, sie aber als "gute Neuerungen (bid'a hassene)" bezeichnet. Imam Rabbani, der Reformator (Mudjeddid) des Zweiten Jahrtausends, mit dem Gott zufrieden sein möge, sagte: "Ich habe im Wege meiner spirituellen Reise gesehen, dass die von dem Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, überlieferten Worte, leuchteten. Sie glänzten in den Strahlen seiner Gelobten Sitte. Wenn ich statt dessen von ihm nicht überlieferte, glänzende und
starke Anrufungen und (andere) Gebräuche bemerkte, so war kein Licht auf ihnen. Die brillantesten dieser Art, glichen nicht den geringsten der ersten Art. So verstand ich denn: Die Strahlen der Gelobten Sitte sind ein Elixier. Zudem sind die Strahlen der Gelobten Sitte ausreichend für alle, die nach Licht verlangen. Außerhalb nach Licht zu suchen besteht keine Notwendigkeit."
Dieses Urteil einer solchen Persönlichkeit, der ein Streiter für die Wahrheit und die Schariah ist, zeigt, dass die Gelobte Sitte das Fundament der Glückseligkeit in beiden Welten, der Quellgrund und der Brunnen der Vollkommenheit ist.
{"Oh Gott, gewähre uns der Gelobten Sitte zu folgen!" "Unser Herr, wir glauben an das, was Dein Prophet uns geoffenbart hat. So schreibe uns denn ein unter denen, die Zeugnis geben." (Sure 3, 53)}
Zehnte Anmerkung:
{"Sprich: Wenn ihr Gott liebt, dann folgt mir. So wird Gott euch lieben." (Sure 3, 31)}
In dieser Ayah kommt das Wunder ('idjaz) (des Qur'an) durch seine Prägnanz (idjaz) zum Ausdruck, denn viele Sätze wurden mit diesen drei Sätzen zum Ausdruck gebracht. Es ist dies wie folgt: Diese Ayah sagt:
"Wenn ihr an Gott glaubt (erhaben ist Seine Majestät! = djelle djelaluhu), werdet ihr mit Sicherheit Gott lieben. Wenn ihr aber Gott liebt, werdet ihr auch in der Weise handeln, die Gott liebt. Was aber das betrifft, was Er liebt, so müsst ihr dem nacheifern, den Gott liebt. Um aber ihm nachzueifern, müsst ihr ihm folgen. Wann immer ihr ihm folgt, wird Gott auch euch lieben. Da ihr aber Gott bereits liebt, wird Gott auch euch lieben."
So sind denn alle diese Sätze nur eine kurze, präzise Zusammenfassung (der Bedeutung) dieser Ayah. Das aber sagt, dass das höchste und bedeutendste Ziel des Menschen ist, die Liebe (muhabbet) Gottes des Gerechten zu erlangen. Dieser Ayah entsprechend ist es klar, dass der Weg, dieses erhabene Ziel zu erreichen, die Nachfolge des Geliebten Gottes und der Eifer für seine Gelobte Sitte ist. Nachdem nun in diesem Zusammenhang (maqam) drei Punkte bewiesen worden sind, wird sich die obige Wahrheit als völlig klar herausstellen.
Erster Punkt:
Der Mensch wurde in seinem Wesen mit der Fähigkeit zu einer grenzenlosen Liebe zum Schöpfer dieses Kosmos erschaffen. Denn die menschliche Natur (fitrat-i besher) umfasst auch eine Begeisterung (muhabbet) für die Schönheit (djemal), eine Liebe zur Vollkommenheit (kemal) und Verehrung der (göttlichen) Güte (ihsan). Im Grade dieser Schönheit (djemal), Vollkommenheit (kemal) und Güte (ihsan) wächst diese Liebe und erreicht schließlich den höchsten Grad einer ekstatischen Liebe (ashk).
Und ferner findet sich in dem winzig kleinen Herzen dieses kleinen Menschen eine Liebe, die den ganzen Kosmos umfasst. Die Tatsache, dass sich Schriften vom Umfang einer Bibliothek von tausend Bänden in unserem Erinnerungsvermögen in einem Behälter von der Größe einer Linse im Herzen des Menschen aufbewahrt finden können, zeigt in der Tat, dass das Herz des Menschen den ganzen Kosmos umfassen und eine Liebe (muhabbet) von (gleichem) Umfang in sich tragen kann.
Und da nun einmal die menschliche Natur über eine so unbegrenzte Fähigkeit Güte, Schönheit und Vollkommenheit zu lieben (muhabbet) verfügt, und da nun einmal der Schöpfer dieses Kosmos über eine so unendliche, heilige Schönheit verfügt, wobei diese Wahrheit ganz offensichtlich durch Seine Werke, die sich im ganzen Kosmos zeigen, noch bekräftigt wird, und da Er nun einmal auch über eine so unendliche, heilige Vollkommenheit verfügt, wobei diese Wahrheit notwendigerweise durch die Ornamente
Seiner Kunstwerke, wie sie in allem Sein sichtbar werden, noch bestätigt wird, und da Er nun einmal über eine so grenzenlose Güte verfügt, wobei diese Wahrheit sich mit Gewissheit, ja sogar Bezeugung von grenzenloser Güte und Gnadengaben in allem zeigt, was da lebt, so erfordert dies von dem Menschen, der unter allen, mit Bewusstsein begabten Wesen mit Sicherheit das vielseitigste, aber auch bedürftigste ist, der am meisten (über alles) nachdenkt und sich am meisten (nach der Güte Gottes) sehnt, auch wiederum eine unendliche Liebe (muhabbet).
Sowie jeder Mensch mit einer grenzenlosen Liebe zu seinem Schöpfer begabt ist, so ist auch der Schöpfer in Anbetracht Seiner grenzenlosen Liebe, Vollkommenheit und Güte in der Tat mehr als irgendein anderer würdig, grenzenlos geliebt zu werden. Ja all diese Verschiedenartigkeiten der Liebe und einer intensiven Verbundenheit eines gläubigen Menschen mit diesem Leben, seinem Fortbestand, seinem Dasein, seiner Welt, seiner Seele (nefs) und allem, was da ist, gleichen Tropfsteinen, (gespeist aus dem Wasser) seiner Fähigkeit, Gott zu lieben. Ja (eigentlich sind alle) starken Gefühle des Menschen (gleich) Umwandlungen dieser seiner Fähigkeit zu lieben, vergleichbar den verschiedensten Formen (unter denen sich uns dieses Wasser seiner Liebe zeigen kann).
Bekannt ist zudem auch, dass der Mensch sich, so wie er sich über sein eigenes Glück freut, er sich auch über das Glück derer freut, mit denen er sich verbunden weiß; und so wie er den liebt, der ihn vor einem Unglück rettet, so liebt er auch den, der seinen geliebten (Freund) rettet.
So ist es denn auf Grund seiner geistigen Verfassung, dass der Mensch bei allen Arten göttlicher Gnadengeschenke (ihsanat), wie sie jedem Menschen zuteil geworden sind, das Folgende erwägen müsste:
"Mein Schöpfer errettete mich aus der ewigen Finsternis des Nicht-Seins und sowie er mir in dieser Welt eine
wunderschöne Welt gab, wird Er mich, wenn meine Stunde gekommen ist, wiederum vor dem Nicht-Sein und der Vernichtung erretten, was auf ewig verurteilt (und verloren zu sein bedeuten würde) und so wie Er mir in jener bleibenden Welt eine ewige und überaus prächtige Welt zum Geschenk (ihsan) machen und mir in jener Welt äußere und innere Sinne verleihen wird, um alle Arten von Genüssen und schönen Dingen genießen, umherwandern und Ausflüge machen zu können, so wird Er auch all meinen Verwandten, Freunden und der (ganzen) Menschheit zahllose Wohltaten (ihsan) zukommen lassen. Auch diese Wohltaten gehören in gewisser Weise mir, denn mit dem Glück (meiner Mitmenschen) bin auch ich selbst glücklich und zufrieden. Denn entsprechend dem Geheimnis von اَلْاِنْسَانُ عَبِيدُ الْاِحْسَانِ {"Der Mensch ist davon abhängig, seinem Wohlbefinden (ihsan) zu dienen. "} steckt in jedem (von uns) eine Verehrung alles Guten (ihsan). Angesichts solcher zahlloser Gnadengaben (ihsanat), verlangt mein Herz danach, auch wäre es so groß wie der Kosmos, um dieser Wohltaten (ihsan) willen mit Liebe (muhabbet) gefüllt zu werden; und ich will es füllen. Und auch wenn ich in Wirklichkeit einer solchen Liebe (muhabbet) nicht entsprechen kann, so kann ich es doch stattdessen mit all meiner Begabung (istidad), meinem Glauben (iman), meiner guten Absicht (niyah), meiner Annahmebereitschaft (qabul), meiner Wertschätzung (taqdir), meiner Sehnsucht, meiner ganzen inneren Anteilnahme (iltizam) und meinem guten Willen (irade)." So oder so ähnlich wird er dann sagen.
Was aber die Liebe betrifft, die der Mensch gegenüber aller Schönheit und Vollkommenheit empfindet, so lässt sie sich mit seiner Liebe zu allem Guten (ihsan) vergleichen. Was aber die Ungläubigen betrifft, so sind sie auf Grund ihres Unglaubens grenzenlos feindselig (adavet) gesinnt.
Ja sie bringen sogar dem ganzen Kosmos und allem Sein gegenüber eine böswillige und verächtliche, feindselige (Gesinnung) entgegen.
Zweiter Punkt:
Gott zu lieben (Muhabbetu'llah) erfordert die Befolgung der Sunna Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei. Denn Gott zu lieben heißt, zu tun, was Ihm wohlgefällig (mardiyat) ist. Was aber Ihm wohlgefällig ist, wird in vollkommenster Weise in der Person Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, offenbar. Den Handlungen und Taten Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, nachzueifern, gibt es zwei Möglichkeiten:
Erstens:
Hinsichtlich der Liebe zu Gott dem Gerechten, ist es notwendig, um Seinen Befehlen zu gehorchen und sich im Rahmen dessen zu bewegen, was Ihm wohlgefällig ist, (der Sunna) zu folgen. Denn in dieser Sache findet sich in der Person Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, das vollkommenste Vorbild (Imam).
Zweitens:
Da sich in der Person Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, das vollkommenste Gefäß (= Ursache) findet, um die grenzenlose Güte (ihsanat) Gottes zu empfangen, ist er um Gott des Gerechten willen sicherlich auch unserer grenzenlosen Liebe würdig. Wenn der Mensch fähig ist, einer Persönlichkeit zu gleichen, die er liebt, so möchte er ihr gleichen. So macht es dies denn absolut notwendig, dass die, die den Geliebten Gottes verehren, sich auch darum bemühen, ihm durch die Befolgung der Gelobten Sitte zu gleichen.
Dritter Punkt:
So wie Gottes des Gerechten Barmherzigkeit (merhamet) grenzenlos ist, so ist auch Seine Liebe grenzenlos. So wie Er sich durch alle Schönheit und die Verzierungen Seiner Kunstwerke in der ganzen Schöpfung in einem grenzenlosen Maße selbst als liebenswert erweist, so liebt auch Er Seine Kunstwerke und ganz besonders diejenigen unter ihnen, die mit Bewusstsein begabt sind, und dies stets dann, wenn sie Seine Kunstwerke lieben und Seinen Wunsch, geliebt zu werden, mit ihrer Liebe beantworten
und die dies besonders deshalb tun, weil Er sich ihnen in Seinen Kunstwerken als liebenswert erweisen will. Es sollte ganz klar verstanden werden, was für ein bedeutendes und erhabenes Ziel es ist, den liebevollen Blick seines Herrn auf sich zu lenken. Eine Erscheinungsform Seiner Barmherzigkeit sind alle die Feinheiten des Paradieses, die guten Dinge, die Genüsse und Gnadengeschenke. Seitdem es ganz klar feststeht, dass Seine Liebe nur dadurch gewonnen wird, dass man der Gelobten Sitte folgt, ist es sicher, dass dies das größte Ziel der Menschheit sein sollte und ihre vornehmste Pflicht (vazife).
Elfte Anmerkung:
Sie besteht aus drei Problemstellungen.
Erste Problemstellung:
Es gibt drei Quellen der Gelobten Sitte des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei: seine Worte, seine Handlungen und seine Haltung (hal). Auch diese drei Teile (= Quellen) lassen sich wiederum dreimal unterteilen: in Pflichten (fardh), freiwillige Handlungen (nafila) und lobenswerte Gewohnheiten (adat-i hasen).
Dem Teil, der verpflichtet (fardh) oder als notwendig vorgeschrieben (vadjib) ist, muss man unbedingt folgen (ittibaa). Wer es unterlässt (terk), erhält eine Strafe oder einen Tadel (azab ve iqab). Jeder ist dazu verpflichtet, (diesen Teil) zu befolgen. Der Teil der freiwilligen (Handlungen) besteht aus Vorschriften, die zwar nur empfohlen, zu denen aber dennoch alle Gläubigen verpflichtet sind, wenn auch ihre Unterlassung weder bestraft wird, noch tadelnswert ist. Wer sich aber an sie hält und sie befolgt, der erwirbt sich große Verdienste. Sie abzuändern und umzuwandeln ist eine Ketzerei (bid'a), ein Irrweg und ein großer Fehler. Was aber die Lobenswerten Gewohnheiten und den guten Umgang betrifft, so ist die Nachahmung und Befolgung (der Gelobten Sitte) im Hinblick auf ihre Weisheit und ihren Sinn im individuellen, mitmenschlichen und sozialen Leben ganz besonders lobenswert. Denn so, wie sich in allen gewöhnlichen Handlungen viele Vorteile für das alltägliche Leben finden, so verwandeln sich, folgt man
(der Gelobten Sitte), diese Sitten und Gebräuche in Gebet und Gottesdienst. Da nun einmal Freund und Feind in der Tat darin übereinstimmen, dass sich in der Person Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, die ethischen Werte auf höchstem Niveau verkörpern und da er nun einmal nach allgemeiner Übereinstimmung die berühmteste und hervorragendste Persönlichkeit ist, und da nun einmal Tausende von Wundern (mu'djizat) beweisen und die Islamische Welt, die er geformt hat und ihre Vollkommenheit bezeugen und die Wahre (Lehre) des Weisen Qur'an, den er verkündet und ausgelegt hat, bestätigt, dass er Vollkommener Mensch (insanu-l'kamil) und Lehrer (Murshid) in Vollendung ist, und da nun einmal Millionen vollendeter Menschen als Frucht ihrer Nachfolge auf der Stufenleiter ihrer Vervollkommnung vorangeschritten sind und so die Glückseligkeit in beiden Welten erreicht haben, bieten seine Sunna und sein Verhalten mit Sicherheit die besten Beispiele, denen man nacheifern sollte, die zuverlässigsten Wegweiser, denen man folgen sollte und die unverbrüchlichsten Gesetze, die man als Prinzipien zu Grunde legen sollte. Glücklich der (Mensch), der (sich von jedem Tag einen) großen Anteil zu ihrer Befolgung (nimmt)! Wer der Sunna nicht folgt, sei es (auch nur) aus Faulheit, wird einen gewaltigen Verlust erleiden; wer sie für bedeutungslos ansieht, begeht ein gewaltiges Verbrechen; während der, welcher sie kritisiert und somit in den Geruch der Falschheit bringt, einem gewaltigen Irrtum verfällt.
Zweite Problemstellung:
Gott der Gerechte hat im Weisen Qur'an den folgenden Ferman erlassen:
{"Und fürwahr, du bist mit einem hervorragenden Charakter erschaffen!" (Sure 68, 4)}
Sahabis, wie Aischa die Getreue (mit der Gott zufrieden sein möge), wenn sie den Ehrenwerten Propheten, mit
dem Friede und Segen sei, beschreiben sollten, pflegten zu sagen: خُلُقُهُ الْقُرْآنُ {"Er wurde erschaffen als eine Verkörperung des Qur'an."}
Das heißt: "Das Beispiel für die ethischen (akhlaq) Werte, die der Qur'an verkündigt, ist Mohammed, mit dem Friede und Segen sei. Und er ist es auch, der diesen Werten am besten entsprach und von seinem Wesen (fitra) her auf diese Werte hin erschaffen worden war."
Da also alle Taten einer solchen Persönlichkeit, seine ganze Haltung, jedes seiner Worte und seine Umgangsformen es verdienen, der ganzen Menschheit als Vorbild zu dienen, werden nun selbst die Toren verstehen, wie unglückselig die Gottvergessenen sind, die zwar (seiner Botschaft) glauben und zu seiner Gemeinde (umma) gehören, aber seiner Sunnah keinen Wert beimessen oder sie ändern wollen.
Dritte Problemstellung:
Da der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, von seinem Wesen her mit einem besonders moderaten Charakter und in der vollkommensten Weise erschaffen worden ist, waren auch seine Handlungen und seine Umgangsformen von der gleichen Harmonie und Ausgeglichenheit geprägt. Seine Berühmte Biographie zeigt auf ganz klare Weise, dass er bei all seinen Handlungen ausgeglichen und harmonisch war und sich aller Übertreibungen (ifrat) oder Vernachlässigungen (tefrit) enthielt. Da der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, vollkommen dem Auftrag entsprach: فَاسْتَقِمْ كَمَآ اُمِرْتَ {"So verhalte dich recht, wie dir befohlen wurde." (Sure 11, 112)} erkennt man in der Tat bei all seinen Worten und Taten und in seinem ganzen Verhalten ganz klar diese Ausgeglichenheit (istikamet). Zum Beispiel: So wie sein Denkvermögen frei ist von (jeglicher Art von) Übertreibung oder Mangel, gleich seiner Verderbnis, bzw. Verfinsterung (in Form von) Dummheit oder klugem Geschwätz (djerbeze), sein Denkvermögen sich vielmehr stets seiner Weisheit entsprechend
auf dem Mittelweg und der Bahn der Mäßigung bewegte, so wie die Gewalt seines Zornes stets rein blieb von (jeglicher Art von) Übertreibung oder Mangel, gleich seiner Verderbnis (in Form von übertriebener) Ängstlichkeit oder Jähzorn, die Gewalt seines Zornes sich vielmehr stets einem heiligen Mut entsprechend auf dem Mittelweg und der Bahn der Mäßigung bewegte, so war auch seine sexuelle Potenz rein und frei von (jeglicher Art von) Übertreibung oder Mangel, gleich einem gestörten, d.h. also frigiden oder ausschweifenden Verhalten, und so orientierte sich seine sexuelle Potenz stets (an dem Ideal) der ehelichen Keuschheit, einer Keuschheit, welche die Quelle eines ausgewogenen (Verhaltens) bis hin zur Untadeligkeit ist. Seiner Gelobten Sitte, seinem alltäglichen Verhalten und den Bestimmungen der Schariah entsprechend, wählte er in gleicher Weise den Weg der Ausgewogenheit und vermied Übertreibung und Vernachlässigung, Verschwendung und Vergeudung als (Ursache für jede Art) Rechtsbeugung und (alle Arten) undurchsichtiger Zustände. Er war sogar sparsam in seinen Worten, hielt Maß beim Essen und Trinken und vermied unbedingt (jede Art von) Übertreibung. Über diese Tatsache sind im Einzelnen (ganze) Bücher, (viele) Tausend Bände, geschrieben worden. Entsprechend dem Geheimnis von اَلْعَارِفُ تَكْفِيهِ الْاِشَارةُ {"ein Wink genügt dem Weisen"} lassen wir es mit diesem Tropfen aus dem Ozean bewenden und wollen diese Abhandlung, somit kurz gesagt, hier abbrechen.
Oh Gott segne den, der in seiner Person alle edlen moralischen Qualitäten vereinigt und das Geheimnis manifestiert hat:
{"Und fürwahr, du bist mit einem hervorragenden Charakter erschaffen!" (Sure 68, 4) "Und der gesagt hat: 'Wer immer meiner Sunna folgt, nachem sie in Verfall geraten ist, wird die Belohnung von hundert Märtyrern empfangen."
"Und sie werden sagen: 'Gelobt sei Gott, der uns bis hierher geführt hat. Hätten wir doch niemals Rechtleitung gefunden, wäre es nicht durch Gottes Führung geschehen. Es war in der Tat die Wahrheit, welche die Gesandten unseres Herrn uns gebracht haben.'" (Sure 7, 43)
"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Zwölfter Blitz
{"Im Namen des Hochgelobten. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend Ihn preist!" (Sure 17, 44) "Friede sei mit euch und euren Brüdern und das Erbarmen Gottes und Sein Segen."}
Mein lieber getreuer Bruder Re'fet Bey,
deine Fragen in einer so unpassenden Zeit, bringen mich in eine schwierige Lage. Du hast zwar dieses Mal nur zwei kleine Fragen, weil sie aber mit zwei Themen des Qur'an in Verbindung stehen und da deine Fragen die Kritik der Geographie und der Kosmographie an den sieben Schichten der Erde und den sieben Ebenen des Himmels betrifft, sind sie doch wichtig für mich geworden. Es soll hier deshalb außer Acht gelassen werden, dass es sich ja eigentlich nur um zwei kleine Fragen handelt. So wollen wir nun versuchen, kurz und bündig eine zwar wissenschaftliche, aber doch allgemein verständliche Erklärung zu den beiden Themen, zwei Ehrwürdige Ayat betreffend, zu geben. Daraus kannst dann auch du dir deinen Anteil (zur Beantwortung) deiner kleinen Fragen entnehmen.
Das erste Thema umfasst zwei Punkte
Erster Punkt
{"Und wie viele Tiere gibt es doch, die sich nicht ihren eigenen Unterhalt beschaffen können! Es ist Gott, der sie ernährt und auch euch." (Sure 29, 60) "Denn es ist Gott, welcher der Versorger ist, der Herr der Macht und der Beständigkeit." (Sure 51, 58)}
Entsprechend dem Geheimnis dieser Ayat kommt die Versorgung unmittelbar aus der Hand des Allmächtigen in Seiner Majestät (Qadir-i Dhu l-Djelal) und entspringt aus den Schatzkammern Seiner Barmherzigkeit. Da also die Versorgung eines jeden Lebewesens unter der Bürgschaft des Herrn (Rabb) steht, sollte es doch so sein, dass niemand zu verhungern braucht. Und dabei gibt es doch so viele, die ganz offensichtlich an Hunger und Unterernährung sterben. Diese Realität und ein solches Geheimnis kann man jedoch folgendermaßen in den Griff bekommen:
Die Bürgschaft des Herrn ist eine Tatsache. Es gibt keinen, der an Unterernährung stirbt. Denn der Allweise in Seiner Majestät (Hakiem-i Dhu l-Djelal) speichert einen Teil Seines Unterhaltes und sendet ihn dann in Form von Fett als eine Reserve in die Körper der Lebewesen. Ja, Er speichert sogar den Unterhalt (rizq), den Er gesandt hat, in jeder Zelle des Körpers, gleich einem Vorratsspeicher, der wieder aufgebraucht wird, wenn die Versorgung von außen ausbleibt.
Sie sterben dann bereits bevor diese Reserven aufgebraucht sind. Das aber heißt, dass der Tod nicht etwa eine Folge der Unterernährung ist. Sie sterben vielmehr auf Grund einer Gewohnheit (adet), die durch eine falsche Wahl (su-i ihtiyar) erworben wurde, oder aber auf Grund einer Krankheit, die aus dem Verlangen nach den falschen Dingen erwachsen ist, oder durch die Aufgabe einer Gewohnheit (adetin terk). In der Tat reicht der natürliche Unterhalt, der in Form von Fett im Körper eines Lebewesens gespeichert ist, im Allgemeinen voll und ganz für vierzig Tage. Er könnte sogar auf zweimal vierzig Tage ausgedehnt werden, falls dies während einer Krankheit oder im Zustand einer Ekstase des Geistes erforderlich sein sollte. Vor dreizehn Jahren - es sind inzwischen neununddreißig Jahre - stand einmal in einer Zeitung, dass ein Mann es in seiner außergewöhnlichen Verbohrtheit (inad) in einem Londoner Gefängnis
geschafft hat, siebzig Tage in bester Gesundheit zu überleben, ohne etwas zu essen.
Da also nun einmal die natürliche Versorgung vierzig bis siebzig oder achtzig Tage ausreicht, und da nun einmal die Manifestation des göttlichen Namens "der Versorger (Rezzaq)" über dem Antlitz der Erde in überaus reichem Maße sichtbar wird, und da uns nun einmal Nahrung in so vollkommen unerwarteter Weise aus den Brüsten zuströmt und aus Holz erwächst, (wäre es gar nicht nötig, dass sich dem Menschen) der Weg zum Hungertode öffnete, würde sich nicht der Mensch in all seiner Schlechtigkeit einmischen und in seinen bösen Absichten Verwirrung stiften, vielmehr würde dieser Name Gottes in jedem Fall allen Lebewesen zu Hilfe eilen, noch bevor seine natürlichen Reserven verbraucht sind. Weil dies aber so ist, verhungert ganz bestimmt niemand, wenn er denn in noch nicht einmal vierzig Tagen stirbt, allein deshalb, weil nicht genügend Nahrung vorhanden ist. Vielmehr geschieht dies nach dem Geheimnis (des Sprichworts):
{"Die Aufgabe der Gewohnheiten führt ins Verderben"} entweder infolge einer Gewohnheit, die aus dem Missbrauch der Willensfreiheit (su-i ihtiyar) entsteht, oder infolge einer Krankheit, hervorgerufen durch eine schlechte Gewohnheit, die sich nach der Aufgabe einer guten Gewohnheit (terk-i adet) entwickelt hat. Weil dies aber so ist, so kann man sagen, dass es einen Hungertod nicht gibt.
Man kann ja in der Tat beobachten, dass die Versorgung im umgekehrten Verhältnis zu Willenskraft und Willensfreiheit (iktidar ve ihtiyar) steht. Zum Beispiel: Solange sich ein Baby noch im Bauch seiner Mutter befindet, ist es noch vollständig seiner Macht (iktidar) und Freiheit (ihtiyar) beraubt, erhält aber dennoch in einem Maß seinen Unterhalt, dass es dazu noch nicht einmal seinen Mund zu öffnen braucht. Ist dann das Baby zur Welt gekommen, fehlt ihm noch immer die Macht und die Freiheit, doch ist ihm bereits die Fähigkeit angeboren und seine Motorik so weit entwickelt, dass allein schon eine kleine Bewegung, um sich mit
seinem Mund festzusaugen, genügt, (seinen Unterhalt) in vollkommenster, nahrhaftester, bestens verdaulicher, leichtester und feinsinniger Art und in einzigartiger Weise aus dem Bronn der Brustwarzen (seiner Mutter) in seinen Mund zu bekommen. Wenn das Kind dann später auch nur eine ganz kleine Quantität an Willenskraft und Freiheit entwickelt hat, so lässt sich dieser bis dahin so leicht und angenehm erreichbare Unterhalt stets mehr und mehr bitten. Der Quell der Brüste versiegt und der Unterhalt wird ihm nun von einem anderen Platz aus gesandt. Weil aber Macht und Freiheit noch nicht ausreichen, um bereits selbst für den eigenen Unterhalt sorgen zu können, sendet der Freigiebige Versorger (Rezzaq-i Keriem) den Vater und die Mutter, um in ihrer Liebe und Barmherzigkeit (shefqat ve merhamet) (dem Kind) in dessen Macht und Freiheit ein Helfer zu sein. Sobald aber Macht und Freiheit sich vervollkommnet haben, kommt ihm seine Versorgung nicht mehr gelaufen und (Gott der Versorger) lässt sie auch nicht mehr (zu ihm) laufen. Die Versorgung bleibt an ihrem Platz und sagt: "Komm her! Such mich! Fang mich doch!" Das aber heißt: die Versorgung steht in einem umgekehrten Verhältnis zur Macht und Freiheit (iktidar ve ihtiyar). Ja wir haben sogar in vielen Abhandlungen erklärt, dass Tiere, die der Macht und der Freiheit am meisten entbehren, ein besseres Leben haben und besser ernährt werden.
Zweiter Punkt:
Es gibt verschiedene Arten von Möglichkeiten (imkan). So gibt es die denkbare Möglichkeit (imkan-i aqli), die gewohnheitsgemäße Möglichkeit (imkan-i örfi) und die alltägliche Möglichkeit (imkan-i adi) (und dergleichen andere verschiedene) Formen. Wenn sich etwas nicht im Rahmen einer durchaus denkbaren Möglichkeit (imkan-i aqli) ereignet, so wird es abgelehnt. Und wenn es nicht im Rahmen gewohnheitsmäßiger Möglichkeiten (imkan-i örfi) geschieht, so ist es ein (außergewöhnliches) Wunder (mu'djize, ein übernatürliches Ereignis). Doch wird aus ihm kaum so leicht ein (gnadenreiches) Wunder (keramet, ein Gunsterweis gegenüber einem Heiligen) entstehen. Wo es nicht seinesgleichen gibt, weder im alltäglichen (örfen)
Bereich noch prinzipiell (kaideten), kann man es nur im Grade eines Zeugnisses anhand stichhaltiger Beweise annehmen.
So ist es denn auf Grund dieses Geheimnisses, dass die wunderbaren Zustände eines Seyyid Ahmed Bedewi, der vierzig Tage lang nichts gegessen hat, sich im Umkreis einer gewohnheitsgemäße Möglichkeit (imkan-i örfi) bewegen. Dies konnte auf Grund eines göttlichen Gnadenerweises (keramet) geschehen, oder aber eine Staunen erregende Gewohnheit sein. Es wird in der Tat in allgemeiner Übereinstimmung berichtet, dass Seyyid Ahmed Bedewi (möge sein Geheimnis geheiligt sein) sich in derart einzigartigen, ekstatischen Zuständen zu befinden vermochte. Es konnte bei ihm vorkommen, dass er in vierzig Tagen nur einmal aß. Doch war dies nicht immer so. Es geschah nur gelegentlich einmal kraft eines göttlichen Gnadenerweises (keramet). Es konnte sein, dass er im Zustand der Ekstase kein Bedürfnis mehr verspürte, etwas zu essen und dieser Zustand war für ihn zu einer Art von Gewohnheit (adet) geworden. Wunder (harika) der Art, wie sie an Seyyid Ahmed Bedewi (möge sein Geheimnis geheiligt sein) beobachtet wurden, sind bei vielen Heiligen dokumentiert und beschrieben worden. Wie wir bereits im Ersten Punkt bewiesen haben, kann Unterhalt gespeichert werden und dann für vierzig Tage und mehr ausreichen. Für die Länge eines solchen Zeitabschnittes nicht zu essen, kann zur Gewohnheit werden (adet mümkundür). Solche Zustände wurden bei außergewöhnlichen Menschen dokumentiert und über sie berichtet. Sie können daher sicherlich auch nicht bestritten (inkar) werden.
In Bezug auf die zweite Frage wollen wir hier nun zwei bedeutende Angelegenheiten erörtern. Denn da die Geografischen und Kosmografischen Wissenschaften mit ihren verkürzten Gesetzen und verengten Prinzipien nicht zu dem Himmel des Qur'an emporsteigen konnten und die Sterne der Ayat in den sieben Ebenen ihrer Bedeutungen nicht entdecken konnten, haben sie die Ayat nur
noch kritisiert und in ihrer Dummheit sogar versucht, sie zu leugnen.
Das erste bedeutende Thema behandelt die sieben Ebenen, welche die Erde genauso aufweist wie die Himmel.
Diese Angelegenheit erscheint den Philosophen der Neuzeit unwahr zu sein. Ihre Wissenschaften vom Himmel und der Erde können das nicht annehmen. Und sie nehmen dies zum Vorwand, sich einigen Wahrheiten im Qur'an zu widersetzen. Wir wollen hier nun einige Hinweise dazu kurz zusammenfassen.
Zunächst einmal:
Die Bedeutung der Ayah ist das eine, die einzelnen Punkte ihrer Bedeutung und was sie bestätigt, ist das andere. Hier aber muss nun gesagt werden, dass man ihre Bedeutung nicht einfach bestreiten kann, nur weil im Insgesamt aller Punkte ihrer Bedeutung ein Punkt fehlt. Von den vielen Punkten der Gesamtbedeutung dieser sieben Schichten des Himmels und der sieben Ebenen der Erde, sind sieben Punkte, die sie bestätigen, ganz klar ersichtlich.
Zweitens:
Die Ayah behauptet nicht ausdrücklich, dass die "Erde sieben Ebenen" hat.
{"Gott ist es, der die sieben Himmel erschaffen hat und von der Erde ein Gleiches... usw." (Sure 65, 12)}
Die Ayah sagt also wörtlich: "Er hat auch die Erde wie die sieben Himmel erschaffen und sie zu einer Wohnstatt für Seine Geschöpfe bestimmt." Sie sagt aber nicht: "Ich habe sie aus sieben Schichten bestehend erschaffen." Diese Vergleichbarkeit bezieht sich auf die Schöpfung und ihre Erschaffung und darauf, dass sie den Geschöpfen als Wohnstatt dient.
Drittens:
Da nun einmal der Allweise in Seiner Vollkommenheit (Hakiem-i mutlaq) nichts verschwendet und keine sinnlosen Dinge erschafft und da nun einmal das Dasein der Geschöpfe den mit
Bewusstsein begabten Wesen dient und durch diese Wesen seine Vollendung findet und durch diese Wesen erblüht und durch diese Wesen aus der Sinnlosigkeit befreit wird, und da nun einmal, wie wir bezeugen können, der Allweise in Seiner Vollkommenheit (Hakiem-i mutlaq), der Allmächtige in Seiner Majestät (Qadier-i Dhu l-Djelal) die Elemente mit unendlich vielen Lebewesen erfüllt, die Luft, die Welt des Wassers und die Erdschicht, und da nun einmal Luft und Wasser kein Hindernis für die Bewegung der Tiere sind, und so wie dichte Materie wie Erde oder Stein kein Hindernis für den elektrischen Strom oder Röntgenstrahlen bildet, so wird auch der Allweise in Seiner Vollkommenheit (Hakiem-i Dhu l-Kemal), der Meister (Sani-i), der niemals untergeht, die weiten Räume und Welten und die Höhlen vom Mittelpunkt der Erde bis hin zum Äußeren ihres Mantels, der unsere Wohnstatt und unser Siedlungsgebiet ist, nicht leer und unbewohnt lassen. Er hat sie sicherlich bewohnbar gemacht und hat auf ihnen und in ihnen mit Bewusstsein begabte Wesen erschaffen, die für (diese Bereiche) angepasst und geeignet sind angesiedelt.
Da diese mit Bewusstsein begabten Wesen von der Art der Engel und vom Geschlecht der Geister sein müssen, ist die dichteste und härteste Schicht für sie das, was das Meer für die Fische und die Luft für die Vögel ist. Selbst die fürchterliche Glut im Kern der Erde muss für sie das sein, was für uns die Wärme der Sonne ist. Da diese mit Bewusstsein begabten Geistwesen aus Licht bestehen, ist Feuer für sie wie das Licht.
Viertens:
Im Achtzehnten Brief wird ein Gleichnis jener Schilderungen der Leute der Entdeckungen und Schauungen (ehl-i keshf) erwähnt, welche solche Absonderlichkeiten der Schichten der Erde beschreiben, die über den Verstand gehen. Eine Zusammenfassung davon ist Folgendes:
Die Erdkugel ist in der Welt, die wir bezeugen (alem-i shehadet), einem Kern vergleichbar, während sie in der Welt der Visionen (alem-i misal) und in der Zwischenwelt (berzah) einem riesigen Baum gleicht, (der sich aus diesem Kern entfaltet hat), der mit seiner
gewaltigen Größe Schulter an Schulter den Himmel berührt. Wenn also die Entdecker (ehl-i keshf) auf der Erde eine Ebene erschaut haben, welche den Dämonen (ifrit) vorbehalten ist und eine Ausdehnung von Tausend Jahren hat, so befindet sich diese nicht im Kern der Erde, die der bezeugten Welt angehört, sie ist vielmehr eine Sichtbarwerdung der Zweige (dieses gewaltigen Baumes) und der Ebenen (dieser Welt) in jener Welt der Visionen. Wenn also eine einzige offensichtlich unbedeutende Ebene der Erde in einer anderen Welt eine so ausgedehnte Entsprechung hat, so kann man sicherlich sagen, dass (die Erde) sieben Ebenen hat, die den sieben Ebenen des Himmels entsprechen. Um die oben erwähnten Punkte noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, spielen die Ayat des Qur'an darauf an, indem sie auf wunderbare Weise zusammengefasst zeigen, dass diese unsere kleine Erde das Äquivalent der sieben Ebenen des Himmels ist.
Zweites bedeutendes Thema:
{"Es preist Ihn, was in den sieben Himmeln und auf Erden ist... usw." (Sure 17, 44)}
{"Dann wandte Er sich dem Himmel zu und formte ihn zu sieben Himmeln aus. Und er ist der Allwissende über allen Dingen." (Sure 2, 29)}
Viele Ayat beschreiben gleich dieser Ehrenwerten Ayah die Himmel als sieben Himmel. Wir haben dieses Thema bereits im "Isharatu-l'I'djaz", einem Kommentar zu dem Wunder, das der Qur'an ist, im ersten Jahr des früheren Allgemeinen (= ersten) Krieges an der Front unter dem Zwang der Umstände ganz kurz zusammengefasst behandelt. In diesem Zusammenhang erscheint es mir nun richtig hier dessen Inhalt wiederzugeben. Es ist dies wie folgt:
In der alten Philosophie wurden die Himmel noch als
neun vorgestellt. Nimmt man einmal in der Sprache der Schariah den Thron Gottes (arsh) und den Schemel (kürsi) Seiner Füße zusammen mit den Sieben Himmeln an, so erhält man eine merkwürdige Beschreibung der Himmel. Die schimmernde Terminologie dieser genialen Philosophen alter Schule war für die Menschheit (der damals bekannten Welt) viele Jahrhunderte lang grundlegend und maßgeblich. Viele Kommentatoren (ehl-i tefsir) mussten (im Mittelalter) die offensichtliche Bedeutung der Ayat (der hellenistisch-humanistischen Denkweise) ihrer Schule (medhheb) anpassen. Auf diese Weise wurde dieses Wunder, das der Weise Qur'an ist, zum Teil verschleiert. Was aber nun die als neue Weisheit bezeichnete moderne Philosophie betrifft, so verkehrte sie ihre Behauptung angesichts der Übertreibungen der alten Philosophie hinsichtlich der Himmel in ihr Gegenteil und leugnete (inkar) schlichtweg die Existenz der Himmel. Die alte (Philosophie) mit ihren Übertreibungen (ifrat) und die spätere in ihrer Unvollkommenheit (tefrit) waren (beide) nicht dazu in der Lage, die Wahrheit in ihrer Ganzheit aufzuzeigen.
Was aber die Heilige Weisheit des Weisen Qur'an betrifft, so lässt sie jegliche Übertreibung (ifrat) und alle Unvollkommenheit (tefrit) beiseite, wählt statt dessen den mittleren Weg und sagt: der Schöpfer in Seiner Majestät (Sani-i Dhu l-Djelal) hat die Himmel in sieben Ebenen erschaffen. Was aber die Bewegungen der Planeten (yildiz) betrifft, so schwimmen sie in den Himmeln wie die Fische (im Wasser) und loben und preisen Gott. In einem Hadith heißt es:
Das heißt: Der Himmel ist ein Meer, dessen Wogen erstarrt sind.
Da der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, sich an alle Schichten aller Menschen und Dschinnen richtet, werden sicherlich alle diese Schichten des Menschengeschlechtes aus einer jeden Ayah des Qur'an ihren
Anteil empfangen, wobei seine Ayat ausdrücklich oder indirekt viele verschiedene Aussagen beinhalten, sodass sie dem Verständnis einer jeden Schicht zu entsprechen vermögen.
Es ist in der Tat diese ganze Breite der qur'anischen Botschaft (hitabat), das Umfassende ihrer Bedeutung, die Vielfalt ihrer Hinweise und ihre Art, den jeweiligen Grad des Verständnisvermögens von den einfachsten, ungebildeten Leuten bis hin zu den edlen und hochgebildeten eines Volkes in Betracht zu ziehen und ihm zu entsprechen, die zeigt, dass in jeder Ayah eine Bedeutung verborgen ist, die sich an die ihr entsprechende Volksschicht wendet.
Es ist also auf Grund dieses Geheimnisses, dass die allumfassende Bedeutung von "sieben Himmel" von sieben verschiedenen Schichten der Menschheit auf sieben verschiedenen Ebenen folgendermaßen verstanden wird:
{"Und formte ihn zu sieben Himmeln aus." (Sure 2, 29)}
Eine kurzsichtige und engstirnige Schicht der Menschheit versteht darunter die (sieben) Luftschichten (über der Erde), während eine andere Schicht der Menschheit, von der Kosmographie berauscht, darunter die bekannten sieben Planeten (der alten Welt) samt ihrer Umlaufbahnen versteht. Wieder eine andere Gruppe von Menschen versteht darunter die sieben Globen, die unserer Erdkugel ähneln und von lebenden Wesen bevölkert sind. Wieder eine andere Schicht von Menschen versteht darunter das Sonnensystem, unterteilt in sieben Ebenen oder aber Sonnensysteme, die mit dem unseren zusammen sieben solcher Systeme bilden. Und wieder eine andere Klasse von Menschen versteht darunter den Äther (der den Kosmos erfüllt) und unterteilt ihn in sieben Schichten. Wieder eine andere Schicht Menschen mit einem größeren Vorstellungsvermögen betrachtet den ganzen sichtbaren, mit
Sternen geschmückten Himmel, zählt und sagt, dass dies der Himmel unserer eigenen Welt (dunya) sei und zählt noch weitere sechs Ebenen der Himmel hinzu. Was aber die siebente Schicht des Menschengeschlechtes und die höchste Ebene betrifft, so betrachtet sie die sieben Himmel nicht als auf die bezeugte Welt beschränkt, sondern versteht vielmehr, dass die jenseitigen, verborgenen Welten, das Diesseits und die Welt unserer Vorstellungen alle jeweils von sieben verschiedenen Himmeln überwölbt und umkleidet sind.
So findet denn ein jeder in der Gesamtheit dieser Ayah die bekannten sieben Ebenen entsprechend den sieben verschiedenen Bedeutungen zu noch vielen anderen einzelnen Möglichkeiten der Auslegung. Und ein jeder Einzelne empfängt aus ihnen seinen Anteil entsprechend seinem Verständnis und so findet ein jeder seinen Unterhalt an diesem Himmlischen Tisch.
So hat denn diese Ayah dermaßen viele aufrichtige Bestätigungen. Alle diese verständnislosen Philosophen unserer Zeit und das ganze Gesindel der Kosmographen, die diese Ayah angreifen, indem sie die Himmel leugnen, gleichen dummen kleinen Kindern, die Steine nach den Sternen werfen, in der Absicht, so einen Stern zu Fall zu bringen. Denn wenn auch nur ein Punkt die universale Bedeutung dieser Ayah als richtig bestätigt, so ist ihre Bedeutung insgesamt richtig und wahr. Ja, selbst dann, wenn ein kleinerer Aspekt nicht im Wortsinne wahr, jedoch allgemein akzeptiert ist, so ist er doch in dieser universalen Bedeutung mit eingeschlossen und kann der allgemein aufrecht erhaltenen Idee entsprechen. Denn wir haben bereits viele solche Einzelheiten beobachtet, die wahr und richtig sind. Nun aber beguck dir einmal diese unredlichen und ungerechten Geographen, dieses trunkene Gesindel berauschter Kosmographen: wie falsch diese beiden Wissenschaftler gehandelt haben, wie sie ihre Augen vor der universalen Bedeutung verschlossen haben, die richtig, wahr und zuverlässig ist, wie sie die
Aspekte nicht sehen, die diese Bedeutung bestätigen und vollkommen richtig sind, wie sie sich einen imaginären und höchst sonderbaren Aspekt als die Bedeutung der Ayah vorgestellt und Steine auf die Ayah geworfen haben. Sie haben sich mit diesen Steinen den eigenen Kopf zerschlagen und dabei ihren Glauben verloren!...
Kurzum:
Da die Ideen der ungläubigen Materialisten so wenig wie die Teufel und die Dschinnen unfähig waren, zu den sieben Ebenen der Himmel des Qur'an emporzusteigen, was in sieben Lesarten, in sieben Aspekten, in sieben Wundern, sieben Wahrheiten und sieben Grundpfeilern (des Glaubens) offenbart worden ist, wissen sie nun nicht, was es auf den Sternen seiner Ayat gibt und was es dort nicht gibt und liefern nun falsche und lügenhafte Berichte. Und Sternschnuppen fallen ihnen nun gleich den oben erwähnten Erklärungen auf ihre Köpfe und verbrennen sie. In der Tat kann man nicht durch die Sophistereien der Philosophen in ihrer dschinnengleichen Gedankenwelt zu den Himmeln des Qur'an aufsteigen. Vielmehr kann man zu den Sternen der Ayat nur emporsteigen durch die Himmelfahrt (mi'radj) einer wahren Weisheit und auf den Schwingen des Glaubens in der Gemeinschaft des Islam (Islamiyet)...
{"Oh Gott segne die Sonne am Himmel des Prophetentums und den Mond am Firmament der Gottesgesandten, seine Familie und seine Gefährten, die Sterne der rechten Führung für alle Rechtgeleiteten." "Gepriesen seist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32) "Oh Gott, Herr, des Himmels und der Erden! Schmücke die Herzen derer, die diese Abhandlung geschrieben haben und ihrer Freunde mit den Sternen der Wahrheiten des Qur'an und des Glaubens! Amin!"}
Dreizehnter Blitz
{"Ich suche meine Zuflucht bei Gott vor dem gesteinigten Satan."}
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Und sprich: Oh mein Herr, ich nehme meine Zuflucht zu Dir vor den Teufeln, die mich aufhetzen wollen. Und ich nehme meine Zuflucht zu Dir, mein Herr, sodass sie sich mir nicht nähern!" (Sure 23, 97-98)}
Es handelt sich um das Geheimnis der Zufluchtnahme vor dem Satan. Es sollen hier dreizehn Hinweise geschrieben werden. Einige dieser Hinweise sind bereits an verschiedenen Stellen der Risala, wie z.B. im Sechsundzwanzigsten Wort behandelt und erklärt worden, die wir nun hier kurz zusammenfassen wollen.
Erster Hinweis
Wie kommt es eigentlich, dass die Teufel, die sich doch in keiner Weise in die Erschaffung des Universums einmischen konnten, trotzdem sich doch Gott der Gerechte in Seiner Barmherzigkeit und in Seiner Gnade auf die Seite der Leute der Wahrheit stellt, auch die sie so anziehende Schönheit, die Werte der Wahrheit und Gerechtigkeit die Leute der Wahrheit stärken und ermutigen, zudem die abstoßende Hässlichkeit der Irreleitung den Ekel der Leute des Irrweges erregt, wie kommt es dann
eigentlich, dass die Parteigänger des Teufels so oft die Oberhand gewinnen und welche Weisheit (verbirgt sich dahinter)? Und welche Weisheit (verbirgt sich dahinter), dass die Leute der Wahrheit stets vor der Bosheit des Teufels bei Gott dem Gerechten Zuflucht suchen sollen?
Die Weisheit und das Geheimnis dahinter ist Folgendes: In der überwiegenden Mehrheit (aller Fälle) sind Irreleitung und Bosheit negativ und destruktiv, vernichtend und zerstörerisch bis zum Nichtsein, während zugleich in der überwiegenden Mehrheit (aller Fälle) die Rechtleitung und das Gute positiv, konstruktiv, aufbauend und gestaltend im Dasein sind. Es ist ja allgemein bekannt, dass ein einziger Mann an einem einzigen Tag ein Bauwerk zerstören kann, was zwanzig Mann in zwanzig Tagen aufgebaut haben. Obwohl sich also das menschliche Leben in der Tat fortsetzt, wenn alle lebenswichtigen Organe vorhanden und alle Lebensbedingungen gegeben sind, und obwohl (dieses Leben) dem Schöpfer in Seiner Majestät (Khaliq-i Dhu l-Djelal) zu Eigen ist (qudretine mahsus), kann dennoch ein Despot (zalim) durch die Entfernung eines Organs einen Menschen zu Tode bringen, der das Nichtsein im Vergleich zum Leben (und Dasein) ist. Deshalb ist die Redwendung اَلتَّخْرِيبُ اَسْهَلُ {"Zerstören ist leicht"} sprichwörtlich geworden.
Es geschieht aus diesem Grunde, dass die Leute der Irreleitung mit einer in Wahrheit nur schwachen Kraft manchmal über die Leute der Wahrheit, die doch so stark sind, triumphieren. Doch die Leute der Wahrheit besitzen eine Burg, die so uneinnehmbar ist, dass sie, sobald sie dort ihre Zuflucht suchen, sich ihre furchtsamen Feinde ihr nicht nähern und nichts ausrichten können. Auch wenn sie ihr vorübergehend einen Schaden zufügen, so gleicht doch ein immerwährender Verdienst und Gewinn nach dem Geheimnis وَالْعَاقِبَةُ لِلْمُتَّقِينَ {"Und das Ende ist den Gottesfürchtigen." (Sure 7, 128)}
den Schaden wieder aus. Was aber diese feste Burg, diese mächtige Festung betrifft, so ist sie das mohammedanische Gesetz und die Sunna Ahmeds, mit dem Friede und Segen sei.
Zweiter Hinweis
Die Erschaffung der Teufel, die nichts als Bosheit ist, und deren Belästigung der Leute des Glaubens und dass viele Menschen um deretwillen ihren Glauben verlieren und zur Hölle fahren, erscheint schrecklich und abscheulich. Wie kann nur die Barmherzigkeit und Schönheit (Gottes), der in Seiner Schönheit (Djemil) absolut, in Seiner Barmherzigkeit vollkommen (Rahiem-i mutlaq) und in Seinem Erbarmen gerecht (Rahman-i bil'Haqq) ist, es zulassen, dass sich eine so grenzenlose Abscheulichkeit, ein so fürchterliches Unheil ereignet?
Es gibt so viele, die sich so etwas fragen, denen eine solche Frage in den Sinn kommt.
Es gibt neben all den vielen kleineren Übeln (sherr), die mit der Existenz des Teufels verbunden sind, auch viele ganz allgemeine gute Zweckbestimmungen und eine menschliche Vollkommenheit. Es gibt in der Tat vom Samenkern bis zum riesengroßen Baum viele Abstufungen. So finden sich auch in der menschlichen Natur Begabungen auf noch weit mehr Abstufungen. Sie sind sogar so zahlreich wie die Abstufungen (in den Größenunterschieden) zwischen einem Atom und der Sonne. Um diese Fähigkeiten zu entfalten, ist es mit Sicherheit notwendig, sich zu bewegen. Sie verlangen danach, einen Prozess in Gang zu setzen. In diesem Prozess aber kommt die Bewegung dieses Räderwerks der Entwicklung nur durch eine Anstrengung zu Stande. Was aber diese Anstrengung betrifft, so wird sie durch die Anwesenheit des Teufels und durch Dinge ausgelöst, die Schaden anrichten. Wäre dies nicht so, so würde der Zustand (maqam)
des Menschen konstant bleiben, wie der der Engel. Dann gäbe es innerhalb des Menschengeschlechtes auch keine Klassenunterschiede wie zwischen tausenden verschiedener Arten. Und es würde aller Weisheit und Gerechtigkeit (hikmet ve adalet) zuwiderlaufen, wollte man Tausend Güter aufgeben, um ein einziges kleines Stückchen Bosheit (sherr-i djuzi) zu vermeiden. Denn mit Sicherheit werden die meisten Menschen vom Teufel in die Irre geführt. Doch richten sich Wert und Bedeutung meistens nach der Qualität. Nach der Quantität richten sie sich nur wenig oder gar nicht. Wenn wir uns z.B. vorstellen, ein Mensch habe tausendundzehn Saatkörner, die er vergräbt, wonach dann in der Erde ein chemischer Prozess stattfindet, an dessen Ende zehn Bäume aus der Erde wachsen, während gleichzeitig Tausend (Samenkörner in der Erde) verrotten, so lassen die zehn Samenkörner, aus denen die Bäume entstanden sind und dem Mann nun einen Nutzen bringen, ihm den Schaden, den er durch die verrotteten tausend Samenkörner erlitten hat, mit Sicherheit für nichts erachten. Und auf genau die gleiche Weise reduziert sich im Kampf gegen die Seele (nefs) wie gegen den Teufel und im Vergleich zu dem Gewinn, der Ehre, der Erleuchtung und dem Wert für die Menschheit, den zehn sternengleiche "vollkommene Menschen (insan-i kamil)" erbracht haben, der Schaden, welchen die Leute des Irrweges, die den Unglauben gewählt haben, der Menschheit dadurch zugefügt haben, geradezu zu nichts, sodass man ihn gar nicht mehr in Betracht zu ziehen braucht. Weil dies aber so ist, hat die göttliche Barmherzigkeit (rahmet), Weisheit (hikmet) und Gerechtigkeit (adalet) die Existenz des Satans gestattet und ihm erlaubt, die Menschen zu quälen.
Oh ihr Leute des Glaubens! Euer Panzerhemd gegen diesen furchtbaren Feind ist die Gottesfurcht (taqwa), welche an der Werkbank des Qur'an gewebt wurde. Und eure Schutzwehr ist die Gelobte Sitte des Ehrenwerten Propheten, mit dem der Friede und Segen sei. Zuflucht zu nehmen bei Gott vor dem Satan, Vergebung (istighfar) zu suchen,
den Schutz Gottes (hifdh-i Ilahi) zu erbitten ist eure Waffe...
Dritter Hinweis
Diese so massiven Klagen, diese Anhäufung schwerster Vorwürfe, diese überaus heftigen Drohungen gegen die Leute des Irrweges im Weisen Qur'an, erscheint bei rein äußerlicher Betrachtung dem Verstand als unverhältnismäßig in Anbetracht seiner maßvollen und ausgewogenen Rhetorik (belaghat), der Mäßigung und Harmonie in seiner Redeweise (uslub). Es ist, als wolle er ein ganzes Heer gegen einen einzelnen armen Mann in Stellung bringen. Und er bedroht ihn wegen einer unbedeutenden Tat, so als habe er Tausende von Verbrechen begangen. Und trotz seiner Insolvenz und seiner Unfähigkeit über sein Eigentum zu verfügen, bringt er ihn in die Lage eines Partners, den er anklagt, Übergriffe begangen zu haben. Was ist das Geheimnis und die Weisheit dahinter?
Das Geheimnis und die Weisheit dahinter ist Folgendes: Dies ist so, weil die Teufel und die, welche dem Satan folgen und weil sie den Irrweg gewählt haben, durch eine an und für sich unbedeutende Handlung eine große Zerstörung anrichten können, weil sie die Rechte der gesamten Schöpfung durch eine nichts sagende Tat (adjz bir fiil) (verletzen) und ihr einen großen Schaden zufügen können.
So kann ein Mann zum Beispiel durch irgendeine unbedeutende (adjz) Handlung oder die Nichterfüllung einer kleineren Aufgabe auf einem großen Handelsschiff eines Königs die Ursache dafür sein, dass alle Anstrengungen der ganzen Mannschaft an Bord vergeblich waren und alle Früchte ihrer Arbeit zunichte wurden. Deshalb also beklagt sich der ehrenwerte Schiffseigentümer darüber und bedroht den Delinquenten im Namen all der Leute, die etwas mit seinem Schiff zu tun haben, auf das heftigste und verhängt über ihn eine fürchterliche Strafe, wobei er nicht
dessen unbedeutende Tat in Rechnung stellt, sondern die schrecklichen Folgen (dieser Tat), nicht nur für ihn selbst, sondern vor allem auch für all seine Untergebenen.
Auf ganz genau die gleiche Weise verletzen auch die Leute des Irrweges, diese Anhänger Satans (hizb-us sheytan), durch ihre - wenn auch offensichtlich unbedeutenden Sünden und ihre Fehler - die auf diesem Schiff, das unsere Erde ist, mit den Leuten der Rechtleitung zusammen sind, die Rechte so vieler Geschöpfe und machen die Ergebnisse ihrer hohen Aufgaben zunichte. Deshalb bedroht sie dann der König von Ewigkeit zu Ewigkeit und beklagt sich über sie. Und wenn Er Seine Heere gegen sie in Stellung bringt, so ist dies die reine Weisheit in bester Redekunst (belaghat), durchaus rechtmäßig und angemessen. (Und Seine Aussage in wohlgesetzten Worten) entspricht durchaus den Erfordernissen der Situation. Das aber ist die Definition für Redegewandtheit und ihre Basis. Und sie ist frei von einer Übertreibung, die eine Verschwendung von Worten ist.
Es ist also klar, dass der, der vor den entsetzlichen Feinden, die mit so wenig (az) Handlung solch schreckliche Zerstörungen anrichten, nicht seine Zuflucht zu solch einer festen Burg nimmt, in sehr großes Elend gerät.
Und so ist denn, oh ihr Leute des Glaubens, diese stählerne und zugleich himmlische Burg der Qur'an. Tretet in sie ein und ihr werdet gerettet sein!
Vierter Hinweis
Die Leute der Erforschung (ehl-i tahqiq) und die Gefährten der Entdeckungen (ashab-i keshf) sind sich darin einig, dass Nicht-Sein die Unvollkommenheit alles Bösen (sherr) und das Da-Sein das vollkommene Gute ist. Tatsächlich richtet sich alles Gute, alle Tugend und jede Vollkommenheit in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle auf die Schaffung positiver Werte aus und greift auf sie zurück. Selbst dort noch, wo es - äußerlich gesehen - negativ und wie abwesend erscheint,
ist es doch in seinem Kern durchaus positiv und gehört dem Bereich des Seins an. Dem gegenüber ist der Kern, die Hefe jeden Irrwegs, alles Bösen, jeder Auflehnung und allen Unglücks, das Nicht-Sein und die Verleugnung. Alle Bosheit und Hässlichkeit, die wir in ihnen finden, erwachsen aus einem Mangel heraus. Selbst dort noch, wo sie - äußerlich gesehen - als positiv und auf das Dasein ausgerichtet erscheinen, bleiben sie doch ihrem Kern nach negativ und gehören dem Bereich des Nicht-Seienden an.
Auch steht ganz offensichtlich fest, dass die Existenz eines Dinges, wie z.B. eines Gebäudes, auf dem Vorhandensein all seiner einzelnen Teile beruht, während seine Zerstörung, seine Vernichtung, sein Nichtvorhandensein durch das Fehlen dieser Teile zu Stande kommt. Zudem verlangt ein jedes Dasein in jedem Fall nach dem Vorhandensein einer Ursache, stützt sich auf etwas, das real und tatsächlich vorhanden ist. Was aber das Nichtsein betrifft, so kann es auf Dingen beruhen, die nicht gegeben sind. Ein Ding, das nicht vorhanden ist, kann die Ursache für etwas sein, das nicht gegeben ist.
So ist es denn die Konsequenz dieses Grundsatzes, dass diese Teufel in der Gestalt von Menschen und Dschinnen trotz der fürchterlichen Zerstörungen, die sie in der Welt anrichten, trotz aller Arten von Unglaube, Irreleitung und Vernichtung, so wenig wie sie bei Seiner Erschaffung mitwirken und auch nur ein Stäubchen ins Dasein rufen könnten, so auch keinen Anspruch auf das Reich Gottes haben. Und so wie es nicht ihre Werke sind, die auf Grund irgendeiner Macht (qudret) oder Fähigkeit (iktidar) etwas bewirken können, so sind dies in vielen ihrer Werke nicht ihre Macht und Fähigkeit sondern ihre Nachlässigkeit und ihre Unterlassung. Indem sie nicht erlauben, dass das Gute getan wird, bewirken sie das Böse (sherr). Das heißt also, das Böse (sherr) geschieht. Denn da das Böse und alles Übel eine Art von Zerstörung ist, braucht ihr Anlass nicht eine tatsächlich existierende Macht (maudjud bir iktidar) und ein schöpferisches Werk (fa'il bir idjad)
zu sein; vielmehr geschieht ein solch riesiges Ausmaß an Vernichtung durch eine Art Befehl, nicht zu sein, und eine Vorbedingung, die zerstört worden ist.
So geschah es denn deswegen, weil die Zoroastrier dieses Geheimnis nicht enträtseln konnten, dass sie nun glaubten, dass Ahura Mazda, der Schöpfer alles Guten, die Welt erschaffen habe, während Ahriman der Schöpfer des Bösen gewesen sei. Tatsächlich ist aber Ahriman, den sie sich als den Gott des Bösen vorstellen, der bekannte Satan, der durch einen Bruchteil an Willensfreiheit (djuz-i ihtiyar), der ihm gegeben wurde, mit dem er aber nichts zu erschaffen vermag, das Böse bewirken kann.
So ist denn, oh ihr Leute des Glaubens, eure wirkungsvollste Waffe und das Werkzeug, das euch gegeben wurde, um die schrecklichen Zerstörungen des Teufels wieder zu beheben, die Bitte um Vergebung (istighfar), wenn wir sagen: اَعُوذُ بِاللّٰهِ {"Ich suche meine Zuflucht bei Gott"} und so Schutz suchen bei Gott dem Gerechten. Und eure Burg ist die Gelobte Sitte.
Fünfter Hinweis
Obwohl doch Gott der Gerechte der Menschheit in den Himmlischen Büchern so große Belohnungen wie das Paradies versprochen und so fürchterliche Strafen wie die Hölle angedroht hat, verbunden mit so vielen Rechtleitungen, Ermahnungen, Warnungen, Drohungen und Ermutigungen und obwohl es doch so viele Möglichkeiten der Rechtleitung und Geradlinigkeit (istikamet) gibt, werden dennoch die Leute des Glaubens durch diese hässlichen und schwachen Listen des Teufels besiegt, ohne dafür einen Lohn zu erhalten. Darüber habe ich einmal lange nachgedacht. Wie ist das möglich, dass sie Gottes des Gerechten so schwerwiegenden Drohungen so wenig Beachtung schenken, wo sie doch Gläubige sind? Warum ist Glaube (iman) allein noch nicht ausreichend?
{"Führwahr, die List des Satans ist nur eine schwache!" (Sure 4, 76)}
Nach diesem Geheimnis werden sie von den schwachen Listen des Teufels verführt und lehnen sich auf (isyan) gegen Gott. Ja obwohl einige meiner Freunde die Lesungen über die Wahrheit hundertmal bei mir gehört und in ihrem Herzen bestätigt hatten, ja einer von ihnen eine wirklich sehr gute Meinung von mir und eine gute Beziehung zu mir hatte, ließ er sich dennoch von dem bedeutungslosen und scheinheiligen (riya) Kompliment eines herzlosen und böswilligen Menschen dazu verleiten, für ihn und gegen mich Stellung zu beziehen. Da sagte ich mir: "Gepriesen sei Gott (fesubhanallah)! Ja kann denn ein Mensch so tief fallen? Was für ein unredlicher (haqiqatsiz) Mensch er doch war!" So bin ich über diesen armen Kerl hergezogen und habe mich gegen ihn versündigt (günah).
Später wurde mir dann im Lichte des vorangegangenen Hinweises die Wirklichkeit enthüllt und viele dunkle Punkte erhellten sich mir. Gott sei Dank (lillahilhamd) verstand ich in diesem Licht, dass die machtvolle Ermutigung und Versicherung des Weisen Qur'an ganz genau entsprechend ist, und dass die Leute des Glaubens, wenn sie durch die Listen des Teufels verführt werden, dies nicht durch einen Mangel an Glauben oder durch eine Glaubensschwäche geschieht. Auch verstand ich, dass der, welcher eine schwere Sünde (kebair) begeht, dadurch nicht zu einem Ungläubigen wird, und dass die Mu'teseliten und ein Teil der Kharidjiten sich im Irrtum befinden, wenn sie behaupten, dass einer, der eine schwere Sünde begeht, entweder "zu einem Ungläubigen (kafir) wird, oder aber einem (Zustand) zwischen Glaube und Unglaube verfällt" und dass mein armseliger Freund, auch sollte er hundert Lektionen in Wahrhaftigkeit (haqiqat) geopfert haben, nur um die Aufmerksamkeit eines solchen Schuftes zu gewinnen, dennoch nicht in eine solche Tiefe und Erniedrigung gefallen wäre. So dankte
ich denn Gott dem Gerechten und wurde vor dem Abgrund errettet. Denn der Teufel bringt (den Menschen), wie ich bereits weiter oben gesagt habe, durch einige unbedeutende Dinge aus dem Bereich des Nichtseins in Gefahren mit schwerwiegenden Folgen. Ja mehr noch: was des Menschen Seele (nefs) betrifft, so hört sie jederzeit auf den Teufel. Und was die Veranlagung (des Menschen) zu Wut und Wollust (quvve-i sheheviye ve ghadabiye) betrifft, so gleichen beide den Empfangs- und Sendegeräten teuflischer Einflüsterungen.
Es ist aus diesem Grund, dass den Leuten des Glaubens die beiden Namen Gottes des Gerechten, der Verzeihende (Ghafur) und der Barmherzige (Rahiem), in einer so gewaltigen Erscheinungsweise gegenübertreten. Und Er zeigt im Weisen Qur'an, dass Sein größtes Gnadengeschenk (ihsan) für die Propheten die Vergebung (maghfirah) ist und lädt sie ein, Seine Vergebung zu suchen.
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen."}
Durch die Wiederholung dieses Heiligen Wortes zu Beginn einer jeden Sure und durch den Auftrag, es zu Beginn einer jeden segensreichen Tätigkeit zu rezitieren (dhikr), zeigt Er, dass Seine allumfassende Barmherzigkeit das All umspannt und ein Ort zu Schutz und Zuflucht ist und durch Seinen Befehl فَاسْتَعِذْ {"Nehmt Zuflucht!" (Sure 7, 200)} und Seinen Auftrag اَعُوذُ بِاللّٰهِ مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ {"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan!"}
errichtet Er diesen Satz als einen Schutzwall.
Sechster Hinweis
Einer der gefährlichsten Verführungskünste des Satans ist die folgende: er verwirrt einige, besonders sensible, empfindsame Herzen dadurch, dass er sie auf Grund ihrer glaubenslosen Phantasievorstellungen darin bestätigt, dass sie Ungläubige sind. So lässt er ihnen ihre Vorstellungen eines Irrweges in der Gestalt einer Bestätigung dieses Irrweges erscheinen. So lässt er in ihrer Phantasie auch besonders hässliche Bilder über heilige Personen und geweihte Gegenstände erscheinen. Auch zeigt Er ihm Dinge, die ihrem Wesen nach möglich (imkan-i dhatiye) sind, in der Gestalt von Dingen, die möglicherweise denkbar (imkan-i aqli) wären und flößt ihm so einen Zweifel ein, der in dieser Form der Gewissheit seines Glaubens entgegengesetzt ist. So denkt denn dieser armselige, so empfindsame Mensch, er sei nun selbst dem Irrtum und dem Unglauben verfallen und glaubt, er habe die Sicherheit seiner Überzeugung verloren, er fällt in Verzweiflung (ye's) und wird in dieser Verzweiflung zu einem Spielball des Satans. Nun lässt der Teufel sowohl seine Verzweiflung, als auch seine schwachen Nerven, als auch seine Verwirrung auf ihn einwirken, bis dass er entweder den Verstand verliert, oder sich sagt: "dem sei, wie es mag" oder sich dem Irrweg verschreibt.
Wir haben aber nun schon in einigen Teilen der Risalah dargelegt, wie in ihrem Kern haltlos diese Listen des Teufels sind, sodass wir uns hier mit einer kurz gefassten Erörterung begnügen können. Es ist dies wie folgt:
So wie die Schlange in einem Spiegel nicht beißen, der Widerschein des Feuers nicht brennen, noch das Abbild von Schlamm nicht beschmutzen kann, so können weder die Vorstellungen und Gedanken als eine Reflexion des Unglaubens, der Widerschein einer Partnerschaft, die
Schatten eines Irrweges, noch die Vorstellungen einer üblen Beschimpfung oder Beleidigung die Sicherheit im Glauben zerstören, seine Überzeugung erschüttern oder sein untadeliges Benehmen verletzen. Denn die wohlbekannte Regel lautet: "In gleicher Weise wie die Vorstellung einer Beleidigung noch keine Beleidigung ist, so ist auch die Vorstellung des Unglaubens kein Unglaube und ein nur eingebildeter Irrweg noch kein Irrweg."
Was aber nun den Zweifel am Glauben betrifft, so widersprechen Möglichkeiten, die aus einer bloßen Wahrscheinlichkeit erwachsen, nicht der Sicherheit im Glauben und verletzen den Glauben nicht. In der Wissenschaft von den Glaubensgrundsätzen (ilm-i usul-i din) lautet ein allgemein gültiges Prinzip:
{"Etwas, das an und für sich möglich ist, steht nicht im Widerspruch zu der Sicherheit, die von der Wissenschaft gefordert wird."}
Wir sind sicher, dass das Wasser im Barla-See sich noch stets an seinem Platz befindet. Tatsächlich aber wäre es möglich (dhatinda mümkündür), dass dieser See im gleichen Augenblick versunken wäre; und sein Untergang wäre im Rahmen des Möglichen. Weil aber diese grundsätzliche Möglichkeit (imkan-i dhati) nun einmal nicht aus einer tatsächlichen Gegebenheit erwächst, handelt es sich hier nicht um eine mögliche Schlussfolgerung, sondern muss vielmehr eine Art Zweifel sein. Denn wiederum sagt hier ein allgemein gültiges Prinzip in der Wissenschaft von den Glaubensgrundsätzen (ilm-i usul-i din):
{"Eine Möglichkeit, die auf keinem Beweis beruht und keineswegs offensichtlich ist, hat keine Bedeutung."}
Das heißt: "Was die Möglichkeit betrifft, die aus einer bloßen Wahrscheinlichkeit, nicht aber aus einer tatsächlichen
Gegebenheit erwächst, kann nicht eine mögliche Schlussfolgerung sein, sondern muss vielmehr eine Art Zweifel sein und ist völlig ohne Bedeutung."
So denkt denn dieser armselige, den Einflüsterungen des Teufels ausgesetzte Mensch, dass er auf Grund solcher an und für sich gegebener Möglichkeiten (dhati imkanlar) seine Sicherheit in den Glaubenswahrheiten verloren habe. So steigen zum Beispiel in seinem Gedächtnis zahlreiche, an und für sich mögliche Dinge im Zusammenhang miٕنپer Menschlichkeit des Propheten, mit dem Friede und Segen sei, auf, die dem Willen und der Sicherheit im Glauben keinen Schaden zufügen können. Doch glaubt er, dass sie einen Schaden verursacht hätten und schadet sich (auf diese Weise) selbst.
Ebenso spricht der Teufel manchmal, von einem Punkt in der Gegend des Herzens aus, schlechte Worte über Gott den Gerechten. Der Mensch denkt nun aber, dass sein Herz verdorben sei, weil es so spricht. Er zittert. Doch seine Furcht und sein Zittern und sein Mangel an Einverständnis zeigen, dass ihm diese Worte nicht von Herzen kommen. Sie gehen vielmehr von einem teuflischen Punkt aus, bzw. werden ihm vom Teufel in sein Gedächtnis und in seine Vorstellung eingeflüstert.
So gibt es denn auch unter den subtilen Organen (Latiefah) des Menschen zwei dieser unterschwelligen Sinneswahrnehmungen (latife), die ich nicht weiter zuordnen konnte, die sich nicht seiner Entscheidungsfreiheit und seinem Willen (ihtiyar ve irade) unterordnen wollen, sich vielmehr seiner Verantwortlichkeit entziehen. Manchmal bekommen diese feinsinnigen Organe die Oberhand. Dann hören sie nicht auf die Wahrheit, sondern verleiten vielmehr dazu, sich mit den falschen Dingen zu beschäftigen. Nun flüstert der Satan einem solchen Menschen (ins Ohr): "Deine Fähigkeiten entsprechen nicht der Wahrheit und dem Glauben. So tust du also ohne es zu wollen Dinge, die völlig sinnlos sind. Das aber heißt, dass die göttliche Vorherbestimmung (qader) dich zu Höllenqualen verdammt hat." Dann verfällt dieser armselige Mensch in Verzweiflung (ye's) und geht zu Grunde...
So sind denn die Schutzwälle des Gläubigen gegen die Einflüsterungen des Satans am Anfang (dieses Abschnitts) jene Glaubenswahrheiten und Gesetze des Qur'an, (deren genaues Maß und Zahl) die Grenzen angeben, welche die Theologen mit ihren Grundsätzen festgelegt haben. Gegenüber den Einflüsterungen am Ende (dieses Abschnitts) soll man seine Zuflucht (zu Gott) nehmen und ihnen weiter keine Bedeutung beimessen. Denn je mehr Bedeutung man ihnen beimisst, desto mehr Aufmerksamkeit ziehen sie auf sich, wachsen und blähen sich auf. Das Gegengift und das Heilmittel für solche innerlichen Verletzungen ist die Gelobte Sitte.
Siebenter Hinweis
Die Imame der Mu'tesile betrachteten die Entstehung des Bösen als böse. Sie schrieben daher die Erschaffung des Unglaubens und des Irrweges nicht Gott zu, als wollten sie Gott (in Seiner Heiligkeit) als davon rein (taqdith) erklären. Sie sagten hingegen: "Der Mensch ist der Schöpfer seiner eigenen Handlungen." und verfingen sich so in einem Irrtum. Auch sagten sie: "Ein Gläubiger (mu'min), der eine schwere Sünde (kebair) begeht, verliert seinen Glauben, denn seinen Glauben an Gott den Gerechten zu bekräftigen und die (Existenz) der Hölle zu bestätigen lässt sich nicht mit der Begehung einer solchen Sünde vereinbaren. Denn ein Mensch, der sich schon in dieser Welt aus Furcht vor einer unbedeutenden Gefängnisstrafe davon abhalten lässt, gegen das Gesetz zu verstoßen und dennoch so weit geht, einer ewigen Höllenstrafe und dem Zorn des Schöpfers keine Bedeutung beizumessen und große Sünden zu begehen, stellt damit sicherlich seinen Unglauben unter Beweis."
Die Beantwortung des ersten Teiles (dieser Frage) ist folgende:
Wie bereits in der Abhandlung über die göttliche Vorherbestimmung erklärt wurde, ist nicht die Erschaffung des Bösen (in sich selbst schon) böse, sondern erst die Neigung(kesb),das Böse zu tun, ist böse. Denn was (die Dinge) erschafft und sie ins Dasein ruft, richtet sich nach den Ergebnissen im Allgemeinen. Weil das Vorhandensein eines Übels der Beginn sehr vieler guter Ergebnisse ist, ist die Erschaffung dieses Übels im Hinblick auf das Ergebnis etwas Gutes und kommt so dem Guten gleich. Zum Beispiel: Das Feuer führt zu hundert guten Ergebnissen. Wenn nun aber einige Menschen es in ihrer Böswilligkeit für sich selbst zu einem Übel machen, so können sie nicht deswegen sagen: "die Schaffung des Feuers ist böse". In gleicher Weise führt die Erschaffung des Teufels zu vielen Ergebnissen voll Weisheit, dient z.B. dem Fortschritt der Menschheit. Wird also ein Mensch infolge seiner eigenen bösen Absichten(su-i ihtiyar)und verkehrten Neigungen(kesb) vom Teufel besiegt, so darf er nicht deswegen sagen: "die Erschaffung des Teufels ist schlecht". Er hat vielmehr infolge seiner eigenen verkehrten Neigungen~(kesb)\für sich selbst das Böse gemacht.
Was also diese Neigungen (des Menschen) betrifft, so führen sie für ihn selbst zu einem schlechten Ergebnis, weil sie eine besondere Beziehung herstellen, wodurch eine verkehrte Neigung erst böse wird. Weil aber etwas geschaffen wird im Hinblick auf alle (damit ausgelösten) Folgen, ist die Erschaffung des Bösen nicht an und für sich schlecht, sondern vielmehr gut. Weil aber die Mu'teseliten dieses Geheimnis nicht verstanden haben, sagten sie: "Die Erschaffung des Bösen ist schlecht und die Erschaffung des Hässlichen ist unschön." Da sie Gott den Gerechten davon rein erhalten und Ihn (auf diese Weise) heiligen wollten, schrieben sie Ihm nicht die Erschaffung des Bösen zu und verfielen so dem Irrtum (dalalet). وَ بِالْقَدَرِ خَيْرِهِ وَ شَرِّهِ {"und an die Erschaffung des Guten und des Bösen"}
So haben sie diesen Pfeiler des Glaubens falsch ausgelegt.
Was den zweiten Teil der Frage betrifft:
"Wie kann denn jemand, der eine schwere Sünde begangen hat, dennoch ein Gläubiger (mu'min) bleiben?" so ist die Antwort folgende: Erstens: Der Irrtum geht aus der obigen Anmerkung so klar und deutlich hervor, dass es hier nicht mehr notwendig ist, es noch einmal zu erklären. Zweitens: Da die menschliche Seele (nefs) einen Dirhem (3 g) eines augenblicklichen Vergnügens einem Batman (8 kg) eines zukünftigen Vergnügens vorzieht, so fürchtet sie sich auch vor einem unmittelbar drohenden Schlag mehr als vor einem Jahr einer künftigen Strafe. Und wenn zudem den Menschen seine Gefühle überwältigen, hört er nicht mehr auf die Erwägungen seines Verstandes. Seine Begierden und Illusionen beherrschen ihn und so zieht er das kleinste und bedeutungsloseste gegenwärtige Vergnügen selbst noch einer außerordentlich großen Belohnung in der Zukunft vor. Und er flieht vor einer geringen gegenwärtigen Unbequemlichkeit mehr als vor einer fürchterlichen künftig drohenden Qual. Denn Begierden, Illusionen und Emotionen kennen keine Zukunft, vielmehr leugnen sie diese. Und wenn die Seele (nefs) sie auch noch unterstützt, schweigen das Herz als Sitz des Glaubenslebens und auch der Verstand und erklären sich für besiegt...
In einem solchen Fall erwachsen die schweren Sünden (kebair) nicht aus einem Mangel an Glauben, sondern infolge einer Niederlage von Herz und Verstand, weil die Gefühle, Begierden und Illusionen die Oberhand gewonnen haben.
Und weiter versteht sich aus dem oben gesagten, dass der Weg allen Übels und aller Leidenschaften, da er die Zerstörung ist, auch besonders einfach ist. Teufel in Dschinnen und Menschengestalt leiten die Menschen rasch auf diesen Weg. Es ist dies eine ganz besonders erstaunliche Situation (hal): Obwohl doch, nach einem
Hadith, verglichen mit dem Licht dieser bleibenden Welt, weil es ja ewig ist, die Freuden und Gnadengaben, die ein Mensch im Verlaufe seines Lebens empfängt, nur einem Mückenflügel gleichen, bevorzugen dennoch manche dieser armseligen Menschen die Vergnügungen dieser vergänglichen Welt, vergleichbar einem Mückenflügel, den Freuden der bleibenden Welt, die alle Welt in ihrer Vergänglichkeit wert sind, und folgen dem Satan.
So geschieht es denn auf Grund dieses Geheimnisses, dass der Weise Qur'an die Gläubigen immer wieder nachdrücklich mit Drohungen von Sünden abhält und mit Ermunterungen dazu anleitet, das Gute zu tun.
Einmal gab mir die strenge Leitung (irshad) des Weisen Qur'an die Idee ein, dass diese beständigen Ermahnungen und Erinnerungen zeigen, dass die gläubigen Menschen wankelmütig und unwahrhaftig sind. Sie deuten eine Haltung (vasiyet) an, die der Würde des Menschen nicht entspricht. Denn da es einem Beamten genügt, wenn er von seinem Vorgesetzten ein einziges Mal einen Auftrag erhält, wird er sich zutiefst gekränkt fühlen, wenn ihm derselbe Auftrag zehnmal erteilt wird und er wird sagen: "Sie beleidigen und verdächtigen mich, ihnen gegenüber nicht loyal zu sein." Dennoch wiederholt der Weise Qur'an den selben Befehl selbst an die aufrichtigsten Gläubigen immer wieder.
In der Zeit da dieser Gedanke mein Hirn zermarterte, hatte ich zwei, drei aufrichtige Freunde. Damit sie nicht durch die Einflüsterungen dieser Teufel in Menschengestalt in die Irre geleitet würden, habe ich sie immer wieder ermahnt und erinnert. Sie waren nicht deswegen beleidigt und sagten nicht: "Du beschuldigst uns, nicht loyal zu sein." Doch ich sagte mir in meinem Herzen: "Ich kränke sie mit meinen ständigen Ermahnungen. Ich beschuldige sie, unwahrhaftig und wankelmütig zu sein." Dann enthüllte sich mir plötzlich die im obigen Abschnitt erklärte und bewiesene Wahrheit, und da verstand ich, dass die Nachdrücklichkeit und die Wiederholungen des Weisen
Qur'an genau den Erfordernissen von Zeit und Ort (hal) entsprechen. Hier wird (kein Wort) verschwendet. (Jedes Wort ist) weise, beschuldigt niemanden. Diese Weisheit ist lauter und die sprachliche Eloquenz (belaghat) unverfälscht. So verstand ich denn das Geheimnis, weshalb denn meine aufrichtigen Freunde niemals beleidigt waren. Eine kurze Zusammenfassung dieser Wahrheit ist Folgendes:
Da die Teufel zur Zerstörung anstiften, richten sie viel Unheil an, (obwohl sie nur) wenig dabei tun. Da also diejenigen, die auf dem Weg der Wahrheit und der Rechtleitung gehen, sehr umsichtig zu Werke gehen und sich sehr in Acht nehmen müssen, ist es notwendig, sie immer wieder zu ermahnen und ihnen häufig zu helfen. Durch diese Wiederholungen bietet Gott der Gerechte den Leuten des Glaubens mit Tausend und einem Namen Seine Unterstützung an und streckt tausende barmherziger Hände zu ihrer Hilfe aus. Er verletzt sie nicht in ihrer Ehre, beschützt sie vielmehr. Er setzt sie nicht in ihrem Wert herab, sondern zeigt ihnen, wie groß die Bosheit des Teufels ist.
So ist denn, oh ihr Leute der Wahrheit und Rechtleitung, der Weg, sich vor den oben erwähnten Listen des Teufels in Dschinnen- und Menschengestalt zu retten dieser: Macht die Schule (medhheb) der Leute der Wahrheit, welche die Leute der Sunnah und Djema'at sind, zu eurem Hauptquartier und tretet in die Burg der unumstößlichen Gesetze des Qur'an ein, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, macht die Gelobte Sitte zu eurem Wegweiser und findet so eure Rettung (selamet)!...
Achter Hinweis
Du hast in den obigen Hinweisen bewiesen, dass, weil der Irrweg leicht, zerstörerisch und aggressiv ist, viele diesen Weg einschlagen. Demgegenüber hast du in anderen Abhandlungen (Risalah) mit unwiderleglichen
Zeugnissen bewiesen, dass der Weg des Unglaubens und des Irrtums so schwierig und mühselig ist, dass niemand ihn betreten könnte und er nicht begehbar sein sollte, während der Weg des Glaubens und der Rechtleitung so leicht und klar zu erkennen ist, dass ein jeder ihn gehen müsste...
Es gibt zwei Arten des Unglaubens und des Irrtums. Der eine ist an Handlungen gebunden und enthält nur unwesentliche Dinge. Er besteht darin, die Angelegenheiten des Glaubens zu bestreiten und sie zurückzuweisen. Diese Art Irrweg ist leicht. Er ist eine Ablehnung der Wahrheit, eine Unterlassung, ein Nicht-Sein oder Nicht-Annehmen (adem-i kabul).
Es ist also diese Art, die in den Abhandlungen (Risalah) als leicht beschrieben wurde. Was aber die zweite Art betrifft, so ist sie nicht an eine Handlung gebunden und enthält nicht nur unwesentliche Dinge, sie ist vielmehr ein Urteil, das auf Überzeugung und Überlegung beruht. Sie leugnet nicht nur den Glauben, sondern öffnet einen Weg zu seinem Gegenteil. Dies aber heißt, etwas anzunehmen, was wertlos ist und der Wahrheit zuwider läuft. Diese Art ist nicht nur eine Verleugnung, eine Zurückweisung des Glaubens; es ist vielmehr sein Gegenteil. Es ist nicht eine Nicht-Annahme (adem-i kabul), was doch leicht sein müsste, sondern die Annahme eines Nicht-Seins (kabul-u adem), was nur annehmbar ist durch den Beweis des Nicht-Seins. In Übereinstimmung mit dem Grundsatz: اَلعَدَمُ لَايُثْبَتُ {"Nicht-Sein ist nicht beweisbar."} ist der Beweis des Nicht-Seins sicherlich nicht leicht.
So sind denn Unglaube und Irrglaube, wie sie in anderen Abhandlungen (Risalah) dargestellt wurden, so schwierig und in ihrer Art bis zur Unmöglichkeit mühselig, dass ein jeder, der auch nur über ein kleines Körnchen Bewusstsein verfügt, niemals diesen Weg einschlagen
dürfte. Und ferner ist dieser Weg, wie bereits in verschiedenen Abhandlungen mit Sicherheit bewiesen wurde, mit so fürchterlichen Schmerzen verbunden und herrscht auf ihm eine solch erstickende Finsternis, dass wer auch nur ein Fünkchen Verstand besitzt, niemals beabsichtigen dürfte, diesen Weg zu wählen.
Wieso gehen dann aber dennoch die meisten Menschen einen so leidvollen, finsteren und schwierigen Weg?
Nachdem sie sich nun schon einmal auf ihm befinden und ihm verfallen sind, verlassen sie ihn auch nicht wieder. Und weil nun zudem die animalischen und vegetativen Kräfte im Menschen nicht die Folgen erkennen und nicht über sie nachdenken und statt dessen die feinsinnigen Organe des Menschen (letaif-i insaniye) beherrschen, wollen sie ihn auch gar nicht wieder verlassen, sondern trösten sich lieber mit den gegenwärtigen, flüchtigen Vergnügungen.
Wenn nun aber einer sagte: Im Irrglauben liegt ein so schreckliches Leiden und eine solche Furcht, dass der Ungläubige, könnte er nicht aus ihm auch Freude fürs Leben ziehen, überhaupt nicht mehr zu leben in der Lage wäre. Vielmehr würde er von dem Schmerz erdrückt werden und vor Angst in ein Mauseloch kriechen. Denn in seiner Menschlichkeit verlangt er nach einer Unzahl von Dingen, und obwohl er das Leben liebt, hat er doch auf Grund seines Unglaubens den Tod als ein unwiderrufliches Urteil, eine immerwährende Trennung, den Verfall allen Seins und den Abschied von all seinen Freunden und Geliebten als eine Verurteilung und infolge seines Unglaubens als eine ewige Trennung beständig vor Augen. Wie kann ein solcher Mensch noch weiter leben? Wie kann er sich noch am Leben erfreuen?
Durch eine höchst merkwürdige Rabulistik des Satans betrügt er sich selbst und lebt. Er glaubt oberflächlich, einen Genuss zu erhalten. Wir wollen die Natur (mahiyet)
dieser Sache mit einem bekannten Beispiel erläutern. Es ist dies wie folgt:
Es wird erzählt, dass einer zum Vogel Strauß (türk. devekushu = Kamelsvogel) sagte: "Wenn du Flügel hast, flieg!" Der aber hielt seine Flügel gefaltet, sagte: "Ich bin ein Kamel." und flog nicht. Doch dann geriet er in die Falle eines Trappers. Da sagte er: "Ich will nicht, dass der Fallensteller mich sieht." und steckte den Kopf in den Sand. Weil jedoch sein großer Körper draußen geblieben war, bot er dem Jäger eine Zielscheibe. Sodann sagte man zu ihm: Wenn du doch sagst: "Ich bin ein Kamel." so lass dich bepacken! Daraufhin breitete er seine Flügel aus und sagte: "Ich bin ein Vogel." und befreite sich so von aller Last und Mühsal. Weil er aber keinen Herrn und Ernährer hat, wurde er den Nachstellungen der Jäger zur Zielscheibe.
In genau der gleichen Weise gibt der Ungläubige angesichts der himmlischen Botschaft des Qur'an seinen totalen Unglauben auf und vertauscht ihn gegen einen Unglauben mit Zweifeln. Fragt man ihn nun: "Da du nun einmal Tod und Verderben als ein unwiderrufliches Urteil ansiehst, den Galgen, an dem du hängen wirst, vor Augen... Wie kann nun der, welcher ihn ständig betrachtet, noch leben? Wie sich erfreuen?" Daraufhin antwortet nun der Mann, der einen Anteil an der allumfassenden Barmherzigkeit des Qur'an und seinem universellen Licht empfangen hat: "Der Tod ist keine Hinrichtung. Es gibt eine Möglichkeit zur Beständigkeit (beqa)." Andernfalls wird er wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand der Gottvergessenheit stecken, damit die Todesstunde ihn nicht sehen solle und das Grab ihn nicht betrachten möge und die Vergänglichkeit der Dinge nicht ihre Pfeile auf ihn abschieße.
Mit Hilfe des Zweifels an seinem Unglauben wird ihm, in einer Zeit, da er sich so wie der Vogel Strauß verhält, Tod und Verderben wie eine Hinrichtung betrachtet, die sichere Kunde des Qur'an und
der vom Himmel (geoffenbarten) Bücher über اِيمَانٌ بِالْاَخِرَةِ {"den Glauben an das Jenseits"} eine (alternative) Lösung anbieten. So wird sich denn dieser Ungläubige an dieser Möglichkeit festklammern und diesen fürchterlichen Schmerz nicht auf sich selbst beziehen. Wollte man dann zu ihm sagen: "Da du nun einmal in eine für ewig bestehende Welt eingehen wirst, musst du, wenn du in jener Welt ein schönes Leben haben willst, alle die Schwierigkeiten erleiden, die ein religiöses Leben nun einmal mit sich bringt.", so wird dieser Mann auf Grund seines zweifelnden Unglaubens antworten: "Vielleicht gibt es (eine solche Welt) gar nicht. Und wenn (es sie) nicht gibt, warum soll ich (mich dann um sie) bemühen." Das aber heißt, angesichts jener Möglichkeit einer bleibenden (Welt), wie sie ihm das Urteil des Qur'an zu Zeiten anbietet, rettet er sich vor der Qual dieses unwiderruflichen Todesurteils. Doch angesichts der Möglichkeit eines Nicht-mehr-Seins (nach dem Tode), die ihm sein zweifelnder Unglaube bietet, sieht er sich der Mühsal religiöser Verpflichtungen gegenübergestellt. So klammert er sich denn an die Möglichkeit seines Unglaubens und rettet sich so vor dieser Mühe. Das aber heißt, aus diesem Blickwinkel betrachtet, dass er glaubt, in diesem Leben mehr Freuden genießen zu können als der Gläubige, denn er rettet sich vor der Mühsal der Verpflichtungen eines religiösen Lebens durch die Möglichkeit seines Unglaubens. Was aber die ewige Pein betrifft, so entflieht er ihr durch die Möglichkeit eines Glaubens, der sie nicht auf ihn selbst bezieht. Jedoch die Wirkung dieser teuflischen Rabulistik ist recht oberflächlich, nutzlos und nur vorübergehend.
So tretet denn nun, ihr Leute des Glaubens, in vollem Glauben und Vertrauen unter den Schutz des Qur'an! Er wird euch vor dieser unwiderruflichen Hinrichtung und vor
allen Höllen in dieser und in jener Welt retten. Bleibt mit Hingabe und Begeisterung in den Grenzen der Gelobten Sitte. So werdet ihr euch von den Qualen des Diesseits und den Strafen des Jenseits erretten!
Neunter Hinweis
Wie kommt es, dass die Leute der Rechtleitung, die doch der Partei Gottes (Hizbullah) angehören, wo doch an ihrer Spitze alle Propheten und an deren Spitze der Stolz der Welt (der Prophet) mit dem Friede und Segen sei, stand und ihnen soviel Gnade und göttliches Erbarmen und Hilfe des Hochgelobten zuteil werden ließ, dennoch sooft von den Leuten des Irrwegs, die doch der Partei Satans (Hizb-us Sheytan) angehören, besiegt worden sind? Und was weiter war der Grund, warum die medinensischen Heuchler, bei aller Nähe und Nachbarschaft, trotz des sonnengleich glänzenden Prophetentums jenes Siegels aller Gesandten Gottes (Khatem-ul Enbiya) und seiner Botschaft, trotz der Rechtleitung durch den wundersamen Qur'an, der gleich einem gewaltigen Elixier wirkt und trotz der Wahrheiten des Qur'an, die noch anziehender sind als alle Anziehungskraft des gesamten Kosmos, dennoch auf ihrem Irrtum beharrten und die Rechtleitung nicht annahmen, und welche Weisheit (verbirgt sich dahinter)?
Um diese Furcht erregende zweiteilige Frage bewältigen zu können, ist es notwendig, folgenden tiefschürfenden Grundsatz zu erläutern. Es ist dies wie folgt:
Da der majestätische Schöpfer (Khaliq-i Dhu l-Djelal) des Alls (kainat) zwei Arten von Namen hat, die dem Bereich der Schönheit (Djemal) und dem der Majestät (Djelal) zugehören, und da diese Namen der Schönheit und der Majestät es erforderlich machen, in ihrer Auswirkung ganz verschiedene Erscheinungsformen zu zeigen, hat der Schöpfer in Seiner Majestät alle Gegensätze im Kosmos untereinander vermischt, sie so miteinander ins Gleichgewicht gebracht
und sie dabei zugleich in einen Zustand (vasiyet) versetzt, dass sie einander angreifen oder aber sich verteidigen, womit Er in Weisheit und Zweckmäßigkeit eine Art Kampfbereitschaft kreierte, aus der heraus die Gegensätze ihre Grenzen überschritten, was wiederum eine Veränderung und Verwandlung zu Wege brachte, auf welche Weise er sie dem Gesetz der Umformung und Umwandlung als dem Prinzip der Entwicklung und Vervollkommnung unterwarf, wobei Er diesem Gesetz des Kampfes für das Menschengeschlecht, das als Frucht am Baum der Schöpfung dessen Konzentrat ist, eine noch einzigartigere Form gab, wodurch Er das Tor zu einem Wettstreit öffnete, der dem Menschen jedweden Fortschritt ermöglichte und zugleich der Partei des Teufels gewisse Werkzeuge an die Hand gab, um damit die Partei Gottes herauszufordern.
So geschieht es denn auf Grund dieses subtilen Geheimnisses, dass die Propheten oft wegen der Leute des Irrweges besiegt worden sind. Und die Leute des Irrweges, die doch so schwach und hilflos sind, bekämpfen die Leute der Wahrheit, die ihnen doch geistig so überlegen sind, und besiegen sie auch zeitweilig. Das Geheimnis und die Weisheit dieses merkwürdigen Gegensatzes ist Folgendes: Auf dem Irrweg und im Unglauben finden sich das Nicht-Sein und die Unterlassung, welche einfach und leicht sind und es nicht erfordern, tätig zu werden. Und weiter gibt es da die Zerstörung, welche ebenfalls ganz leicht und einfach ist und nur wenig Tätigkeit erfordert. Und weiter gibt es da die Aggressivität, bei der durch ebenfalls nur wenig Tätigkeit vielen ein Schaden zugefügt wird. Vom Standpunkt der Einschüchterung aus betrachtet und hinsichtlich ihres Pharaonenstolzes (firauniyet) gewinnen sie so an Einfluss und Ansehen (maqam). Und zur Befriedigung der vegetativen und animalischen Kräfte und Begierden, die den Konsequenzen gegenüber blind sind und von den gegenwärtigen Vergnügungen besessen sind, gibt es Vergnügen, Genuss und Freizügigkeit, welche
die subtileren Organe des Menschen, wie Herz und Verstand dazu bringen, ihre Verpflichtungen (vazifeh) gegenüber der Menschheit und ihre Ausrichtung auf deren Zukunft zu vernachlässigen.
Demgegenüber ist der heilige Weg aller Leute der Rechtleitung und vor allem der Leute des Prophetentums und an ihrer Spitze der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, der der Geliebte des Herrn der Welten ist, all dem verbunden, was im Dasein, was bestimmt und festgelegt, was konstruktiv ist und innerhalb gesicherter Grenzen verläuft, also mit all den elementaren Grundsätzen und Konsequenzen, die den Dienst und die Anbetung beachten und darüber hinaus den Pharaonenstolz jeder eigenwilligen Seele (nefs-i emmarenin firauniyet) und ihre Freizügigkeit zerbrechen, um dessentwillen die Heuchler, die sich zu damaliger Zeit in der "Leuchtenden Stadt" (= Medina) befanden, vor dieser strahlenden Sonne, Fledermäusen gleich, ihre Augen verschlossen und sich dazu verleiten ließen, sich mit einer geradezu teuflischen Kraft gegen ihre gewaltig große Anziehungskraft zu verteidigen und auf dem Weg des Irrtums zu verharren.
Da nun einmal der ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, der Geliebte des Herrn der Welten ist, zudem die Wahrheit (haq) in seinen Händen lag und die Wahrhaftigkeit (haqiqat) auf seiner Zunge und ein Teil der Soldaten seines Heeres Engel waren und er ein ganzes Heer mit einer Handvoll Wasser tränkte, und er Tausend Mann mit vier Handvoll Weizen und dem Fleisch eines Lammes ein Fest bereitete, und er in die Augen des Heeres der Ungläubigen eine Handvoll Sand streute, sodass diese Handvoll Sand in die Augen eines jeden Ungläubigen drang und ihn in die Flucht schlug, wie kommt es dann, dass dieser (göttliche) Kommandeur und Herr (der himmlischen Heerscharen), der doch mächtig war, Tausend Wunder gleich diesen zu wirken, dennoch am Ende der Schlacht von Uhud und zu Beginn der Schlacht von Huneyn besiegt werden konnte?
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, wurde der Menschheit gesandt als Imam, als Vorbild und Anführer, damit das Menschengeschlecht von ihm die Regeln des individuellen wie des sozialen Lebens lernen solle und damit vertraut werden solle, den Gesetzen des Vollkommenen Allweisen (Hakiem-i Dhu l-Kemal) zu gehorsamen und den Prinzipien Seiner Weisheit entsprechend zu handeln. Hätte der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, sich in seinem privaten wie gesellschaftlichen Leben stets auf Wunder (mu'djize) und übersinnliche Ereignisse gestützt, so wäre er nicht das vollkommene Vorbild (Imam-i Mutlaq) und ein allumfassender Wegweiser im Glauben.
Es geschah auf Grund dieses Geheimnisses, dass er von Zeit zu Zeit als Antwort auf eine Notlage ein Wunder wirkte, nur um seinen Anspruch (auf das Amt des Propheten) zu bestätigen und die Verleugnungen derer, die ihn bestritten, zu brechen. Zu anderen Zeiten aber gehorchte er mehr als jeder andere dem Befehl Gottes. Ebenso folgte er auch den Gesetzen Göttlicher Gewohnheit (= Naturgesetze), die nach der Weisheit des Herrn (hikmet-i Rabbani) und dem Willen des Gepriesenen (meshiet-i Subhani) errichtet worden sind, mehr als jeder andere. Er zog sich sein Panzerhemd an, wenn es dem Feinde entgegen ging und befahl (den Sahabis): "Geht in Deckung!" Er wurde verwundet und durchlitt alle Strapazen, um die Einhaltung des Gesetzes der göttlichen Weisheit und Gehorsam gegenüber der Großen Schariah der Schöpfung in der Natur zu zeigen.
Zehnter Hinweis
Eine der wichtigsten Listen des Teufels (Iblis) ist es, diejenigen, die ihm folgen, dazu zu bringen, ihn zu verleugnen. Da aber in heutiger Zeit besonders die, deren Sinn durch die Philosophie der Materialisten trübe geworden ist, in dieser ganz offensichtlichen Angelegenheit doch ihre Zweifel haben, wollen wir nun ein, zwei Worte über diese Listen des Teufels sagen.
Es ist dies wie folgt:
So wie es ganz offensichtlich in einigen Menschen böse Geister gibt, die sich verkörpert haben und nun die Aufgaben des Teufels wahrnehmen, so ist es vollkommen sicher, dass es auch unter den Dschinnen körperlose böse Geister gibt. Hätten sie sich materialisiert und verkörpert, wären sie diesen bösen Menschen gleich. Auch könnten sich diese Teufelskerle in Menschengestalt ihres Körpers entledigen, so wären sie jenen Teufeln in Gestalt von Dschinnen gleich. Ja es ist sogar eine Konsequenz dieser schrecklichen Verbindung, dass eine Schule dieser Irrlehrer (medhheb-i batil) behauptet: "Solche dermaßen üble, böse Geister in Menschengestalt, werden nach ihrem Tode zu Teufeln."
Bekanntlich ist die Verderbnis bei Gütern von hoher Qualität weit schlimmer als bei ganz gewöhnlichen Dingen. So könnte man z.B. Yoghurt oder Milch, die sauer geworden ist, durchaus noch essen, während man ranzig gewordene Butter nicht mehr essen dürfte: sie schmeckt wie Gift. So wird auch das ehrenwerteste, ja in der Tat edelste aller Geschöpfe, der Mensch, wenn er verdorben wird, noch missratener als ein missratenes Tier. Gleich Würmern, die sich am Gestank verfaulender und verwesender Dinge delektieren, und Schlangen, die es lieben, zu beißen und zu vergiften, finden sie ihren Stolz und ihr Vergnügen im Sumpf der Irrwege und der schlechten Sitten, genießen die Verletzungen und die Verbrechen in der Finsternis ihrer Bösen Taten und nehmen so die Natur und die Gewohnheiten des Satans an. So ist denn in der Tat ein zuverlässiger Beweis für die Existenz von Teufeln in einem Dschinn die Existenz des Teufels in Menschengestalt.
Zweitens:
All die vielen hundert offensichtlichen Beweise, die wir für die Existenz der Engel und Geister im Neunundzwanzigsten Wort erbracht haben, beweisen zugleich auch die Existenz des Teufels. Wir überlassen also diesen Aspekt jenem Wort.
Drittens:
Gleichwie die Existenz der Engel, welche die Repräsentanten der Gesetze von allen guten Dingen im Universum sind und als deren Überwacher über ihnen stehen, von allen Religionen übereinstimmend bestätigt wird, und gleichwie auch die Existenz der bösen Geister und Teufel als Repräsentanten aller schlimmen Dinge, als deren Ausrufer und Träger der Gesetze all dieser Dinge in Anbetracht aller Weisheit und Wahrhaftigkeit (hikmet ve haqiqat) erwiesen ist, so ist auch gerade bei allen schlimmen Dingen ein Schleier, also eine Art Zwischenperson notwendig. Denn so wie wir bereits zu Beginn des Zweiundzwanzigsten Wortes gesagt haben, hat der Schöpfer in Seiner Majestät (Khaliq-i Dhu l-Djelal) im Hinblick auf das was offensichtlich mangelhaft und schlecht ist, dem nach außen hin etwas vorgesetzt, was nun als eine Art Schleier dient, da ja nicht jeder das wirklich Gute in allen Dingen zu sehen vermag, sodass Einwände, Kritik und Klagen sich nicht gegen den freigiebigen Schöpfer (Khaliq-i Keriem) und vollkommen Allweisen (Hakiem-i mutlaq) richten, sondern gegen diesen Schleier, damit nicht Er in Seiner Barmherzigkeit angeklagt, in Seiner Weisheit kritisiert und ungerechterweise beschuldigt werde. So wie Er z.B. eine Krankheit zu einem Schleier, einer Art Vorwand gemacht hat, um in der Stunde des Todes Hasret Asrail vor den Klagen der dahinscheidenden Diener Gottes zu bewahren, so hat Er auch Hasret Asrail zu einer Art Vorhang gemacht, damit die Klagen über einen Zustand (hal), den sie sich als einen Mangel an Barmherzigkeit vorstellen, sich nicht gegen Gott den Gerechten richten können. Genauso erfordert die Weisheit des Herrn mit noch weitaus größerer Sicherheit die Existenz des Teufels, damit Einwände und Kritiken an allem Übel und aller Bosheit sich nicht gegen den Schöpfer in Seiner Majestät (Khaliq-i Dhu l-Djelal) richten sollen.
Viertens:
So wie der Mensch eine Welt im Kleinen ist, so gleicht auch die Welt einem großen Menschen. Dieser kleine Mensch gleicht einem Inhaltsverzeichnis und einer Zusammenfassung des großen Menschen. Die großen Originale der Muster des (kleinen) Menschen finden sich
mit Sicherheit in dem großen Menschen wieder. So ist z.B. das Vorhandensein des menschlichen Erinnerungsvermögens mit Sicherheit ein Beweis der Bewahrten Tafel (Lauh-i Mahfudh) im Kosmos. So hat auch jeder schon einmal in seiner Seele (nefs) und in einem Winkel seines Herzens jene Flüstermaschine intuitiv und emotional verspürt, die man den Teufelspunkt nennt und die in der Kraft eines Einbildungs- und Vorstellungsvermögens wie die Zunge des Teufels durch ein verdorbenes Einbildungs- und Vorstellungsvermögen spricht, zu einem kleinen Teufelchen wird, dem Wünschen und Wollen ihres Besitzers entgegen handelt und die ein sicherer Beweis für einen großen Teufel im gesamten Kosmos ist. Und da dieser Teufelspunkt und diese Kraft eines Vorstellungsvermögens Ohr und Zunge sind, so lassen sie die Existenz eines äußeren böswilligen Wesens erahnen, das in das erstere hineinbläst und das letztere zum Sprechen bringt.
Elfter Hinweis
Wie sich ein ganzes Universum über die Bosheit der Leute des Irrweges ärgert, die Elemente der Erde aufbrausen und alles Sein darüber in Zorn gerät, bringt der Weise Qur'an auf wunderbare Weise zum Ausdruck. Denn diese Art, wie Himmel und Erde mit einem Unwetter Noahs Stamm heimsuchten, wie das Luftelement in seinem Ärger über die Leugnung der Stämme des Thamud und des Ad, wie das Wasserelement sich in der Wut der See über das Volk des Pharaoh und wie das Erdelement sich in seinem Zorn gegen Qarun richtete, schildert (der Qur'an) entsprechend dem Geheimnis der Ayah تَكَادُ تَمَيَّزُ مِنَ الْغَيْظِ {"vor Wut beinahe platzt..." (Sure 67, 8)} die Gewalt und den Ärger der Hölle über die Leute, die nicht an das Jenseits glauben und den Ärger allen Seins
über die Leute des Unglaubens und des Irrweges und weist in seiner wunderbaren Art die Leute des Irrweges und der Auflehnung streng zurecht.
Warum beschwören solche unbedeutenden Handlungen so unbedeutender Menschen und ihre rein privaten Sünden den Zorn eines ganzen Kosmos herauf?
Wie wir bereits in anderen Abhandlungen (Risalah) und mit den vorangegangenen Hinweisen bewiesen haben, sind Unglaube und Irrwege ein furchtbarer Angriff und ein Verbrechen gegen alles Sein. Denn das gewaltigste Ergebnis der Schöpfung der Welt ist der Dienst und die Anbetung (ubudiyet-i insaniye) und die Antwort auf die Herrschaft Gottes (rububiyet-i Ilahiye) in Glaube und Gehorsam (iman ve itaat). Was aber die Leute des Unglaubens und des Irrweges betrifft, so verwerfen die Leute des Irrglaubens dieses gewaltige Ergebnis, welches das oberste Ziel ist, das der Grund ihres Fortbestehens ist, und begehen auf diese Weise eine Art Angriff auf die Rechte der ganzen Schöpfung, weil sie die Offenbarung der Göttlichen Namen verleugnen, die im Spiegel all Seiner Kunstwerke erscheinen und die den Wert dieser Kunstwerke durch diese Spiegelung noch erhöhen. Und so wie sie diese heiligen Namen schwächen, ist es auch eine gewaltige Beleidigung dieser Kunstwerke, den Wert all dieser Kunstwerke herabzuwürdigen. Und weil nun in allem Sein ein jedes einzelne für sich ein Beamter Seines Herrn ist, beauftragt mit einer hohen Aufgabe, die Leute des Irrweges aber sie durch ihren Unglauben erniedrigen und sie in ihrem Rang als Geschöpfe wie leblos, vergänglich und ohne Bedeutung darstellen, verletzen sie dadurch in gewisser Weise die Rechte aller Geschöpfe.
Da aber nun die verschiedenen Arten des Irrweges je nach Größe und Ausmaß die Weisheit des Herrn (hikmet-i Rabbani) bei der Erschaffung des Kosmos und die Absichten des Hochgelobten (maqasid-i Subhaniye) für den Fortbestand der Welt mehr oder weniger verletzen, wird der Kosmos über die Leute der Auflehnung (ehl-i isyan) und die Leute des Irrweges zornig, alles Sein gerät
in Aufwallung und die ganze Schöpfung empört sich darüber.
Oh du armseliger, deiner leiblichen Erscheinung nach zwar kleiner, deiner Schuld und deiner Verbrechen nach aber großer und deiner Schande und Sünde nach gewaltiger Mensch! Wenn du dich vor der Wut des Kosmos, dem Abscheu der Geschöpfe und dem Zorn allen Seins erretten willst: hier ist das Mittel deiner Errettung: es besteht darin, in den Kreis des Weisen Qur'an einzutreten und der Gelobten Sitte des Ehrenwerten Gesandten (mit dem Friede und Segen sei) zu folgen, der den Qur'an verkündigt hat! Tritt ein und folge!
Zwölfter Hinweis
Vier Fragen und Antworten
Erste Frage:
Wie können in einem beschränkten Leben für beschränkte Sünden eine unbegrenzte Strafe und eine nicht mehr endende Hölle noch gerecht sein?
Aus den obigen Hinweisen und besonders aus dem, was bisher im Elften Hinweis gesagt worden ist, wird mit völliger Sicherheit verständlich, dass das Verbrechen des Unglaubens und der Irrwege ein unendliches Verbrechen und eine Verletzung zahlloser Rechte ist.
Zweite Frage:
In der Schariah heißt es: "Die Hölle ist der Lohn der Taten. Doch das Paradies ist eine Gnade (Fadl) Gottes." Was ist die Weisheit hinter diesem Geheimnis?
Aus den vorausgegangenen Hinweisen ergibt sich ganz klar, dass der Mensch, so wie er mit seinem nichtssagenden kleinen Stückchen Willen (djüz-i ihtiyar) und seinem kleinen Stückchen Gestaltungsvermögen (djüz'i bir kesb), durch Unaufmerksamkeit oder dadurch, dass er, kraft seines Vorstellungsvermögens etwas in die Tat umsetzt, fürchterliche Zerstörung anrichten und die Ursache allen Übels sein kann, er auch die Verantwortung für das Böse trägt, das
als ein Ergebnis seines kleinen Stückchens Gestaltungsvermögen (küçük kesbin) nun einmal geschehen ist, da seine Seele (nefs) und seine Begierden jederzeit geneigt sind, Böses zu tun und Schaden anzurichten. Denn seine Seele hat es gewollt und seine Fähigkeit, etwas zu bewirken, hat es verursacht. Und da nun einmal das Böse dem Bereich des Nicht-Seins angehört, ist aus dem Diener ein Täter geworden. Gott der Gerechte hat auch all dies erschaffen. Und mit Sicherheit verdient es (der Mensch) in seiner Verantwortung für ein unendliches Verbrechen auch mit einer unendlichen Strafe dafür zu büßen.
Was aber seine guten Werke (hassanat) und alle Wohltaten (khayrat) betrifft, so kann, da sie nun einmal dem Bereich des Seins zugehören, dieses kleine Stückchen menschliches Wünschen (djüz-i ihtiyar) und Gestalten (kesb-i insani) nicht die ursprüngliche Ursache dafür sein. Der Mensch kann daher nicht der wahre Vollbringer (haqiq-i fa'il) (dieser guten Werke) sein. Und auch seine eigenwillige Seele (nefsu-l'emmare) steht nicht auf Seiten des Guten. Es ist vielmehr die göttliche Barmherzigkeit (rahmet-i Ilahi), die es wünscht und die Macht des Herrn (qudret-i Rabbani), die es vollbringt. Der Mensch kann es nur in seinem Glauben (iman), durch seinen Wunsch, in seiner Absicht (niyet) erlangen. Und nachdem er es erlangt hat, ist es unser Dank, der die guten Werke darstellt, (der Dank) für die zuvor empfangenen unendlichen Wohltaten Gottes (ni'am-i Ilahi), wie unser Leben (vudjud) und unseren Glauben, und (dieser Dank) bezieht sich auf die zuvor empfangenen Gaben (ni'metleri). Was aber das Paradies betrifft, das uns durch ein Versprechen Gottes gegeben werden wird, so wird es uns durch die Gnade (fadl) Gottes gegeben. Nach außen hin scheint es eine Belohnung zu sein; doch ist es in Wirklichkeit eine Gnade.
Das heißt also, dass die Ursache alles Bösen die eigene Seele (nefs) ist, die ihre Strafe selbst verdient. Was aber das Gute betrifft, so liegt seine Ursache bei dem Gerechten (Haqq), ist sein Urgrund der Gerechte. Der Mensch kann es nur im Glauben erlangen. Er kann nicht sagen: "Ich verlange meinen Lohn.", vielmehr muss er
sagen: "Ich hoffe auf einen Gnadenerweis (fadl)."
Dritte Frage:
Aus den obigen Erläuterungen wird verständlich, dass alles Böse sich verbreitet und aggressiv reagiert und sich auf diese Weise noch vermehrt, weswegen es als "Tausend" geschrieben werden sollte, während hingegen für gute Taten, weil sie dem Bereich des Seins zugehören und nicht aus der Schöpfung des Dieners (Gottes) und dem Wunsch der Seele hervorgehen und weil sie sich selbst nicht vervielfältigen, nichts geschrieben oder nur "Eins" geschrieben werden sollte. Warum aber wird dann für das Böse nur "Eins" geschrieben, für das Gute aber "Zehn" oder manchmal "Tausend" geschrieben?
Gott der Gerechte zeigt die Vollkommenheit Seines Erbarmens (kemal-i rahmet) und die Schönheit Seiner Barmherzigkeit (djemal-i Rahiemiyet) auf diese Weise.
Vierte Frage:
Der Erfolg, den die Leute des Irrweges erlangen, die Macht (quvvet), die sie gewinnen, und ihr Sieg über die Leute der Rechtleitung zeigen, dass sie sich auf eine Macht oder auf eine Wahrheit stützen können (nokta-i istinad). Heißt das nun, dass die Leute der Rechtleitung entweder schwach sind, oder aber (die Irrlehrer) die Wahrheit besitzen?
Gott bewahre!... Weder besitzen sie die Wahrheit, noch sind die Leute der Wahrheit schwach. Doch leider sind einige der einfachen Leute kurzsichtig und wenig einsichtsfähig. So beginnen sie zu zögern und zu zweifeln und so wird ihr Glaube erschüttert. Denn sie sagen: "Hätten die Leute der Wahrheit die volle Wahrheit und Wahrhaftigkeit, so wären sie nicht in diesem Ausmaß besiegt und erniedrigt worden. Denn die Wahrheit ist stark. Und dem Grundprinzip:
{"Die Wahrheit ist siegreich und überlegen und kann nicht besiegt werden. "}
entsprechend liegt die Macht in der Wahrheit. Wenn also
die Leute des Irrwegs, die die Leute der Wahrheit besiegt haben, nicht eine wirkliche Macht besessen und (in ihrem Innern) nicht über einen Stützpunkt verfügt hätten, hätten sie dann noch in dieser Weise siegen und so erfolgreich sein können?
Wie wir bereits in den oben angeführten Hinweisen mit Sicherheit bewiesen haben, rührt der Sieg über die Leute der Wahrheit nicht aus einem Mangel an Macht und Wahrhaftigkeit (haqiqat), und da wir in diesen Abhandlungen ebenfalls hinreichend Bewiesen haben, dass der Sieg der Leute des Irrweges nicht auf ihrer Macht und ihren Fähigkeiten (iktidar) beruht und auch nicht darauf, dass sie (in sich) über einen Stützpunkt (nokta-i istinad) verfügt hätten; so ist denn die Antwort auf diese Frage die Gesamtheit aller vorausgegangenen Hinweise. So wollen wir denn hier nur auf einige ihrer Listen und auf einen Teil der Waffen verweisen, die sie gebrauchen. Es ist dies wie folgt: Ich habe selbst bereits mehrmals beobachtet, dass die Übeltäter (ehl-i fesad), die nur zehn Prozent (der Streitenden stellen), neunzig Prozent (der Streitenden) besiegen, welche rechtschaffen (ehl-i salah) sind. Ich habe mich immer sehr darüber gewundert. Als ich dem weiter nachging, wurde mir mit absoluter Gewissheit klar, dass sie ihre Siege nicht mit Kraft und nicht mit ihrer Macht errangen, sondern durch Korruption, durch Feigheit, durch Zerstörung, durch Rachenahme oder dadurch, dass sie die Zerspaltenheit unter den Leuten der Wahrheit ausnutzten und Zwietracht unter ihnen säten, nach ihren Schwachstellen suchten und diese Seiten dann anbohrten, die Gefühle ihrer Seele (nefs) zum sieden brachten, ihre persönlichen Interessen aufstachelten und indem sie deren Neigungen zum Bösen ausnutzten, die wie bösartige Adern im Innern des Menschen lagern, und scheinheilig (riya) im Namen von Ehre und Ruhm dem Pharaonenstolz der Seelen (nefsin firauniyet) schmeicheln und indem sie (es erreichen, dass) ein jeder sich vor ihrer erbarmungslosen Zerstörungswut fürchtet. Mit Hilfe solcher teuflischer Listen besiegen sie vorübergehend die Leute der
Wahrheit. Doch da entsprechend dem Geheimnis der Ayah وَالْعَاقِبَةُ لِلْمُتَّقِينَ {"Doch das Ende ist für die Gottesfürchtigen." (Sure 7, 128)}
und dem Grundprinzip: اَلْحَقُّ يَعْلُو وَلاَ يُعْلٰى عَلَيْهِ {"Die Wahrheit ist siegreich und überlegen und kann nicht besiegt werden. "} ist dieser vorübergehende Sieg für sie völlig unbedeutend, weil er ihnen gar keinen Vorteil bietet. Er wird ihnen vielmehr zur Ursache einer Höllenstrafe, während er die Leute der Wahrheit ins Paradies geleitet.
So geschieht dies denn, weil uns auf diesem Irrweg die Machtlosen als mächtig erscheinen, die Bedeutungslosen zu Ruhm gelangen und so die egoistischen, ruhmsüchtigen und heuchlerischen (riya) Menschen mit nur wenigen Mitteln ihre Macht demonstrieren und durch (die Methoden) der Einschüchterung und durch allerlei Schikanen zu Ansehen gelangen und so den Leuten der Wahrheit gegenüber eine oppositionelle Haltung einnehmen, damit sie (überall) gesehen werden und die Aufmerksamkeit aller auf sich lenken. So wird die Zerstörung, deren Ursache sie sind, wenn auch nicht durch ihre Macht und ihre Fähigkeit sondern durch Nachlässigkeit und Fehlerhaftigkeit, ihnen zugeschrieben und es wird über sie geredet. So wie einer von (diesen Leuten, die) verrückt sind nach Ruhm, das Haus des Gebetes beschmutzt, damit ein jeder über ihn redet... ja sogar mit Abscheu über ihn redet, so erscheint es für den (so empfindlichen) Nerv seiner Ruhmsucht wünschenswert in dieser verfluchten Ruhmsucht, dass dies sogar zu einem Sprichwort geworden ist.
Oh du armseliger Mensch, der du für eine ewig bestehende Welt erschaffen und in einer vergänglichen Welt
ausgesetzt worden bist! Betrachte nun mit Aufmerksamkeit die Ayah und öffne deine Ohren!
{"Doch weder der Himmel noch die Erde vergossen auch nur eine Träne über ihn." (Sure 44, 29)}
Siehe, was sie sagt! So heißt es denn hier in diesem Ferman ausdrücklich: "Wenn die Leute des Irrweges sterben, so weinen Himmel und Erde, die ja mit den Menschen verbunden sind, nicht über ihren Gräbern. Denn sie sind nicht mit ihnen zufrieden." Hier wird im Umkehrschluss zum Ausdruck gebracht: "Beim Tode der Leute der Rechtleitung weinen Himmel und Erde über ihren Gräbern. Sie möchten sich nicht von ihnen trennen." Denn der ganze Kosmos ist mit den Menschen des Glaubens verbunden und ist mit ihnen zufrieden. Denn da sie in ihrem Glauben den Schöpfer des Weltalls kennen, wissen sie auch den Wert des Kosmos zu schätzen, behandeln (die Natur) mit Liebe (muhabbet) und Respekt. Sie behandeln sie nicht wie die Leute des Irrweges mit Geringschätzung und einer versteckten Feindschaft (adavet).
Oh Mensch, denk nach! Du wirst in jedem Fall sterben. Wenn du dem Teufel und deinen Launen (nefs) folgst, werden deine Nachbarn, ja sogar deine Verwandten sich darüber freuen, dass sie von deinem Übel erlöst worden sind. Wenn du stattdessen sagst:
{"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan."}
und dem Qur'an und dem Geliebten des Erbarmers (= dem Propheten) folgst, werden Himmel und Erde und alles Sein, entsprechend dem jeweiligen Verhältnis (= d.h. dem des jeweiligen Menschen zum Qur'an und seinem Propheten - A.d.Ü.) und in Anbetracht deines Verhältnisses (= deinem ganz persönlichen - A.d.Ü.) über dein Hinscheiden betrübt sein und gleichsam weinen. In erhabener Trauer und majestätischem Geleit werden sie (= Himmel und Erde), wenn du durch das Tor des Grabes in die bleibende
Welt hinüberschreitest, deinem Verhältnis entsprechend darauf hinweisen, dass du gut aufgenommen sein wirst.
Dreizehnter Hinweis
Besteht aus drei Punkten.
Erster Punkt: der größte Betrug des Satans:
Er betrügt Menschen, denen die Brust beengt und der Verstand unzulänglich ist und die in ihrem Auffassungsvermögen begrenzt sind, indem er ihnen sagt: "Man sagt, dass (Gott in Seiner) Person innerhalb Seines Herrschaftsgebietes alle Atome, alle Sterne und Planeten und alles Sein mit allem, was es umfasst und beinhaltet, einzig und allein lenkt und leitet. Wie kann nur jemand an eine so grenzenlose, seltsame und große Sache glauben? Wie kann er nur (eine solche Vorstellung) in seinem Herzen hegen? Wie kann der menschliche Geist so etwas annehmen?" Auf diese Weise erweckt er in Anbetracht menschlicher Schwäche ein geradezu abweisendes Gefühl.
Das Geheimnis, wie man diese Einflüsterungen des Teufels zum Schweigen bringen kann, heißt: «Allahu ekber (Gott ist groß.)» Und die wahre Antwort (auf die Fragen des Teufels) ist auch: «Allahu ekber.» So ist denn in der Tat «Allahu ekber» die am häufigsten wiederholte Formel des Islam, um die Listen des Teufels zu besiegen. Denn sobald die schwachen Kräfte des Menschen, seine hilflosen Anstrengungen und seine eingegrenzte Gedankenwelt (fikri) den unendlich großen Wahrheiten im Lichte des «Allahu ekber» begegnen und sie bestätigen und diese Wahrheiten in der Kraft des «Allahu ekber» unterstützen und sie im Umkreis des «Allahu ekber» verankern und sagen zu diesem Herzen, das den Einflüsterungen (vesvese) (des Teufels) zu verfallen droht: Es lässt sich ganz offensichtlich erkennen, dass dieses Universum in überaus wohlgeordneter Art und Weise gelenkt, geleitet und
verwaltet wird. Dies könnte auf zweierlei Weise zu Stande kommen:
Der erste Weg:
Er ist ein zwar möglicher (Weg), aber (dieser Weg) ist wahrhaft gewaltig und wunderbar. Sicherlich kommt ein solch wunderbares Werk nur durch eine ebenso wunderbare Kunstfertigkeit auf eine ganz einzigartige Weise zu Stande. Dies geschieht in der Herrschaft (Rububiyet), mit dem Willen (irade) und durch die Macht (qudret) des Einen (Ahad) und Einzigartigen (Samad), dessen Existenz alles Sein, bis hinab zu den Atomen bezeugt ist.
Der zweite Weg:
Es ist der Weg der Abgötterei und des Unglaubens, der in keiner Weise möglich und bis zur Unmöglichkeit schwierig und ganz und gar unverständlich ist. Denn wie wir bereits in vielen Abhandlungen (Risalah), wie dem Zwanzigsten Brief und dem Zweiundzwanzigsten Wort mit Sicherheit bewiesen haben, müsste sich dann im gesamten Kosmos und in allem Sein, ja sogar in jedem einzelnen Atom eine vollkommene Göttlichkeit (uluhiyet-i mutlaqa), ein allumfassendes Wissen (ilm-i muhit) und eine grenzenlose Macht (qudret) finden, sodass sich all diese so vollendeten und kunstvoll verzierten Kunstwerke in ihrer unendlichen Wohlordnung und Ausgewogenheit, in ihrem so empfindlichen Gleichgewicht und mit all ihren charakteristischen Merkmalen, wie wir sie in allem Sein erkennen und bezeugen können, ins Dasein treten können.
Gäbe es nicht diese große und mächtige göttliche Herrschaft, (wie sie für diese Schöpfung) so angemessen und so sehr am Platz ist, so müsste man notwendigerweise einem Weg folgen, der in jeder Hinsicht unverständlich und unmöglich wäre. Vor einer solch gewaltigen Größe zu fliehen, wie sie notwendig und passend wäre und sich auf etwas völlig Unverständliches und Unmögliches einzulassen, könnte selbst der Teufel nicht vorschlagen.
Zweiter Punkt: eine andere bedeutende List des Satans:
Einen Menschen davon abzuhalten, seinen Fehler einzugestehen, sodass sich das Tor zur Vergebung (istighfar) und der Zufluchtsuche (istiaze) (bei Gott) schließt. Zugleich stimuliert er noch den Egoismus der menschlichen Seele, sodass diese Seele sich wie ein Advokat verteidigt, als wolle sie sich von jeglichem Fehler und Makel reinigen (taqdis).
In der Tat will eine Seele, die auf den Teufel hört, ihren Fehler nicht sehen. Sieht sie ihn aber, so diskutiert sie ihn entsprechend dem Geheimnis
{"Das Auge der Zufriedenheit ist allen Fehlern gegenüber blind."}
auf hunderterlei verschiedene Weisen hinweg. Wer zufrieden auf seine Seele blickt (nefsin nazar-i rida), kann ihre Fehler nicht sehen. Da er seine Fehler nicht sehen kann, kann er sie nicht gestehen und nicht um Vergebung bitten und nicht Zuflucht suchen und wird so zu einem Spielzeug in der Hand des Teufels. Wenn schon ein so Ehrenwerter Prophet Hasret Yusuf, mit dem der Friede sei, sagt
{"Noch spreche ich meine eigene Seele frei. Wahrlich, die Seele ist dem Bösen zugeneigt, soweit nicht mein Herr sich meiner erbarmt." (Sure 12, 53)}
wie kann man dann noch auf seine Seele vertrauen? Wer also seine Seele anklagt, (der tut dies, weil er) ihre Fehler sieht. Und wer sich seine Fehler eingesteht, der bittet um Vergebung. Wer aber um Vergebung bittet, der nimmt Zuflucht. Wer aber Zuflucht sucht, der rettet sich vor der Bosheit des Satans. Einen Fehler nicht zu sehen, ist ein Fehler, der noch größer ist als dieser Fehler. Das Nichteingeständnis eines Fehlers aber ist ein großer Makel. Einen Fehler zu erkennen, rückt diesen Fehler in die Fehlerlosigkeit. Ein Geständnis abzulegen heißt, Vergebung ('afwa)
zu verdienen.
Dritter Punkt:
Eine Einflüsterung des Teufels, die das menschliche Gemeinschaftsleben zerstört, zielt darauf ab, auf Grund einer schlechten Seite alle die guten Seiten eines Gläubigen zu übersehen. Wenn dann ein Mensch in seiner Ungerechtigkeit auf die Einflüsterungen des Teufels hört, so hasst er den Gläubigen. Wenn aber dann am Tage der Wiederauferstehung der allmächtige Gott in Seiner vollkommenen Gerechtigkeit die Taten dessen, der für sie verantwortlich ist, auf Seiner großen Waage wiegt, wird Er danach richten, ob die guten Taten die schlechten überwiegen oder von ihnen überwogen werden. Denn es gibt viele Ursachen für die Schlechtigkeiten und ihre Entstehung ist einfach, weshalb manchmal eine einzige gute Tat viele schlechten zudeckt. Das heißt, dass man in dieser Welt von diesem Standpunkt der göttlichen Gerechtigkeit aus handeln sollte. Wenn die guten Taten eines Menschen seine schlechten quantitativ oder qualitativ überwiegen, verdient er es, dass man ihm mit Liebe und Hochachtung (muhabbet ve hürmet) begegnet. Tatsächlich muss man auch wegen einer einzigen wirklich guten Tat viele schlechten Taten mit den Augen der Verzeihung (nazar-i 'afw) betrachten. Denn der Mensch, der von Natur aus dem Bösen zugeneigt ist, vergisst unter der Einflüsterung des Teufels angesichts einer einzigen Schlechtigkeit hundert gute Taten, hasst (adavet) seinen Glaubensbruder und verfällt der Sünde. Denn so wie ein Mückenflügel im Auge einen ganzen Berg bedecken kann, sodass man ihn nicht mehr sieht, ebenso kann die Bosheit und Uneinsichtigkeit eines Menschen wegen einer Schlechtigkeit gleich einem Mückenflügel einen ganzen Berg von guten Werken zudecken, in Vergessenheit geraten lassen, Hass (adavet) gegen einen Glaubensbruder wecken und zu einem Werkzeug werden, das das Gemeinschaftsleben der Menschen zerstört.
Mit einer anderen List, die dieser List gleicht, zerstört der Teufel das gesunde Denken (selamet-i fikri) des Menschen. Er verdirbt das gesunde Urteilsvermögen über die Glaubenswahrheiten
und verletzt die Geradlinigkeit seines Denkens (istikamet-i fikri). Dies geschieht folgendermaßen:
Er möchte Hunderte von Beweismitteln zur Bestätigung der Glaubenswahrheiten mit einem Hinweis, der sie wieder zunichte macht, vom Tisch fegen, während es doch ein fest verankertes Prinzip ist, dass "ein einziger Beweis einer Vielzahl gegenteiliger Behauptungen überlegen" ist. Die Aussage eines Zeugen, die eine Behauptung bestätigt, ist hundert gegenteiliger Behauptungen vorzuziehen. Betrachten wir einmal diese Wahrheit mit Hilfe des folgenden Gleichnisses:
Es habe ein Schloss hunderte verschlossener Türen. Sobald es gelingt, auch nur eine einzige dieser Türen zu öffnen, kann man in das Schloss eintreten und alle übrigen Türen öffnen. Sind erst einmal alle Türen geöffnet, während vielleicht ein oder zwei von ihnen geschlossen bleiben, kann niemand mehr sagen, man könne dieses Schloss nicht betreten.
So sind denn die Glaubenwahrheiten dieses Schloss. Jeder Beweis ist ein Schlüssel dazu. Er bestätigt; öffnet eine Türe. Auch wenn eine der Türen verschlossen bliebe, kann man dennoch die Glaubenswahrheiten nicht aufgeben und sie nicht bestreiten (inkar). Was aber den Teufel betrifft, so weist er auf diese eine Tür hin, die aus irgendwelche Gründen, durch Nachlässigkeit (ghaflet) oder Unwissenheit (djehalet) verschlossen geblieben ist, lässt alle bis dahin angeführten Beweise außer Betracht und sagt: "Schau, dieses Schloss kann man nicht betreten. Und vielleicht ist es ja auch gar kein Schloss und innen drin ist gar nichts." und betrügt so.
Wohlan denn, du armseliger Mensch, der du unter den Listen des Satans zu leiden hast! Wenn du ein religiöses Leben wünscht, ein persönliches Leben, ein gesellschaftliches Leben in Sicherheit (selamet), ein gesundes Denken, einen geraden Blick und ein aufrechtes Herz, so wiege deine Taten und dein ganzes Verhalten auf der untrüglichen
Waage des Qur'an und wäge sie ab mit der Gelobten Sitte, mache den Qur'an und die Gelobte Sitte stets zu deinem Wegweiser und sage:
{"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan!"}
So sind denn diese Dreizehn Hinweise gleich dreizehn Schlüsseln. Mit dieser letzten Sure des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, und welche die Ausdeutung (mufassali) und Quelle ist von
{"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan."}
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen" "Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn der Menschen, dem König der Menschen, dem Gott der Menschen, vor dem Unheil des Einflüsterers, des Heimtückischen, der in der Brust der Menschen flüstert, sei es ein Dschinn oder ein Mensch." (Sure 114)}
öffne die schützende Feste und die Tore der sicheren Burg mit den dreizehn Schlüsseln, tritt ein und sei in Sicherheit (selamet)!
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32) "Und sprich: Oh mein Herr, ich nehme meine Zuflucht zu Dir vor den Teufeln, die mich aufhetzen wollen. Und ich nehme meine Zuflucht zu Dir, mein Herr, sodass sie sich mir nicht nähern!" (Sure 23, 97-98)}
Vierzehnter Blitz
Besteht aus zwei Kapiteln. Das Erste Kapitel ist eine Antwort auf zwei Fragen.
{"Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend ihn preist." (Sure 17, 44) "Friede sei mit Euch und das Erbarmen Gottes und Sein Segen."}
Lieber, getreuer Mitbruder Re'fet Bey,
Die Antwort auf die Frage nach dem Stier und dem Fisch, die du mir gestellt hast, ist in verschiedenen Teilen der Risale-i Nur zu finden. Fragen dieser Art sind im Dritten Ast des Vierundzwanzigsten Wortes in Übereinstimmung mit zwölf wichtigen Regeln, "Die Zwölf Pfeiler" genannt, bereits erklärt worden. Jede dieser Regeln ist eine Richtlinie und bezieht sich auf Ausdeutungen in den verschiedenen Hadithen. Es sind wichtige Grundsätze, die der Zerstreuung von Zweifeln dienen, wie sie sich bezüglich dieser Hadithe ergeben. Leider gibt es im Augenblick einige Dinge, die mich davon abhalten, mich - außer den Dingen, die mir am Herzen liegen - auch noch mit wissenschaftlichen Themen zu befassen. Ich kann dir daher leider nicht im Sinne deiner Frage antworten. Wann immer mir etwas in meinem Herzen eingegeben wird, muss ich mich damit beschäftigen. Auf einige dieser Fragen gibt es eine Antwort, weil sie in Übereinstimmung (tevafuq) sind mit dem, was in meinem Herzen (geschieht). Sei also deswegen nicht beleidigt! Aus diesem Grunde kann ich nicht alle Fragen so beantworten, wie es sich gehört. Lass mich also für dieses Mal ganz kurz deine Frage beantworten!
Du schreibst dieses Mal zu deiner Frage:
"Die Hodjas sagen: Die Erde ruht auf einem Stier und einem Fisch. Dabei behaupten doch die Astronomen, dass sie wie ein Stern durch das All reist. Da gibt es weder einen Stier noch einen Fisch."
Persönlichkeiten wie Ibn Abbas, mit dem Gott zufrieden sein möge, stützen sich auf eine Echte Überlieferung, wonach der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, gefragt wurde: "Worauf ruht die Welt?" Da geruhte er zu antworten: عَلَى الثَّوْرِ وَالْحُوتِ {"Auf einem Stier und einem Fisch."}
Nach der einen Überlieferung soll er einmal عَلَى الثَّوْرِ {"auf einem Stier"} ein andermal عَلَى الْحُوتِ {"auf einem Fisch"} gesagt haben.
Ein Teil der Kenner der Hadithe (Muhaddith) schrieben sie dem Aberglauben und den Erzählungen zu, welche sich die alten Israeliten überliefert haben (Israiliyat). Besonders jene Gelehrten unter ihnen, die zum Islam übergetreten waren, schrieben was sie über "den Stier und den Fisch" in alten Büchern gelesen hatten, diesen Hadithen zu und veränderten dabei deren Bedeutung in seltsamer Weise. Ich will hier aber nun im Zusammenhang mit deiner Frage die "Drei Grundsätze" und die "Drei Aspekte" ganz kurz erklären.
Erster Grundsatz:
Nachdem ein Teil der Gelehrten unter den alten Israeliten zum Islam übergetreten war, wurde auch ihr damaliges Wissen in die islamische (Überlieferung) übernommen und dem Islam zugeschrieben. Doch gab es Fehler in dieser antiken Überlieferung, die eindeutig dort zu suchen sind und nicht zur Islamiyet gehören.
Zweiter Grundsatz:
In Vergleichen und Metaphern wurden sie von ihren Edlen an das einfache Volk weitergegeben, sodass sie aus der Hand der Gelehrten in die Hände der Unwissenden gelangten, wo man mit dem Ablauf der Zeit schließlich glaubte, sie seien wörtlich für wahr zu nehmen. So gab es z.B. als ich noch ein Kind war einmal eine Mondfinsternis. Da sagte ich zu meiner Mutter: "Warum ist der Mond so geworden?" Da antwortete sie mir: "Eine Schlange hat ihn aufgefressen." Da sagte ich: "Ich kann ihn aber doch noch sehen." Sie antwortete wieder: "Die Schlangen dort droben sind wie Glas. Man kann noch die Dinge in ihnen erkennen!"
Ich habe die Erinnerung an meine Kindheit noch lange Zeit danach bewahrt. Wenn ich darüber nachdachte, so fragte ich mich: "Wie konnten nur ernst zu nehmende Leute, wie meine Mutter, einen so irrigen Aberglauben wiederholen?" Als ich dann später Astronomie studierte, wurde mir klar, dass Leute, die wie meine Mutter diese Dinge wiederholten, eine Metapher für wahr hielten. Denn der weite Zirkel, den der Tierkreis um die Sonne formt, und der Kreis mit den Häusern des Mondes überschneiden einander und bilden so einen Bogen. Die subtile Metapher der Astronomen nennt die beiden Kreisbahnen die beiden Schlangen. Die Punkte, in denen sie einander schneiden, werden der Kopf und der Schwanz des Drachens
genannt. Stehen bei Vollmond Sonne und Mond an Kopf und Schwanz des Drachens einander gegenüber, mit der Erde in der Mitte, so entsteht eine Opposition. Die Erde geht gleichsam zwischen beiden hindurch und so kommt es zu einer Eklipse des Mondes. Der obigen Metapher entsprechend tritt nun der Mond in den Kopf des Drachens ein. Als aber nun diese Metapher der hochgebildeten Gelehrten in die Sprache des einfachen Volkes überging, bildete sich im Laufe der Zeit ein riesiger Drache, der den Mond verschlang.
So wurden denn Sevr (der Stier) und Hut (der Fisch), zwei bedeutenden Engeln, einer heiligen und subtilen Metapher, einem bedeutungsvollen Hinweis entsprechend, die Namen "Stier" und "Fisch" verliehen. Als aber dann diese Metapher für eine Wahrheit von der heiligen und erhabenen Sprache des Prophetentums (lisan-i nubuvvet) in die Sprache des einfachen Volkes überging, nahm sie die Gestalt eines wirklich riesengroßen Stieres und eines fürchterlich großen Fisches an.
Dritter Grundsatz:
So wie der Qur'an Allegorien enthält und durch sie dem einfachen Volk mit Vergleichen und Metaphern über sehr tiefe Dinge unterweist, so finden sich auch in den Hadithen Allegorien, die sehr tiefe Wahrheiten mit vertrauten Vergleichen zum Ausdruck bringen. So wurde z.B. einmal in Gegenwart des Propheten, wie wir das schon in ein, zwei Abhandlungen beschrieben haben, ein tiefes Grollen vernommen. Da geruhte er zu sagen: "Dies ist das Geräusch des Steins, der schon seit siebzig Jahren hinabgerollt und in diesem Augenblick auf dem Grunde der Hölle aufgeschlagen ist." Ein paar Minuten später kam jemand, der berichtete: "Der bekannte Heuchler (munafiq) ist im Alter von siebzig Jahren verstorben." (So bestätigte er) eine Wahrheit, die der Ehrenwerte Gesandte,
mit dem Friede und Segen sei, mit einem besonders treffenden Beispiel angekündigt hatte.
Für heute sollen "drei Aspekte" als Antwort auf deine Frage erklärt werden.
Erstens:
So wie Gott der Gerechte vier Engel, unter ihnen Nasr (der Adler) und Sevr (der Stier), zu Trägern des Himmlischen Thrones bestimmte, um das Reich seiner königlichen Herrschaft (saltanat-i rububiyet) zu überwachen, so bestimmte Er auch zwei Engel, um die Erde zu überwachen und zu tragen, die der kleinere Bruder des Himmels und eine Schwester der Planeten ist. Der Name des einen Engels ist Sevr (der Stier) und der Name des anderen ist Hut (der Fisch). Und das Geheimnis, warum ihnen diese Namen gegeben worden sind, ist folgendes:
Der (größte) Teil unseres Globus (ist von Meeren bedeckt) und wird das Wasser genannt. Dieser Teil wird von Fischen bevölkert. Der (kleinere) Teil (ragt aus dem Wasser heraus und) wird das Land genannt. Den Teil, den wir das Land (nennen), bevölkern die Stiere, die dem Menschen in der Landwirtschaft als Mittel seines Lebensunterhaltes (dienen) und auf deren Schultern (sie ruht). Da die beiden Engel, denen die Erde anvertraut ist, sowohl Kommandant als auch Beobachter sind, müssen sie sicherlich auch eine Art Beziehung zu den Stieren und zu den Fischen haben. Ja die Engel werden sogar im Engelreich (alem-i melekut) und im Reich der Träume und der Abbilder (alem-i misal) وَالْعِلْمُ عِنْدَ اللّٰهِ {"Und das Wissen ist bei Gott."} in der Form eines Stieres und eines Fisches dargestellt.
Dies also ist der Grund dafür, warum in dieser Wunder verkündenden Sprache des Propheten in Anlehnung und mit Hinweis auf eine solche Beziehung und im Zusammenhang mit diesen beiden so bedeutenden Arten der Schöpfung der Erde gesagt wurde
{"Die Erde ruht auf einem Stier und auf einem Fisch."}
Auf eine derart tiefsinnige Weise fasste er eine Wahrheit in sich zusammen, die sonst Thema für eine ganze Seite gewesen wäre und gab ihr in einem einzigen Satz einen besonders schönen und kurzen Ausdruck...
Zweiter Aspekt:
Wenn man z.B. fragt: "Worauf stützt sich dieses Königreich und seine Regierung?" so lautet die Antwort:
{"Auf die Feder und das Schwert."}
Das heißt: "Es stützt sich auf das tapfere und mächtige Schwert seiner Soldaten und auf die entschlossene und rechtschaffene Feder seiner Beamten."
In gleicher Weise kann man, da ja die Erde die Wohnstatt der Tiere und der Befehlshaber über die Tiere der Mensch ist, und die Quelle des Lebensunterhaltes des größten Teils derjenigen unter den Menschen, die die Küsten bewohnen, der Fisch ist, und der Lebensunterhalt jenes Teils, der nicht an der Küste wohnt aus der Landwirtschaft kommt und auf den Schultern der Stiere ruht, und da zudem noch ein bedeutender Teil des Handelsgutes
der Fisch ist, da sich also nun mit Sicherheit ein Staat auf das Schwert und die Feder stützt, so kann man auch sagen, dass die Erde auf dem Stier und dem Fisch ruht. Denn wann immer die Ochsen nicht arbeiten und der Fisch nicht Millionen von Eiern legt, könnte der Mensch nicht mehr leben. Das Leben käme zum Stillstand und der allweise Schöpfer (Khaliq-i Hakiem) würde die Erde zerstören.
So hat denn der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, mit seiner höchst wunderbaren, erhabenen und weisheitsvollen Antwort اَ لْاَرْضُ عَلَى الثَّوْرِ وَالْحُوتِ {"Die Erde ruht auf dem Stier und dem Fisch."} uns in zwei Worten eine umfangreiche Lektion erteilt, indem er uns lehrte, wie eng ineinander verflochten das Leben der Menschen mit dem Leben (so vieler) Tierarten ist.
Dritter Aspekt:
Nach der alten (geozentrischen) Kosmologie bewegt sich die Sonne (durch den Tierkreis). Und alle dreißig Grad durchläuft die Sonne jeweils ein Sternbild. Verbindet man die einzelnen Sterne eines Zeichens untereinander mit angenommenen Linien, so entstehen bestimmte Konstellationen und es formt sich hier die Gestalt eines Löwen, dort einer Waage, ein andermal erscheint die Form eines Stieres (Sevr), dann wieder die Form eines Fisches (Hut). Je nach den verschiedenen Konstellationen wurden also den Sternbildern diese Namen gegeben. Doch entsprechend unserer heutigen (heliozentrischen) Astronomie bewegt sich die Sonne nicht. Die Sternbilder wurden inhaltslos, nutzlos, arbeitslos. Denn anstelle der Sonne bewegt sich jetzt die Erde. Da dies aber nun einmal so ist, muss man nun an Stelle dieser hohlen, untätigen Sternbilder und an Stelle dieses nutzlos gewordenen Sternzeichens diese Sternbilder im kleinen Format auf dem Jahreskreis der Erde bilden. So werden die himmlischen Konstellationen vom Jahreskreis der Erde aus dargestellt und in jedem Monat befindet sich
die Erde im Schatten und Gleichnis eines dieser himmlischen Bilder. Es scheint so, als ob die himmlischen Konstellationen im Jahreskreis der Erde wie in einem Spiegel dargestellt würden.
Deshalb also sagte nun der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, wie wir bereits oben erwähnt haben einmal عَلَى الثَّوْرِ {"Auf dem Stier."} und ein andermal sagte er عَلَى الْحُوتِ {"Auf dem Fisch."}
In der Tat sagte er in dieser wunderbaren Sprache seines Prophetentums, indem er eine überaus tiefe Wahrheit andeutete, die erst in künftigen Jahrhunderten verstanden werden würde, das eine Mal عَلَى الْحُوتِ {"Auf dem Fisch."} weil sich die Erde im Zeitpunkt der Fragestellung gleichsam im Sternbild des Fisches befand. Als man ihn zwei Monate später noch einmal befragte, sagte er: عَلَى الثَّوْرِ {"Auf dem Stier."}
So deutete er denn auf eine überaus erhabene Wahrheit hin, die erst in einer fernen Zukunft würde verstanden werden. Und indem er auf die Aufgaben der Erde verwies, ihre Bewegungen und ihre Reise und darauf, dass die Sternbilder im Hinblick auf die Sonne hohl und ohne Gäste sind, und dass die Sternbilder, die tatsächlich wirksam sind im Jahreskreis der Erde liegen, und dass es die
Erde ist, die sich bewegt und ihre Aufgabe in den Sternzeichen verrichtet, sagte er: عَلَى الثَّوْرِ وَالْحُوتِ {"Auf dem Stier und dem Fisch."}
{"Und Gott weiß am besten, was richtig ist."}
Diese außergewöhnlichen Geschichten in einigen islamischen Büchern, wie sie über jeden Verstand hinausgehen, sind entweder Israiliyat oder Allegorien oder Auslegungen einiger Muhaddis, die einige Leute in ihrer Achtlosigkeit für Hadith gehalten und dem Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, zugeschrieben hatten.
{"Oh Herr, ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was wir versäumt oder vergessen haben!" (Sure 2, 286) "Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Zweite Frage:Al-i Aba(= die Leute des Mantels)
Mein lieber Bruder,
hinsichtlich deiner Frage über die Al-i Aba, die bis jetzt noch unbeantwortet geblieben ist, möchte ich von den vielen Weisheiten (die sie berührt) nur eine einzige Weisheit erläutern. Es ist dies wie folgt:
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, bedeckte Ali und Fatima und Hassan und Husseyn (möge Gott mit ihnen allen zufrieden sein) mit dem gesegneten Mantel, den er trug, und sprach über ihnen die folgende Ayah als ein Gebet
{"...um alle Unreinheiten von euch hinwegzunehmen, ihr Leute des Hauses und euch (von allen Unreinheiten) zu reinigen." (Sure 33, 33)}
Darin liegt ein Geheimnis und viel Weisheit. Ich werde nun dieses Geheimnis nicht weiter behandeln. Doch ist eine Weisheit, die mit der Aufgabe eines Propheten verbunden ist, die folgende:
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, durchdrang mit prophetischem Blick das Unsichtbare und erkannte in der Zukunft, dass in dreißig, vierzig Jahren ein bedeutender Streit unter den Sahabis und ihren Nachfolgern (den Tabiinen) ausbrechen und Blut vergossen werden würde. Und er bezeugte auch, dass die hervorragendsten Persönlichkeiten unter ihnen drei Personen unter seinem Mantel sein würden. So bedeckte er denn Hasret Ali, um ihn in den Augen der islamischen Gemeinschaft zu reinigen und (um ihn vor ihnen) freizusprechen, auch Hasret Husseyn, um ihm (zum Tode seines Vaters und dem seines Bruders) zu kondolieren und ihn zu trösten, und auch Hasret Hassan, um ihm zu gratulieren und bekannt zu geben, welche Ehre er sich dadurch erwerben werde, dass er einen bedeutenden Streit durch eine Versöhnung beenden werde und welch gewaltigen Dienst er dadurch der Umma leisten werde, und auch Hasret Fatima (möge Gott mit ihnen allen zufrieden sein), um bekannt zu geben, dass ihre Nachkommen rein und ehrenwert sein und sich des erhabenen Titels der Leute des Hauses (ehl-i beyt) würdig erweisen werden; so bedeckte er also diese vier Personen mit seinem Mantel, weshalb nun sie und er selbst als die "Fünf Leute des Mantels" bezeichnet wurden.
So war denn in der Tat Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, der rechtmäßige Kalif. Doch weil das Blut, das vergossen werden sollte, von so großer Bedeutung war, und weil in den Augen der Umma sein Freispruch
und die Wiederherstellung seiner Ehre bedeutsam waren, hat ihn der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, auf diese Weise losgesprochen. Auch forderte er die Kharidjiten, die ihn kritisiert und angeklagt hatten, er habe Fehler gemacht und sei in die Irre gegangen, und diejenigen, welche die Omayyaden unterstützten und zum Angriff übergehen wollten, auf, Frieden (sukut) zu halten. Denn in der Tat haben die Übergriffe der Kharidjiten und der Omayyaden rund um Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, und ihre Beschuldigungen von Irrtümern und die wahrhaft tragischen, herzzerreißenden Ereignisse rund um Husseyn, mit dem Gott zufrieden sein möge, zusammen mit den Übertreibungen (ifrat) und ketzerischen Neuerungen (bid'a) der Schiiten und ihrem abweisenden Verhalten gegenüber den ersten beiden Kalifen sich besonders zerstörerisch auf die Anhänger des Islam ausgewirkt.
So wie also der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, Hasret Ali und Hasret Husseyn, mit denen Gott zufrieden sein möge, von ihrer Verantwortlichkeit frei sprach und sie davor bewahrte, bei ihrer Umma in Anschuldigungen und einen schlechten Ruf zu geraten, so gratulierte er auch Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, hinsichtlich des prophetischen Auftrags zu all dem Guten, das er für seine Umma dadurch tun werde, dass er eine Versöhnung zwischen ihnen zu Stande brachte, und verkündigte, dass die gesegneten Nachkommen Fatimas, mit der Gott zufrieden sein möge, bekannt als die "Familie des Propheten (ehl-i beyt)", in der islamischen Welt hoch geehrt sein werden, und dass Hasret Fatima, mit der Gott zufrieden sein möge, hinsichtlich ihrer Nachkommen hoch geehrt sein werde, so wie auch die Mutter von Hasret Maryam, die sagte:
{"...und ich suche bei Dir Zuflucht für sie und ihre Nachkommenschaft vor dem gesteinigten Satan." (Sure 3, 36)}
{"Oh Gott, segne unseren Herrn Mohammed und seine rechtschaffene, reine, fromme Familie und seine edlen Gefährten, die sich selbstlos für das Gute einsetzen. Amen."}
Zweites Kapitel
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen."}
Von tausenden tiefen Geheimnissen von "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem" (Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen) werden hier sechs Geheimnisse behandelt.
Im Namen Gottes! (Bei der Betrachtung dieser Anrufung) ausgehend vom Blickpunkt der Erbarmung (rahmet)\(Gottes) erschien meinem unzulänglichen Verstand von weitem her ein glänzendes Licht.
Ich wollte es für mich selbst mit einigen Stichworten einfangen. Ich wollte dieses Licht mit zwanzig, dreißig Geheimnissen umschreiben, einkreisen, einfangen. Aber bedauerlicherweise konnte ich meinen Wunsch diesmal nicht ganz zum Erfolg führen. Es sind von zwanzig, dreißig (Geheimnissen) nur fünf, sechs geblieben.
Wenn ich dabei sage "Oh Mensch", meine ich damit mich selbst(nefs).Und weil sich dieser Unterricht besonders an meine Seele wendet, verweise ich auf die Zustimmung meiner scharfsinnigen Mitbrüder im Zweiten Kapitel des "Vierzehnten Blitzes" mit der Absicht, dass vielleicht diejenigen, die geistig mit mir verbunden sind und deren Seelen mehr erwacht sind als meine, daraus ihren Nutzen ziehen werden. Dieser Unterricht richtet sich mehr auf das Herz als auf den Verstand, und richtet sich mehr auf die innere Wahrnehmung (zevke)\als auf Beweise~(delil).
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Sie sagte: Oh ihr Edlen! Mir ist ein ehrenwertes Schreiben überbracht worden. Es ist dies von Salomon und lautet: 'Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.'" (Sure 27, 29-30)}
Erstes Geheimnis:
Ich erblickte die folgende Erscheinung von «Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem»: Das Gesicht des Kosmos, das Gesicht der Erde und das Gesicht eines Menschen trägt (jeweils) drei Siegel des Herrn (rububiyet). Eines befindet sich im anderen und weist die Nachbildungen der anderen auf.
Das Erste ist das große Siegel der Gottheit (uluhiyet), auf dem die gegenseitige Hilfeleistung, das solidarische Zusammengehen, das Aufeinanderzugehen und die wechselseitigen Beziehungen im ganzen Kosmos sichtbar werden, worauf «Bismillah» hinweist.
Das Zweite ist das große Siegel der Erbarmung (Rahmaniyet), das durch die Ähnlichkeit, das richtige Verhältnis, die Wohlordnung, die Folgerichtigkeit, die Gnade und Barmherzigkeit (lutuf ve merhamet) in der Umsicht, der Versorgung, der Lenkung und Leitung der Pflanzen und Tiere auf dem Gesicht der Erde sichtbar ist, worauf «Bismillahi r-Rahman» hinweist.
Das Dritte ist das hohe Siegel der Barmherzigkeit (Rahiemiyet), auf dem die Feinheiten der Güte (re'fet), die einzelnen Augenblicke selbstloser Liebe (shefqat) und die Funken des Erbarmens Gottes (merhamet) im Gesicht des umfassenden Wesens des Menschen sichtbar werden, worauf «Ar-Rahiem» in dem «Bismillahi r- Rahmani r-Rahiem» hinweist.
Das heißt also «Bismillahi r- Rahmani r-Rahiem» ist eine heilige Bezeichnung für die drei Siegel der Einheit (Ahadiyet), die auf dem Blatt der Welt eine lichtvolle Zeile bildet. Und es ist ein starkes Seil und ein glänzendes Band. Dieses (Seil) heißt «Bismilla-hi r-Rahmani r-Rahiem»
und berührt von oben herabkommend mit seinen Enden den Menschen, der die Frucht des Kosmos und eine kleine Nachbildung der Welt ist. Es verbindet die Erde mit dem Thron Gottes. Es wird zu einem Weg, seinen Thron menschlicher (Vollkommenheit) zu besteigen.
Zweites Geheimnis:
Der Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist, führt uns die Erscheinungen der Einheit Gottes im Einzelnen (Ahadiyet) beständig vor Augen, wenn es sich um die Erkenntnis der Einheit Gottes in der Vielfalt und im großen Umfang (Vahidiyet) handelt, damit der Verstand inmitten der Erscheinungen der Einheit in der unendlichen Vielfalt der Schöpfung in ihrem ganzen Umfang (Vahidiyet) nicht ertrinkt. Das heißt, z.B. die Sonne umfasst unendlich viele Dinge mit ihrem Licht. Um das Wesen der Sonne in der Gesamtheit ihres Lichtes erfassen zu können, ist eine überaus weitreichende Vorstellungskraft und ein umfassender Blick notwendig. Um nicht die Sonne selbst in Vergessenheit geraten zu lassen, zeigt sich deshalb auch die Sonne durch ihre Widerspieglung in jedem glänzenden Ding. Und jedes glänzende Ding reflektiert seinen Fähigkeiten entsprechend sowohl die Sonne selbst als auch ihre Eigenschaften wie ihr Licht und ihre Wärme. Und so wie jedes glänzende Ding, seinen Fähigkeiten entsprechend, die Sonne mit all ihren Eigenschaften zeigt, wird auch jede der Eigenschaften der Sonne wie Licht und Wärme und die sieben Farben ihres Lichtes von allen Dingen reflektiert, denen sie begegnen. Genauso auch:
{"Bei Gott sind die erhabensten Gleichnisse." (Sure 16, 60)}
Doch sollte man dieses Gleichnis nicht falsch verstehen. So wie die Einheit (Ahadiyet) und Einzigartigkeit (Samadiyet) Gottes sich in allen Dingen, besonders in Lebewesen und ganz besonders im Wesen des Menschen als ihrem
Spiegel mit allen Seinen Namen manifestiert, umfassen auch auf Grund dieser Einheit und Allgegenwart (vahdet ve vahidiyet) all Seine Namen alles Sein gemeinsam, da sie (untrennbar) mit allem Sein verbunden sind. Der Qur'an führt immer das Siegel der Einheit Gottes in allem Sein innerhalb Seiner Allgegenwart () vor Augen, sodass der Verstand inmitten der Einheit Gottes in Seiner Allgegenwart nicht erstickt und den allheiligen Herrn (dhat-i aqdes) nicht vergisst. Was die drei wichtigsten Merkmale dieses Siegels zeigen, ist «Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem».
Drittes Geheimnis:
Das, was diesen unendlichen Kosmos belebt, ist, wie wir augenscheinlich bezeugen können, Barmherzigkeit (rahmet). Und das, was die Finsternis allen Seins erleuchtet, ist eindeutig wieder die Barmherzigkeit. Und das, was diese Geschöpfe versorgt, die mit unendlich vielen Sorgen und Nöten zu kämpfen haben, ist wieder eindeutig die Barmherzigkeit. Was das ganze Universum, einem Baum gleich, der sich ganz und gar seiner Frucht widmet, zu dem Menschen hinwendet, ihn überall versorgen lässt und ihm alle Dinge zu Hilfe schickt, ist eindeutig die Barmherzigkeit. Und das, was diesen grenzenlosen Weltraum und den leeren und wüsten Kosmos füllt, erleuchtet und aufleben lässt, ist, wie wir augenscheinlich bezeugen können, die Barmherzigkeit. Und das, was diesen vergänglichen Menschen zum Anwärter für die Ewigkeit macht und dem Herrn aller Ewigkeit zu seinem Ansprechpartner und Freund macht, ist eindeutig die Barmherzigkeit.
Oh Mensch! Da die Barmherzigkeit (rahmet) nun einmal eine so starke, reizvolle, liebenswerte, hilfreiche, geliebte Wahrheit ist, sage «Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem», hefte dich an diese Wahrheit und errette dich vor absoluter Einsamkeit und vor den Plagen zahlloser Bedürfnisse! Und rücke näher an den Thron des Königs aller Ewigkeit (sultan-i edhel ve ebed) heran und werde durch die Gnade und das Licht dieser Barmherzigkeit diesem König zum Ansprechpartner und Freund!
Dass die Arten des Kosmos sich um den Menschen in
Weisheit versammeln und zu allen seinen Bedürfnissen in vollkommener Wohlordnung und Güte eilen, dafür kann es nur zwei Erklärungen geben. Entweder kennt jede Art im Kosmos den Menschen aus sich selbst, gehorcht ihm und eilt ihm zu Hilfe. Dies aber ist hundertfach von vernünftigem Denken entfernt und hat viele Unmöglichkeiten zu Folge. Ein so hilfloses Wesen wie der Mensch müsste über die Macht eines mächtigen, absoluten Königs verfügen. Oder es erfolgt diese Unterstützung durch das Wissen des absoluten Mächtigen, hinter diesem Schleier des Kosmos. Also ist es nicht so, dass die Arten des Kosmos den Menschen kennen, sondern es gibt klare Zeichen für das Kennen und Wissen eines Herrn, der von dem Menschen weiß, ihn kennt und sich seiner erbarmt.
Oh Mensch! Komm zur Besinnung! Ist es überhaupt möglich, dass der majestätische Herr, der alle Arten der Schöpfung zu dir hinwendend ihre helfenden Hände strecken und gegenüber deinen Bedürfnissen "Bitte schön!" sagen lässt, von dir nichts wissen, dich nicht kennen und nicht sehen sollte!? Da Er dich nun einmal kennt und durch Seine Barmherzigkeit bekannt gibt, dass Er dich kennt, sollst auch du Ihn kennen und in deiner Hochachtung bekannt geben, dass du Ihn kennst. Und wisse mit Sicherheit, einem absolut Schwachen, absolut Ohnmächtigen, absolut Armseligen, einem vergänglichen, kleinen Geschöpf wie dir, den riesigen Kosmos in den Dienst zu stellen und ihm zu Hilfe zu schicken, ist mit Sicherheit eine Wahrheit der Barmherzigkeit, die Weisheit, Güte, Wissen und Macht beinhaltet. Gewiss verlangt eine solche Barmherzigkeit von dir nach einem umfassenden und aufrichtigen Dank und einem ernsthaften und unvermischten Respekt. Also, sage «Bismillahi r-Rahmani r- Rahiem», welches das Sprachrohr und die Bezeichnung dieses aufrichtigen Dankes und dieses unvermischten Respekts ist! Mache es dir zu einem "Fahrzeug" um diese Barmherzigkeit zu erlangen und zu deinem Fürsprecher an der Schwelle der Barmherzigkeit!
In der Tat sind die Existenz und die Verwirklichung der Barmherzigkeit offensichtlich wie die Sonne. Denn so wie ein zentrales Ornament ja durch die Ordnung der Stellungen, der aus allen Richtungen kommenden Einschläge und der Fäden entsteht; genauso weben lichtvolle Einstiche, die sich von der Erscheinung von tausendundeinem Namen Gottes am großen Kreis dieses Kosmos erstrecken, im Gesicht des Kosmos an einer solchen Prägung der Barmherzigkeit, ein Siegel des Erbarmens und ein Ornament des Mitleids und sticken einen solchen Stempel der Güte, dass sie sich dem Verstand noch glänzender als die Sonne zeigen. Der Barmherzige in Seiner Schönheit, der die Sonne, den Mond, die Elemente, die Erze, die Pflanzen und die Tiere mit den Strahlen von tausendundeinem Seiner Namen, Fäden gleich, beim Sticken eines gewaltig großen Ornamentes, wohlgeordnet, macht sie dem Leben dienstbar und äußert durch die überaus liebliche und opferbereite Liebe aller Mütter Seine Liebe. Er stellt die Lebewesen, Pflanzen und Tiere, dem menschlichen Leben in den Dienst. Er macht daraus einen überaus schönen und anmutigen, gewaltigen Schmuck Seiner Herrschaft, zeigt die Bedeutung des Menschen und Seine Gnade in glänzendster Form.
In der Tat macht dieser Barmherzige in Seiner Schönheit (Rahman-i Dhu l-Djemal), Seiner eigenen absoluten Erhabenheit gegenüber, Seine Barmherzigkeit zu einem angenommenen Fürsprecher für die Lebewesen und den Menschen, welche unbegrenzt bedürftig sind.
Oh Mensch, wenn du ein Mensch bist, sage «Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem» und finde diesen Fürsprecher! In der Tat, was auf der Erde vierhunderttausend verschiedene Arten Pflanzen und Tiere, ohne überhaupt eine zu vergessen, zu verwechseln, in der rechten Zeit in vollkommenster Ordnung, mit Weisheit und Güte versorgt, lenkt und leitet und auf das Gesicht der Erdkugel das Siegel Seiner Einheit im Einzelnen (Ahadiyet) prägt, ist eindeutig, wie wir sogar selber augenscheinlich bezeugen können,
die Barmherzigkeit. Wie das Vorhandensein der Barmherzigkeit so sicher ist wie die Existenz allen Seins auf dem Gesicht dieser Erdkugel, so gibt es auch ebenso viele Beweise für diese Wahrheit, wie die Anzahl (der zahllosen Formen allen) Seins selbst. Ja, so wie sich auf dem Antlitz der Erde ein solches Siegel der Barmherzigkeit und eine Prägung der Einheit Gottes im Einzelnen (Ahadiyet) findet, trägt auch der Mensch auf dem Gesicht seines inneren Wesens ein solches Siegel der Barmherzigkeit, das nicht geringer als das Siegel der Barmherzigkeit auf dem Gesicht der Erdkugel und als das große Siegel der Erbarmung auf dem Gesicht des Kosmos ist. Es ist umfassend etwa in der Bedeutung eines Brennpunktes der Erscheinungen von tausendundeinem Namen Gottes.
Oh Mensch, ja ist es denn überhaupt möglich, dass der Herr, der dir ein solches Gesicht gegeben, und auf diesem Gesicht ein solches Siegel der Barmherzigkeit und einen solchen Stempel der Einheit im Einzelnen geprägt hat, dich dir selbst überlässt, dir keine Bedeutung beimisst!? Sollte Er nicht auf deine Handlungen aufmerksam sein!? Sollte Er die ganze Schöpfung, die dir zugewandt ist, für sinnlos erklären!? Sollte Er den Baum der Schöpfung zu einem wertlosen Baum machen, dessen Früchte faul und verdorben sind!? Sollte Er außerdem Seine Barmherzigkeit, über die in keinerlei Hinsicht ein Zweifel besteht, die überhaupt keinen Mangel hat und die wie die Sonne sichtbar ist, und Seine Weisheit, die wie das Licht erkennbar ist, leugnen lassen!? - Ganz und gar nicht!
Oh Mensch! Wisse, es gibt eine Leiter, um zu dem Thron dieser Barmherzigkeit zu gelangen! Diese Leiter ist «Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem» (Im Namen des Erbarmers, des Barmherzigen). Willst du verstehen, wie wertvoll diese Leiter ist, dann betrachte den Anfang aller 114 Suren des Qur'an, dessen Worte ein Wunder sind, die einleitenden Worte aller segensreichen Bücher und den Anbeginn aller guten Taten. Der absolute Beweis für die Größe des Wertes dieses Satzes (Besmele) ist, dass
sehr große Qur'anexegeten (mudjtahid) wie Imam Schafi (Gott möge mit ihm zufrieden sein) sagten: Obwohl dieser Satz "Besmele" ein einziger Vers ist, erscheint er im Qur'an 114-mal als von Gott herabgesandt.
Viertes Geheimnis:
Was die Erscheinung der Gegenwart Gottes innerhalb grenzenloser Vielfalt (Vahidiyet) betrifft, so reicht es doch nicht für jeden aus, sie zu erkennen, während er die Anrede von اِيَّاكَ نَعْبُدُ {"Zu Dir allein beten wir!"} ausspricht. Die Gedanken verlieren sich. Um hinter der Allgegenwart (vahdet) in der Gesamtheit, den Herrn, der in Seinem Wesen ein Einziger ist (Dhat-i Ahadiyet), betrachten und اِيَّاكَ نَعْبُدُ وَاِيَّاكَ نَسْتَعِينُ {"Zu Dir allein nehmen wir unsere Zuflucht und zu Dir allein flehen wir um Hilfe!"} aussprechen zu können, muss man ein Herz so weit wie die Erde haben. Aus diesem Geheimnis stellt sich das Siegel der Einheit Gottes in jedem Einzelnen (ahadiyet) ganz klar heraus. Genauso zeigt es sich im Stempel Seiner Barmherzigkeit, damit dieses Siegel Seiner Einheit in jeder einzelnen Gattung (ahadiyet) erkennbar wird und die (Menschen) dem Herrn, der in Seinem Wesen ein Einziger (Dhat-i Ahadiyet) ist, einen Vorrang (vor aller Schöpfung) einräumen. Dadurch soll jeder auf jeder Stufe اِيَّاكَ نَعْبُدُ وَاِيَّاكَ نَسْتَعِينُ {"Zu Dir allein nehmen wir unsere Zuflucht und zu Dir allein flehen wir um Hilfe!"} aussprechen und ohne Mühe unmittelbar den allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes) ansprechen und sich Ihm zuwenden können.
Um diesem großartigen Geheimnis Ausdruck zu verleihen,
spricht der Weise Qur'an, wenn er die großen und weiten Räume des Kosmos, zum Beispiel die Erschaffung des Himmels und der Erde behandelt, auf einmal von einem kleineren Kreis, einem winzigen Teil, um in einer offenkundigen Form den Stempel Seiner Einheit in den Einzelnen zu zeigen.
So wird zum Beispiel während der Erörterung der Himmel und der Erde das Thema von der Erschaffung des Menschen, von der Stimme des Menschen und von den feinsinnigen Gaben und von der Weisheit (bei der Gestaltung) seines Gesichtes besprochen, sodass der Gedanke nicht abschweift, ihm das Herz nicht schwer wird und die Seele ganz unmittelbar den findet, den sie in Wahrheit anbetet. Zum Beispiel: Der Vers
{"Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung von Himmel und Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben." (Sure 30, 22)}
zeigt die oben erwähnte Wahrheit in wunderbarer Form. In der Tat ist die Einheit Gottes durch zahllose Geschöpfe und in grenzenloser Vielfalt (vahdet) geprägt. Ihre Siegel sind gleich konzentrischen Kreisen und erscheinen vom äußersten großen bis zum innersten kleinen in verschiedenen Arten und Stufen. Was diese Einheit (vahdet) betrifft, so ist sie, in welchem Umfang sie auch erscheinen mag, eine Einheit in der Vielfalt (vahdet). Sie kann aber keine direkte Ansprache herbeiführen. Deswegen muss sich hinter der Einheit in der Vielfalt (vahdet) das Siegel der Einheit auch im Einzelnen (ahadiyet) finden, sodass sich die Vielfalt nicht dem Gedächtnis aufdringt, sondern für das Herz der Weg unmittelbar zum allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes) offen wird. Des Weiteren, um die Blicke auf das Siegel der Einheit (im Einzelnen = ahadiyet) zu lenken und die Herzen zu ihr hinzuziehen, setzt Er auf dieses Siegel der Einheit (im Einzelnen) das Siegel Seiner Barmherzigkeit (rahmet) und den Stempel Seiner Gnade (Rahiemiyet), welche überaus reizvolle Ornamente, überaus glänzendes Licht, ein überaus
lieblicher Reiz, eine überaus liebliche Schönheit, eine überaus starke Wahrheit sind. In der Tat ist es die Kraft dieser Barmherzigkeit, die die Blicke der Bewusstseinstragenden zu sich lenkt, sie zu sich hinzieht und zu dem Siegel der Einheit (in Einzelnen) führt. Sie veranlasst, über den Herrn, der in Seinem Wesen ein Einziger ist, nachzudenken, und führt sie so zu der wahren Anrede in
{"Zu Dir allein nehmen wir unsere Zuflucht und zu Dir allein flehen wir um Hilfe!"}
«Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem» ist gewissermaßen das Konzentrat der Sure "Die Eröffnung" (Fatiha) und eine kurze Zusammenfassung des Qur'an. Deswegen ist die "Besmele" das Kennzeichen und der Ausdruck für dieses oben erwähnte große Geheimnis geworden. Wer sich dieses Kennzeichen zu Eigen macht, vermag über die Gefilde der göttlichen Barmherzigkeit zu reisen. Mit diesem Ausdruck auf der Zunge erfährt er die Geheimnisse der göttlichen Barmherzigkeit (esrar-i rahmet) und erblickt die Lichter Seiner Gnade (envar-i Rahiemiyet) und selbstlosen Liebe (shefqat).
Fünftes Geheimnis:
Eine heilige Hadith (hadis-i sherif) besagt:
{"Wahrlich, Gott hat den Menschen nach der Art des Erbarmers erschaffen." (au kema-qal: oder so ähnlich)}
Diese Hadith legte ein Teil der Ordensleute auf eine den Glaubensgrundsätzen nicht entsprechende, sehr merkwürdige Weise aus. Ein Teil der Ekstatiker (ehl-i ashk) unter ihnen betrachtete sogar die wahre innere Natur des Menschen als eine Art Ebenbild des Erbarmers: Da ein Teil dieser Ekstatiker meistens in einem geistigen Rauschzustand verkehrt, viele dieser Gottesnarren sich in Meditation versenken und leicht in Verwirrung geraten, mag man sie vielleicht wegen ihrer der Wahrheit widersprechenden
Auffassungen für entschuldigt halten. Doch dürfen diejenigen, die ihre Sinne beieinander haben, Auffassungen, die den Glaubensgrundsätzen widersprechen, nicht annehmen. Nehmen sie sie an, begehen sie einen Fehler. So wie Gott, der allheilige Herr (Dhat-i Aqdes Ilahi), in der Tat den ganzen Kosmos wie ein Schloss, ein Haus, in bester Ordnung regiert, die Sterne, Atomen gleich, in Weisheit und mit Leichtigkeit kreisen und reisen lässt, und die Atome wie ordentliche Beamte in Dienst nimmt, keinen Partner und weder Seinesgleichen noch einen Gegenspieler oder Nebenbuhler kennt, kann es auch für Ihn nach dem Geheimnis von
{"Nichts ist Ihm ebenbürtig und Er ist der Allhörende, der Allsehende!" (Sure 42, 11)}
kein Ebenbild (suret), kein Gleiches (misli), kein Abbild (misali) und kein Ebenbild (shebih) geben. Aber in dem Geheimnis und Gleichnis von
{"Ihm gebührt das höchste Gleichnis in den Himmeln und auf Erden, und Er ist der unbesiegte Sieger, der Allweise." (Sure 30, 27)}
kann man Seine Taten (shuunat), Eigenschaften (sifat) und Namen (esma) betrachten. Das heißt, hinsichtlich der Taten Gottes gibt es Gleichnisse und Beispiele, die mit einer Metapher zum Ausdruck gebracht werden. Eine von vielen Zwecken dieser oben erwähnten ehrenwerten Hadith ist in der Tat folgender: Der Mensch ist in einer Form erschaffen, die den Namen Gottes "Erbarmer (Rahman)" vollständig erkennen lässt. Wie oben erklärt, wird im Antlitz des Kosmos der Gottesname "Erbarmer" erkennbar, der aus den Strahlen von tausendundeinem Namen in Erscheinung tritt. Im Antlitz der Erde wird der Name Gottes "Erbarmer" sichtbar, wie er in zahllosen Erscheinungen der absoluten Herrschaft Gottes (rububiyet-i mutlaq-i Ilahiye) ersichtlich ist. Die Überlieferung besagt, dass das Bild des Menschen, wenn auch in einem verkleinerten
Maßstab, genauso wie das Gesicht der Erde und des Kosmos die vollständige Erscheinung des Namens "Erbarmer" zeigt. Des Weiteren ist auch das Folgende ein Hinweis darauf, dass die Objekte der Erscheinung so sicher, klar und eindeutig auf die Existenz dessen, der da notwendigerweise sein muss, hinweisen, wie Lebewesen und Menschen, welche als Zeugen und Spiegel für den allerbarmenden und barmherzigen Herrn (Dhat-i Rahman-u r-Rahiem) dienen. So wie, wenn man über einen klaren Spiegel, der das Spiegelbild und die Widerspiegelung der Sonne umfasst, hinweisend auf seine Klarheit und die Deutlichkeit seiner Wiedergabe sagt: "Dieser Spiegel ist die Sonne", so wurde (in diesem Sinne) auch hinweisend auf die Deutlichkeit seiner Bezeugung und auf seine vollkommene Beziehung gesagt, und kann man sagen: "Im Menschen ist die Art des Erbarmers erkennbar". Als eine Bezeichnung für diese Deutlichkeit der Bezeugung und für die Vollkommenheit dieser Beziehung sagte die gemäßigte Gruppe der Leute der Schule "Die Einheit im Sein" (Vahdetu-l'Vudjud) auf Grund dieses Geheimnisses: «La Maudjuda illa Hu!» (Es gibt keine Existenz außer Ihm).
{"Oh Allah, oh Erbarmer, oh Barmherziger. Um des 'Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem' willen, erbarme Dich unser wie es Deiner Barmherzigkeit entspricht und lass uns die Geheimnisse von 'Bismillahi r-Rahmani r- Rahiem' verstehen wie es Deinem Erbarmen entspricht. Amen."}
Sechstes Geheimnis:
Oh du hilfloser Mensch, der du dich in grenzenloser Schwäche und unendlicher Armseligkeit abmühst! Was für ein wertvolles "Fahrzeug" und was für ein geschätzter Fürsprecher die Barmherzigkeit ist, solltest du daraus verstehen, dass diese Barmherzigkeit zu einem solchen majestätischen König (Sultan-i Dhu l-Djelal) führt, in dessen Heer die Atome mit den Sternen gemeinsam ihren Dienst in vollkommener Ordnung und im Gehorsam verrichten.
Und dieser majestätische Herr (Dhat-i Dhu l-Djelal), König aller Ewigkeit (Sultan-i Edhel ve Ebed), ist Seinem Wesen nach von einer Erhabenheit (istighna-i dhat), die absolut nichts und niemandes bedarf (istighna-i mutlaq).
Er ist der, dessen Reichtum unbegrenzt (Ghaniyy-i Alel-itlaq) ist, der des Kosmos und allen Seins in keiner Hinsicht bedarf. Der ganze Kosmos steht unter Seinem Befehl, Seiner Regierung (irade), Seiner Macht und Seiner Herrlichkeit (azamet), und ist in seinem unendlichen Gehorsam demütig vor Seiner Majestät (djelaline). Nun also, bringt dich oh Mensch, die Barmherzigkeit in die Audienz dessen, der unbegrenzt reich ist und nichts und niemandes bedarf (Mustaghni-i Alel-itlaq), des immerwährenden Königs (Sultan-i sermedi) und macht dich Ihm zum Freund! Sie macht dich Ihm zu Seinem Gesprächspartner und du bekommst die Stellung eines geliebten Dieners. Du kannst ja z.B. die Sonne nicht erreichen, bist von ihr weit entfernt, kannst dich ihr keineswegs nähern. Doch das Sonnenlicht gibt dir eine Reflexion, eine Erscheinung der Sonne durch deinen Spiegel in deine Hand. Genauso sind wir von dem allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes), der Sonne aller Ewigkeiten zwar unendlich weit entfernt, und können uns Ihm nicht nähern; aber das Licht Seiner Barmherzigkeit bringt Ihn uns nahe.
Wohlan, oh Mensch! Wer diese Barmherzigkeit findet, findet einen ewigen, unerschöpflichen Schatz!
Der Weg, diesen Schatz zu finden ist: Der Art und Weise (sunna) des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, der das glänzendste Beispiel und der Vertreter der Barmherzigkeit, der das prägnanteste Sprachrohr und der öffentliche Ausrufer dieser Barmherzigkeit ist, und der im Qur'an mit der Bezeichnung als "Die Barmherzigkeit für die Welten" (Rahmeten li-l'alemin) genannt wird, zu folgen. Das Fahrzeug zu dieser leibhaft gewordenen Barmherzigkeit, die «Rahmeten li-l'alemin» ist, sind die Segenswünsche für ihn (salavat). In der Tat ist die Bedeutung, die in den Segenswünschen liegt, die Barmherzigkeit. Die Segenswünsche, die Gebete für den Segen für diese lebendige, verkörperte Barmherzigkeit, sind ein Fahrzeug zu der Zusammenkunft mit
dieser "Barmherzigkeit für die Welten". Da dies aber so ist, mache dir den Segenswunsch zum Anlass, zu dieser «Rahmeten li-l'alemin» zu gelangen und nimm dir seine Persönlichkeit als ein Fahrzeug zu der Barmherzigkeit des Erbarmers (rahmet-i Rahman)!
Dass die ganze Gemeinde über "die Barmherzigkeit für die Welten", mit dem Friede und Segen sei, unendlich viele Segenswünsche im Sinne der Barmherzigkeit spricht, beweist in glänzender Weise, was für ein wertvolles Geschenk Gottes die Barmherzigkeit ist, und wie umfangreich ihr Wirkungskreis ist.
So wie der wertvollste Brillant aus der Schatzkammer der Barmherzigkeit der Gottesgesandte Hasret Ahmed, mit dem Friede und Segen sei, ist, so ist er auch der Hüter an ihrem Tor. Der allerbeste Schlüssel zu ihr (= Schatzkammer der Barmherzigkeit) aber heißt: "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem ". Der einfachste Schlüssel zu ihr (= Schatzkammer der Barmherzigkeit), sind zugleich auch unsere Segenswünsche für ihn (salavat).
{"Oh Allah. Um des Geheimnisses von 'Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem' willen sei Friede und Segen auf dem, den du als Barmherzigkeit für die Welten gesandt hast, wie es Deiner Barmherzigkeit und seiner Würde entspricht, und seiner Familie und allen seinen Gefährten. Und sei uns barmherzig, damit wir außer von Dir, von keinem Deiner Geschöpfe Barmherzigkeit zu erwarten brauchen. Amen." "Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise!" (Sure 2, 32)}
Fünfzehnter Blitz
Besteht aus dem Inhaltsverzeichnis der "Sözler"\(Worte),~"Mektubat"\(Bediüzzaman Said Nursi - Briefe 1928-32)~"Lem'alar"\(Blitze, Erster bis Vierzehnter inklusive)
Da sie sich in den entsprechenden Bänden, nämlich dem Verzeichnis der "Worte", der Sammlung "Worte", der Liste der "Briefe" und der "Blitze", jeweils am Ende des betreffenden Bandes befinden, sind sie hier nicht weiter aufgeführt worden.
Sechzehnter Blitz
{"Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend ihn preist." "Friede sei mit euch und Sein Erbarmen und sein Segen."}
Meine lieben getreuen Brüder,
Hodja Sabri, Hafiz Ali, Mes'ud, die beiden Mustafas, Husrev, Re'fet, Bekir Bey, Rüschtü, die beiden Lütfis, Hafiz Ahmed, Scheich Mustafa und all ihr anderen! Ich habe in meinem Herzen die Mahnung verspürt, vier kleine Problemstellungen, die zu einem Objekt der Neugierde und zum Anlass von Fragen geworden waren, in einer kurzen informellen Art zu erläutern.
Erstens:
Einige Männer unter unserer Brüdern, wie Tjaprasade Abdullah Efendi, hatten mich über jene Leute der geistigen Entdeckungen (ehl-i keshf) befragt, von denen überliefert wird, dass sie eine Erleichterung, eine Besserung
(der Verhältnisse) für die Leute der Sunna ve-l'Djemaat für den (inzwischen) vergangenen Ramadan, vorausgesagt haben sollen, der dann aber doch nicht eingetroffen ist. Warum aber nun verbreiten derartige Leute der Gottesfreundschaft und der geistigen Entdeckungen derartige der Wahrheit widersprechende Nachrichten? Sie haben mich danach befragt und ich habe ihnen darauf die folgende kurz gefasste Antwort gegeben, wie sie sich mir in meinem Herzen auftat.
In einer ehrenwerten Hadith wird erwähnt: "Manchmal steigt ein Übel (bela) herab. Doch während es noch herannaht, tritt ihm bereits ein Almosen (sadaqa) entgegen und weist es wieder zurück." Das Geheimnis dieser Hadith zeigt uns, dass schon vorherbestimmte Ereignisse (Muqadderat), deren Bedingungen bereits erfüllt sind, dennoch zurückgehalten werden können. Das aber heißt, dass die vorherbestimmten Ereignisse, welche die Gottesfreunde bereits wahrgenommen haben, nicht absolut zu nehmen sind, sondern gewissen einschränkenden Bedingungen unterliegen und wenn diese Bedingungen nicht eintreten, findet auch das (entsprechende) Ereignis nicht statt. Dennoch ist das betreffende Ereignis, wie z.B. die letzte Stunde, die aber ausgesetzt worden ist, vorausbestimmt und eingetragen auf der Tafel der Erscheinungen und der Auflösungen (Lauh-i Mahv-Isbat), die eine Art Notizblock zur Wohlverwahrten Tafel (Lauhu-l'Mahfudh) ist. Nur geschieht es außerordentlich selten, dass (die Blicke der Entdecker bis) zur Ewigen Tafel (Lauh-i Edhel) vordringen. Meistens reichen sie nicht so weit.
Wenn also diesem Geheimnis entsprechend zum letzten Ramadan oder zum Opferfest oder zu anderen Zeiten Voraussagen auf Grund einer Entdeckung oder Auslegung gemacht wurden, die sich dann aber nicht erfüllten, weil ihre Voraussetzungen, von denen sie abhängig sind, nicht gegeben waren, so stehen doch diejenigen, welche die Nachricht überbracht haben, nicht als Lügner da. (Die Ereignisse) waren also zwar vorausbestimmt (muqadder), doch da die Bedingungen nicht erfüllt waren, traten sie nicht ein.
So formten denn in der Tat die aufrichtigen Gebete (khalis dua) der Mehrheit der Leute der Sunna und Djemaat im Monat Ramadan um die Aufhebung der ketzerischen Neuerungen (bid'a) eine solche Bedingung und einen wichtigen Grund. Doch seitdem diese ketzerischen Neuerungen während des Ramadan in die Moscheen eingedrungen waren, bildeten sie ein Hindernis gegen die Annahme der Gebete und so wurden sie nicht erhört. Es ist so wie in dem obigen Hadith: die Almosen (sadaqa) weisen das Übel ab. Die aufrichtigen Gebete all der vielen führt eine allgemeine Erleichterung (in Not und Elend) herbei. Weil aber diese Kraft (des Gebetes) nicht sichtbar (vudjud) wurde, trat auch keine Besserung (der Verhältnisse) ein.
Zweite interessante Frage:
Da die politische Lage in den letzten beiden Monaten ziemlich unruhig war, in der es notwendig gewesen wäre, die Bedingungen für mich und all die vielen Brüder, denen ich verbunden bin, zu erleichtern, da die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war, dass dies erreicht werden könnte, wandte ich dieser Situation keine weitere Aufmerksamkeit zu, ich kam im Gegenteil auf den Gedanken, diese Weltleute, die mich unter Druck setzen wollten, auch noch zu unterstützen. Viele Leute waren darüber ganz besonders erstaunt. Sie sagten: "Wie denkst du über die Strategie derer, denen die Anführer der Erneuerer folgen und jenen Teil der Heuchler, die dich quälen und belästigen, wo du doch nichts gegen sie unternimmst?"
Die größte Gefahr, der sich die Leute des Islam in heutiger Zeit gegenübergestellt sieht, besteht darin, dass ihre Herzen verdorben und sie in ihrem Glauben durch die Irreleitung der modernen Denker und Wissenschaftler (fen ve felsefe) verletzt worden sind. Die Einzige Lösung (für dieses Problem) ist Licht; Licht zu zeigen, damit ihre Herzen geheilt und ihr Glaube gerettet werden kann. Wenn aber jemand mit der politischen Keule um sich schlägt und sie zu beherrschen sucht, so sinken die Ungläubigen auf die
Stufe von Heuchlern herab. Die Heuchler (munafiq) aber sind noch schlimmer als die Ungläubigen (kafir). Das aber heißt, dass man ein Herz in einer solchen Zeit nicht mit einer Keule heilen kann. Denn dann zieht sich der Irrglaube (kufur) in sein Herz zurück, versteckt sich dort und verwandelt sich in Heuchelei (nifaq). Sowohl das Licht als auch die Keule... beide zugleich kann in dieser Zeit ein armseliger Mensch wie ich nicht handhaben. Da ich nun deshalb dazu gezwungen bin, das Licht mit all meiner Kraft zu umarmen, darf ich mich nicht auch noch um die politische Keule kümmern, was immer das auch sein mag. Was auch immer der Djihad (= ein ernstes Streben) in dieser materiellen Welt von uns erfordern mag: um diese Aufgabe dürfen wir uns im Augenblick nicht auch noch kümmern. Es ist ja in der Tat in der Hand dessen, der dazu befähigt ist, eine Keule notwendig, um die Ungläubigen und die Renegaten in ihre Schranken zu verweisen; aber ich habe nur zwei Hände; und hätten wir selbst hundert Hände, so wären auch sie einzig für das Licht schon genug. Wir haben gar keine Hand, eine Keule damit zu halten!...
Dritte interessante Frage:
Warum hast du dich, nachdem sich unlängst ausländische Mächte, wie Engländer und Italiener, in die Angelegenheiten unserer Regierung eingemischt hatten, was doch von alters her solche, die dem Islam in diesem Lande treu ergeben sind, seine wahren Säulen und die Quelle moralischer Stärke für die Regierung dieses Landes, in Aufregung versetzt hätte, wodurch die Kennzeichen des Islam (sheair-i Islamiye) wiederbelebt und alle ketzerischen Neuerungen (bid'a) zurückgewiesen worden wären, trotzdem gegen einen Krieg ausgesprochen und darum gebetet, dass diese Angelegenheit in Ruhe und Ordnung gelöst wird und dich auf eine so nachdrückliche Weise für eine Unterstützung der Regierung dieser Neuerer eingesetzt. Und hast du nicht selbst auf diese Weise für diese ketzerischen Erneuerungen Partei ergriffen (bid'alar tarafgirlik)?
Wir möchten Erleichterungen, einen gewissen Freiraum, Freude und eine letztendliche Überwindung;
aber nicht durch das Schwert der Ungläubigen. Soll das Schwert der Ungläubigen ihre Köpfe fressen! Wir brauchen keinen Vorteil, der aus ihren Schwertern erwächst. In der Tat sind es diese verstockten Ausländer, welche die Heuchler dazu eingesetzt haben, die Leute des Glaubens zu bedrängen, und die die Atheisten erst groß gebracht haben.
Was aber das Übel des Krieges betrifft, so würde er unserem Dienst am Qur'an einen sehr bedeutsamen Schaden zufügen. Da die Mehrheit unserer höchst ehrenhaften und (dem Dienst) hingegebenen Brüder unter fünfundvierzig Jahre alt sind, müssten sie ihren heiligen Dienst am Qur'an aufgeben und sich zu den Waffen melden. Hätte ich das Geld dazu, würde ich gerne die Tausend Lira bezahlen, um jeden meiner ehrenwerten Brüder vom Militärdienst zu befreien. Mit hunderten meiner ehrenwerten Brüder, die den qur'anischen Dienst an der Risale-i Nur aufgeben um mit ihren Händen die Keule eines leibhaftigen Djihad zu ergreifen, fühle ich in mir selbst den Verlust von Hunderttausenden Lira. Sekai haben diese zwei Jahre vielleicht sogar Tausend eines innerlichen Verdienstes gekostet. Wie dem auch sei... Möge der, der alles vermag (Qadir-i Kull-i Shey), in einer Minute den mit Wolken verhangenen Himmel leer fegt und reinigt und uns am Antlitz des Himmels wieder das Licht der Sonne zeigt, nun auch diese finsteren, gnadenlosen Wolken zerstreuen und uns wieder die Sonne der Wahrheit des Gesetzes schauen lassen; und möge er dies billig und ohne Aufruhr geschehen lassen. Wir erbitten von seiner Barmherzigkeit, dass er uns (Seine Wahrheit) nicht teuer verkaufen möge. Und möge er den Köpfen oben an der Spitze (des Staates) Verstand verleihen und Glaube ihren Herzen; so würde dies genügen. Danach würde die ganze Angelegenheit schon sich selbst regeln.
Vierte interessante Frage:
Man sagt: "Da nun einmal das, was du in deinen Händen hältst, Licht ist und keine Keule; und da man nun einmal gegen Licht nicht kämpfen
kann, vor dem Licht nicht fliehen kann; und von dem Licht, das man zeigt, kein Schaden ausgehen kann, warum gemahnst du dann deine Freunde zur Vorsicht? warum hältst du sie dann davon ab, den Leuten diese vielen lichterfüllten Abhandlungen zu zeigen?"
Die meisten unter den Köpfen da oben an der Spitze (des Staates) sind betrunken und können sie nicht lesen. Und selbst dann, wenn sie sie lesen könnten, würden sie sie doch nicht verstehen. Sie würden sie verkehrt auslegen und dann zu stören versuchen. Damit sie aber nicht stören, sollte man sie ihnen nicht zeigen, bis sie wieder zu Verstand kommen. Es gibt unter ihnen außerdem viele skrupellose (vidjdansiz) Leute, die aus Wut, Hass oder Furcht (khauf) das Licht leugnen oder davor ihre Augen schließen. Darum rate ich meinen Brüdern, vorsichtig zu sein und die Wahrheit nicht in die Hände derer zu geben, die für sie nicht geeignet sind. Sie sollen auch nichts unternehmen, was den Verdacht dieser Weltleute erregen könnte.
Schlussfolgerung
Heute empfing ich einen Brief von Re'fet Bey. In Zusammenhang mit seiner Frage nach dem Ehrenwerten Bart sagte ich:
Einigen Hadithen entsprechend steht fest, dass die Zahl der Haare des Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, die aus dem Barte des Glückseligen gefallen sind, nur begrenzt ist. Obwohl es also von ihnen mit dreißig, vierzig oder fünfzig, sechzig nur eine geringe Anzahl gibt, hat die Tatsache, dass es Haare aus dem Ehrenwerten Bart an Tausenden von Orten gibt, mir doch einiges Nachdenken bereitet. Zu dieser Zeit stieg in meinem Inneren der Gedanke auf, dass das, was über den ehrenwerten Bart bekannt ist, nicht nur seine Barthaare betrifft; doch die Sahabis, die nichts vernachlässigten, bewahrten auch die Haare seines gesegneten Hauptes, nachdem sie geschnitten worden waren. Sein lichtvolles, gesegnetes Haar blieb für immer bewahrt und erhalten. Es waren Tausende. Und ihre Zahl mag der entsprechen, die es noch heute gibt.
Und abermals stieg zu jener Zeit in mir der Gedanke auf, ob nun auf Grund zuverlässiger Dokumente feststeht, ob diese Haare, wie man sie in jeder Moschee findet, zu den Haaren des Ehrenwerten Botschafters (Hasret- i Risalet) gehört, sodass es vernünftig wäre, sie zu besuchen. Sie sind der Grund, für den Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, Gebete (salavat) zu opfern und ein Anlass, ihm seine Verehrung und Liebe darzubringen. Was der Anlass (des Besuches) war, hat mit dem Ding selbst nichts zu tun, sondern mit dem Anlass (dem es dient). Wenn also nun ein Haar nicht wirklich von dem Bart des Glückseligen stammte, wurde es dennoch dem äußeren Anschein nach als ein solches betrachtet und erfüllte so seine Aufgabe, der Verehrung, der Achtung und der Segenswünsche (für den Propheten) zu dienen, und
war nicht nötig, Quellen zu finden und diese Haare urkundlich zu verifizieren. Es genügte bereits, wenn es keine gegenteiligen Beweise dafür gab. Denn die allgemeine Auffassung und Akzeptanz durch die Umma gilt als eine Art Beweis.
Wenn einige Leute der Gottesfurcht (ehl-i taqwa) sich an dergleichen Angelegenheiten stören, sei es vom Standpunkt ihrer Gottesfurcht, oder aus reiner Vorsicht, oder aus Gründen der Frömmigkeit, so tun sie dies aus persönlichen Gründen. Und wenn sie auch sagen, es handle sich hier um eine Neuerung (bid'a), so handelt es sich hierbei um eine Neuerung im guten Sinne (bid'a-i hassane), handelt es sich doch dabei um eine Veranlassung, Segnungen (salavat) (zu rezitieren).
"Diese Angelegenheit war zwischen den Brüdern ein Anlass zu Diskussionen." Ich empfehle meinen Brüdern, in einer solchen Angelegenheit nicht in der Weise zu diskutieren, dass daraus ein Konflikt entsteht oder eine Spaltung erwächst. Vielmehr sollten sie sich daran gewöhnen, sich zu unterhalten und ihre Meinungen miteinander austauschen ohne sich dabei zu streiten.
{"Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend ihn preist." "Friede sei mit euch und Sein Erbarmen und sein Segen."}
Meine lieben, getreuen Brüder in Senirkent, IbRahiem, Schükrü, Hafiz Bekir, Hafiz Hüseyin, Hafiz Receb!
Die Atheisten haben schon seit geraumer Zeit diese drei Fragestellungen kritisiert, die ihr mir durch Hafiz Taufiq zugesandt habt.
Entsprechend der Ayah (Sure 18, 86)
wird hier wörtlich zum Ausdruck gebracht: "Er sah die Sonne in einem Quellgrund untergehen, der mit heißem Schlamm gefüllt war."
Wo ist die Mauer von Dhu-l'Qarneyn?
Hier handelt es sich darum, dass Jesus, mit dem der Friede sei, am Ende der Zeiten kommen und den Deddjal töten werde.
Die Antworten auf diese Fragen sind lang. Hier wollen wir nur kurz zusammengefasst andeuten: Da die Ayat des Qur'an die Dinge im Stil der arabischen Sprache und in Übereinstimmung mit dem äußerlichen Erscheinungsbild erklären, und zwar so, dass sie jeder zu verstehen vermag, gebrauchen sie dazu häufig Metaphern, Allegorien und Vergleiche.
So auch in der Ayah
{"Ging unter in einer heißen Quelle..." (Sure 18, 86)}
Dhu-l'Qarneyn sah die Sonne an der Küste des Atlantik untergehen, die ihm vorkam wie ein Quellgrund voll brodelndem Schlamm oder der feurige Krater eines rauchenden Vulkans. Dies ist der äußerliche Anblick. Der Atlantik erschien Dhu-l'Qarneyn aus der Entfernung als ein weiter Quellgrund, umgeben von einem Sumpf, der in der großen Hitze des Sommers dampfte. Und er sah den Untergang der Sonne offensichtlich in einem Teil davon. Oder aber er sah die Sonne, das Auge des Himmels, verborgen in einem neuen, feurigen Krater in einem Vulkan, der Lavagestein und Felsbrocken ausspie.
Mit diesem Satz lehrt uns der allweise Qur'an in der Tat in der so wunderbaren Beredsamkeit seiner Ausdrucksweise (belaghat)
viele Dinge.
Erstens: Indem er uns erklärt, dass Dhu-l'Qarneyns Reise nach dem Westen zusammenfiel mit der starken Hitze des Sommers, einem Sumpfgebiet, der Zeit des Sonnenuntergangs und der Zeit eines Vulkanausbruchs, spielt er auf viele beispielhafte Dinge an, wie z.B. der völligen Eroberung Afrikas.
Bekanntermaßen ist die offensichtliche Bewegung der Sonne augenscheinlich und sie ist auch ein Beweis für die nicht sichtbare Bewegung der Erde. Davon berichtet (der Qur'an). Was hier beabsichtigt wurde, ist nicht der tatsächliche Sonnenuntergang. Auch die Quelle ist eine Metapher. Aus der Ferne scheint ein großer See nur ein kleiner Teich zu sein. Die in der Hitze aufsteigenden Dampfwolken, das Meer, das hinter den Sümpfen sichtbar wird und die Quelle in einem Sumpf sind allegorisch.
Auch das Wort عَيْنٍ , das in der arabischen Sprache sowohl "Quelle" als auch "Sonne" oder auch "Auge" bedeutet, steckt voller Bedeutungen und passt bestens zu den Geheimnissen der Beredsamkeit (esrar-i belaghat).
So erschien es wenigsten Dhu-l'Qarneyn auf Grund der großen Entfernung. In gleicher Weise stellt der Qur'an in
der himmlischen Art seiner Ansprache vom Gewaltigen Thron, von dem zugleich auch die Himmelskörper befehligt werden, herabkommend fest, dass die Sonne, die als ein gehorsamer Diener im Gasthaus des Allerbarmers ihre Aufgabe als Lampe erfüllt, in der Quelle ihres Herrn, dem Atlantik verborgen ist, was zu der Erhabenheit und Größe (des Qur'an) passt. Und so ist es auch, wie es dem himmlischen Auge erscheint.
Was die Bezeichnung des Atlantischen Ozeans als eine schlammige Quelle betrifft, so zeigt dies, dass Dhu-l'Qarneyn diesen großen Ozean aus der Ferne für eine Quelle hielt. Da der Qur'an aber alles aus der Nähe betrachtet, sieht er nicht, was Dhu-l'Qarneyn sah und was eine Art Illusion war. Da aber nun der Qur'an vom Himmel herab kommt und darauf schaut, sieht er die Erde manchmal als eine Ebene, manchmal als einen Palast, zuweilen als eine Wiege und wieder ein andermal als eine Seite. Den großen und weiten Atlantischen Ozean mit seinen Nebelfeldern und seinen Wolkenbänken als eine Quelle zu bezeichnen, zeigt daher die Größe seiner Erhabenheit (azamet-i ulviye).
Deine zweite Frage:
Wo ist die Mauer von Dhu-l'Qarneyn? Wer waren Gog und Magog?
Schon vor langer Zeit habe ich über diese Frage eine Abhandlung geschrieben. Durch sie wurden damals die Atheisten zum Schweigen gebracht. Ich habe sie jetzt nicht bei mir und außerdem macht mein Gedächtnis gerade einen Arbeitsurlaub und hilft mir also nicht. Zudem wurde aber diese Frage schon im Dritten Ast des Vierundzwanzigsten Wortes ein wenig erörtert. Wir werden hier also nur ganz kurz auf zwei, drei Punkte hinweisen. Es handelt sich um Folgendes:
Nach einigen Erforschern der Wahrheit und wie schon der Name Dhu-l'Qarneyn darauf hinweist, wurden Namen mit dem Zusatz "Dhu", wie Dhu-l'Yasan von den jemenitischen Königen verwendet. Deshalb kann Dhu-l'Qarneyn
nicht Alexander der Große sein. Er war weit eher ein König im Jemen, der zu Zeiten Hasret Abrahams lebte und von Hasret Chidr unterwiesen wurde. Alexander hingegen war Mazedonier, lebte etwa dreihundert Jahre vor Christus und wurde von Aristoteles unterrichtet. Die Geschichte der Menschheit lässt sich in etwa (anhand schriftlicher Zeugnisse - A.d.Ü.) fünftausend Jahre zurück verfolgen. Ein nur lückenhafter und kurzer Abriss der Geschichte vor-Abrahamitischer Zeit wird dabei als nicht mehr zuverlässig betrachtet. Sie existiert dann nur noch in Form von Legenden oder Spekulationen oder in einer sehr stark verkürzten Form. Der Grund dafür, dass dieser Dhu-l'Qarneyn aus dem Jemen schon in sehr früher Zeit in den Kommentaren zum Qur'an als Alexander der Große auftaucht, war entweder der, dass dies einer seiner Namen war, Dhu-l'Qarneyn also vielleicht ein Alexander aus uralter Zeit war, oder die besonderen Ereignisse, die in den Ayat des Qur'an erwähnt werden, sind Spuren ganz allgemeiner Ereignisse.
Gleich wie Dhu-l'Qarneyn, der Iskendیۙder Große war, durch seine prophetischen Unterweisungen die berühmte Chinesische Mauer als ein Hindernis zwischen den tyrannischen und den tyrannisierten Völkern errichtete und so die Überfälle dieser Räuber zu verhindern vermochte, errichteten noch viele andere Herrscher und mächtige Könige, wie Alexander der Große und ein Teil der Propheten und geistigen Pole, die sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht Könige in der Welt der Menschen waren und Dhu-l'Qarneyn in geistiger Hinsicht folgten, durch ihre Unterweisungen Mauern zwischen den Bergen,
als eine der wirksamsten Maßnahmen, um die Unterdrückten vor ihren Unterdrückern zu retten, und erbauten schließlich
Burgen auf den Gipfeln der Berge.
Sie errichteten diese entweder persönlich durch ihre physische Kraft, oder ließen sie nach ihren Anweisungen und Plänen erbauen. Später erbauten sie Wälle rund um ganze Städte und Burgen in diesen Städten bis sie als letzte Lösung Kanonen für vierziger (Granaten) und Schlachtkreuzer als schwimmende Festungen konstruierten. Das berühmteste Bauwerk auf Erden, die Chinesische Mauer, erstreckt sich über eine Entfernung von vielen Tagen und Wochen Fußmarsch und wurde errichtet, um die Völker Chinas vor den Überfällen der mongolischen und mandschurischen Horden, die im Qur'an als Gog und Magog bezeichnet werden, zu schützen. Diese wilden Völkerstämme haben verschiedene Male die Menschlichkeit in dieser Welt in ein Chaos verwandelt und sie von Ost nach West in Kriege verwickelt. Die Chinesische Mauer hat für lange Zeit die sonst häufigen Angriffe dieser wilden Völkerstämme abgewehrt. Solche Mauern wurden auch durch die Anstrengungen der alten Könige von Persien erbaut, die sie gleich wie Dhu-l'Qarneyn errichteten, um im Kaukasus bis in die Schluchten hinein die Tataren von ihren Raubzügen und Plünderungen abzuhalten. Es gibt sehr viele Mauern dieser Art. Da der Allweise Qur'an mit der ganzen Menschheit spricht, erwähnt er, was offensichtlich ein vereinzelter Zwischenfall war, und ruft damit alle Ereignisse dieser Art in Erinnerung. Es versteht sich aus diesem Blickwinkel heraus, dass Erzählungen über Gog und Magog und über die Mauer und die Abhandlungen der Qur'ankommentatoren darüber sich voneinander unterscheiden.
Zudem stellt der Weise Qur'an hinsichtlich der von ihm besprochenen Objekte Verbindungen von einem Ereignis zu einem anderen weit entfernten Ereignis her. Wer nicht an solche Zusammenhänge denkt, glaubt, sie lägen zeitlich dicht beieinander. Wenn also der Qur'an das Ende der Welt mit der Zerstörung der Chinesischen Mauer in Verbindung bringt, so geschieht dies nicht in Hinsicht darauf,
dass diese beiden Ereignisse zeitlich nahe beieinander liegen, sondern gilt für zwei Punkte hinsichtlich der Verbindung ihrer Subjekte. Das heißt, die Welt wird untergehen, genauso wie auch die Chinesische Mauer zerfallen wird. Genauso wie auch die Berge als natürliche, göttliche Mauern fest stehen und erst am Ende der Welt zerstört werden, so ist auch die Chinesische Mauer fest wie die Berge und wird erst mit dem Untergang der Welt zu Staub zerfallen. Und sollte sie auch mit dem Ablauf der Zeit schwere Schäden erleiden, wird sie doch in großen Teilen erhalten bleiben. Und obwohl die Große Chinesische Mauer, die ein ganz besonderer Ausdruck des allgemeinen Ausdrucks der Mauer von Dhu-l'Qarneyn ist, in der Tat seit Jahrtausenden steht, ist sie noch immer offensichtlich dort. Man kann sie lesen als eine lange, materialisierte, Stein gewordene, bedeutungsvolle Zeile antiker Geschichte, von Menschenhand auf der Seite dieser unserer Erde niedergeschrieben.
Deine dritte Frage:
Über Jesus, mit dem der Friede sei, der den Deddjal tötet, gibt es sowohl im Ersten als auch im Fünfzehnten Brief einige kurze Antworten, die dir genügen sollten.
{"Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend ihn preist." "Friede sei mit euch und Sein Erbarmen und sein Segen."}
Meine lieben, hingebungsvollen, treuen und ergebenen Brüder, Hodja Sabri und Hafiz Ali!
Obwohl eure so bedeutungsvolle Frage über die Ayah am Ende der Sure Luqman (Sure 31, 34) über die Fünf
Verborgenen Dinge auch eine bedeutungsvolle Antwort erfordert, erlaubt leider zur Zeit weder meine geistige Verfassung noch mein physischer Zustand eine solche Antwort. So will ich denn hier nur ganz kurz auf ein oder zwei Punkte verweisen, die eure Frage berührt.
Eure Frage zeigt, dass Atheisten Einwände erhoben haben, was die Zeit eines kommenden Regens betrifft und welcher Art das Kind im Mutterleib sein wird und somit an den Fünf Verborgenen Dingen Kritik geübt haben. Sie haben gesagt: "Instrumente in einem Observatorium können herausfinden, wann es Regen geben wird. So weiß es denn nun schon jemand anders außer Gott. Ebenso lässt sich durch Röntgenstrahlen feststellen, ob das Kind im Mutterleib männlichen oder weiblichen Geschlechtes sein wird. Das aber heißt, dass es möglich ist, die Fünf Verborgenen Dinge zu erkennen."
Antwort:
Da die Zeit, wann der Regen fallen wird, nicht von irgendwelchen Regeln, sondern unmittelbar und direkt von dem Willen und der Entscheidung Gottes abhängig ist, und aus der Schatzkammer Seiner Barmherzigkeit Seinem Beschluss entsprechend gegeben wird, ist das Geheimnis Seiner Weisheit das folgende:
Die höchste Wahrheit im Kosmos und das kostbarste im Wesen des Alls sind Licht (nur), Sein (vudjud), Leben (hayat) und Erbarmen (rahmet), diese vier Dinge, die unverhüllt, ohne einen Mittler unmittelbar Seiner göttlichen Macht und Seinem besonderen göttlichen Willen verbunden sind. Für andere Geschöpfe sind die offensichtlichen Ursachen Schleier vor der göttlichen Verfügungsmacht und die allgemeinen Regeln und Gesetze verschleiern bis zu einem gewissen Grade den göttlichen Wunsch und Willen (irade ve meshiet). Jedoch solche Schleier breiten sich nicht über Licht, Sein, Leben und Erbarmen. Denn der Zweck, dem sie dienen, ist mit diesen Dingen nicht verbunden.
Da die wichtigsten Wahrheiten im Dasein Leben und Erbarmen sind und der Regen die Quelle des Lebens und
ein Mittel der Barmherzigkeit (rahmet) und sicherlich eine reine Barmherzigkeit ist, können Mittler sie mit Sicherheit nicht verhüllen, noch werden Gesetz und Eintönigkeit verschleiern, was Gott allein zugehört. In diesem Sinn muss jeder und in jeder Lage zu allen Zeiten Dank und Anbetung (shukur ve ubudiyet), Bitten und Flehen (sual ve dua) darbringen. Wäre der Regen von einem Gesetz abhängig, würde jeder sich auf dieses Gesetz stützen und das Tor zu Dankbarkeit und Flehen (ridja) würde geschlossen werden.
Es ist offensichtlich, dass im Aufgang der Sonne zahlreiche Segnungen liegen. Da dieser aber an ein normales Gesetz gebunden ist, werden zum Aufgang der Sonne keine Gebete (dua) dargebracht und keine Dankgebete (shukur) dafür verrichtet. Und weil es menschlichem Wissen auf Grund dieser Gesetze bekannt ist, dass sie morgen wieder aufgehen wird, wird der Sonnenaufgang nicht zu den Ereignissen aus der unsichtbaren Welt gezählt. Weil aber die einzelnen Regenfälle nicht irgendwelchen Gesetzen folgen, sind Menschen dazu verpflichtet, mit Bitten und Flehen (ridja ve dua) am himmlischen Hof (Dergah) Zuflucht zu suchen. Und da menschliches Wissen nicht im Stande ist, die genaue Zeit des kommenden Regenfalls genau voraus zu berechnen, sieht man ihn als eine besondere Gnade (ni'met) Gottes an, die einzig aus der Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit herniederströmt und bringt seinen aufrichtigen Dank dafür dar.
Es ist aus diesem Grund, dass diese Ayah die Zeit des Regens zu den Fünf Verborgenen Dingen zählt. Das Herannahen der Regenwolken mit Instrumenten in Observatorien schon im Voraus erkennen und den Zeitpunkt für den Beginn des Regens errechnen zu können, heißt nicht, in das Verborgene schauen zu können, sondern nur, durch entsprechende Forschungen einige der Bedingungen zu erkennen, wann (der Regen) die unsichtbare Welt verlassen und sich unserer bezeugten Welt nähern wird.
Wenn sich die geheimsten Dinge aus dem Ungesehenen
ereignen, oder doch kurz davor stehen, sich zu ereignen, erkennt man sie bereits an einer Art Vorgefühl (hiss-i qabl-el vuku). Das heißt nicht, das Unsichtbare zu kennen; es bedeutet nur, etwas zu kennen, was bereits besteht, oder doch kurz davor steht, ins Dasein zu treten. Auch ich spüre durch eine gewisse Sensibilität in meinen Nerven schon vierundzwanzig Stunden zuvor die Ankunft des bevorstehenden Regens. Das heißt, der Regen hat seine Anzeichen, seine Vorboten. Diese Vorboten machen sich durch eine Art Feuchtigkeit in der Luft bemerkbar, die ankündigt, dass Regen im Anzug ist. Wie ein Gesetz gleicht diese Lage einem Mittel für das menschliche Wissen, zu den Dingen zu gelangen, die dem Unsichtbaren bereits entstiegen aber noch nicht zur Zeugenschaft gelangt sind. Doch zu wissen, wann der Regen herniederfallen wird, der seinen Fuß noch nicht in unsere bezeugte Welt gesetzt hat, noch die Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit gemäß Seiner ganz persönlichen Entscheidung verlassen hat, gehört einzig dem Wissen dessen zu, der das Verborgene (Allam-ul Ghuyub) kennt.
Zweite noch offene Frage:
Durch eine Röntgenuntersuchung festzustellen, ob ein Kind im Schoße seiner Mutter männlich oder weiblich ist, widerspricht nicht der tieferen Bedeutung der Ayah
{"...und Er weiß, was im Schoß ist." (Sure 31, 34)}
Denn was mit dieser Ayah gemeint ist, sind die Vorboten der besonderen Fähigkeiten (istidad) des Kindes und der vorherbestimmte Kurs, dem er in seinem Leben folgen wird (muqadderat-i hayat), ja sogar der wunderbare Stempel des Einzigartigen (Samad) auf seiner Stirn, der das Kind auf diese Weise kenntlich macht, (Kennzeichen, wie sie) dem Wissen dessen, der das Verborgene sieht (Allam-ul Ghuyub), zugehörig sind. Sollten selbst hunderttausend Menschen ihren röntgenstrahlgleichen Geist zusammentun, sie könnten dennoch nicht
seine wahren Gesichtszüge entdecken, deren jeder ein Unterscheidungsmerkmal des Kindes gegenüber jedem anderen Mitglied der Menschlichen Rasse ist. Wie also sollten sie denn die Charakterzüge ihrer eigentlichen Fähigkeiten (istidad) entdecken, die hundertmal wunderbarer sind als ihre pur anatomischen Gesichtszüge.
Wir sagten zu Anfang, dass Dasein (vudjud), Leben (hayat) und Barmherzigkeit (rahmet) die bedeutendsten Wahrheiten im Kosmos sind und ihnen die höchste Stufe (maqam) zukommt. So ist denn das Geheimnis dieser vielseitigen Wahrheit des Lebens, die sich in all ihren Einzelheiten und subtilen Aspekten auf den Willen (irade) und Beschluss (meshiet) Gottes und Seine Barmherzigkeit (rahmet) bezieht, das folgende:
Es ist um des Lebens und all seiner Möglichkeiten willen, das eine Quelle des Dankes (shukur), des Lobes (ubudiyet) und der Anbetung (tesbih) ist, dass alle Gesetze und alle Eintönigkeit, die ein Schleier über einem Willen (irade) sind, der Gott allein zu Eigen ist, und offensichtliche Vermittler, welche die Barmherzigkeit (rahmet) Gottes verschleiern, ihm nicht auferlegt worden sind.
Gott der Gerechte wird auf den innerlichen wie äußerlichen (maddi ve manevi) Gesichtern der Kinder im Mutterschoß in zweierlei Weise erkennbar.
Das erste zeigt die göttliche Allgegenwart (Vahdet), Einzigartigkeit (Samad) und Einheit (Ahadiyet), wobei das Kind in Übereinstimmung mit anderen Menschen entsprechend seinen Gliedern und Organsystemen Zeugnis für die Allgegenwart (vahdet) seines Schöpfers und Meisters ablegt. In diesem Sinne ist das Kind (ein Ausdruck, also gleichsam) die Zunge, die ausruft: "Wer immer mir diese Gesichtszüge gegeben und meine Organe gemacht hat, ist auch der Meister aller menschlichen Wesen, die mir in diesen Organen ähnlich sind. Und Er ist auch der Meister (und der Schöpfer) aller Lebewesen."
So ist denn dies (ein Ausdruck) des Kindes im Mutterleib, eine Zunge, die nicht der unsichtbaren (Welt) angehört. Da sie den Gesetzen und allgemeinen Regeln (der
Lebewesen im Allgemeinen und) der menschlichen Rasse (im Besonderen) folgen, ist es möglich, sie zu kennen. (Als Ausdruck des Kindes) ist sie ein Zweig und Zunge der von uns bezeugten Welt, obgleich sie uns wie eine Offenbarung aus der unsichtbaren Welt erscheinen mag.
Zweiter Aspekt:
Im Ausdruck der Charakterzüge seiner besonderen Fähigkeiten (istidad) und der (nur ihm eigenen) Gesichtszüge verkündet es mit lauter Stimme Wahl (ihtiyar), Wunsch (irade), Wille (meshiet) und Barmherzigkeit (rahmet) einer Majestät, die keinerlei Beschränkungen unterworfen ist. Doch diese Stimme erhebt sich aus der tiefsten Verborgenheit. Niemand außer dem urewigen Wissen (ilm-i edheli) kann sie vernehmen und erfassen, bevor sie nicht in Erscheinung (vudjud) tritt. Von diesen (inneren) Charakterzügen kann man noch nicht einmal ein Tausendstel erkennen und erfassen, solange sie noch im Schoß der Mutter verborgen sind!
Kurzum:
In den inneren Charakterzügen (istidad) des ungeborenen Kindes und in seiner äußeren Erscheinung lassen sich sowohl Beweise für die göttliche Allgegenwart (Vahdaniyet) als auch Zeugnisse für die Entscheidungs- und Willensfreiheit Gottes (ihtiyar ve irade-i Ilahiye) erkennen. Insoweit mir Gott der Gerechte noch Gelingen schenken möge, sollen noch weitere Anmerkungen über diese Fünf Verborgenen Dinge dargestellt werden. Doch im Augenblick erlauben mir meine Zeit und mein Zustand nicht mehr als dies. Daher möchte ich hier schließen.
{"Der Beständige ist der, der bleibt und besteht."}
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Siebzehnter Blitz
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen."}
Vorwort
Zwölf Jahre bevor dieser Blitz geschrieben wurde,
notierte ich mir in Arabisch in einigen Abhandlungen wie «Zühre» (Blume), «Schu'le» (Flamme), «Habbe» (Korn), «Schemme» (Schimmer), «Zerre» (Stäubchen) und «Katre » (Tropfen) eine Reihe von Blitzen über die Einheit Gottes (Tauhid) die mir durch die Gnade Gottes (inayet-i Rabbani) und in göttlichem Wissen (marifet-i Ilahiye) wie in einem Aufbruch meiner Gedanken (fikr), einer Reise meines Herzens und einer Entfaltung meines Geistes (inkishafat-i ruhiye) deutlich wurden. Da sie nur geschrieben wurden, um ein Zipfelchen einer ausgedehnten Wahrheit aufzuzeigen und auf nur einen Funken aus dem Strahl eines schimmernden Lichtes hinzuweisen, und da (eine jede Abhandlung) die Form eines Merkblattes hatte und lediglich für mich selbst als Erinnerung diente, ist ihr Wert für andere nur begrenzt, besonders da der weitaus größere Teil meiner aufrichtigsten und mir am nächsten stehenden Brüder kein Arabisch gelernt hat. Auf ihre nachdrücklichen
und dringenden Bitten war ich daher gezwungen, eine teils ausführliche, teils auch abgekürzte und manchmal sinngemäße Wiedergabe der Notizen und Blitze in türkischer Sprache abzufassen. Da diese Notizen und Abhandlungen in der arabischen Sprache die ersten Arbeiten des Neuen Said über die Wissenschaft von der Wahrheit darstellen, die er bis zu einem gewissen Grade in Form eines Zeugnisses gesehen hatte, wurde ihr Inhalt unverändert wiedergegeben. Deshalb wurden einige Sätze hier eingefügt, obwohl sie schon in anderen «Sözler (Worte)» angeführt worden sind. Und obwohl ein Teil von ihnen sehr kurz zusammengefasst worden ist, wurde er doch nicht weiter erläutert, damit er seinen ursprünglichen Reiz (letafet-i asliye) nicht verliert.
Erste Notiz
Ich wandte mich an meine eigene Seele (nefs) und sagte zu ihr: Oh du gottvergessener Said! Wisse, dass es deiner nicht wert ist, dein Herz an etwas zu hängen, was dich nicht begleiten wird, nachdem diese Welt an ihr Ende gekommen ist, und dich verlassen wird, wenn diese Welt (dunya) zerstört werden wird. Es ist unverständig, dein Herz an vergängliche Dinge zu binden, die dir den Rücken kehren und dich verlassen werden, wenn das Zeitalter, indem du lebst, an sein Ende gekommen ist, sie wird dir auf deiner Reise durch die Zwischenwelt (berzah) keine Gesellschaft leisten, ja dich noch nicht einmal bis an das Tor des Grabes begleiten und besonders diejenigen, die dich nach ein, zwei Jahren für immer verlassen, werden dir ihre Sünden um den Hals hängen, vor allem diejenigen, die dich im Augenblick ihrer Entstehung, dir zum trotz, auch schon wieder verlassen.
Wenn du Verstand im Kopf hast, wirst du die Dinge verlassen, die unter den Umwälzungen in der anderen Welt (ukhrevi), unter den Umständen im Zwischenreich (berzah) und den Schlägen irdischer Revolutionen zerstört werden und dir auf deiner Reise durch die Ewigkeit keine Gesellschaft leisten können. Miss ihnen keine Bedeutung bei und betrübe
dich nicht, wenn sie vergehen.
Betrachte deine eigene Natur (mahiyet)! Unter deinen subtileren Eigenschaften (latifeler) findet sich tief in deinem Inneren ein verborgener Kern (latife), der sich niemals mit etwas anderem als dem Ewigen zufrieden geben wird, der für immer besteht (ebedden ve ebedi dhat). Er kann sich niemals einem anderen zuwenden und wird sich nie dazu erniedrigen, sich vor einem anderen zu beugen. Bötest du ihm auch die ganze Welt, könntest du dennoch nicht dieses Bedürfnis deines inneren Wesens (fitr) befriedigen. Was nun diesen verborgenen Kern betrifft, so ist er der König über all deine Sinne und Fähigkeiten. Also gehorche diesem deinem inneren Herrscher, der den Befehlen seines allweisen Schöpfers (Fatir- i Hakim) folgt und du wirst gerettet sein!
Zweite Notiz
In einem wahrheitsgetreuen Traum sagte ich einmal zu den Leuten: "Oh ihr Menschen! Einer der Grundsätze des Qur'an ist folgender: Betrachte außer Gott dem Gerechten nie etwas anderes als so sehr größer als dich selbst, dass du es anbetetest. Und betrachte nie dich selbst als so sehr größer als irgendein Ding, dass du darüber stolz würdest. Denn so wie alle Geschöpfe untereinander gleich sind, betrachtet man sie einmal vom Standpunkt des einen einzig Anbetungswürdigen, so sind sie auch untereinander gleich vom Standpunkt ihrer Geschöpflichkeit."
Dritte Notiz
Oh du gottvergessener Said! Wisse, dass du in einer Art von Illusion diese Welt in ihrer außerordentlichen Zeitlichkeit als ewig und unsterblich betrachtest. Betrachtest du die Welt um dich herum, so erscheint sie dir als gewissermaßen fest und beständig. Und betrachtest du auch deine eigene vergängliche Seele (fani nefs) unter dieser Perspektive als beständig, so erscheint dir nur noch der Weltuntergang als furchterregend, so als könntest du bis zum Weltuntergang leben und bräuchtest
nichts als nur diesen zu fürchten.
Komm zu Verstand! Du und deine ganz persönliche Welt sind ständig den Schlägen von Tod und Verfall ausgesetzt. Deine Illusionen und Sophistereien ähneln dem folgenden Gleichnis: Wenn ein Mann der einen Spiegel in seiner Hand hält und diesen einem Haus, einer Stadt oder einem Garten zuwendet, so wird das Abbild dieses Hauses, dieser Stadt, dieses Gartens in seinem Spiegel erscheinen. Wenn aber nun eine kleine Bewegung, auch nur die geringste Bewegung dem Spiegel zustößt, so werden die Abbilder in ihm, das Haus, die Stadt, der Garten durcheinander geschüttelt und stürzen in ein Chaos. Die Tatsache, dass das tatsächliche Haus, die Stadt, der Garten außerhalb des Spiegels auch weiterhin noch da sind und feststehen, ist für dich nicht von Belang, denn der Spiegel in deiner Hand und das zu ihm gehörige Haus, die Stadt, der Garten existieren für dich nur nach der Maßgabe und Ausgewogenheit, die der Spiegel dir gibt.
Zeit und Jahre deines Lebens gleichen diesem Spiegel. Deine Welt (dunya), ihr Mast, ihr Spiegel und ihr Zentrum sind Zeit und Jahre deines Lebens. In jeder Minute kann es geschehen, dass das Haus, die Stadt und der Garten sterben und zerfallen werden. Sie befinden sich in einem derartigen Zustand, dass sie dir jeden Augenblick auf den Kopf fallen können und die Welt für dich zusammenbricht. Da dies aber nun einmal so ist, bürde dir in deinem Leben und hier in deiner Welt (dunya) nicht Lasten auf, die du (dir nicht auf die Schultern) laden und wegtragen kannst!
Vierte Notiz
Wisse, dass es im Allgemeinen die Praxis des allweisen Schöpfers (Fatir-i Hakiem) ist, wichtige und wertvolle Dinge in ihrer identischen Erscheinungsweise zu erstatten. Das heißt, Er erneuert die meisten Dinge in ähnlicher Form im Wechsel der Jahreszeiten, im Ablauf der Jahrhunderte und gibt ihnen ein Gleiches wieder zurück. Dieser Grundsatz göttlichen
Handelns zeigt sich kontinuierlich und regelmäßig in einer Art Auferstehung der Tage, der Jahre und der Jahrhunderte.
So sagen wir denn in der Konsequenz dieses feststehenden Gesetzes: Da nun einmal in Übereinstimmung und nach dem Zeugnis der Wissenschaften die vollkommenste Frucht am Baum der Schöpfung der Mensch ist, und unter den Geschöpfen das bedeutendste der Mensch ist, und unter den Lebewesen das bedeutendste der Mensch ist, und da nun einmal ein menschliches Individuum einer ganzen Tiergattung gleich ist, kann man mit absoluter Gewissheit schließen, dass jeder einzelne Mensch bei der Großen Wiederauferstehung seine vollständige Identität mit seinem Körper, seinem Namen und seinem Aussehen zurück erhält.
Fünfte Notiz
In dieser Notiz sah sich der Neue Said, nachdem sich die Wissenschaft und die Zivilisation des Westens bereits bis zu einem gewissen Grade in den Gedanken des Alten Said eingenistet hatten und er nun begann, sich für eine Reise von Herz und Verstand einzuschiffen und sie sich nun in eine Krankheit des Herzens verwandelten und zu einer Ursache außerordentlicher Schwierigkeiten wurden und er nun den trügerischen Glanz dieser Philosophie und die Ausschweifungen ihrer Zivilisation von sich abschütteln und die Begehrlichkeit seiner Seele (nefs), die Zeugnis für ein solches Europa ablegte, zum Schweigen bringen wollte, sah er sich in seinem Inneren (ruh) dazu gezwungen, sich der nun folgenden, in gewisser Hinsicht sehr kurzen, in einer anderen Hinsicht aber doch recht langen Diskussion mit dessen geistiger Verkörperung zu unterziehen.
Das sollte aber nicht missverstanden werden: Europa ist zweierlei.
Ersteres folgt den Segnungen jener Geisteswissenschaften, die aus seiner wahren christlichen Religion gespeist werden, welche dem Handwerk, das das
menschliche Gemeinschaftsleben fördert und dem Recht und der Gerechtigkeit dienen. Es ist nicht dieses Europa, das hier zur Diskussion steht. Ich möchte vielmehr jenes zweite, verdorbene, Europa ansprechen, das den Menschen in der Finsternis seines naturalistischen Denkens, durch das es den Fluch der Zivilisation für deren Segen hält, zu Ausschweifungen verleitet und auf Irrwege geführt hat. Es ist dies wie folgt:
In jener Zeit sprach ich auf meiner inneren (ruh) Reise mit der geistigen Verkörperung Europas, die anstelle aller Vorzüge ihrer Kultur und den segensreichen Geisteswissenschaften eine nutzlose und destruktive Philosophie und eine ebenso destruktive wie ausschweifende Zivilisation in Händen hält, und sagte zu ihr:
Wisse nur, du anderes Europa! Du hältst in deiner rechten eine krankhafte und fehlgeleitete Philosophie und in deiner linken eine ausschweifende, destruktive Zivilisation und lädst den Menschen dazu ein, weil ja sein Glück in ihnen liegen soll. Mögen dir beide Hände gebrochen werden und mögen diese beiden schmutzigen Geschenke dich den Kopf kosten! Sie werden dich zu Grunde richten!
Und du unglückseliger Geist, der du Unglaube und Undankbarkeit um dich verbreitest! Ja, kann denn der, der in seiner Seele (ruh), mit Herz und Verstand fürchterliche Gewissenspein erduldet und schon krank ist von seinen Folterqualen, der dem Leibe nach in einem äußerlichen, oberflächlichen, trügerischen Glanz und Reichtum lebt, dabei noch glücklich sein? Kann man denn von ihm sagen, dass er (auf diese Weise) selig werden wird?
Ja merkst du denn nicht, dass ein Mensch, wenn er über einer Kleinigkeit verzweifelt, wenn er über einer geplatzten Illusion seine Hoffnung verliert, wenn er über einer unbedeutenden Angelegenheit einem Zustand tiefster Enttäuschung verfällt, dass ihm dann seine süßesten Träume bitter werden, der Wohlstand (in dem er lebt) ihn
zu quälen beginnt, ihm die Welt (dunya) zu eng wird und er sich in ihr wie ein Gefangener fühlt? Welches Glück kannst du nun diesem armseligen Menschen, den der Schlag deines Irrglaubens im tiefsten Winkel seines Herzens getroffen hat, mit deinem Unglück, das im tiefsten Grunde seiner Seele (ruh) an ihm zehrt, diesem Irrglauben, der all seine Hoffnung ausgelöscht hat, von wo nun all sein Schmerz aufsteigt, noch garantieren? Ja, kann man denn von einem, der sich dem Leibe nach in einem kurzlebigen, falschen Paradies befindet, dessen Herz und Verstand aber alle Qualen der Hölle erleiden, noch behaupten, dass er glücklich sei? So hast du denn den bedauernswerten Menschen auf diese Weise vor den Kopf gestoßen und in die Irre geleitet! In einem falschen Paradies lässt du ihn höllische Qualen erleiden!
Oh du eigenwillige menschliche Seele(nefsu-l'emmare)!Betrachte das (folgende) Beispiel und siehe, wohin du den Menschen geführt hast. Da liegen z.B. zwei Wege vor uns.
Wir wählen einen und bemerken Schritt für Schritt jedes Mal einen bedauernswerten Menschen. Räuber überfallen ihn, entreißen ihm sein Hab und Gut und zerstören ihm seine Hütte. Ja, manchmal verwunden sie ihn sogar. Alles geschieht auf eine solche Art, dass selbst der Himmel über seinen beklagenswerten Zustand weint. Wohin man auch blickt: die Dinge spielen sich stets auf die gleiche Weise ab. Die Geräusche, die man auf diesem Wege vernimmt, sind der Lärm, den die Räuber machen und das Stöhnen der geknechteten. Eine allgemeine Trauer hüllt den Weg ein. Da der Mensch auf Grund seiner Menschlichkeit unter dem Leiden eines anderen mitleidet (elemiyle muteellim), bleibt er unter einem nicht enden wollenden Schmerz (elem) befangen. Weil aber sein Herz soviel Schmerz nicht ertragen kann, muss einer, der diesen Weg einschlägt, eines von zwei Dingen tun: er sagt sich entweder von der Menschheit los, entscheidet sich, in seinem Herzen eine so grausame Einsamkeit zu tragen, dass, solange nur er selbst in Sicherheit bleibt, alle um
ihn herum untergehen können, ohne dass es ihn betrübte, oder aber: er schaltet einfach aus, was Herz und Verstand von ihm verlangen.
Oh Europa, verdorben durch Ausschweifung und Irreleitung und weit entfernt von der Religion Jesu! Wie der Deddjal, der nur noch ein Auge trägt, hast du mit deiner blinden Intelligenz dem menschlichen Geist (ruh) eine Art Höllenzustand zum Geschenk gemacht! Dann aber ist dir klar geworden, dass diese unheilbare Krankheit den Menschen von den höchsten Höhen (a'la-yi illiyyin) in die tiefsten Tiefen (esfel-i safilin) hinabstürzt und ihn auf die Stufe noch des armseligsten Tieres hinunterzieht. Das Heilmittel, das du gegen diese Krankheit gefunden hast, ist die Unterhaltungs- und Vergnügungsindustrie, die dir attraktives Spielzeug anbietet, mit dem du deine Sinne kurzzeitig ausschalten kannst und Gelüste, die dir eine Betäubung anbieten. Mögen diese Heilmittel dir den Kopf kosten! Sie werden dich zu Grunde richten! So gleicht denn der Weg, den du dem Menschen geöffnet hast und das Glück, das du ihm geschenkt hast, diesem Beispiel.
Der zweite Weg ist der, den der Weise Qur'an dem Menschen als Rechtleitung zum Geschenk gemacht hat. Und der ist folgender:
Wir sehen, dass auf diesem Weg in jedem Haus, auf jedem Platz und in jeder Stadt an allen Ecken die aufrechten Soldaten des gerechten Sultans zu finden sind und ihre Runde machen. Von Zeit zu Zeit wird ein Teil dieser Soldaten auf Geheiß des Sultans wieder entlassen. Ihre Waffen, ihre Pferde und die Munition, die ja dem Staat gehören, werden ihnen wieder abgenommen und sie erhalten ihre Entlassungspapiere. Die entlassenen Soldaten sind offensichtlich traurig, ihre Waffen und ihre Pferde wieder abgeben zu müssen, mit denen sie bisher vertraut gewesen sind. Doch in Wirklichkeit sind sie eigentlich froh über ihre Entlassung und sehr damit zufrieden, ihren Sultan besuchen und an seinen Hof zurückkehren zu dürfen. Manchmal begegnen die mit der Abrüstung betrauten Beamten einem noch unerfahrenen
Rekruten. Dieser Soldat kennt sie nicht. "Gib deine Waffe zurück!" sagen sie zu ihm. Der Soldat entgegnet ihnen: "Ich bin ein Soldat des Sultans und stehe in seinen Diensten. Danach werde ich wieder zu ihm gehen. Wer aber seid ihr? Wenn ihr mit Erlaubnis und Einverständnis von ihm kommt, so stehe ich euch zu Diensten und ihr seid mir willkommen. Zeigt mir also eure Papiere. Andernfalls geht und bleibt mir vom Leib! Und selbst wenn ich allein bleiben sollte, ihr aber seid Tausende, werde ich dennoch gegen euch kämpfen. Ich tue dies nicht für mich selbst (nefs), denn ich gehöre nicht mir selbst (nefs); ich gehöre dem Sultan. Meine Seele (nefs) und die Waffe, die ich jetzt habe, sind mir ja von meinem König (malik) anvertraut (emanet) worden. Ich werde mich, um das mir anvertraute Pfand (emanet) und die Würde des Sultans zu verteidigen und seine Ehre (izzet) zu schützen, nicht vor euch beugen!"
So ist denn diese Situation eine unter Tausenden solcher Situationen, die eine Quelle der Freude und des Glücks auf dem zweiten Wege ist. Du kannst nun die übrigen Situationen selbst vergleichen! Während der Reise auf diesem zweiten Weg gibt es eine Aushebung und einen Marschbefehl für die Soldaten, den man als Geburt bezeichnet, und eine frohe Entlassung der Soldaten unter Musikbegleitung, als die man den Tod betrachtet. So hat denn der Allweise Qur'an diesen Weg dem Menschen zum Geschenk gemacht. Wer immer mit ganzem Herzen dieses Geschenk annimmt, wird den zweiten Weg gehen, der zum Glück in beiden Welten führt. Er empfindet weder Trauer über die Dinge, die der Vergangenheit, noch Angst vor den Dingen, die der Zukunft zugehören.
Oh du verdorbenes zweites Europa! Mit einem Teil deiner verrotteten und bodenlos gewordenen Fundamente verhält es sich folgendermaßen: du sagst:
"Jedes Lebewesen, vom größten Engel bis zum kleinsten Fisch, ist sein eigener König, arbeitet für seine eigene Person und plagt sich für sein eigenes Vergnügen. Es hat ein Recht auf das Leben. Ziel seiner Bemühungen und Zweck seiner
Anstrengungen ist es, das Leben zu verlängern und seine Existenz zu sichern." Indem du dir die Erscheinungsformen des Gesetzes der Barmherzigkeit und Freigiebigkeit, welche ein Prinzip der Freigiebigkeit des freigiebigen Schöpfers (Khaliq-i Keriem) sind, dem all das folgt, was den Kosmos in vollkommenem Gehorsam trägt und zusammenhält und jene gegenseitige Hilfeleistung der Pflanzen für die Tiere und der Tiere für den Menschen als Kampf betrachtest, urteilst du törichterweise: "Das Leben ist ein Kampf."
Wie kann man denn das als einen Kampf bezeichnen, wenn Teile der Nahrung, als eine Erscheinung dieses Prinzips gegenseitiger Hilfeleistung sich mit vollendetem Eifer beeilen, die Zellen des Körpers zu ernähren? Wieso ist das ein Interessenkonflikt? Ist dies doch vielmehr eine Unterstützung und ein Wettlauf, wenn sie einander auf den Befehl des Freigiebigen Herrn zu Hilfe eilen.
"Ein jedes Ding ist sein (nefs) eigener König." Ein ganz klarer Beweis dafür, dass nichts und niemand sein eigener König sein kann, ist das Folgende: Unter den Ursachen ist die edelste und hinsichtlich ihrer Entscheidungskraft (ihtiyar) diejenige mit dem umfangreichsten Willen (irade), der Mensch. Doch von Hundert offensichtlichen Auswirkungen dieser Entscheidungskraft (ihtiyar) des Menschen, wie Denken, Sprechen und Essen, ist nur eine einzige, recht zweifelhafte tatsächlich in die Hand dieser seiner Entscheidungskraft (ihtiyar) gelegt und gelangt in den Bereich seiner Macht (iktidar). Wie kann man also von einem, der von hundert seiner ganz offensichtlichen Taten nicht einmal eine einzige vollbringen kann, noch sagen, dass er sein eigener König sei?
Wenn also selbst noch die höchsten Wesen auch mit intensivstem Wollen (ihtiyar) so sehr in ihrer tatsächlichen Macht und Verfügungsgewalt behindert sind, dann beweist einer, der von den übrigen Dingen, lebenden und toten Gegenständen sagt: "Sie sind die Könige ihrer selbst.",
so beweist er damit, dass er noch tierischer als die Tiere, lebloser und bewusstloser als alle leblosen Dinge ist.
Was dich in einen solchen Fehler hineinstößt, in diesen Abgrund hinunter wirft, ist deine einäugige Genialität, das heißt, deine außergewöhnliche, unheilvolle Intelligenz. Auf Grund dieser deiner blinden Genialität hast du deinen Herrn vergessen und stellst dir nun an Seiner statt die Natur als den Schöpfer aller Dinge vor, schreibst Seine Werke den Ursachen zu und teilst das Eigentum deines Schöpfers dem Taghut (= einem Götzen) zu, den du vergeblich anbetest. Unter diesem Gesichtspunkt und hinsichtlich deiner genialen Betrachtungsweise muss jedes lebende Wesen und ein jeder Mensch für sich allein unzähligen Feinden die Stirn bieten und um die Befriedigung seiner unendlich vielen Bedürfnisse kämpfen. Und mit der Kraft (iktidar) eines Stäubchens und einem Willen (ihtiyar), gleich einem seidenen Faden, einem Bewusstsein (shuur), gleich dem Blitz, der vorüber zuckt, einem Leben, das wie eine Flamme verlischt, einer Lebensspanne, die wie eine Minute vorüber huscht, müssen sie dennoch gegen zahllose Feinde und Nöte Widerstand leisten. Und dennoch genügt das Kapital dieser hilflosen Lebewesen nicht als Antwort auf nur ein Tausendstel ihrer Wünsche und Bedürfnisse. Überkommt sie ein Unglück (musibet), können sie gegen ihren Schmerz kein anderes Heilmittel erwarten als taube und blinde Ursachen. So wird an ihnen das Geheimnis deutlich:
{"So ist denn das Gebet der Ungläubigen nichts anderes als im Irrtum." (Sure 13, 14)}
Dein finsterer Genius hat den Tag des Menschengeschlechtes in Nacht verwandelt. Um dir deine qualvolle, unruhevolle Nacht zu erwärmen, hast du sie vorübergehend mit lügnerischen Lampen erleuchtet. Diese Lampen lächeln die Gesichter der Menschen nicht freudig an, vielmehr
grinsen sie spöttisch über den bedauerns- und beklagenswerten Zustand der Menschen. Solche Lichter treiben ihren Spaß mit ihnen und machen sich über sie lustig.
In den Augen deiner Schüler sind alle lebenden Wesen armselig, von Katastrophen bedroht, verfolgt und unterdrückt von diesen Räubern. Die Welt ist ein allgemeines Trauerhaus. Die Geräusche, die man in dieser Welt vernimmt, rühren von dem Wehgeschrei der Leidenden und der Sterbenden. Ein Schüler, nachdem er deine Unterweisungen sorgfältig in sich aufgenommen hat, wird einem Pharao gleich. Doch er ist nur ein würdeloser Pharao, der die niedersten Dinge anbetet und alle Dinge, von denen er sich einen Vorteil verspricht, als seinen Herrn ansieht. Zudem sind deine Schüler auch noch halsstarrig. Doch ist er noch armselig in seiner Halsstarrigkeit, wenn er um eines einzigen Vergnügens willen, auch noch die äußerste Erniedrigung auf sich nimmt. Um eines armseligen Vorteils willen zeigt er eine solche Niedrigkeit, dass er um eines nichtswürdigen Vorteils willen dem Teufel die Füße küsst. Zudem ist er auch ein Despot. Weil er aber innerlich haltlos ist, ist er seinem Wesen nach zwar ein ganz ohnmächtiger, jedoch prahlerischer Despot. Ziel und Zweck dieses Schülers ist es, die Gelüste seiner Seele (hevesat-i nefs) zu befriedigen, auf hinterhältige Weise hinter dem Schleier eines hingebungsvollen Patrioten seinen eigenen, persönlichen Vorteil zu suchen und (alles, was seine) Habsucht (von ihm fordert) und sein Stolz (von ihm verlangt). Er liebt nichts ernsthaft außer sich selbst (nefs) und opfert alles dafür (nefs) auf.
Was aber den aufrichtigen und tadellosen Schüler des Qur'an betrifft, so ist er ein Diener (Gottes). Aber er ist ein ehrenwerter Diener (Gottes), der sich nicht dazu erniedrigt, sich vor dem zu beugen (was Gott erschaffen hat), sei es auch noch so gewaltig (makhlukat) und macht auch nicht das größte und gewaltigste Verdienst, wie das Paradies zum Ziel seiner Anbetung. Zudem ist er sanftmütig
und friedfertig. Doch weil er sich zugleich auch nicht dazu erniedrigt, sich ohne Erlaubnis und Befehl, außer vor dem Schöpfer in Seiner Majestät (Fatir-i Dhu-l'Djelal), vor Geringeren zu beugen, ist er auch sanft- und edelmütig. Er ist zudem arm. Weil aber der Freigiebige König (Malik-i Keriem) seine Verdienste für die Zukunft aufbewahrt, ist er zugleich auch ein Armer, der niemals etwas entbehrt. Er ist zudem auch schwach. Doch ist er dennoch stark in seiner Schwäche, da er sich auf die Macht seines Herrn stützen kann, dessen Kraft unendlich ist. Würde also nun ein wahrhaftiger Schüler des Qur'an, der so stark ist selbst noch in seiner Schwäche, obwohl er ihm doch noch nicht einmal dieses ewige Paradies als Ziel setzt und zum Zweck macht, ihm diese flüchtige, vergängliche Welt (dunya) zum Ziel und Zweck machen? So kannst du denn nun verstehen, wie sehr voneinander verschieden die Ziele der beiden Schüler und ihre Anstrengungen sind!
Zudem könnt ihr nun auch den Eifer und die Hingabe der Schüler des weisen Qur'an mit den Schülern einer krankhaften Philosophie vergleichen. Es ist dies wie folgt:
Der Schüler der Philosophie flieht um seiner selbst (nefs) willen vor seinem eigenen Bruder und strengt einen Prozess gegen ihn an. Was aber einen Schüler des Qur'an betrifft, der alle aufrichtigen Diener Gottes im Himmel und auf Erden als seine Brüder betrachtet, so betet er in aller Aufrichtigkeit für sie. Er freut sich mit ihnen über ihr Glück und fühlt im Geiste (ruh) eine starke Verbundenheit mit ihnen. Ferner betrachtet er die größten Dinge wie die Sonne und den Thron jeweils als gehorsame Diener (me'mur), die wie er selbst Anbeter (abd) und Geschöpfe (makhluq) sind.
Vergleiche also nun im Folgenden die Erhabenheit und Weite des Geistes dieser beiden Schüler: der Qur'an verleiht dem Geist seiner Schüler einen solchen Frohsinn und eine solche Erhabenheit, dass er anstelle der neunundneunzig Perlen des Tesbihs, in ihre Hände die Atome der neunundneunzig Welten legt, welche die neunundneunzig
göttlichen Namen aufscheinen lassen, und zu ihnen sagen: "Lest nun eure Tesbihat (evrad) mit ihrer Hilfe!" Lauscht nun den Adepten des Qur'an, Schülern wie Scheich Geylani, Rufa'i und Schaseli (mit denen Gott zufrieden sein möge) und lasst uns nun einmal sehen, wie sie die Kette der Atome, die Anzahl der Tropfen und die Atemzüge der Geschöpfe halten und ihre Tesbihat gemeinsam mit ihnen lesen. Sie rühmen und preisen (dhikr ve tesbih) Gott den Gerechten gemeinsam mit ihnen.
So betrachte denn nun die wunderbare Unterweisung des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, und siehe, wie der Mensch durch ihn erhoben wird, dieser kleine Mensch, dem über seinen kleinen Kümmernissen und Sorgen schwindlig wird, der in Verwirrung gerät und schließlich besiegt wird von einigen winzig kleinen Mikroben. Siehe, in welchem Grade sich seine subtileren inneren Sinnesorgane weiten, sodass er schließlich erkennt, dass alles, was es in dieser großen, weiten Welt gibt, noch unzureichend ist, die Perlen für sein Tesbihat zu sein. Und obwohl er das Paradies noch für unzureichend hält, Ziel seiner Meditation und Kontemplation (dhikr ve vird) zu sein, hält er sich doch auch nicht für größer als das niedrigste unter allem, was Gott der Gerechte erschaffen hat. Er verbindet zugleich höchste Würde mit der höchsten Demut. Nun magst du erkennen, wie niedrig und minderwertig demgegenüber die Schüler der (modernen, westlichen) Philosophie sind!
So sagt denn also nun die Rechtleitung des Qur'an, was jene Wahrheiten betrifft, die der einäugige Genius, ausgehend von jener krankhaften Philosophie Europas so verkehrt sieht, während sie, vertraut mit dem Unsichtbaren, mit leuchtenden Augen in die zwei Welten blickt und beide Hände nach der Glückseligkeit für den Menschen ausstreckt:
Oh Mensch! Deine Seele (nefs) und das Hab und Gut in deinen Händen ist nicht dein Eigentum. Es ist ein Unterpfand des Königs, der Macht hat über alle Dinge (Qadir)
und alle Dinge kennt, der freigiebige Allerbarmer (Rahiem-i Keriem). Er möchte dir den Besitz, über den du verfügst, abkaufen, sodass er ihn für dich bewahren kann und er dir nicht verloren geht. Er wird dir in deiner Zukunft einmal einen bedeutenden Preis dafür geben. Du bist ein Soldat, der unter Pflicht und Befehl steht. Arbeite in Seinem Namen und handle in Seinem Auftrag! Er ist es, der dir alle notwendigen Dinge zu deinem Unterhalt sendet und dich vor all den Dingen bewahrt, die deine Kräfte übersteigen. Ziel und Zweck deines Lebens ist es, die Namen und Attribute deines Königs sichtbar werden zu lassen. Wenn dir ein Unglück begegnet, sage:
{"Fürwahr, Gottes sind wir und fürwahr, zu Ihm kehren wir zurück." (Sure 2, 156)}
Das heißt: Ich stehe im Dienste meines Königs. Oh du mein Unglück (musibet)! Wenn du mit Seiner Erlaubnis gekommen bist: "Merhaba, sei willkommen! Denn mit Sicherheit werden wir eines Tages zu ihm zurückkehren und in Seine Gegenwart eingehen. Denn wir verlangen sehnsüchtig nach Ihm. Da Er uns in jedem Fall einmal von den Verantwortlichkeiten unseres Lebens entbinden wird, so lass denn diese Entlassung und meinen Freispruch durch deine Hand geschehen; ich bin damit zufrieden! Wenn Er aber dein Kommen angeordnet und bestimmt (emir ve irade) hat, dass dies eine Probe auf mein Pflichtbewusstsein und meine Loyalität in der Bewahrung dieses Unterpfandes (emanet) sein sollte, so werde ich es dir ohne Seine Erlaubnis und ohne Seine Zustimmung nicht übergeben. Solange ich noch die Kraft dazu habe, will ich das mir anvertraute Pfand meines Königs keinem übergeben, der nicht mit Sicherheit dazu beauftragt ist, es zu empfangen."
So betrachte also dieses eine Beispiel unter Tausenden für die Abstufungen zwischen den Unterweisungen, gegeben
durch den Genius der Philosophie und die Rechtleitung des Qur'an. In der Tat setzt sich auf beiden Seiten die Bestandsaufnahmen in der oben beschriebenen Weise noch fort. Doch die Abstufungen unter den Leuten der Rechtleitung und des Irrweges sind verschieden. Und die Abstufungen in der Gottvergessenheit sind verschieden. Nicht jeder kann diese Wahrheit auf jeder Stufe vollständig wahrnehmen. Denn die Gottvergessenheit betäubt die Sinne. Und in unserer gegenwärtigen Zeit hat sie die Sinne in einem solchen Ausmaß betäubt, dass die zivilisierten Völker diesen heftigen Schmerz und die tiefe Qual nicht mehr verspüren. Doch der Schleier der Gottvergessenheit wird dank einer zunehmenden Sensibilisierung durch die Entwicklung der Wissenschaften und die Warnung des Todes, der jeden Tag dreißigtausend Leichen aufweist, wieder zerrissen. Blankes Entsetzen und ein Tausendfaches Bedauern sollten diejenigen fühlen, die einem Ideal des Taghut (= eines Götzen) der Ausländer und ihrer naturalistischen Philosophie und Wissenschaft entsprechend in die Irre gehen, sowie alle, die ihnen blindlings folgen und sie nachahmen!
Oh ihr jungen Söhne dieses Landes! Versucht nicht, die Franken (= Europäer) zu imitieren!... Mit welch einer verständlichen (Begründung) könnt ihr nach all der grenzenlosen Grausamkeit und Feindschaft, wie man sie in Europa beobachten konnte, noch ihrer Gedankenwelt voll Ausschweifung und Aberglaube vertrauen? Nein! Nein! Wenn ihr sie in ihren Ausschweifungen nachahmt, so folgt ihr nicht (ihrem guten Beispiel), sondern schließt euch unbewusst (ihrem liederlichen Lebenswandel) an und führt damit euch selbst und eure Brüder der Hinrichtung (d.h. der Verurteilung am Ende des Lebens - A.d.Ü.) zu. Gebt Acht! Je mehr ihr ihren liederlichen Sitten nacheifert, desto größer wird eure Verlogenheit, indem ihr behauptet, gute Patrioten zu sein!... Wenn ihr auf diese Weise (den Europäern) nacheifert, so zeigt ihr damit eure Verachtung gegenüber eurer Nation und macht eurer Volk lächerlich!
{"Gott leitet uns und euch auf den rechten Weg"}
Sechste Notiz
Oh du unglückseliger Mensch, der du durch die große Zahl der Ungläubigen und ihre Übereinstimmung in der Leugnung einiger Glaubenswahrheiten in Aufregung versetzt und so in deiner Überzeugung erschüttert worden bist! Wisse, dass Wert und Bedeutung nicht in der Menge und Vielzahl liegen. Denn wenn der Mensch nicht zu einem (wahrhaftigen) Menschen wird, verwandelt er sich in ein Höllentier (sheytan bir hayvana). Und je mehr diese animalische Begierde im Menschen wächst, wie dies bei einigen Franken (= Europäern) und ihren Gesinnungsgenossen geschieht, desto tiefer sinkt er auf der Stufenleiter seiner Animalität hinab. Du siehst, dass der Mensch, obwohl doch ihm gegenüber zahllose Tiere in einer grenzenlosen Menge und Vielzahl vorhanden und er selbst im Vergleich dazu nur sehr gering an Zahl ist, er dennoch der Sultan, Kalif und Herrscher (Hâkim) über der Gesamtheit aller Tierarten ist.
So sind denn diese ungläubigen Schädlinge und Lüstlinge auf dem Wege der Ungläubigen eine Art bösartiger Tiere Gottes des Gerechten, die der Allweise Schöpfer (Fatir-i Hakim) zur Fortentwicklung dieser Welt (dunya) erschaffen hat. Er hat sie zu einer Art Maßeinheit gemacht, damit seine gläubigen Diener das Maß Seiner Gnadengaben erkennen mögen, und wird sie am Ende der Hölle überantworten, die sie sich verdient haben.
So liegt es denn in dieser Leugnung dieser Glaubenswahrheiten, dass die Ungläubigen und die Leute des Irrweges keine Kraft haben. Denn im Geheimnis ihrer Verneinung hat ihre Übereinkunft keine Kraft. Tausend, die etwas verneinen, gleichen einem einzigen. Wenn z.B. die gesamte Bevölkerung von Istanbul leugnet, am Beginn des Ramadan den neuen Mond gesehen zu haben, so macht der Beweis zweier Zeugen die Leugnung und
Übereinstimmung dieser großen Menschenmenge ungültig. Da Unglaube und Irrglaube ihrem Wesen nach Verneinung und Verleugnung, Unwissenheit und ein Nicht-vorhanden-sein sind, hat auch die Übereinkunft einer großen Zahl von Ungläubigen keine Bedeutung. In Glaubensdingen, die wahrheitsgemäß sind und feststehen und deren Gültigkeit bewiesen ist, erhält das Urteil von zwei Gläubigen, das sich auf ein Zeugnis stützen kann, den Vorrang vor dem einer großen Anzahl von Leuten des Irrweges und ist ihm überlegen. Das Geheimnis hinter dieser Wahrheit ist das Folgende:
Oberflächlich betrachtet sind sich die Leugner in ihren Behauptungen einig. Doch in Wirklichkeit unterscheiden sie sich voneinander und können sich nicht einigen, um an Kraft zu gewinnen, während die Behauptungen derer, die etwas bestätigen, sich miteinander vereinigen und einander Kraft verleihen. Denn wenn jemand zu Beginn des Ramadan den neuen Mond nicht sieht und dann sagt: "Nach meiner Ansicht ist dort kein Mond. Bei mir hier kann man ihn nicht sehen." Und ein anderer sagt: "Vor meinem Auge ist er nicht." Und wieder ein anderer sagt das gleiche. Ein jeder Einzelne sagt seinem eigenen Blickwinkel entsprechend, dass da kein (Mond) ist. Da aber der Blickwinkel jedes Einzelnen unterschiedlich ist und die Ursachen, die den Blick verschleiern, ebenfalls unterschiedlich sein können, kann keine Behauptung die eines anderen bekräftigen. Doch die, welche eine Bestätigung abgeben, sagen nicht: "Entsprechend meinem Blickwinkel und meiner Sichtweise entsprechend steht (dort droben) die Mondsichel." sondern sagen: "Es ist eine tatsächliche Angelegenheit (nefsu-l emir), dass im Antlitz des Himmels die Mondsichel erschienen ist." Alle, die ihn gesehen haben, machen dieselbe Aussage: "nefsu-l emir (Fakt ist)..." Das heißt, alle Aussagen sind dieselben, während die Aussagen derer, die das bestreiten, alle verschieden sind. Auch ihre Behauptungen sind unterschiedlich. Sie urteilen nicht entsprechend der «nefsu-l emir (Tatsache)».
Weil sie aber die «nefsu-l emir (Realität)» bestreiten, gibt es auch keinen Beweis. Dafür wäre ein allumfassender Überblick notwendig.
Es ist eine feststehende Regel
{"Die absolute Nichtexistenz kann nur unter gewaltigen Schwierigkeiten bewiesen werden."}
Wenn du sagst, dass es in dieser Welt ein Ding tatsächlich gibt, genügt es völlig, dieses Ding vorzuzeigen. Wenn du es aber bestreitest, indem du sagst, dass es das nicht gibt, musst du die ganze Welt erst durchsieben und dann vorzeigen, um dessen Nichtexistenz unter Beweis zu stellen. So geschieht es denn auf Grund dieses Geheimnisses, dass (der Versuch) der Leute des Unglaubens, eine Tatsache abzustreiten, vergleichbar ist (dem Versuch), ein Problem zu lösen, durch ein Nadelöhr zu schlüpfen oder einen Graben zu überspringen. Ob es tausend sind, ob es einer ist, ist einerlei, denn sie können einander nicht helfen. Weil hingegen diejenigen, die einen Beweis bringen, die «nefsu-l emir» (das Herz der Dinge) betrachten, vereinigen sie sich in ihren Aussagen und ihre gegenseitigen Kräfte eilen einander zu Hilfe. Es ist, als wollten sie einen schweren Stein heben: je mehr Hände dabei zupacken, desto leichter wird es, ihn hochzuheben und desto mehr Kraft empfangen sie voneinander.
Siebente Notiz
Oh ihr elendiglichen Patrioten, die ihr mit Feuereifer die Muslime dazu aufstachelt, diese Welt (dunya) zu umarmen und sie einer ausländischen Industrialisierung mit ihrem Fortschritt zutreibt! Gebt Acht, dass ihr die Bande, mit denen gewisse Mitglieder dieses Landes an die Religion gebunden sind, nicht zerbrecht! Wenn jemandem auf eine so dumme Weise seine Bindungen an den Glauben wie mit Keulen blindlings zerbrochen worden sind, so wird dieser Glaubenslose im gesellschaftlichen Leben einen
Schaden anrichten wie ein tödliches Gift. Denn da das Gewissen eines Renegaten vollständig verderbt ist, wird er zu einem Gift für das gesellschaftliche Leben. Daher kommt es, dass nach den Grundsätzen der Theologie "der Apostat das Recht auf sein Leben verwirkt hat, während ein Ungläubiger, wenn er zu den Schutzbefohlenen (dhimmi) gehört oder doch wenigstens seinen Frieden gemacht hat (und kein Apostat ist!) auch ein Recht auf Leben hat." So lautet ein Grundsatz der islamischen Gesetzeslehre (Scharia). Auch ist nach der Rechtsschule der Hanefi das Zeugnis eines Kafir von den Leuten der Dhimmi durchaus rechtskräftig, wohingegen das Zeugnis eines Sünders (fasiq) zurückgewiesen wird. Denn (ein Renegat) ist ein Verräter.
Oh du armseliger sündiger (fasiq) Mensch! Betrachte nicht die hohe Anzahl aller Sünder (fasiq) und lass dich nicht täuschen! Sage nicht: "Die Gedanken der Mehrheit sind auf meiner Seite." Denn ein sündiger Mensch, ist nicht aus eigenem Wunsch und freiem Willen (taleb) zum Sünder geworden. Aber nachdem er nun einmal (in die Sünde) gefallen ist, kann er sich nicht wieder herausziehen... Es gibt keinen Sünder (fasiq), der nicht rechtschaffen (salih) sein möchte und der nicht seine Oberen und seine Anführer als gläubige Menschen sehen möchte, es sei denn - Gott bewahre! - dass sein Gewissen durch seine Apostasie schon so verdorben ist, dass er einer Schlange gleich Freude daran empfindet, andere zu vergiften.
Oh du verrückter Kopf (= Häuptling, Anführer) mit deinem verdorbenen Herzen! Ja glaubst du denn, dass "die Muslime nicht die Welt lieben... oder nicht darüber nachdenken, in was für einen Zustand der Armut sie hineingeraten sind... und eine Ermahnung nötig hätten, dass sie ihren Anteil an dieser Welt (dunya) nicht vergessen sollten?" Was du glaubst, ist falsch und was du dir vorstellst, ist irrig. Stattdessen aber hat sich ihre Gier (hirs) noch verstärkt. Deswegen sind sie in diesen Zustand der Armut geraten. Denn für einen Gläubigen ist die Gier eine Ursache
für Verlust und Elend.
{"Der Gierige ist das Subjekt von Verlust und Enttäuschung."}
Dies ist zum Sprichwort geworden.
In der Tat gibt es viele Ursachen, vor allem seine Begierden (nefis), Launen und Gelüste, seine Bedürfnisse, seine Sinne und Gefühle, der Teufel und die oberflächliche Anziehungskraft dieser Welt, falsche Freunde, so wie du einer bist, und noch viele andere Gründe, die einen Menschen rufen und bewegen, in die Welt (dunya) zu gehen. Stattdessen gibt es nur wenige, die zu jener anderen, ewig bleibenden jenseitigen (akhir) Welt und zu einem langen und ewigen Leben einladen. Hättest du auch nur ein Körnchen von einem Patriotismus für dieses armselige Volk und wäre der erhabene Eifer, den du so zur Schau stellst, nicht eine Lüge, würdest du doch notwendigerweise den wenigen helfen, die zu einem ewig bleibenden Leben rufen. Wenn du die wenigen, die da einladen, zum Schweigen bringst und stattdessen den vielen hilfst, wirst du zum Gefährten des Teufels!
Glaubst du etwa, der Zustand der Armut dieses Volkes sei das Ergebnis eines weltfremden Asketizismus oder die Folge einer Art Faulheit, die aus der selben Weltflucht resultiert? Wenn du das glaubst, begehst du einen Fehler! Siehst du etwa nicht, dass Völker wie die Chinesen, die Brahmanen und die Soroastrier Indiens und die Schwarzen in Afrika, die unter das Joch Europas geraten sind, noch ärmer sind als wir? Und siehst du zudem nicht, dass in der Hand der Muslime wenig mehr geblieben ist, als nur das Lebensnotwendige? Alles übrige wurde entweder von den ungläubigen Despoten Europas (im Westen) gestohlen oder von den Heuchlern (im Osten) geraubt.
Wenn du die Leute des Glaubens mit Gewalt zu dieser mehr ärgerlichen als bürgerlichen Zivilisation (mimzis medeniyet) treiben
willst, in der Absicht, das Land auf diese Weise zu Ruhe und Ordnung führen und leichter verwalten zu können, so wisse, dass du mit Sicherheit einen Fehler begehst und sie auf den falschen Weg führst. Denn es ist schwieriger, hundert Sünder zu regieren, deren Glaube erschüttert wurde und deren Charakter verdorben ist, und die öffentliche Ordnung unter ihnen aufrecht zu erhalten, als Tausende von Leuten der Rechtschaffenheit (ehl-i salahat).
So haben es denn entsprechend diesen Grundsätzen die Leute des Islam nicht nötig, dass man sie in die Welt und ihre Gier hinein treibt oder (auch nur) dazu ermuntert. Fortschritt und öffentliche Ordnung können nicht auf diese Weise sichergestellt werden. Für sie ist es vielmehr notwendig, dass ihre Arbeitsbedingungen geregelt werden, dass die Sicherheit unter ihnen aufgerichtet wird und dass sie dazu ermuntert werden, miteinander zusammenzuarbeiten. Diese Bedürfnisse können mit Hilfe dieses heiligen Auftrags des Glaubens, der Gottesfurcht und eine feste Bindung an die Religion befriedigt werden.
Achte Notiz
Oh du fauler Mensch, der du die Freude und das Glück in Fleiß und Arbeit nicht kennst! Wisse, dass Gott der Gerechte in Seiner vollkommenen Freigiebigkeit den Lohn der Arbeit in diese Arbeit hineingelegt hat. Er hat den Preis des Schaffens in sein Schaffen selbst hinein gelegt. Es geschieht aus diesem Grunde, dass alle Geschöpfe die Befehle (emir) ihres Herrn, ja dass von einem bestimmten Blickwinkel aus betrachtet selbst noch die unbelebte Natur ihre besonderen Aufgaben (vazife), die man auch als Naturgesetze (evamir-i tekviniye) bezeichnet, mit vollkommener Begeisterung und einer Art Freude befolgt. Alle Wesen, von den Bienen, den Mücken und den Hühnern, und alle Dinge bis hin zu Sonne und Mond, erfüllen ihre Aufgaben in vollkommener Freude. Das heißt, es gibt eine Freude in allem Werk, sodass sie ihre Aufgaben vollkommen erfüllen, auch wenn sie, die keinen Verstand besitzen, dabei nicht an deren Ziel und Zweck denken
können.
Wenn du nun aber sagst:
"Lebende (und fühlende) Wesen sind fähig, Freude zu empfinden. Wie aber können nun leblose Dinge Begeisterung und Freude empfinden?"
Die leblosen Dinge wünschen sich nicht hinsichtlich ihrer selbst einen besonderen Rang (maqam) und Namen, suchen nach Vollkommenheit (kemal), Schönheit und Wohlordnung, sondern hinsichtlich der Namen Gottes, die sich durch sie manifestieren. Sie werden erleuchtet und erhöht in der Erfüllung ihrer naturgemäßen Aufgaben und werden so gleich einem Spiegel, einem Objekt, das die Namen der Lichter des Lichtes reflektiert. So wie ein Wassertropfen oder ein winzig kleines Stückchen Glas in sich selbst ohne Licht und ohne Bedeutung ist, so wird es doch zu einer Art Thron für die Sonne, wenn dieser bedeutungslose, lichtlose Tropfen, dieses Glasstückchen sein Gesicht reinen Herzens der Sonne zuwendet. Und dann lächelt es dir zu. In ähnlicher Weise steigen nun, wie in diesem Beispiel, Teilchen und Elemente des Seins - weil diese, angezogen von ihrer Aufgabe, Spiegel der Namen des Einen zu sein, der in Seiner Majestät (Dhat-i Dhu l-Djelal), der absolute Schönheit (djemal-i mutlaq) und absolute Vollkommenheit (kemal-i mutlaq) besitzt - gleich diesen Tropfen und winzig kleinen Glasstückchen, von einer sehr niedrigen Stufe zu einer sehr hohen Stufe der Erscheinung und Erleuchtung empor. Da sie aber nun einmal hinsichtlich ihrer Aufgabe einen besonders lichtvollen und erhabenen Rang (maqam) einnehmen, so kann man auch sagen, dass sie, insoweit dies möglich wäre und sie überhaupt die Fähigkeit haben, Freude zu empfinden, d.h. insoweit sie ganz allgemein Anteil am Leben haben, sie auch ihre Aufgabe in vollkommener Freude erfüllen.
Um einen klaren und eindeutigen Beweis dafür anführen zu können, dass sich Freude in der Pflichterfüllung findet, betrachte einmal, wie deine eigenen Glieder und
Sinnesorgane ihre Aufgaben erfüllen. Jedes von ihnen empfängt eine andere Freude in der Erfüllung seiner Pflichten für deine eigene Fortdauer und den Fortbestand der menschlichen Gattung. Ihre Pflichterfüllung ist in sich selbst schon eine Art der Freude, während seine Pflichten zu vernachlässigen für unsere Glieder bereits eine Art Strafe ist.
Ein anderer offensichtlicher Beweis ist auch die Opferbereitschaft und der Heldenmut in der Erfüllung ihrer Pflichten, den Tiere wie Hähne und Hennen mit ihren Küken aufbringen, sodass der Hahn, auch wenn er selbst hungrig ist, den Hennen vor sich selbst den Vorzug gibt und sie zum Futter ruft und sie fressen lässt, während er selbst nicht frisst. Und es ist ganz klar, welche Freude, welchen Stolz, welche Begeisterung er dabei in der Erfüllung seiner Pflichten zeigt. Das aber heißt, dass er ein größeres Vergnügen in seiner Pflichterfüllung erlebt als nur beim Fressen.
Auch die Henne opfert ihr Leben für ihre Küken, wenn sie sich selbst einem Hund entgegen wirft. Und auch sie wird selbst hungrig bleiben, um ihnen zu fressen zu geben. Das heißt, sie empfängt eine solche Freude in der Erfüllung ihrer Pflicht, dass sie der Pein des Hungers und selbst dem Schmerz des Todes überlegen ist und ihn übertrifft.
Tiermütter beschützen ihre Jungen und empfinden Freude über ihrer Aufgabe, solange ihre Jungen noch klein sind. Sobald sie aber groß geworden sind, ist ihre Aufgabe zu Ende und ihre Freude schwindet. Die Mütter hacken nun ihre Jungen und nehmen ihnen die Körner weg. Nur bei den Müttern des Menschengeschlechts setzen sich die Pflichten noch eine Zeitlang fort, denn in Anbetracht ihrer Schwäche und Ohnmacht (da'f ve adjz) sind Menschen auf ihre Art immer Kinder und bedürfen zu allen Zeiten einer liebenden Zuwendung (shefqat).
So betrachte denn nun einmal, wie im Reich der Tiere
die Männchen (wie die Hähne) sich als Hirten und die Hennen als Mütter gebärden und verstehe dabei, dass sie ihre Pflichten nicht um ihrer selbst willen und in eigenem Namen erfüllen. Denn wenn es notwendig wird, ihr Leben in Erfüllung ihrer Pflicht zu opfern, so tun sie das. Vielmehr erfüllen sie ihre Pflicht um des freigiebigen Gebers willen (Mun'im-i Kerim'in hesab) und im Namen des Majestätischen Schöpfers (Fatir-i Dhu-l'Djelal), der sie in die Pflicht genommen hat und durch dessen Erbarmen (rahmet) sie in ihrer Pflichterfüllung Freude erlangen.
Und ein weiterer Beweis dafür, dass die Pflichterfüllung ihren Lohn in sich selbst enthält, ist der folgende:
All die (kleinen) Pflanzen und (die hohen) Bäume befolgen die Weisungen des Schöpfers in Seiner Majestät (Fatir-i Dhu l-Djelal'in emirler) auf eine Weise, die ihre Freude und ihre Begeisterung dabei verspüren lässt. Denn die Wohlgerüche, die sie um sich herum verbreiten und all die Zier, mit der sie sich schmücken und mit der sie die Blicke ihrer Kunden auf sich ziehen, die Ähren und die Früchte für die sie sich aufopfern bis sie schließlich selbst verwelken: all das zeigt aufmerksamen Leuten, dass sie bei der Befolgung des göttlichen Auftrags eine solche Freude empfinden, dass sie dabei verwelken und verrotten.
Betrachte einmal Bäume, die Früchte hervorbringen wie die Kokospalme, die auf ihrem Kopf viele Dosen Milch trägt, oder den Feigenbaum: sie alle verlangen aus der Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit unausgesprochen die beste Nahrung, wie Milch, erhalten sie und nähren damit ihre Früchte, während sie sich selbst mit Schlamm begnügen. Der Granatapfelbaum empfängt aus der Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit ein reines Getränk, nährt damit seine Früchte und gibt dabei sich selbst mit Schlamm und trübem Wasser zufrieden.
Auch unter den Saaten kann man durch ihre Aufgabe, Keime auszustrecken, ganz deutlich eine Sehnsucht erkennen. So wie sich ein Gefangener an einem abgesperrten Ort danach sehnt, in einen Garten und in einen
offenen Raum hinauszutreten, so erkennt man auch die gleiche Sehnsucht, diesen Zustand des Glücks in den Saaten, in ihrer Aufgabe, zu keimen.
So geschieht es denn anhand dieses so umfassenden und geheimnisvollen Grundsatzes, der im Weltall in Kraft ist und als "Gottes Gewohnheit (Sunnetullah)" bezeichnet wird, dass die Mehrzahl derer, die untätig, faul, bequem und behaglich in ihren Ruhekissen lagern, unter Ruhelosigkeit und Langeweile leiden. Denn die nichts zu tun haben, beklagen sich immer über ihr Leben und möchten es mit ihren Vergnügungen rasch vertreiben. Während die, welche arbeiten und sich Mühe geben, dankbar (shakir) sind und Gott preisen (hamd). Sie möchten gar nicht, dass ihr Leben vergeht.
{"Wer in Ruhe und Bequemlichkeit dahin lebt, beschwert sich über sein Leben, während der ernsthaft schaffende dankbar ist."}
Dies ist ein Grundsatz von allgemeiner Gültigkeit. Aus dem gleichen Geheimnis ist auch der Satz: "Ruhe findet sich in der Mühe und die Mühe in der Ruhe. (Rahat, zahmette; zahmet, rahattadir)" zu einem Sprichwort geworden.
Studiert man die unbelebte Natur sorgfältig, so sieht man in der Tat, dass die ihr innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten, insoweit sie noch in ihrer Entwicklung zurückgeblieben waren, sich noch nicht entfaltet hatten, sich nun aber mit sehr viel Mühe und Fleiß ausdehnen und ihre Möglichkeiten in die Tat umsetzen, und erkennt nun, wie dem Grundsatz der oben erwähnten Gewohnheit Gottes entsprechend ein bestimmter Vorgang deutlich wird. Und dieser Vorgang weist uns darauf hin, dass in der Erfüllung dieser natürlichen Aufgabe eine Begeisterung und Freude liegt. Wenn also nun diese unbelebte Natur ihren Anteil am allgemeinen Leben hat, so ist auch diese Begeisterung entweder ihre eigene oder aber sie gehört einem anderen, der sie repräsentiert und beobachtet. Ja man könnte auf Grund dieses Geheimnisses sogar sagen: Sobald dieses so dünnflüssige, durchsichtige,
anschmiegsame Wasser den Befehl zu gefrieren erhält, so gehorcht es diesem Befehl mit einem so heftigen Enthusiasmus, dass es sogar Eisen sprengt und zerspaltet. Das aber heißt, dass es, sobald das Wasser in der Sprache dieser Unter-Null-Temperatur den Befehl seines Herrn: "dehne dich aus!" in seinem fest verschlossenen eisernen Behälter vernimmt, es diesen Behälter in seiner großen Begeisterung zerspaltet. Es zersprengt das Eisen und wird selbst zu Eis usw...
Du magst nun damit alle Dinge vergleichen, von den Bewegungen (ferner) Sonnen (im All) bis hin zu den Atomen und Elektronen, die sich drehen und wenden und vibrieren wie die Mevlewi-Derwische. Alle Anstrengungen, Mühen und Bewegungen im Universum erfolgen nach Plan und Gesetz eines göttlichen Vorherwissens (kanun-u kader-i Ilahi), setzen sich unter der Hand göttlicher Allmacht (qudret) fort und werden sichtbar in einem Naturgesetz (emir-i tekvini), das einen göttlichen Willen (irade), Befehl (emir) und Sein Wissen (ilm) umfasst.
Jedes Atom, ja alles, was da ist und was da lebt, gleicht einem Soldaten, der in unterschiedlichen Beziehungen zu allen Abteilungen des Heeres steht und verschiedene Aufgaben in ihnen erfüllt. Genauso verhält es sich auch mit jedem Atom und allem, was da lebt. So hat z.B. eine Zelle in deinem Auge eine Beziehung zu diesem Auge als Ganzes mit seinen sensiblen Nerven, mit den Adern, die den Körper mit Blut versorgen und mit den Aufgaben im Zusammenhang mit diesen Beziehungen und mit den Ergebnissen, die diese Aufgaben erbringen usw...Du magst nun alle Dinge damit vergleichen!
So bezeugt denn ein jedes Ding den, der da notwendigerweise sein muss, den Allmächtigen von Ewigkeit(Qadir-i Edehli)her auf zweierlei Weise:
Erstens:
Indem es Aufgaben erfüllt, die tausendmal seine Fähigkeiten übersteigen, bezeugt es mit dem Ausdruck seiner eigenen Schwäche (adjz-i mutlaq) das Sein des Allmächtigen (Qadir).
Zweitens:
Jedes Ding bezeugt, indem es den Grundsätzen entsprechend handelt, denen jene Gesetze entspringen, auf denen die Ordnung der Welt ruht und die das Gleichgewicht allen Seins aufrecht erhalten, den Allweisen-Allmächtigen (Alim-i Qadir). Denn leblose Dinge wie die Atome und so kleine Tiere wie die Bienen wissen nichts von der Ordnung und Ausgewogenheit, welche diese bedeutenden, subtilen Elemente des Offenkundigen Buches (der Schöpfung = Kitab-i Mubin) sind. Wie kann so ein lebloses Atom, so ein kleines Tier, wie eine Biene, diese bedeutenden, subtilen Dinge des Offenkundigen Buches (Kitab-i Mubin) lesen, das der Majestätische Eine (Dhat-i Dhu l-Djelal) in Seiner Hand hält? Wer öffnet und schließt das Buch all der Ebenen des Himmels und legt es wie ein Notizbuch (an seinen Platz)? Wenn du wahnsinnigerweise glaubst, dass ein Atom ein Auge hätte, dass die feinen, kleinen Buchstaben dieses Buches lesen kann, dann kannst du auch versuchen, das Zeugnis eines solchen Atoms zurückzuweisen.
Der Allweise Schöpfer (Fatir-i Hakiem) fasst in der Tat die Prinzipien des Offenkundigen Buches (Kitab-i Mubin) auf eine wunderschöne Art in einer verkürzten Form zusammen, verbunden mit einer eigenen Freude und einem besonderen Bedürfnis und fügt sie (allen Lebewesen) bei. Wenn also nun ein jedes von ihnen mit dieser ihm eigenen Freude und einem besonderen Bedürfnis handelt, so tut es dies auch ohne es zu wissen in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Offenkundigen Buches. Zum Beispiel: Im Augenblick, in dem eine Mücke mit ihrem Stechrüssel zur Welt kommt und ihr Haus verlässt, greift sie auch schon ohne Aufenthalt das Gesicht eines Menschen an und sticht ihn. Durch ihren Stechrüssel flößt sie dann dem Menschen von ihrem Speichel ein, verursacht dadurch das Blut zu strömen und trinkt es dann. Wenn sie danach die Flucht antritt, zeigt sie uns damit die Geschicklichkeit eines erfahrenen Kriegers. Wer hat dieses winzig kleine, noch unerfahrene Geschöpf die Kriegskunst und die Wissenschaft vom Kampf gelehrt und wie man das Blut zum Fließen bringt? Und wo
hat sie es gelernt? Ich, also der armselige Said, bekenne: Wäre ich an Stelle dieser Mücke mit ihrem Stechrüssel, ich könnte diese Kunst, diese Guerillakriegsführung von Angriff und Rückzug und das Geschäft des Blutsaugens nur durch eine langwierige Instruktion und viel Erfahrung erlernen.
Und so vergleiche denn nun solche Tiere wie die Biene, die Inspiration (ilham) empfängt, die Spinne oder die Nachtigall, die sich ein Nest baut wie einen Strumpf mit dieser Mücke. Ja du kannst sogar die Pflanzen auf genau die gleiche Weise mit den Tieren vergleichen. Ja der Vollkommene Freigiebige (Djevvad-i Mutlaq) (erhaben ist Sein Ruhm = Djelle Djelaluhu) hat mit der Tinte der Freude und der Farbe der Not (ihtiyadj) für jedes einzelne Lebewesen eine Urkunde geschrieben und ihm in die Hand gegeben und so in ihm das Programm und die Liste der Aufträge niedergelegt, die auf den Naturgesetzen fußen. Siehe nun, wie der Majestätische Allweise (Hakiem-i Dhu l-Djelal) auf Grund der Prinzipien des Offensichtlichen Buches (Kitab-i Mubin) die Menge der Pflichten der Biene in diese Urkunde eingetragen und in das Kästchen gelegt hat, das sich im Kopf dieser Biene befindet. Und der Schlüssel zu diesem Kästchen ist die Freude, die einer diensteifrigen Biene zu Eigen ist. Mit diesem öffnet sie dieses Kästchen, liest ihr Programm, versteht ihre Dienstanweisung und handelt danach. Sie verkündet das Geheimnis der Ayah:
{"...und dein Herr hat der Biene eingegeben." (Sure 16, 68)}
Wenn du nun dieser Achten Notiz bis zum Ende gefolgt bist und unter der Anleitung des Glaubens alles verstanden hast, so wirst du auch die Bedeutung von
{"Die Weite Seines Erbarmens umfasst alle Dinge."}
und die Wahrheit der Ayah
{"Und es gibt nichts, was Ihn nicht lobpreisend rühmt." (Sure 17, 44)}
und den Grundsatz von
{"In der Tat ist Sein Befehl, wenn Er ein Ding will, dass Er ihm sagt. 'Sei!' und es ist." (Sure 36, 82)}
und den Hinweis von
{"Gepriesen sei der, in dessen Händen die Herrschaft über alle Dinge liegt. Und zu ihm werdet ihr alle zurück gebracht." (Sure 36, 83)}
verstehen.
Neunte Notiz
Wisse, dass das Prophetentum für das Menschengeschlecht die Summe und Grundlage alles Guten und Vollkommenen im Menschen ist. Die wahre Religion ist die Richtschnur zur Glückseligkeit. Glaube (iman) ist lautere Schönheit und in sich ruhende Güte. Da in dieser Welt nun einmal eine leuchtende Schönheit, weite und erhabene Fülle, augenscheinliche Wahrheit und vollendete Erlesenheit sichtbar sind, liegen Wahrheit und Gerechtigkeit (haq ve haqiqat) im Prophetentum und in der Hand der Gesandten Gottes, wohingegen alle Irrwege, Bosheit und Verlust bei denen liegen, die sich dem widersetzen.
Betrachte nun unter Tausenden Verdiensten von Dienst und Anbetung (ubudiyet)\nur dieses eine:
Der Prophet, mit dem Friede und Segen sei, vereinigt die Herzen derer, die an den einen Gott glauben (Muvahhidin) zu den Gebeten an den Festtagen und am Freitag und zu den übrigen gemeinschaftlichen Gebeten zusammenkommen und vereinigt ihrer aller Zungen zu einem einzigen Ruf (Allahu ekber!) Dies geschieht
in der Weise: Der Mensch antwortet auf den gewaltigen Anruf (azamet-i khitab) des Einen, Urewigen Angebeteten (Mabud-u Edheli) mit den Stimmen, Gebeten und Anrufungen (dua ve dhikr) aus unendlich vielen Herzen und mit ebenso vielen Zungen. Diese Stimmen, Gebete und Rufe (dua ve dhikr) bestärken und helfen einander und indem sie ihre Stimmen, Gebete und Anrufungen miteinander vereinigen, bringen sie vor der Gottheit des Urewigen Angebeteten einen Gottesdienst in einem so umfangreichen Ausmaß dar, dass es scheint, als ob der gesamte Globus diese Anrufungen spricht, diese Gebete (dua ve namaz) darbringt und an allen Ecken verrichtet und den Befehl befolgt: اَقِيمُوا الصَّلٰوةَ {"Verrichtet das Gebet!" (Sure 2, 43)} der in Pracht und Würde (izzet ve azamet) von jenseits der Himmel herabgesandt worden war. In diesem Geheimnis der Vereinigung (ittihad) wird der Mensch, ein winzig kleines, schwaches Geschöpf wie ein Stäubchen im All in der machtvollen Gewalt seiner Anbetung (ubudiyetin azameti) zum geliebten Diener des Schöpfers der Himmel und der Erde, Kalif auf Erden, König auf Erden und Fürst der Tiere, Ziel und Zweck der Erschaffung des Universums.
Wenn nun in der Tat die Stimmen der vielen hundert Millionen Menschen (täglich) nach dem Gebet und besonders dem Festgebet gleichzeitig ausrufen: "Gott ist groß! (Allahu ekbar)", so vereinigen sie sich dadurch mit der unsichtbaren Welt (alem-i ghayb ittihad). Könnten sie auch in dieser bezeugten Welt auf diese Weise zusammenkommen und sich vereinigen, so würde der Globus in seiner Gesamtheit zu einem einzigen Menschenwesen, das sein "Gott ist groß!" mit einer Stimme verkündigt, die so mächtig ist, wie es seiner eigenen Größe entspricht. So wird denn dieses "Gott ist groß!" wenn die, welche sich in dem gemeinsamen Glauben an den Einen Gott vereinigt haben, es im gleichen Augenblick verkünden, zu einem einzigen gewaltigen
"Gott ist groß!", das dem der ganzen Erde gleicht. Es ist, als würde die Erde durch die Anrufungen und Verherrlichungen (dhikr ve tesbih) der islamischen Welt während der Festtagsgebete von einem großen Beben erschüttert, wenn sie an allen Ecken und Enden "Gott ist groß!" ausruft und mit jenem reinen Herzen, das die Qibla (Gebetsrichtung) zur Kaaba ist, die Absicht (niyah für das Gebet) fasst und sodann mit jener Zunge, die der Berg Arafat ist und in jenem Munde liegt, der Mekka heißt, "Gott ist groß!" ausruft, so hallt dieses von allen Gläubigen in aller Welt gemeinsam gesprochene Wort aus ihrem Munde (gleich jener ersten Offenbarung an den Propheten) wie aus einer Höhle wider. So wie durch das Echo dieses einen Wortes "Gott ist groß!" wieder zahllose andere "Gott ist groß!" ins Dasein kommen, so lassen diese (bei Gott) willkommene Rezitation (maqbul dhikr) und Anrufung der Größe Gottes (tekbir) die Himmel widerhallen und schallen wie Wellen in den Welten des Berzah wider.
So bringen wir denn dem Majestätischen Herrn (Dhat-i Dhu l-Djelal) Ruhm (tesbih) und Lobpreis (hamd) dar und verherrlichen Seine Größe (tekbir) nach der Anzahl aller Stäubchen der Erde, Ihn, der die Erde so gemacht hat, dass sie sich in Anbetung dienend vor Ihm niederwirft. Er hat sie zu einer Moschee für Seine Diener gemacht, zu einer Wiege für Seine Geschöpfe und für sich selbst zu Seinem Lobpreis (musebbih) und zu Seinem Ruhm (mukebbir). So danken wir Ihm auch nach der Anzahl Seiner Geschöpfe und alles Geschaffenen (maudjudat), dass er uns zu einer Gemeinde des Ehrewerten Propheten (mit dem Friede und Segen sei) gemacht hat, der uns gelehrt hat, wie wir beten (namaz) sollen.
Zehnte Notiz
So wisse denn nun, oh du zerstreuter (ghafil) und verwirrter Said! Das Licht der Erkenntnis (nur-u marifet) Gottes des Gerechten zu erlangen, es zu schauen, sein Aufscheinen im Spiegel der Ayat und der Zeugnisse zu erblicken und dir einen Einblick in die Beweise zu verschaffen, erfordert es,
dass du nicht jeden Lichtschein, der über dich hinwegzieht, oder dir ins Herz scheint oder in deinen Verstand hinein leuchtet, mit deinen Fingern zu berühren oder mit der Hand deines Zweifels zu analysieren versuchst! Strecke deine Hand nicht aus, um das Licht zu fangen, das dir erscheint! Ziehe dich von den Ursachen deiner Gottvergessenheit (gaflet esbabin) zurück! Bleibe vielmehr stehen und wende dich (dem Licht zu)! Denn ich habe erfahren, dass es (auf dem Weg zur) Erkenntnis Gottes (marifetullah) drei verschiedene (Arten von) Zeugnissen und Beweisen gibt.
Die erste Art gleicht dem Wasser.
Man kann es sehen und fühlen, aber nicht zwischen den Fingern halten. Bei dieser Art muss man sich von seinen Illusionen (hayalat) befreien und (stattdessen) ganz und gar in ihm untertauchen. Man kann es nicht mit kritischem Fingern durchforschen. Tut man es dennoch, fließt es davon und verflüchtigt sich. Das Wasser des Lebens kann nicht zwischen unseren Fingern Wohnung nehmen!
Die zweite Art gleicht der Luft (und dem Wind).
Man kann sie zwar wahrnehmen, aber nicht sehen und nicht berühren. Wende ihm dein Gesicht, deinen Mund zu! Kehre deinen Geist (ruh) dem Lufthauch Seiner Barmherzigkeit (rahmet) zu und halte dich ihm entgegen! Strecke deine kritischen Hände nicht nach ihm aus! Du kannst ihn nicht festhalten. Atme innerlich (ruh) auf! Wenn du ihn mit den Händen deines Zweifels untersuchst, die Hände deiner Kritik nach ihm ausstreckst, verlässt er dich und eilt davon. Er wird nicht in deinen Händen Wohnung nehmen, mit ihnen nicht zufrieden sein.
Die dritte Art gleicht dem Licht.
Man kann es sehen, aber weder fühlen noch berühren. Weil das aber so ist, solltest du deine Augen, den Blick deines Geistes (ruh) ihm entgegen kehren, deine Augen ihm zuwenden und abwarten. Vielleicht kommt es dann ganz von selbst. Denn das Licht kannst du nicht mit deinen Händen fangen, nicht mit deinen Fingern erjagen. Denn das Licht lässt sich nur im Lichte des inneren Auges (Basir) erjagen.
Wenn du deine gierige, materielle Hand (nach ihm) ausstreckst und es mit einer materiellen Waage wiegen willst, versteckt es sich (vor dir) auch wenn es nicht erlischt. Denn so wie das Licht nicht damit zufrieden ist, wenn du es in die Materie einzuschließen versuchst, so lässt es sich auch nicht beschränken und akzeptiert nicht opake (= lichtundurchlässige) Dinge als seinen Herrn und Meister (malik ve seyyid).
Elfte Notiz
Wisse, dass in der Ausdrucksweise des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, viel Liebe (shefqat) und Barmherzigkeit (merhamet) liegt, denn die meisten von denen, an die er sich wendet, sind einfache Leute. Ihre Denkweise ist einfach. Und da ihre Blicke die feineren Dinge nur schwer wahrnehmen können, wiederholt er Seine Ayat (= Wunderzeichen), wie sie in das Antlitz der Himmel und der Erde geschrieben stehen, immer und immer wieder, um so ihrem einfachen Auffassungsvermögen entgegen zu kommen. So macht er es ihnen leichter, diese großen Worte zu lesen. So unterrichtet Er z.B. die Ayat, die ganz offensichtlich sind und leicht zu lesen, wie die Erschaffung der Himmel und der Erde, der Herabkunft des Regens und die Wiederbelebung der Erde. Er lenkt nur selten die Aufmerksamkeit auf die Ayat, die mit kleineren Buchstaben in die größeren Buchstaben hineingeschrieben stehen, um keine größere Mühe (zahmet) zu verursachen.
Und es gibt im Stil (uslub) des Qur'an eine solche Beredsamkeit (djezalet), Flüssigkeit (selaset) und Natürlichkeit (fitrilik), als ob der Qur'an selber ein Hafiz wäre, der die Ayat liest, die mit der Feder der göttlichen Allmacht (qudret qalem) auf den Seiten des Kosmos geschrieben stehen. Es ist, als wäre der Qur'an ein Lesebuch des Kosmos und der wortgemäße Ausdruck seiner Ordnung und würde die Werke lesen, die der Urewige gestaltet hat und Seine Handlungen niederschreiben. Wenn du diese Beredsamkeit in Seiner Ausdrucksweise (djezalet-i beyaniye) erkennen möchtest, lausche mit einem wachen und aufmerksamen Herzen der Sure «Amma» (Sure 78) oder der Ayah
قُلِ اللّٰهُمَّ مَالِكَ الْمُلْكِ {"Sag: Oh Gott, König und Herr." (Sure 3, 26)} oder einem ähnlichen Ferman!...
Zwölfte Notiz
Oh meine Freunde, die ihr diese Notizen hört! Ihr solltet wissen, dass der Grund dafür, dass ich manchmal meine Gebete (munadjat), das Seufzen und Flehen meines Herzens zu meinem Herrn, das doch eigentlich im Verborgenen geschehen sollte, entgegen meiner Gewohnheit niederschreibe (der Grund dafür der ist), von der göttlichen Barmherzigkeit die Annahme der Worte dieses Buches anstelle (der Worte) meiner Zunge zu erbitten, wenn der Tod meine Zunge bereits zum Schweigen gebracht hat. In diesem so kurzen Leben sind die Reue und das Bedauern, das ich mit meiner Zunge vorübergehend (zum Ausdruck bringen kann), in der Tat ungenügend, um in dieser kurzen Zeit meines Lebens für meine unendlich vielen Sünden Vergebung erlangen zu können. Die Zunge dieses Buches ist dagegen bis zu einem gewissen Grade beständiger und daher besser geeignet. So schrieb ich denn vor dreizehn Jahren, als sich infolge der Stürme und Wirbelwinde in meiner Seele (ruh) das Lachen des Alten Said in das Weinen des Neuen Said verwandelte und ich am Morgen des Alters aus dem Schlaf jugendlicher Gottvergessenheit erwachte, meine Seufzer und mein Flehen in Arabisch nieder. Dessen Bedeutung auf Türkisch ist kurz gefasst folgende:
Oh Du mein Barmherziger Herr (Rabb-i Rahiem)!\Mein Freigiebiger Schöpfer~(Khaliq-i Keriem)!
Durch eine falsche Entscheidung (su-i ihtiyar) meinerseits sind meine Lebenszeit und meine Jugendzeit nutzlos vergangen. Alles, was mir von diesem meinem Leben und meiner Jugend als Frucht in meiner Hand geblieben ist,
sind Sünden, die mich schmerzen, Schmerzen, die mich demütigen und Einflüsterungen (vesvese), die mich in die Irre führen wollen. Und mit diesem schweren Joch und meinem kranken Herzen nähere ich mich, die Schamröte im Gesicht, meinem Grabe. So wie alle meine Freunde, Verwandten und Altersgenossen, die bereits vor meinen Augen gestorben sind, werde auch ich, so wie sie, ohne allen Unterschied oder irgendeine Abweichung nach rechts oder links, mich dem Grabe nähern.
Dieses Grab ist die erste Wohnstatt auf dem Weg aus dieser flüchtigen Welt in die Welt eines ewig Abgeschieden-seins und die erste Tür, die sich zu ihr öffnet. Und ich habe mit absoluter Sicherheit verstanden, dass dieser Weltbereich (dunya), an den ich gefesselt und in dem ich gefangen bin, nur vergänglich ist. Er wird sterben, untergehen und verschwinden. Und wie man beobachten kann, ziehen alle Lebewesen in ihm, Karawane um Karawane durch ihn hindurch und gehen verloren. Und besonders für solche, die so wie ich in sich eine eigenwillige Seele (nefs-i emmare) tragen, ist diese Welt besonders grausam und trügerisch. Für eine Freude, die sie gibt, lässt sie (die Menschen) tausend Schmerzen erleiden. Für eine Traube, die sie gibt, teilt sie hundert Ohrfeigen aus.
Oh Du mein Barmherziger Herr (Rabb-i Rahiem)\und Freigiebiger Schöpfer~(Khaliq-i Keriem)!
Entsprechend dem Geheimnis von كُلُّ اٰتٍ قَرِيبٌ {"Alles, was kommt, ist nahe."} erkenne ich heute: Ich werde mich binnen kurzer Zeit in mein Leichentuch hüllen, in meinen Sarg steigen und mich von meinen Freunden verabschieden. Während ich mich dem Grabe zuwende und davon gehe, rufe ich weinend in der Sprache des Zustandes (lisan-i hal) meiner Leiche und mit den Ausdrücken der Sprache (lisan-i qal) meines Geistes (ruh) am Hofe (dergah) Deines Erbarmens (rahmet): Gnade und Erbarmen (el Aman el Aman),
oh Erbarmer (ya Hannan), oh Barmherziger (Ya Mannan), errette mich vor der Schande meiner Sünde!
So habe ich denn den Rand meines Grabes erreicht. Das Leichentuch um meinen Leib geschlungen stehe ich am Rande meines Grabes, oberhalb meines Leichnams, erhebe mein Haupt zum Dergah Deines Erbarmens und schreie klagend, mit ganzer Kraft: Gnade und Erbarmen (el Aman el Aman), oh Erbarmer (ya Hannan), oh Barmherziger (ya Mannan), befreie mich von der schweren Bürde meiner Sünden!
So bin ich denn nun in das Grab hinabgestiegen. Ich bin eingehüllt in mein Leichentuch. Die mich bis hierher begleitet haben, haben mich hier zurückgelassen und sind davon gegangen. Ich aber warte auf Deine Verzeihung (afw) und Dein Erbarmen (rahmet)... Nun kann ich bezeugen, dass es keinen Ort der Zuflucht und keine Rettung gibt außer bei Dir. Und mit all meiner Kraft rufe ich zu Dir, mit dem hässlichen Gesicht meiner Sünden, der wilden Gestalt meiner Auflehnung und aus der Enge dieser Stätte heraus:
Gnade und Erbarmen (el Aman el Aman), oh Erbarmer (ya Rahman, ya Hannan), oh Barmherziger (ya Mannan), oh Du mein Richter (ya Deyyan), befreie mich aus dieser Gesellschaft meiner hässlichen Sünden, weite (meiner Seele) diesen Platz! Oh mein Gott, Dein Erbarmen ist meine Zufluchtsstätte und Dein Geliebter (Habib), das Erbarmen aller Welt, ist das Fahrzeug, um Dein Erbarmen zu erlangen. Nicht Dich klage ich an, sondern meine Seele (nefs) und meinen eigenen Zustand (hal) beklage ich vor Dir!
Oh Du, mein Freigiebiger Schöpfer (Khaliq-i Keriem)!\Mein Barmherziger Herr~(Rabb-i Rahiem)!
Dein Geschöpf, mit Namen Said, Dein Kunstwerk und Dein Diener, der doch aufständisch, schwach, unaufmerksam, unwissend, ungehorsam, blind, elend und nun alt geworden ist, einem Wegelagerer und einem Sklaven gleich, der seinem Herrn (seyyid) davon gelaufen ist, bereut nun nach vierzig Jahren und möchte zu Deinem Dergah wieder zurückkehren. Er nimmt nun Zuflucht zu Deinem Erbarmen. Er bekennt Dir seine zahllosen Sünden und
Fehlleistungen... Von Zweifeln geplagt und den verschiedensten Krankheiten betroffen, seufzt er und fleht er zu Dir. Wenn Du in Deiner vollkommenen Barmherzigkeit ihn annimmst, ihm vergibst und Dich seiner erbarmst, so ist dies Deiner würdig, denn Du bist ja der Erbarmer, der Allbarmherzige (Erhamurrahimien). Wenn Du ihn aber nicht annimmst... an welcher Türe außer Deiner Türe soll ich dann anklopfen? Welch andere Tür gibt es noch? Außer Dir gibt es keinen Herrn (Rabb), sodass man zu Seinem Hof (Dergah) gehen könnte. Es gibt keinen wahrhaft Anbetungswürdigen (Ma'bud) außer Dir, sodass man bei Ihm Zuflucht suchen könnte... "
{"Es gibt keine Gottheit außer Dir. Du bist der Eine Allgegenwärtige. Keinen Teilhaber hast Du (an Deiner Gottheit). Mein letztes Wort in dieser Welt und mein erstes Wort im Grabe und in jener Welt ist: 'Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Gott, und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist. Gott der Erhabene schenke ihm Friede und Segen!'"}
Dreizehnte Notiz
Fünf Fragestellungen, die ein Anlass zu Verwechslungen gewesen sind.
Erstens:
Obwohl doch die, welche auf ihrem Weg (tariq) schaffen und sich mühen, doch eigentlich an ihre eigene Aufgabe (vazife) denken sollten, denken sie stattdessen an die Aufgabe, die Gott dem Gerechten gehört und bauen ihre Handlungen dementsprechend darauf auf und fallen so in einen Irrtum. In der Abhandlung: "Morallehre in religiösen und weltlichen Angelegenheiten" ist zu lesen, dass der Satan einmal Jesus, mit dem der Friede sei, versuchte und zu ihm sagte: "Da die Stunde des Todes und des Endes aller Dinge (edjel) in Gottes Vorherwissen (qader-i Ilahi) liegt, stürze dich von dieser Höhe hier hinab und sieh einmal zu, wie du stirbst!" Doch Hasret Isa,
mit dem der Friede sei, entgegnete ihm:
{"Fürwahr, es obliegt Gott, Seinen Diener zu prüfen und nicht dem Diener, seinen Herrn zu prüfen." (*) Vergleiche: Evang. Matth. 4,1-8 und Psalm 91, 9-13}
Das heißt: "Gott der Gerechte stellt Seinen Diener auf die Probe und sagt zu ihm: Wenn du dieses tust, so tue ich dir jenes. Wollen wir einmal sehen, ob du das tun kannst? - So sagt er zu ihm und stellt ihn so auf die Probe. Doch Sein Diener hat nicht das Recht und die Macht, Gott den Gerechten auf die Probe zu stellen und zu Ihm zu sagen: Wenn ich dieses täte, würdest Du dann jenes tun? - Sich auf diese Art als den Prüfer aufzuspielen, als wolle man auf diese Weise die Herrschaft (rububiyet) Gottes des Gerechten einer Prüfung unterziehen, ist Zeichen eines schlechten Benehmens (su-i edeb) und widerspricht (dem Geist) des Dienstes und der Anbetung." Da dies aber nun einmal die Wahrheit ist, sollte der Mensch seine eigene Aufgabe erfüllen und sich nicht um die Aufgabe Gottes des Gerechten bekümmern.
Auch ist es ja bekannt, dass Jalaluddin Kharzemschah, einer der Helden des Islam, der schon viele Male das Heer des Dschingis Khan besiegt hatte, einmal ins Feld zog, als seine Minister und Gefolgsleute zu ihm sagten: "Du wirst siegreich sein. Gott der Gerechte wird dich zum Sieger machen." Er aber antwortete: "Ich bin in Gottes Dienst dazu beauftragt, mich für Ihn einzusetzen (Djihad). So kümmere ich mich nicht um die Aufgabe Gottes des Gerechten. Mich zum Sieger oder zum Besiegten zu machen ist Seine Aufgabe." Indem er also seine Hingabe (teslim) unter diesem Geheimnis verstand, war er bei vielen Gelegenheiten wunderbarerweise siegreich.
Der Mensch sollte in der Tat bei seinen freiwilligen Einsätzen (djuz-i ihtiyar) nicht an die Ergebnisse denken, die Gottes des
Gerechten sind. So feuern z.B. die jungen Leute, die der Risale-i Nur folgen mit ihrem Enthusiasmus eine Reihe unserer Brüder an und bewegen sie dazu, ihre Anstrengungen noch zu erhöhen. Wenn aber diese jungen Leute nicht zuhören, so wirkt das demoralisierend auf die schwachen unter uns und ihr Enthusiasmus schwindet ein wenig; während hingegen der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, der absolute Meister (Ustadh-i Mutlaq), der universale Führer und vollkommene Leiter war, aber den Ferman Gottes وَماَ عَلَى الرَّسُولِ اِلاَّ الْبَلاَغُ {"Dem Propheten obliegt nur die Pflicht der Verkündigung." (Sure 5, 99)} für sich selbst als seinen absoluten Führer nahm. Wenn die Leute noch zögerten oder sich zurückzogen und nicht auf ihn hörten, verstärkte er seinen Eifer, seine Mühe und seinen Ernst in der Verkündigung (tebligh) nur noch mehr. Denn nach dem Geheimnis von
{"Fürwahr, du kannst nicht jeden rechtleiten, den du magst, denn Gott ist es, der rechtleitet, wen er will." (Sure 28, 56)}
verstand er, dass es die Aufgabe Gottes des Gerechten ist, die Menschen dazu zu bringen, hinzuhören und ihnen Rechtleitung zu geben. So mischte er sich nicht in die Aufgaben Gottes des Gerechten ein.
Weil dies aber nun so ist, oh ihr, meine Brüder, sollt auch ihr euch nicht in die Aufgaben (Gottes) einmischen, indem ihr in euren Handlungen auf dem aufbaut, was nicht eure Aufgabe ist, und sollt auch nicht eine solche Haltung einnehmen, als wolltet ihr euren Schöpfer damit testen!...
Zweite Fragestellung:
Dienst und Anbetung (ubuduyet) beziehen sich auf die göttlichen Anweisungen (emr-i Ilahiye) und das Wohlwollen Gottes (riza-yi Ilahiye). Der Grund für unseren Dienst und unsere Anbetung
ist die göttliche Anweisung (emr-i Ilahiye) und seine Folge die Zufriedenheit des Gerechten (riza-yi Haq). Seine Früchte und der Nutzen aber liegen im Jenseits. Und solange sie nicht unser einziges Ziel sind und unsere Absicht (qasd) nicht mit diesem Wunsch als Bedingung verbunden ist, ist auch der Nutzen dieser Welt (dunya) und stehen die Früchte, die sich ganz aus sich selbst einstellen und gegeben wurden, ohne gefordert zu werden nicht im Gegensatz zu Dienst und Anbetung. Sie dienen vielmehr dazu, die schwachen zu ermutigen und so (dem Dienst) den Vorzug zu geben. Wenn aber dieser Nutzen und Gewinn zum Ziel unseres Dienstes (ubudiyet), unserer Rezitationen (vird, dhikr) wird oder doch teilweise zu einem Grund dafür, so wird auch unser Dienst teilweise dadurch entwertet. Er macht vielmehr die Qualität unserer Anrufungen (vird) zunichte und führt zu keinem Ergebnis.
Und so lesen z.B. diejenigen, die dieses Geheimnis noch nicht verstanden haben die "Heiligen Rezitationen (Evrad-i Qudsiye)" von Schah Naqshibandi, die hundert Vorzüge und Verdienste erbringen, oder die "Große Rüstung (Djauschanu-l'Kebir)", die deren Tausend erbringt, und machen dabei einen Teil dieser Nutzanwendung zu ihrer eigentlichen Absicht (niyet). Auf diese Weise erlangen sie keine Verdienste und werden sie auch nicht erlangen und haben auch gar kein Recht dazu, sie zu erlangen. Denn diese Verdienste können nicht der Zweck dieser Anrufungen (evrad) sein. Sie können nicht als die Hauptsache und nicht in dieser Absicht (qasd) eingefordert werden. Denn sie werden in Form einer Gnade für eine lautere Rezitation erlangt, wenn man nicht nach ihnen verlangt. Wenn sie beabsichtigt (niyah) sind, wird die Aufrichtigkeit (ikhlas) dadurch zerstört. Vielmehr sind sie dann kein Dienst (ubudiyet) mehr und haben ihren Wert verloren. Es bleibt nur insoweit (noch zu sagen), dass schwache Menschen etwas brauchen, was sie ermutigt, diese verdienstvollen Rezitationen zu lesen und in sich selbst zmehevorzugen. Wenn sie dabei an ihre Verdienste denken und sodann eifrig diese Rezitationen um der Zufriedenheit
Gottes willen, um des Jenseits willen lesen, so schadet das nicht. Ja man kann es sogar akzeptieren. Es kommt daher, dass viele diese Weisheit nicht verstanden haben, wenn sie einem Zweifel verfallen, da sie die Vorzüge nicht sehen, von denen die Pole (aqtab) und die Gerechten früherer Generationen (selef-i salihin) gesprochen haben und sie sie dann sogar bestreiten.
Dritte Fragestellung:
Das heißt: "Glücklich der Mensch, der sich selbst kennt und seine Grenzen nicht überschreitet."
So findet z.B. die Sonne ihr Spiegelbild angefangen von einem Stückchen Glas, einem Tropfen Wasser, einem See, dem Ozean und dem Mond bis hin zu den Planeten. Ein jedes von ihnen trägt entsprechend seiner Fähigkeit ihren Widerschein und ihr Spiegelbild in sich und kennt seine Grenzen. Ein Tropfen Wasser sagt entsprechend seiner Fähigkeit: "In mir spiegelt sich die Sonne." Er kann aber nicht sagen: "Ich bin genauso ein Spiegel wie der Ozean." In genau der gleichen Weise gibt es Abstufungen auch unter den Rängen der Gottesfreunde in Übereinstimmung mit der Verschiedenheit der Manifestationen der Namen Gottes. Jeder einzelne dieser Namen Gottes hat seine Manifestationen so wie die Sonne, die vom Herzen bis hinauf zum Throne Gottes reichen. Auch das Herz ist ein Thron. Aber es kann nicht sagen: "Ich bin genauso wie der Thron."
So halten denn die, welche in stolzer und koketter Weise einherschreiten, statt ihre Armut und Schwäche (adjz ve fakr), ihre Fehler und Mängel zu kennen und dabei sich in flehentlichem Gebet an der Schwelle (Dergah) der Gottheit niederzuwerfen, was doch die Grundlage des Dienstes und der Anbetung ist, ihr kleines Herzchen für den Thron. Sie verwechseln ihren eigenen, einem Tropfen gleichenden Zustand (maqam) mit dem Zustand der Gottesfreunde,
der einem Ozean gleicht. Um sich selbst diesem hohen Rang (maqam) anzunähern und auf dieser Ebene (maqam) zu halten, verfallen sie einem gekünstelten, vorgespielten, zwar bedeutungslosen aber doch selbstgefälligen (Verhalten) und bereiten sich damit eine ganze Reihe von Schwierigkeiten.
Zusammenfassung:
Es gibt eine Hadith, die sagt:
{"Es werden alle Menschen zu Grunde gehen, außer den Wissenden, und auch die Wissenden gehen zu Grunde, außer denen, die nach diesem Wissen handeln, und auch diese werden zu Grunde gehen, außer den Wahrhaftigen, und auch diese sind in großer Gefahr."}
Das aber heißt: Das einzige Mittel der Rettung (nedjat) und Erlösung ist die Aufrichtigkeit (ikhlas). Aufrichtigkeit zu gewinnen ist also sehr wichtig. Ein Körnchen Aufrichtigkeit im Handeln ist vielen Batman (= einem Zentner) unaufrichtigen Verhaltens vorzuziehen. Ausgangspunkt zu einer Handlung, mit der man Aufrichtigkeit erwirkt, ist, stets an Gottes Weisungen (emr-i Ilahi) zu denken und wie man die Zufriedenheit Gottes (riza-yi Ilahi) als ihr Ergebnis erzielt. Auch sollte man sich nicht einmischen in das, was Gottes Aufgabe (vazife-i ilahi) ist.
Aufrichtigkeit findet sich in einem jeden Ding. Selbst die Liebe, mit einem Körnchen Aufrichtigkeit versehen, ist vielen Batman einer Liebe unter politischen Freunden oder Geschäftsfreunden vorzuziehen. So hat denn einmal jemand diese aufrichtige Liebe folgendermaßen beschrieben:
Das heißt: "Ich möchte kein Bestechungsgeld, keinen Lohn, keine Gegenleistung und kein Entgeld für meine Liebe." Denn eine Liebe, die ein Entgeld als Gegenleistung verlangt, ist schwach und vergänglich. Ja eine reine Liebe ist in die menschliche Natur (fitrat-i insaniye) und die aller Mütter
eingebettet. So offenbart sich denn diese lautere Liebe (khalis muhabbet) in ihrer wahren Bedeutung durch die Liebe (shefqat) der Eltern. Ein Beweis dafür, dass Mütter im Geheimnis dieser Liebe (sirr-i shefqat) keinen Lohn und kein Bestechungsgeld suchen zum Ausgleich für die Liebe zu ihren Kindern, ist das Opfer ihres Lebens (ruh), ja für sie sogar (völlig auf jeglichen Gedanken an) die Glückseligkeit im Jenseits (zu verzichten). Weil das gesamte Vermögen einer Henne ihr Leben ist, opferte, wie Husrev bezeugte, einmal eine Henne ihren Kopf, um ihr Junges vor dem Maul eines Hundes zu retten.
Vierte Fragestellung:
Man sollte Wohltaten (ni'met), die man aus gutem Grund in die Hände bekommt, nicht den Ursachen (esbab), die dazu geführt haben, in Rechnung stellen. Wenn eine solche Ursache keinen eigen Willen (ihtiyar) hat, wie z.B. ein Tier oder ein Baum, führt es die Gnadengaben (ni'met) Gottes unmittelbar auf Gott den Gerechten zurück. Da sie nun einmal unausgesprochen "im Namen Gottes" sagt, und sie dir dann gibt, solltest auch du "im Namen Gottes" sagen und sie in Gottes Namen annehmen. Wenn diese Ursache einen freien Willen hätte (ihtiyar sahibi), müsste sie auch "im Namen Gottes (bismillah)" sagen können. Danach solltest du sie annehmen; so nicht, solltest du sie auch nicht annehmen. Denn neben der ausdrücklichen Bedeutung der Ayah:
{"Esst nicht von dem, worüber der Name Gottes nicht ausgesprochen worden ist!" (Sure 6, 121)}
gibt es noch eine indirekte Bedeutung, und diese ist folgende: "Esst nicht von solchen Gnadengaben (ni'met), die nicht den wahren Geber aller guten Gaben (Mun'im-i Haqiqi) in Erinnerung rufen und nicht in Seinem Namen gegeben worden sind!" Weil dies aber so ist, sollte sowohl der, der etwas gibt "im Namen Gottes!", als auch der, der etwas annimmt "im Namen Gottes!" sagen. Sagt er es nicht, du aber siehst dich gezwungen, es dennoch anzunehmen, sage:
"im Namen Gottes!", schaue auf die Hand der göttlichen Barmherzigkeit (rahmet-i Ilahiye) über ihm, küsse sie in Dankbarkeit (shukur), und nimm es an. Also lenke deine Blicke von der Gnadengabe (nimet) auf den Akt des Gebens (in'am) und lenke dann deine Gedanken von diesem Akt des Gebens (in'am) auf den wahren Geber aller Guten Gaben (Mun'im-i Haqiqi). Diese Art zu denken ist auch eine Art zu danken (shukur). Danach magst du noch, so du willst, für den offensichtlichen Mittler ein Gebet (dua) sprechen. Denn durch seine Hand wurde dir diese Gnadengabe (nimet) überbracht.
Was diejenigen, welche die offensichtlichen Ursachen anbeten, so täuscht, sind die beiden Dinge, die entweder zusammenkommen oder beieinander sind, was man als eine Übereinkunft (iqtiran) bezeichnet; das heißt, sie stellen sich vor, dass sie einander bedingen. Wenn nun zudem das Fehlen (adem) eines Dinges die Ursache dafür ist, dass eine Spende (ni'met) nicht zu Stande kommt, denkt man, dass die Anwesenheit (vudjud) dieses Dinges auch der Grund für das zu Stande kommen der Spende (ni'met) ist. Wer aber nun seine Huldigung (minnet) und seine Dankbarkeit (shukr) diesem Dinge darbringt, begeht einen Fehler (hata). Denn das zu Stande (vudjud) kommen einer Gnadengabe (ni'met) ist das Ergebnis aller Bedingungen und Umstände dieser Gnadengabe, während das Ausbleiben (adem) einer Spende (ni'met) dadurch zu Stande kommen kann, dass eine einzige Bedingung nicht erfüllt (ademiyle) ist.
Zum Beispiel: Ein Mann, der den Bewässerungskanal einer Gartenanlage nicht öffnet, ist Grund und Ursache dafür, dass der Garten austrocknet und keine Früchte mehr bringt. Doch das Gedeihen von Früchten in diesem Garten ist von hunderterlei Bedingungen abhängig, neben den Pflichten dieses Mannes. Und die Früchte treten ins Dasein durch die Macht und den Willen ihres Herrn (qudret ve irade-i Rabbani), der ihre wahre Ursache bestimmt. So verstehe denn nun, wie deutlich doch der Irrtum jener Spiegelfechter ist und wie verkehrt jene handeln, die die Ursachen anbeten!
So ist denn in der Tat die Übereinkunft (iqtiran) das eine und die Ursache (illet) das andere. Du empfängst z.B. eine Gabe (ni'met). Die Absicht (niyet) einer Person, sie dir zukommen zu lassen, ermöglicht
eine Übereinkunft, ist aber nicht die Ursache dieser Gabe. Ursache (illet) war die göttliche Barmherzigkeit (rahmet-i Ilahiye). Hätte der Mann nicht die Absicht (niyet) gehabt, dir die Gabe zukommen zu lassen, würdest du sie in der Tat nicht empfangen haben und er wäre dann der Grund, der das Fehlen dieser Gabe (ni'metin ademi) verursachte. Doch infolge der obigen Regel, kann der Wunsch, zu schenken nicht der Grund für das Geschenk sein. Er kann nur eine von Hunderten von Bedingungen dafür sein.
Zum Beispiel: Einige derer, die unter den Schülern der Risale-i Nur (wie Husrev und Re'fet), welche die Gnadengaben Gottes des Gerechten empfangen hatten, haben Übereinkunft und Ursache (illet) miteinander verwechselt und sind deshalb ihrem Meister überaus dankbar gewesen. Doch Gott der Gerechte hat Seine Gnadengabe (ni'met) - aus dem Unterricht am Qur'an ihren Nutzen ziehen zu können - die er ihnen erwiesen hat und die Gnadengabe (ni'met) der Unterweisung, die Er ihrem Meister erwiesen hat, miteinander vereinigt und verbunden (iqtirani illet). So sagen sie: "Wäre unser Meister nicht gekommen, hätten wir diese Unterweisung nicht von ihm empfangen. So ist also seine Unterweisung der Grund (illet) für den Nutzen (den wir daraus gezogen haben)."
Ich aber sage: "Oh meine Brüder! Die Gnadengaben Gottes des Gerechten, die Er mir und euch erwiesen hat, sind gemeinsam angekommen. Der Grund (illet) für beide Gnadengaben ist Gottes Barmherzigkeit. Auch ich habe so wie ihr manchmal die Übereinkunft (iqtiran) mit der Ursache (illet) verwechselt und viel Dankbarkeit gegenüber den Hunderten Schülern der Risale-i Nur mit ihren diamantenen Schreibfedern empfunden. Ich wollte dann sagen: "Wären sie nicht für mich da gewesen, wie hätte dann gleich mir, ein armer, halbgebildeter Mensch, diesen Dienst erweisen können?" Dann aber begriff ich, dass Er mir den Erfolg in meinem Dienst schenkte, nachdem ich euch mit meiner Feder diesen heiligen Dienst erwiesen hatte. Er hat beides miteinander verbunden. Sie waren aber nicht eine des anderen Ursache. Ich danke euch nicht; ich gratuliere
euch aber. Und auch ihr solltet für mich beten und mir gratulieren, anstatt mir dankbar zu sein."
Aus dieser vierten Fragestellung lässt sich nun verstehen, wie viele verschiedene Abstufungen der Gottvergessenheit (ghaflet) es gibt.
Fünfte Fragestellung:
Wollte man z.B. das Eigentum der Gemeinschaft einem einzelnen Menschen geben, so wäre das unrecht. Wollte in ähnlicher Weise jemand Hand an eine karitative Einrichtung legen, die doch der Gemeinschaft gehört, so tut er damit ein Unrecht. Wenn jemand in ähnlicher Weise dem Leiter oder Meister einer Gemeinschaft die Ergebnisse der Arbeit dieser Gemeinschaft, oder die Ehre, oder die Verdienste ihrer guten Werke zuschreiben wollte, so wäre das ein Unrecht sowohl gegenüber der Gemeinschaft als auch gegenüber dem Leiter oder Meister, denn es schmeichelt seinem Stolz (gurur) und stärkt noch seinen Egoismus (enaniyet). Während er doch nur der Pförtner ist, hält er sich selbst dann für einen König. Aber er tut auch sich selber Unrecht. Ja er öffnet sogar den Weg zu einer Art unbewussten Abgötterei (shirk-i khafiye). Der General, der eine Festung erobert, kann in der Tat nicht die Beute, den Sieg und die Ehre für sich beanspruchen, die seiner Armee zukommen. Der Meister (Ustadh) und geistliche Führer (Murshid) sollte nicht als die Quelle und der Ursprung, sondern vielmehr als ein Spiegelreflex, eine Art Verkörperung angesehen werden. Zum Beispiel: Licht und Hitze gelangen zu dir mit Hilfe eines Spiegels. Wenn du nun aber vergisst, dass die Sonne deren Ursprung ist und du dem Spiegel dankbar wärest statt der Sonne, so wäre das irrsinnig. Der Spiegel sollte in der Tat erwähnt werden, denn in ihm erscheint (mas'har) ja die Sonne.
So gleichen denn Herz und Verstand (ruh) des Lehrers (Murshid) einem solchen Spiegel. Er ist der Reflektor jenes Segens, der von Gott dem Gerechten ausgeht. Er (der Murshid) ist das Werkzeug, mit dessen Hilfe Er (= Gott) sich in seinen Schülern (Muried) widerspiegelt. Er sollte ihm im Hinblick auf diesen Segen keinen höheren Status einräumen
als den eines Mittlers. Ja es geschieht manchmal sogar, dass ein Ustadh, den man für die Quelle hält, weder die Reflexion (mas'har) noch der Reflektor (masdar) ist. Vielmehr glaubt einer seiner Schüler der Segen, den er empfängt, entsprechend der Reinheit seiner Aufrichtigkeit (ikhlas), der Stärke seiner Verbundenheit und der Begrenztheit seiner Sichtweise, käme aus dem Geist des Spiegels seines Ustadh, so wie einige Leute kraft ihrer magnetischen Ausstrahlung ein Fenster zur Welt der Gleichnisse (alem-i misal) öffnen, indem sie aufmerksam in einen Spiegel starren und dann wunderbare und seltsame Dinge darin erblicken. Doch sie sind nicht in dem Spiegel. Indem sie ihre Aufmerksamkeit auf den Spiegel richten, öffnet sich in ihrer Imagination (hayal) außerhalb des Spiegels ein Fenster, worin sie dann derartige Dinge erblicken. Es ist aus diesem Grund, dass manchmal ein aufrichtiger Schüler weiter fortgeschritten ist als sein etwas beschränkter Scheich. Er kehrt dann zurück, leitet seinen Scheich und wird so der Scheich seines Scheichs.
Vierzehnte Notiz
Besteht aus vier kurzen Hinweisen auf die Einheit Gottes (Tauhid).
Erster Hinweis:
Oh du Anbeter der Ursachen! Du erblickst einen wunderbaren Palast, der aus einzigartigen Juwelen erbaut wurde und der sich noch im Bau befindet. Einige dieser Juwelen, die zum Bau verwendet werden, findet man nur in China, andere in Andalusien, wieder andere im Jemen, während man einige von ihnen ausschließlich in Sibirien findet. Wenn du nun siehst, wie es gebaut wird und wie dabei alle diese kostbaren Steine am selben Tag von Norden, Süden, Osten, Westen gesammelt und herbeigeschafft werden, würdest du dann etwa noch daran zweifeln, dass der Baumeister, der dieses Schloss erbaut, ein Wundertäter ist, der die ganze Welt regiert?
So gleicht denn auch ein jedes Tier einem solchen
göttlichen Palast. Besonders der Mensch ist das schönste Exemplar in diesem Schloss und das wunderbarste Wesen in diesem Palast. Einige der Juwelen dieses Palastes, den man "Mensch" nennt, kommen aus der Welt der Geister (alem-i ervah), einige aus der Welt der Abbildungen und Beispiele (alem-i misal) und aus der Wohlverwahrten Tafel (Lauh-i Mahfudh), wieder andere aus der Welt der Lüfte und der Winde, aus der Welt des Lichtes oder aus einer der Welten anderer Elemente. Und so ist auch er ein solch wunderbarer Palast, dessen Bedürfnisse sich bis in die Ewigkeit hinein ausstrecken und dessen Hoffnungen sich über alle Regionen der Himmel und der Erde ausstrecken und der seine Verbindungen und Interessen mit allen Epochen in dieser und in jener Welt hat.
Wohlan denn, oh Mensch, der du dich selbst für einen Menschen hältst! Da deine wahre Natur (mahiyet) nun einmal so beschaffen ist, kann Der, welcher dich erschaffen hat, nur einer sein, für Den diese und jene Welt eine Wohnstatt, Erde und Himmel eine Seite sind, Der über Zeit und Ewigkeit (edhel ve ebed) wie über Gestern und Morgen herrscht. Da dies aber nun einmal so ist, kann des Menschen wahrhaft Angebeteter (mabud), sein Zufluchtsort, sein Erlöser, nur Der sein, Der die Erde und die Himmel regiert (hükmeder) und die Zügel über diese und die künftige Welt in Seinen Händen hält (malik).
Zweiter Hinweis:
Es gibt da noch einige Toren, die, weil sie die Sonne nicht wahrnehmen können, beginnen, wenn sie sie in einem Spiegel erblicken, sich in ihren Spiegel zu verlieben. Sie versuchen nun Ihn mit sehr viel innerer Bewegung zu bewahren und zu erhalten, damit die Sonne in ihm nicht verloren gehe. Wann immer ein solcher Tor sich realisiert, dass die Sonne mit dem Tode des Spiegels nicht stirbt und nicht verloren geht, wenn der Spiegel zerbricht, so wendet er all seine Liebe der Sonne im Himmel zu. Er versteht nun, dass die Sonne, die er im Spiegel erblickt hatte, von diesem Spiegel nicht abhängig ist. Es ist vielmehr die Sonne, die den Spiegel in seiner Funktion erhält und ihm zu seinem Glanz und seinem
Licht verhilft. Der Fortbestand der Sonne ist nicht von dem Spiegel abhängig, vielmehr ist der Fortbestand des lebendigen Glanzes in dem Spiegel abhängig von der Erscheinung der Sonne.
Oh Mensch! Dein Herz, deine Identität und deine Natur (mahiyet) sind dieser Spiegel. Diese intensive Liebe zur Beständigkeit, wie sie sich in deiner Natur (fitra) und in deinem Herzen finden, sollte nicht deinem Spiegel, nicht deinem Herzen und auch nicht deiner Natur (mahiyet) gehören, sondern dem Aufscheinen des Beständigen in Seiner Majestät (Baqi-i Dhu l-Djelal), dessen Manifestation der Widerschein in deinem Spiegel ist, entsprechend dessen Fähigkeit. Doch auf Grund deiner Torheit richtet sich das Antlitz deiner Liebe auf andere Orte. Weil dies aber so ist, sage:
{"Oh Beständiger! Du bist es, der beständig ist und bleibt."}
Das heißt: "Da es nun einmal Dich gibt und Du der Beständige bist! Lass nun all das, was Flüchtigkeit und Vergänglichkeit und das Nicht-Sein fordern, an uns geschehen! Es ist nicht von Bedeutung!..."
Dritter Hinweis:
Oh Mensch! Der seltsamste Charakterzug (hal), den der Allweise Schöpfer (Fatir-i Hakiem) in deine Natur (mahiyet) hineingelegt hat, ist der: Du kannst manchmal deinen Platz in der Welt (dunya) nicht finden. Wie ein Mensch, der in seinem Gefängnis zu ersticken droht und stöhnt: "Ach! Ach!", kriechst du, obwohl du dich doch nach einem weiträumigeren Platz als dieser Erde (dunya) sehnst, in ein winzig kleines Etwas, eine Erinnerung, einen Augenblick hinein und lässt dich darin nieder. Dein Herz und dein Verstand, die in dieser riesig großen Welt keinen Platz finden können, lassen sich in diesem winzig kleinen Etwas nieder. Mit deinen intensivsten Gefühlen wanderst du in diesem kurzen Augenblick, in diesem kleinen Stückchen einer Erinnerung umher.
Und er gab deiner Natur (mahiyet) derartige Werkzeuge des Geistes (manevi) und subtile innere Organe (latifeler), dass einige von ihnen in der Lage wären, die ganze Welt (dunya) zu verschlingen ohne satt zu werden, während andere von ihnen
noch nicht einmal ein winzig kleines Stäubchen in sich aufnehmen können. So wie wir es nicht aushalten können, wenn wir auch nur ein Haar im Auge haben, wo doch der Kopf einen Stein im Gewicht von einem Batman (= 8 kg) aushalten kann, so können auch diese feinen innerlichen Organe (letaifler) noch nicht einmal das Gewicht eines Haares vertragen, d.h. einen unbedeutenden Zustand (hal), der aus einer Gottvergessenheit, einem Irrglauben (ghaflet ve dalalet) herrührt. Ja sie gehen manchmal sogar daran zu Grunde und verlöschen.
Weil dies aber nun einmal so ist, nimm dich in Acht, tritt aufmerksam auf und hüte dich, dass du nicht versinkst! Ertrinke nicht in einem Häppchen, einem Wort, einem Korn, einem Funken, einem Wink oder Kuss! Versenke nicht diese großartigen feinen innerlichen Organe (letaifler), die die Welt verschlingen könnten, in ihnen! Denn es gibt ganz kleine Dinge die ganz große Dinge gewissermaßen verschlingen könnten. So wie der Himmel mit all seinen Sternen in ein kleines Stückchen Glas eingehen und darin ertrinken kann, die meisten Seiten deiner Handlungen und Blätter deines Lebens in dein Erinnerungsvermögen, klein wie ein Senfkorn, eingehen können, so gibt es auch ganz kleine Dinge, die solche großen Dinge gewissermaßen verschlingen, verschlucken können.
Vierter Hinweis:
Oh du weltanbetender Mensch! Obwohl du dir deine Welt als die große, weite (Welt) vorstellst, gleicht sie doch nur einem engen Grab. Doch da die Wände dieser, einem engen Grab gleichenden Wohnstatt aus Glas sind, spiegeln sie sich ineinander und dehnen sich aus, soweit das Auge reicht. Und obwohl deine Welt so eng ist wie ein Grab, erscheint sie doch so groß wie eine ganze Stadt. Denn obwohl doch die rechte Wand, welche (nach arabischer Schreibweise - A.d.Ü.) die Vergangenheit ist, und die linke Wand, welche die Zukunft ist, nicht existent, gar nicht da sind, so spiegeln sie sich doch ineinander und öffnen ihre Schwingen in eine gegenwärtige Zeit, die nur sehr kurz und eng ist. Wirklichkeit (haqiqat)
mischt sich mit Vorstellung (hayal) und du stellst dir eine nicht vorhandene Welt als dein Dasein vor. So wie eine Linie (in einem Ventilator - A.d.Ü.) in rasche Drehung versetzt als eine breite Fläche erscheint, so ist auch deine Welt, obwohl sie doch nur eine dünne Linie ist, in Wirklichkeit eng. Doch in deiner Unachtsamkeit (ghaflet) und nur illusionären Vorstellung (vehm u hayal) dehnen sich ihre Wände in die Weite aus. Wenn du dich in dieser deiner engen Welt bewegst, stößt du dir deinen Kopf an den engen Wänden, die du doch so weit weg wähntest. Das wird dir deine Illusionen (hayal) vertreiben und deinen Schlaf verbannen. Dann wirst du sehen, dass deine große weite Welt enger als das Grab und noch schmaler als die Brücke (ins Paradies) ist. So vergeht deine Lebensspanne schneller als der Blitz. Dein Leben fließt davon, schneller als ein Sturzbach.
Da nun einmal das weltliche Leben, unser leibliches Dasein und auch das Leben der Tiere so ist, tritt aus diesem animalischen Zustand heraus, lass das Leibliche hinter dir und tritt ein in ein Leben des Herzens und des Geistes (ruh)! Dort wirst du einen Lebensbereich und eine Welt des Lichtes vorfinden, die noch weiter ist als die weite Welt, die du dir bisher vorgestellt hattest. Der Schlüssel zu dieser Welt besteht darin, das Herz die heiligen Worte لآَ اِلٰهَ اِلاَّ اللّٰهُ {"Es gibt keine Gottheit außer Gott."} aussprechen zu lassen, die das Geheimnis der Erkenntnis Gottes (marifetullah) und Seiner Gegenwart (vahdaniyet) zum Ausdruck bringen, und den Geist damit zu beschäftigen.
Fünfzehnte Notiz
Es handelt sich um die Ayat
{"Und wer immer auch nur im Gewicht eines Stäubchens Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer immer auch nur im Gewicht eines Stäubchens Böses getan hat, wird es sehen." (Sure 99, 7-8)}
welche auf die vollendete Erscheinung des Namens "Beschützer (Hafidh)" hinweist. Wenn du einen Beweis für
die Wahrheit des Allweisen Qur'an suchst, betrachte die Seiten des Buches des Universums, das auf der Matrize des Offenkundigen Buches (Kitab-i Mubin) geschrieben wurde und du wirst jene gewaltige Manifestation des Namens "der Beschützer (Hafidh)" finden und andere Dinge, die in vielerlei Hinsicht der großen Wahrheit dieser ehrenwerten Ayat entsprechen.
So nimm z.B. eine Hand voll verschiedener Samenkörner verschiedener Bäume, Blumen und Gräser. Dann nimm diese Hand voll von all diesen unterschiedlichen, so gegensätzlich aussehenden Samenkörnern, von denen jedes anders (gestaltet ist) und einer anderen Sorte Blumen, Bäume oder Gräser (zugehört) und säe sie aus, vergrabe also diese kleinen Kästchen im Dunkeln in dunkler, einfacher, wie leblos erscheinender Erde. Dann bewässere sie mit einem einfachen Wasser, das weder Form, Farbe noch Gestalt kennt noch unterscheidet und geht, wohin du es wendest!
Nun komm zur Frühlingszeit, der Zeit der jährlich wiederkehrenden Auferstehung zurück! Und siehe da und beobachte genau, wie nun im Frühling, wenn der Israfilgleiche Engel des Donners den Regen ruft, so als blase er die Posaune des Jüngsten Gerichts, und so in dieser Zeit mit einer Guten Nachricht den Geist (ruh) in die Samen bläst, die unter der Erde begraben liegen, und du wirst sehen, wie diese Saaten, so sehr sie doch einander gleichen, miteinander vermengt und vermischt sind, in vollkommener Hingabe und ohne einen Fehler dem Kommando dessen folgen, der ihnen unter dem Namen "der Bewahrer (Hafidh)" erscheint, (dem Kommando) das von dem Allweisen Schöpfer (Fatir-i Hakim) ausgeht und so dem Gesetz der Natur (evamir-i tekvini) gehorchen. Sie folgen ihm und wachsen mit einer solchen Präzision (taufiq), dass in ihrem Wachstum ein geradezu (erstaunliches) Bewusstsein (shuur), Einsicht (basiret) und Absicht (qasd), Wille (irade), Wissen (ilm), Vollkommenheit (kemal) und Weisheit (hikmet) strahlend (wie die Sonne) sichtbar wird. Denn du
siehst, wie auf einmal alle diese einander Gleichenden sich voneinander trennen und voneinander unterscheiden.
So ist z.B. aus diesem kleinen Samenkörnchen inzwischen ein Feigenbaum geworden, der gerade damit begonnen hat, die Gnadengaben (ni'met) seines Allweisen Schöpfers (Fatir-i Hakiem) über unseren Köpfen auszubreiten. Er teilt sie aus, streckt sie uns mit seinen Händen entgegen. Und siehe einmal diese beiden Samenkörner, die oberflächlich betrachtet genau gleich aussehen. Das eine von ihnen hat eine Pflanze hervorgebracht, die wir eine Sonnenblume nennen, das andere eine Hortensie, so wie wir sie überall antreffen. Sie haben sich für uns geschmückt. Sie lächeln uns an und möchten von uns geliebt werden. Und jene Sorte Kerne dort hat schöne Früchte hervorgebracht. Erst sprossten ihre Keime (aus der Erde), dann wurden sie zu Bäumen. Der köstliche Geschmack (ihrer Früchte), ihr Duft, ihre (schöne) Form lässt uns das Wasser im Mund zusammen laufen. Sie laden uns zu sich ein und opfern sich für ihre Gäste, um von ihrer vegetabilen Lebensstufe zur animalischen Lebensstufe aufzusteigen. Und so weiter... Finde noch weitere Beispiele!
Diese Saatkörner entwickelten sich in der Weise, dass eine einzige Hand voll von ihnen einem Garten voll von Bäumen und Blumen gleich wurden. Und in ihm fand sich kein Fehler und kein Irrtum. Dies zeigt das Geheimnis von
{"Wende noch einmal deinen Blick! Erkennst du irgendeinen Fehler?" (Sure 67, 3)}
Jedes Samenkorn bewahrt ohne jede Verwechslung und zeigt durch die Erscheinungsform des Namens "der Bewahrer (Hafidh)" und durch Seine Güte (ihsan) ohne irgendeinen Fehler das Erbgut, dass es von seinem Vater und durch seinen Ursprung empfangen hat.
So ist dies denn ein absolut sicherer Hinweis,
dass der Bewahrer (Hafidh), der all diese zahllosen Werke verrichtet, damit die überwältigende Erscheinung Seiner Bewahrung und Erhaltung bei der Auferstehung und Wiederversammlung darstellen möchte.
Die Erscheinung dieser Bewahrung eines unbedeutenden, flüchtigen, nur vorübergehenden Zustands, die in der Tat in hohem Grade ohne Fehler und Mängel ist, ist ein sicheres Zeugnis dafür, dass die Werke und Taten, die Worte, die Tugenden (hassenat) und die Laster (seyyiat) des Menschen, der ein Träger des Unterpfandes eines Großen Vertrauens (emanet-i kubra) und Kalif auf Erden ist, was seine Auswirkungen auf ewig hat und von großer Bedeutung ist, sorgfältig aufbewahrt und später einmal in Rechnung gestellt werden.
Ja glaubt denn der Mensch etwa, er bliebe ganz allein sich selbst überlassen? Keineswegs!... Der Mensch ist für die Ewigkeit bestimmt, für die ewige Glückseligkeit oder eine beständige Qual. Er wird für alle seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden, mögen sie nun klein oder groß sein, mögen es ihre viele oder wenige sein: er wird für sie entweder eine Belohnung oder seine Bestrafung erfahren. So sind denn die Zeugnisse für die großen Erscheinungsweisen der Erhaltung und Bewahrung und für die Wahrheit dieser Ayah ohne Zahl und Berechnung. Zeugnisse, die wir (in der Abhandlung) zu dieser Fragestellung angeführt haben, sind also nur ein Tropfen aus dem Ozean und nur ein Atom von einem Berg.
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Achtzehnter Blitz
Dieser wurde bereits in der von Hand abgeschriebenen Sammlung der «Lem'alar (Blitze)» und in dem "Das Verborgene bestätigende Siegel (Sikke-i Tasdiq-i Ghaybi)" veröffentlicht.
Neunzehnter Blitz
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Esst und trinkt, aber verschwendet nicht!" (Sure 7, 31)}
Diese ehrenwerte Ayah erteilt uns eine sehr wichtige Lektion über die Weisheit, indem sie uns kategorisch befiehlt, sparsam zu sein (iktisad) und uns Verschwendung (israf) ganz klar verbietet. Diese Fragestellung besteht aus sieben Punkten.
Erster Punkt
Der Barmherzige Schöpfer (Khaliq-i Rahiem) wünscht, dass wir Ihm als Gegenleistung für die Wohltaten (ni'met), die Er dem Menschengeschlecht erwiesen hat, unsere Dankbarkeitc (shukur) erweisen. Was aber die Verschwendung betrifft, so ist sie der Dankbarkeit entgegengesetzt, ist eine Geringschätzung der Wohltaten Gottes und bringt Verlust. Sparsamkeit hingegen ist der Respekt, den wir für Gottes Wohltaten erweisen, und bringt Gewinn. Sparsamkeit ist in der Tat eine Art der Dankbarkeit für Gottes Gute Gaben und zeigt unseren Respekt vor der göttlichen Barmherzigkeit. Sie ist ferner mit Sicherheit Grund und Quelle der Segensfülle für uns. Sie ist ferner für den Körper gleich der Enthaltsamkeit ein Brunnen der Gesundheit. Sie ist ferner Grund und Basis einer Würde (sebeb-i izzet), die uns davor bewahrt, innerlich gleichsam betteln zu gehen. Sie ist ferner ein mächtiger
Grund, die Freude zu erfahren, die in den Wohltaten Gottes enthalten ist, als auch den Genuss an den Wohltaten Gottes zu verkosten, die äußerlich ziemlich freudlos erscheinen. Was aber die Verschwendung betrifft, so ist sie den bekannten Weisheiten entgegengesetzt und hat schwerwiegende Konsequenzen.
Zweiter Punkt
Der Allweise Schöpfer (Fatir-i Hakim) hat den menschlichen Körper in Gestalt eines wundervollen Schlosses erschaffen, wie er einer wohlverwalteten Stadt gleicht. Unser Geschmacks- und Geruchssinn in Mund und Nase gleicht einem Torwächter, die Nervenbahnen, die Venen und Arterien gleichen Telefon- und Telegraphenleitungen. Über diese Kommunikationswege stellen die Sinne eine Nachrichtenverbindung zum Magen in der Mitte des Leibes her und benachrichtigen ihn so über die in den Mund geratenen Dinge. Sind sie für den Körper, für den Magen nicht von Nutzen, so sagen sie: "Das ist verboten!" und werfen sie wieder hinaus. Und manchmal, wenn sie keinen Nutzen für den Körper haben und zugleich gefährlich (zararli) und scharf oder bitter schmecken (adji), wirft er, ja spuckt er sie unmittelbar wieder aus.
Da also nun einmal der Geschmackssinn der Pförtner im Mund istثن٢o ist er vom Standpunkt der Verwaltung des Körpers und des Magens aus betrachtet ein Herrscher (hâkim) und ein Herr (efendi). Wenn also nun Geschenke im Schloss oder in der Stadt ankommen, zu ihrem Herrscher gebracht werden und hundert Lira wert sind, dann sind davon fünf Lira, mehr sollte es nicht sein, für den Pförtner als ei, sArt Trinkgeld, damit er nicht eingebildet wird, oder auf Abwege gerät, seine Pflichten vergisst und Aufständische in den Palast hinein lässt, die ihm noch mehr Trinkgeld anbieten.
So wollen wir uns denn nun auf Grund dieses Geheimnisses (in unserem Mund) zwei Bissen vorstellen. Der eine enthalte eine nährstoffreiche Kost, wie Käse und Eier
im Werte von vierzig Para. Der andere bestehe aus einem Stückchen Baklava vom Feinsten, im Werte von zehn Kurusch (= vierhundert Para)... Diese beiden Bissen unterscheiden sich, bevor sie in unseren Mund kommen, hinsichtlich unseres Körpers in nichts voneinander. Sie sind einander gleich. Auch nachdem sie bereits die Kehle hinuntergerutscht sind, haben sie noch immer den gleichen Nährwert für den Körper. Ja manchmal hat ein Stückchen Käse im Wert von vierzig Para sogar den größeren Nährwert. Nur hinsichtlich seines Gaumenkitzels besteht ein Unterschied von einer halben Minute. So kannst du denn nun einen Vergleich ziehen und daraus entnehmen, welch sinnlose Verschwendung das ist und wie viel Schaden es verursacht, wenn man um dieser halben Minute willen die Kosten von vierzig Para auf zehn Kurusch erhöht.
Obwohl also nun das Geschenk für den Herrscher, das im Palast ankommt vierzig Para wert ist, würde ein Trinkgeld für den Pförtner, das neunmal höher wäre, ihn korrumpieren. Er könnte nun erklären: "Der eigentliche Herrscher hier bin ich." und würde jedem, der ihm noch mehr Trinkgeld gibt und ihm eine größere Freude macht, erlauben, den Palast zu betreten, eine Revolution anzustiften oder Feuer zu legen. Er müsste dann schreien: "Hilfe! Ein Doktor soll kommen, mein Fieber senken und mein Feuer löschen!"
So ist denn also Sparsamkeit und Zufriedenheit (iktisad ve kanaat) in Übereinstimmung mit der göttlichen Weisheit. Sie behandelt unsere Sinne wie Torwächter, der sein Trinkgeld erhält. Was aber die Verschwendung (israf) betrifft, so erhält sie schon bald ihre Ohrfeige, da sie ja der Weisheit entgegengesetzt ist, den Magen ganz durcheinander bringt und den gesunden Appetit verdirbt. Sie erregt durch eine Reihe verschiedener Speisen einen trügerischen Appetit, sodass wieder Nahrung aufgenommen wird, was aber Verdauungsprobleme bewirkt und schließlich krank macht.
Dritter Punkt
Hier hatten wir bereits im Zweiten Punkt gesagt, dass der Geschmacks- (und der Geruchssinn) die Torwächter sind. Und für die Leute der Gottvergessenheit (ehl-i gaflet) und die, welche im spirituellen Bereich keine Fortschritte gemacht haben und auch im Bereich der Dankbarkeit nicht vorangekommen sind, gleichen sie tatsächlich den Torwächtern. Um deren Sinne zu befriedigen sollte man nicht so verschwenderisch den Preis von eins auf zehn steigern. Für die wahrhaften Leute der Dankbarkeit (ehl-i shukr), die Leute der Wahrheit (ehl-i haqiqat) und die Leute des Herzens (ehl-i qalb) ist der Geschmacks- und Geruchssinn jedoch, wie wir das vergleichsweise im Sechsten Wort erklärt haben, gleich einem Küchenchef oder Inspektor in der Küche der göttlichen Barmherzigkeit. Dem Geschmacks- und Geruchssinn obliegt es, die verschiedenen Arten göttlicher Gnadengaben nach der Anzahl der Speisen wahrzunehmen, zu wägen und zu erkennen und dann den Körper, also den Magen in Form einer inneren Dankbarkeit davon in Kenntnis zu setzen. In dieser Hinsicht kümmert sich der Geschmacks- und Geruchssinn nicht nur um den physischen Magen, sondern hat vielmehr, da er auch mit Herz, Geist (ruh) und Verstand Kontakte pflegt, seine Position, seine Stellung (maqam) über dem Magen. Unter der Bedingung, dass er nicht der Verschwendung dient, sondern nur seine Aufgabe, dankbar zu sein, wahrnimmt und die verschiedenen göttlichen Gnadengaben wahrzunehmen und zu empfinden, und unter der weiteren Bedingung, dass alles im Rahmen des Erlaubten bleibt und nicht in Erniedrigung und Bettelei ausartet, darf er sogar seiner eigenen Lust folgen. Ja Zunge und Nase, als Träger des Geschmacks- und Geruchssinns damit beauftragt, ihren Dank darzubringen, mögen dabei durchaus geschmackvolle Speisen bevorzugen. Die folgende Beschreibung eines Wunders (keramet), das Scheichu-l'Ghaus (Geylani) gewirkt hat, unterstreicht noch diese Wahrheit:
Es gab da einmal den einzigen Sohn einer alten, ziemlich
empfindsamen Frau, der von Hasret Ghaus-i Adham Scheich Geylani (Gott heilige sein Geheimnis) unterrichtet wurde. Die ehrwürdige Alte ging und sah, wie ihr Sohn in seiner Zelle ein Stückchen altes, schwarzes Brot aß. Seine Schwäche, hervorgerufen durch seine Askese, erregte das Mitleid (shefqat) seiner Mutter... Und sie bedauerte ihn. Sie ging also zu Hasret-i Ghaus, um sich bei ihm zu beklagen und sah, dass Hasret-i Ghaus ein gebratenes Hähnchen aß. In ihrer Betroffenheit sagte sie: "Ustadh! Mein Sohn stirbt vor Hunger und du isst Hähnchen!" Da sagte Hasret-i Ghaus zu dem Hähnchen: !قُمْ بِاِذْنِ اللّٰهْ {"Mit Gottes Erlaubnis stehe auf und erhebe dich!"}
Da sammelte das gebratene Hähnchen seine Knochen zusammen, wurde wieder zu einem Huhn und sprang vom Teller. Dies wurde einstimmig von vielen zuverlässigen Personen aus gesicherten Quellen als Wunder (keramet) dieser Persönlichkeit berichtet, die Hasret-i Ghaus war und durch das Wirken solch außerordentlicher Wundertaten in aller Welt berühmt wurde. Hasret-i Ghaus sagte damals dazu: "Sobald auch dein Sohn diese Stufe erreicht hat, wird auch er Hähnchen essen können." So ist denn die Bedeutung der Worte von Hasret-i Ghaus folgende: Wann immer der Geist (ruh) deines Sohnes seinen Leib, das Herz seine Seele (nefs), sein Verstand seinen Bauch beherrschen kann und nach einem Genuss verlangt, um dafür Dank sagen zu können, wird er auch derartige Köstlichkeiten genießen dürfen...
Vierter Punkt
"Wer sparsam ist, wird in der Versorgung seiner Familie mit dem notwendigen Lebensunterhalt kein Ungemach (bela) erleiden."
Entsprechend der Bedeutung der Ehrenwerten Hadith
"Wer gut wirtschaften kann, braucht sich um den Unterhalt seiner Familie nicht viel Mühen (zahmet) und Sorgen zu machen."
Es gibt in der Tat zahl- und grenzenlos viele gesicherte Beweise dafür, dass Sparsamkeit Ursache für Fülle und Segen und zugleich die Quelle für ein ausreichendes Einkommen ist. So kann ich z.B. auf Grund dessen, was ich in eigener Person gesehen und was auch andere Personen bezeugt haben, die mir in Dienst und Freundschaft verbunden waren, sagen: durch Sparsamkeit habe ich manchmal zehnfach Segen erfahren und auch meine Freunde konnten das bezeugen. So hat sich ein Teil der vor neun (also nun dreißig) Jahren mit mir nach Burdur verbannten Stammesfürsten große Mühe gegeben, mich dazu zu bringen, Zekat von ihnen anzunehmen, damit ich nicht aus Geldmangel in Elent dnd Armut verfalle. Ich sagte damals zu diesen reichen Stammeshäuptern: "Ich bin tatsächlich sehr knapp dran mit meinem Geld. Doch ich bin sparsam (iktisad) und es gewohnt, mich mit nur wenigem zu begnügen (kanaat). So bin ich also reicher als ihr." Ich habe ihre wiederholten, dringlichen Angebote zurückgewiesen. Es verdient jedoch, erwähnt zu werden, dass einige derer, die mir Zekat angeboten hatten, zwei Jahre später bereits verschuldet waren, weil sie nicht wirtschaften (iktisad) konnten. Dank sei Gott (lillahilhamd), war mein kleines Kapital durch die Fülle, die sich aus meiner Sparsamkeit ergab, auch sieben Jahre später noch immer für mich ausreichend. So habe ich niemals mein Gesicht verloren. Ich brauchte mich nicht zu erniedrigen, noch war ich gezwungen, den Leuten meine Notlage offen zu legen. Ich habe nie den Grundsatz meines Lebens aufgegeben, von den Leuten nicht abhängig sein zu wollen und bin niemals von diesem Wege abgewichen.
Wer nicht auf Sparsamkeit achtet, ist ein Kandidat für den Bettelstab und seinen Sturz in Armut und Not. In dieser Zeit ist Geld als Quelle der Verschwendung sehr teuer. Als Gegenwert wird manchmal ein Bestechungsgeld verlangt, das in der eigenen Würde und der Achtung vor sich selbst besteht. Manchmal werden auch die Heiligtümer des eigenen Glaubens als Gegenleistung angenommen
und dafür ein unheilvolles Geld gegeben. Das aber heißt, dass materielle Güter im Werte von hundert Para für einen immateriellen Verlust von hundert Lira in Empfang genommen werden.
Wenn jemand jedoch sparsam ist, seine Bedürfnisse bis auf das Wesentliche vermindert, begrenzt und beschränkt, so wird er entsprechend der Ayah
{"Fürwahr, Gott ist es, der euer Versorger ist, der Herr aller Macht und Stärke." (Sure 51, 58)}
und der ausdrücklichen Bedeutung der Ayah
{"Und es gibt kein Tier auf Erden, das nicht von Gott seine Versorgung erfährt." (Sure 11, 6)}
auf unerwartete Weise so viel an Versorgung erhalten, dass er davon leben kann. Denn diese Ayah bürgt dafür. So gibt es in der Tat zwei Arten der Versorgung:
Die erste ist der wahre Unterhalt (haqiqi rizq), der ausreicht, um davon leben zu können. Nach der Aussage dieser Ayah ist der Unterhalt durch eine Bürgschaft Gottes garantiert. Solange die Neigung des Menschen zum Bösen (su-i ihtiyar) sich da nicht einmischt, wird er in jedem Fall seinen notwendigen Unterhalt finden. Er wird nicht dazu gezwungen sein, seinen Glauben, seine Ehre oder seine Selbstachtung dafür zu opfern.
Die zweite ist eine Art der Versorgung im übertragenen Sinne (rizq-i medjazi), wodurch infolge Missbrauchs Bedürfnisse an nicht notwendigen Dingen zu Bedürfnissen an notwendigen Dingen werden. Modeerscheinungen werden zum Übel einer Sucht, die sie nicht mehr aufgeben können. Weil aber nun diese Art der Versorgung nicht mehr von der Bürgschaft des Herrn abgedeckt wird, wird ihre Befriedigung außerordentlich kostspielig, besonders in heutiger
Zeit. Ein solch unheilvolles Gut ist ohne Segen und wird zunächst dadurch erworben, dass man seine Selbstachtung zum Opfer bringt, seine Erniedrigung akzeptiert, zuweilen innerlich auf die Stufe eines Bettlers herabsinkt, so als würde man einem gemeinen Menschen auch noch die Füße küssen, ja manchmal sogar die Heiligtümer seines Glaubens opfert, die doch eigentlich das Licht des ewigen Lebens sind.
Überdies verbittert in dieser Zeit der Armut und Not das Leid der Hungrigen und Bedürftigen den Leuten des Gewissens (ehl-i vidjdan), wenn sie denn noch ein Gewissen haben, durch ihr Mitleid (teellum) für ihre Mitmenschen, sowohl das eigene Leid (elem), als auch die Freude, die sie durch das illegaler Weise verdiente Geld erworben hatten. In einer so merkwürdigen Zeit wie der unseren muss man sich bei zweifelhaften Dingen mit dem Notwendigsten begnügen. Denn nach dem Geheimnis
{"Fürwahr, der Umfang der Notwendigkeit wird bestimmt durch ihre Begrenzungen."}
darf man selbst verbotene (haram) Güter im Rahmen seiner Notwendigkeit zu sich nehmen. Mehr als das darf man aber nicht nehmen. In einer Notlage darf man selbst von Verendetem (murdar) etwas essen. Doch man darf sich davon nicht satt essen. Man darf nur soviel davon essen, dass man nicht stirbt. Des Weiteren darf man in Gegenwart von hundert hungrigen Menschen auch nicht mit vollem Genuss essen.
Die folgende Erzählung zeigt uns, dass Sparsamkeit ein Grund von Würde(sebeb-i izzet)und Vollkommenheit(kemal)ist.
Eines Tages gab Khatim Tay, der für seine Großzügigkeit weltberühmt war, ein großes Gastmahl. Nachdem er an seine Gäste überreichlich Geschenke ausgeteilt hatte, wandte er sich, um in der Wüste spazieren zu gehen. Da erblickte er einen armen alten Mann, der ein Bündel
Dornsträucher und noch andere Pflanzen auf seinem Rücken trug. Die Dornen durchstachen ihm die Haut, sodass er blutete. Da sagte Khatim zu ihm: "Khatim Tay gibt heute ein großes Festmahl und verteilt Geschenke. Gehe dorthin und du wirst fünfhundert Kurusch für deine Last erhalten, die doch nur fünf Kurusch wert ist." Der Alte aber war ein sparsamer Mensch und antwortete ihm: "Ich habe mir diese Dornsträucher aufgeladen und trage sie mit Würde (izzet). Ich werde nicht zu Khatim Tay gehen, um mir bei ihm eine Dankesschuld aufbürden zu lassen." Als später einmal Khatim Tay gefragt wurde: "Bist du je (in deinem Leben einem Menschen) begegnet, der mehr Großmut und Würde gezeigt hätte als du?" antwortete er: "Dieser bescheidene alte Mann, den ich in der Wüste getroffen habe, war noch würdevoller (aziz), hoheitsvoller und großmütiger als ich."
Fünfter Punkt
Gott der Gerechte in Seiner vollkommenen Freigiebigkeit lässt den ärmsten Menschen genauso wie den reichsten Menschen und einen Bettler genauso wie einen König die Freude an seinen Gnadengaben empfinden. Ja die Freude, die ein Armer auf Grund seines Hungers wie auch seiner Sparsamkeit aus einem Stückchen schwarzen Brotes schöpft, ist in der Tat größer, als die Freude eines Königs oder eines reichen Menschen, der in seiner Verschwendung ein Stückchen der allerfeinsten Baklava müde und ohne jeden Appetit verspeist.
Es ist schon reichlich erstaunlich, doch einige Leute beschuldigen in ihrer Verschwendung und Vergeudung andere, sparsam und wirtschaftlich denkende Menschen, geizig zu sein. ...bewahre! Sparsamkeit ist verbunden mit Würde und Großzügigkeit. Geiz und Würdelosigkeit sind das innere Gesicht der augenscheinlich mannhaften Haltung von Leuten, die verschwenderisch sind und vergeuden. Es gibt da ein Ereignis, das diese Tatsache bestätigt. Es hat sich im Jahr der Niederschrift dieser Abhandlung in meiner Kammer in Isparta ereignet, und zwar folgendermaßen:
Einer meiner Schüler bestand darauf, dass ich entgegen allen meinen Regeln und Grundsätzen ein Geschenk von fast zweieinhalb Okka (= etwa 3 kg) Honig annehmen sollte. Und wie sehr ich auch auf meinen Grundsätzen bestand, so konnte ich ihn doch nicht überzeugen. Als er mir nun sagte, wenn ich schon sparsam sein wolle, so könne ich doch meine drei Mitbrüder die dreißig, vierzig Tage in den Monaten Scha'ban und Ramadan von meinem Honig mitessen lassen und wir blieben dann doch nicht ohne etwas Süßes. Auch könne dann der, welcher ihn brachte, die Verdienste davon ernten. Also sagte ich ihm, dass ich ihn nehmen würde. Doch hatte ich auch selbst noch ein Okka Honig. Obwohl nun meine drei Mitbrüder eigentlich bescheiden (mustaqiem) waren und die Sparsamkeit zu würdigen wussten, so boten sie doch einander von dem Honig an, erwiesen einander die Ehre und jeder bevorzugte den anderen vor sich selbst, was ja an und für sich eine gute Eigenschaft ist, vergaßen dabei, sparsam zu sein, und wie es so geht: in drei Nächten waren sie mit den zweieinhalb Okka Honig fertig. Lachend sagte ich: "Ich hätte euch für dreißig, vierzig Tage an dem Geschmack des Honigs teilnehmen lassen. Und nun habt ihr diese dreißig Tage auf drei Tage verkürzt. Na denn, wohl bekomm's! (Afiyet olsun)" Derweil ging ich mit meinem einen Okka Honig sparsam um. Während der ganzen Monate Scha'ban und Ramadan aß sowohl ich selbst davon und gab, Dank sei Gott (lillahilhamd)!, auch noch einem jeden der Brüder jeden Abend zum Iftar (Fastenbrechen) einen ziemlich großen Teelöffel voll, woraus doch auch noch eine gute Tat (sevab) erwuchs. Und dabei haben doch diejenigen, welche mein Verhalten beobachtet haben, gedacht, ich sei geizig und das Verhalten meiner Mitbrüder während dreier Nächte sei Großzügigkeit. In Wahrheit aber sah ich, dass sich unter diesem offensichtlichen Geiz eine hohe Würde (izzet), ein großer Segen (bereket) und sehr viel Sevab verborgen hielt. Hätten sie nicht damit aufgehört, wäre es auf etwas hinausgelaufen, was
noch mehr als ein wenig Geiz weit unterhalb von Großzügigkeit und Verschwendung gelegen hätte, nämlich eine Art Bettelei und wie man mit Augen voll Gier und Erwartung die Hand des anderen beobachtet.
Sechster Punkt
Zwischen Sparsamkeit und Geiz besteht ein großer Unterschied. So wie Bescheidenheit als eine lobenswerte Eigenschaft oberflächlich betrachtet der Unterwürfigkeit ähnelt und sich doch von dieser schlechten Eigenschaft unterscheidet, und Würde eine lobenswerte Tugend ist und oberflächlich betrachtet dem Hochmut ähnelt und sich doch von dieser schlechten Eigenschaft unterscheidet, so ist auch die Sparsamkeit eine der erhabenen Eigenschaften des Propheten und die Quelle jener Weisheit, aus der die Ordnung des Universums erwächst und zu der keine Verwandtschaft mit dem Geiz besteht, der eine Mischung aus Habsucht, Unersättlichkeit, Elend und Begierde ist. Zwischen ihnen besteht lediglich eine äußerliche Ähnlichkeit. Der folgende Vorfall bestätigt diese Wahrheit.
Abdullah Ibn Omar, einer der berühmten Sahabis und bekannt als einer der "sieben Abdullahs", war der größte und bedeutendste Sohn des Kalifen des Propheten, Faruqu-l'Adham Hasret-i Omar (mit dem Gott zufrieden sein möge), und einer der hervorragendsten Gelehrten unter den Sahabis. Während er eines Tages auf dem Marktplatz weilte, verhandelte er um der Sparsamkeit willen und um das Vertrauen und jene Ehrlichkeit zu wahren, welche die Basis des Handels ist, ziemlich hitzig über einen Betrag von etwa vierzig Para. Einer der Sahabis beobachtete ihn dabei, und weil er sich nun den Sohn Omars, des berühmten Nachfolgers des Kalifen über das Erdenrund vorstellte, wie er da so um vierzig Para feilschte und ihn für ungewöhnlich geizig hielt, so folgte er ihm, um sein Verhalten verstehen zu können. So sah er denn, wie Hasret Abdullah sein gesegnetes Haus betreten wollte. Dabei erblickte er vor seiner Türe einen armen Mann.
Er wechselte ein paar Worte mit ihm, verabschiedete ihn, ging. Danach kam er durch eine andere Türe aus seinem Haus und sah dort einen anderen armen Mann. Auch mit ihm wechselte er ein paar Worte, verabschiedete ihn, ging. Der Sahabi, der ihn von weitem beobachtet hatte, wurde nun neugierig. So ging er denn zu den beiden Armen und fragte jeden: "Der Imam ist eine Weile bei dir stehen geblieben. Was hat er dabei gemacht?" Da antwortete jeder der beiden: "Er gab mir ein Goldstück." Da dachte der Sahabi bei sich selbst: "Gepriesen sei Gott (fesubhanallah)! Wie ist das möglich, dass er auf dem Marktplatz so um vierzig Para feilschte und danach vor seinem Hause mit einer solchen Zufriedenheit seiner Seele (kemal-i riza-yi nefs) zweihundert Kurusch weggeben konnte, ohne dass irgendjemand davon erfuhr?"
So ging er denn zu Abdullah ibn Omar und sagte zu ihm: "Oh Imam! Löse mir doch dieses Rätsel: auf dem Marktplatz hast du so gehandelt, während du dich vor deinem Hause ganz anders verhalten haben sollst." Abdullah antwortete ihm und sagte: "Mein Verhalten auf dem Marktplatz war nicht Geiz, sondern entsprach einem wirtschaftlichen (iktisad) und vollkommen vernünftigen Denken (kemal-i aqil) und diente dazu, Vertrauen und Ehrlichkeit zu bewahren, welche die Grundlage und der Geist allen Handels und Wandels ist. Mein Verhalten vor meinem Hause entsprang hingegen der Liebe (shefqat) meines Herzens und der Vollkommenheit meines Geistes (ruh). Weder war mein erstes (Verhalten) Geiz noch das zweite Verschwendung. "
Der Große Imam (Abu Hanifa) bemerkt dazu als einen Hinweis auf dieses Geheimnis
{"Es gibt keine Verschwendung im Guten, sowie es auch in der Verschwendung nichts Gutes gibt."}
Das heißt: So wie es in aller Güte (ihsan) und in allen Guten Werken
keine Verschwendung gibt, insoweit es sich dabei um Bedürftige handelt, so liegt auch nichts Gutes in der Verschwendung.
Siebenter Punkt
Verschwendung führt zu Gier (hirs) und Gier hat drei Dinge zur Folge.
Die erste ist die Unzufriedenheit.
Was aber diese Unzufriedenheit betrifft, so verdirbt sie die Lust zur Arbeit. Sie verführt dazu, sich zu beklagen, statt dankbar zu sein und endet in Faulheit. (Der Mensch) vernachlässigt seinen Besitz, der, wenn auch nur gering, so doch nach weltlichem wie religiösem Recht legal (meshru ve helal) ist.
So sucht er nach Gütern, die nicht legal (meshru), aber mühelos zu bekommen sind. Und auf diese Weise bringt er seine Selbstachtung, ja sogar seine Ehre zum Opfer.
Die zweite Folge führt (den Menschen) von der Gier über die Enttäuschung zum Verlust und der Zweck entgleitet ihm. Man missachtet ihn. Man bemüht sich nicht, es ihm leichter zu machen. Hilfe bleibt ihm versagt. Ja er bestätigt sogar das Sprichwort:
{"Der Gierige hat keinen Erfolg, sondern erleidet einen Verlust."}
Das heißt: "Gier ist die Ursache von Verlust und Misserfolg." Die Wirkungen von Gier und Zufriedenheit gehen in der Welt der Lebewesen mit sehr weitreichenden und umfassenden Grundsätzen einher. Zum Beispiel: Wenn die naturgemäße Zufriedenheit (fitri kanaat) der Bäume, die ihres Unterhalts (rizq)
bedürfen, ihren Unterhalt zu sich hin in Bewegung setzt, während die Tiere gierig, unter Anstrengungen inmitten ihres Mangels hinter ihrem Unterhalt her jagen, so zeigt sie auf diese Weise, welch großen Schaden die Gier hervorruft und welch einen gewaltigen Vorteil die Zufriedenheit mit sich bringt.
Ferner beweisen auch all die vielen hilflosen (da'if) Jungtiere, wenn sie in ihrer Zufriedenheit nach ihrer Art ohne Worte (lisan-i hal) eine bestens bekömmliche Nahrung, wie z.B. Milch, auf nicht vorhersehbare Weise zu sich hin strömen lassen, während die wilden Tiere in ihrer Gier ihre mangelhafte und schmutzige Versorgung erjagen, in glänzender Weise unsere Behauptung.
Ebenso zeigt die zufriedene Haltung der fetten Fische das Mittel ihrer vollkommenen Versorgung, während so intelligente Tiere wie Füchse und Affen dünn und mager aussehen, weil sie nicht genügend Nahrung finden können, obwohl sie sie doch mit Gier verfolgen (sichtbar macht) in welchem Maße Gier die Ursache aller Anstrengungen und Zufriedenheit Ursache eines ruhigen (Lebens) ist.
Ferner sind viele Gelehrte
Einmal wurde Bosorgmehr, Vesir des Schachs von Persien, Nuschirvan des Gerechten, und ein wegen seiner Intelligenz berühmter Gelehrter, gefragt: "Warum sieht man die Gelehrten vor den Türen der Beamten? Und warum sieht man keine Beamten vor den Türen der Gelehrten, wo doch die Wissenschaft über dem Beamtentum steht? "Er antwortete ihnen: "Das liegt am Wissen der Gelehrten und der Unwissenheit der Beamten." Mit anderen Worten: Auf Grund ihrer Unwissenheit wissen die Beamten den Wert der Gelehrsamkeit nicht zu schätzen, sodass sie sich an den Türen der Gelehrten einfinden könnten, um nach Wissen zu fragen. Was aber die Gelehrten betrifft, so suchen sie auf Grund ihrer Gelehrsamkeit an den Türen der Beamten, weil sie ja auch den Wert ihrer Güter kennen. So hat denn Bosorgmehr mit einem Hinweis auf die Gier der Gelehrten, die eine Folge ihrer Gelehrsamkeit und der Grund für ihre Armut und die Geringschätzung ist (die man ihnen entgegenbringt) in feinfühligerweise geantwortet.
Husrev
und Literaten
Der folgende Hinweis bestätigt dies: In Frankreich bekamen Dichter und Schriftsteller eine eigene Urkunde für Bettler, weil sie so gut betteln konnten.
Suleyman Ruschtu
auf Grund
der Gier, die ihnen aus ihrer Intelligenz erwuchs, der Armut verfallen, während viele doch recht einfältige und ganz unvermögende Leute durch ihre Haltung einer ganz natürlichen Zufriedenheit (fitri kanaat) reich werden, was wiederum beweist, dass legaler (helal) Unterhalt aus Armseligkeit und Schwäche erwächst und nicht aus einer Fähigkeit und dem Willen (iktidar ve ihtiyar). Vielmehr steht eine legale Versorgung im umgekehrten Verhältnis zu Fähigkeit und Wille. Denn je mehr Kinder ihre Fähigkeiten entfalten und ihr Wille wächst, desto mehr verringert sich ihr Unterhalt, entfernt sich von ihnen, wird immer schwieriger zu erlangen.
Nach dem Geheimnis der Hadith اَلْقَنَاعَةُ كَنْزٌ لاَ يَفْنىَ {"Zufriedenheit ist wie Bodenschätze, die sich nie erschöpfen."} ist Zufriedenheit wie ein Bergwerksstollen, der guten Unterhalt und Sicherheit im Leben bietet. Was aber die Gier betrifft, so ist sie eine Ursache für Verlust und Erniedrigung.
Dritte Folge:
Gier zerstört die Aufrichtigkeit (ikhlas)... Sie vernichtet die Handlungen für das Jenseits. Denn wenn ein gottesfürchtiger Mensch (bir ehl-i taqwa) unter Habsucht (hirs) leidet, so wird er sich die Aufmerksamkeit der Leute wünschen. Und wer die Aufmerksamkeit der Leute in Betracht zieht, kann nicht mehr so ganz aufrichtig sein. Die Folge davon ist von einer solchen Wichtigkeit, dass sie es verdient, besonders angemerkt zu werden.
Zusammenfassung:
Verschwendung führt zu einem
Mangel an Zufriedenheit. Ein Mangel an Zufriedenheit aber zerstört die Begeisterung für die Arbeit. Die Folge davon ist Trägheit. Das öffnet ein Tor für Klagen über das Leben und bewirkt, dass der, der unzufrieden ist, sich ständig beklagt.
Das zerstört auch die Aufrichtigkeit, öffnet der Heuchelei (riya) das Tor, vernichtet die Selbstachtung (izzet) und weist den Weg zur Bettelei.
Was aber Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit (iktisad) betrifft, so führt sie zur Zufriedenheit. Nach dem Geheimnis der Hadith عَزَّ مَنْ قَنَعَ ذَلَّ مَنْ طَمَعَ {"Hochgeschätzt wird, wer zufrieden ist und gering geschätzt, wer geizig ist."} erwächst Zufriedenheit (kanaat) aus der Selbstachtung (izzet). Sie ermuntert zudem zu Anstrengung und Arbeit. Sie steigert die Begeisterung und drängt zum Schaffen. Zum Beispiel: jemand hat einen Tag lang gearbeitet. Weil er nun am Abend so zufrieden ist mit seinem bescheidenen Lohn, arbeitet er am nächsten Tag wieder. Weil aber ein verschwenderischer, unbescheidener Mensch nicht zufrieden war, arbeitete er auch am nächsten Tag nicht. Wenn er aber arbeitet, so tut er es ohne jede Begeisterung.
Ferner öffnet die Zufriedenheit, die aus der Sparsamkeit erwächst, das Tor zur Dankbarkeit und schließt das Tor zur Klage. So wird man also sein Leben lang dankbar sein. Ferner wird der, welcher durch seine Zufriedenheit von anderen unabhängig ist, nicht deren Aufmerksamkeit suchen. So steht das Tor zur Aufrichtigkeit offen und das Tor der Heuchelei (riya) ist geschlossen...
Welch furchtbaren Schaden Verschwendung und Vergeudung (iktisadsizlik ve israf) im weiten Rahmen (anrichten können), habe ich selbst beobachtet. Folgendermaßen: Vor neun Jahren besuchte ich eine wohlhabende (bereket) Stadt. Da es aber noch Winter war, konnte ich die Quelle ihres Reichtums nicht entdecken. Mehrere Male sagte der dortige Mufti - Gott erbarme sich seiner! - zu mir: "Unsere Leute sind arm." Diese Worte berührten mich tief. Fünf, sechs Jahre lang empfand ich stets Mitleid für die Bewohner dieser Stadt. Acht Jahre später war es Sommer, als ich wieder in diese Stadt kam. Ich erblickte Weinberge und erinnerte mich dabei wieder an diese Worte des verstorbenen Mufti. "Gepriesen sei Gott (fesubhanallah)!" sagte ich da. "Die Ernteerträge aus diesen Weinbergen übersteigen bei weitem den Haushalt dieser Stadt. Die Bewohner dieser Stadt müssten doch eigentlich sehr reich sein." So war ich erstaunt. Dann aber verstand ich auf Grund einer Tatsache (haqiqat), an die ich mich erinnerte, und diese (Erinnerung) hat mich noch nie getäuscht und ist mir stets ein Wegweiser (rehber) im Verständnis der Wahrheit (haqiqat) gewesen, dass die Wohlhabenheit (dieser Stadt) durch Verschwendung und Vergeudung (iktisadsizlik ve israf) entschwunden ist, so sehr, dass ihr Mufti trotz aller Quellen des Wohlstandes sagte: "Unsere Leute sind arm."
Gleich wie Zekat geben und sparsam sein in der Tat erwiesenermaßen Grund für Wachstum und reichen Segen ist, so lehrt auch die Erfahrung mit zahllosen Beispielen, dass Verschwendung und die Unterlassung des Zekat-gebens die Ursache dafür sind, dass dieser Segen wieder weggenommen wird...
Der Platon aller islamischen Weisen, Scheich der Ärzte und Ustadh der Philosophen Abu Ali Ibn-i Sina erklärt die Ayah كُلُوا وَاشْرَبوُا وَلاَ تُسْرِفُوا {"Esst und trinkt, doch verschwendet nicht." (Sure 7, 31)}
aus medizinische Sichtweise folgendermaßen:
D.h.: "Ich kann die Wissenschaft der Medizin in zwei Sätzen zusammenfassen. Dabei liegt die beste Aussage in ihrer Kürze: Wenn du isst, so iss wenig und dann vier oder fünf Stunden lang nicht wieder. Die Gesundheit liegt in der Verdauung. Das heißt: iss so viel wie du leicht verdauen kannst. Der schwierigste und ermüdendste Zustand für Geist (nefs) und Magen ist es, Mahlzeit über Mahlzeit zu essen."
In allen Abschriften dieser Abhandlung über die Sparsamkeit, geschrieben von fünf oder sechs verschiedenen Schreibern, drei von ihnen ungeschult, die an verschiedenen weit voneinander entfernten Orten von unterschiedlichen Vorlagen kopierten und die alle eine andere Handschrift hatten, ergab es sich, dass sich 51 Mal bei einem Elif (am Zeilenanfang) eine Übereinstimmung zeigt, obwohl sie darauf doch gar nicht geachtet hatten, ohne das Gebet am Ende mitzuzählen, bzw. 53 Übereinstimmungen, wenn man das Gebet am Ende mitzählt.
Diese Zahlen stimmen mit dem Jahr überein, in dem diese Abhandlung über die Sparsamkeit geschrieben und kopiert worden ist, nämlich dem Jahr (13)51 Rumi = (13)53 Hidjri, was ohne Zweifel kein Zufall mehr sein kann. Es ist ein Hinweis darauf, dass der Segen der Sparsamkeit sich bis zu einem Wunder (keramet) gesteigert hat und dass dieses Jahr geeignet ist, das "Jahr der Sparsamkeit" genannt zu werden.
Dieses Wunder der Sparsamkeit wurde in der Tat zwei Jahre später während des zweiten Weltkrieges bestätigt durch einen weit verbreiteten Hunger, Zerstörung und Verwüstung, sodass die Menschheit und jeder einzelne gezwungen war, sparsam zu sein.
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Zwanzigster Blitz
Obwohl dies eigentlich der Erste von fünf Punkten ist, der das Zweite von sieben Themen der Siebzehnten Notiz des Siebzehnten Blitzes bildet, ist er nun auf Grund seiner besonderen Bedeutung zum Zwanzigsten Blitz geworden, und dies.
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Wir haben dir das Buch in Wahrheit herabgesandt. So bete nun Gott in Wahrhaftigkeit an. Denn Gottes ist die Wahrhaftigkeit im Glauben." (Sure 39, 1-2)}
Diese Ayah und die Ehrenwerte Hadith
{"Alle Menschen werden untergehen, außer den Wissenden. Und alle Wissenden werden untergehen, außer denen, die danach handeln. Und alle, die handeln, werden untergehen, außer den Wahrhaftigen. Und selbst noch die Wahrhaftigen sind in großer Gefahr." (oder so ähnlich)}
weisen beide darauf hin, welch wichtiger Grundsatz die Wahrhaftigkeit (ikhlas) für die islamische Gemeinschaft ist. Unter den zahllos vielen Punkten, die sich mit der Frage der Wahrhaftigkeit beschäftigen, wollen wir hier nun "Fünf Punkte" näher erläutern.
Erster Punkt
Wie kommt es, dass die Leute des Glaubens und der Wissenschaft
und die Angehörigen der Orden, obwohl sie doch die Leute der Wahrheit und der Eintracht sind, sich in Rivalität zerstreiten, während doch die Leute dieser Welt und die Gottvergessenen, ja sogar die Leute des Irrweges und die Heuchler miteinander zusammenarbeiten ohne dabei zu konkurrieren? Einheit (ittifaq) gehört doch nun wirklich zu den Leuten der Eintracht und die Disputationen (khilaf) den Heuchlern. Wie kommt es denn nur, dass das Recht dort hinüber gegangen und das Unrecht hierher gekommen ist?
Wir wollen hier für die so vielen schmerzlichen, fürchterlichen, schrecklichen Ereignisse, wie sie Leute, die sich die Dinge zu Herzen genommen haben, zum Weinen bringen, sieben Gründe näher erläutern.
Erster Grund:
Geradeso, wie eine Diskussion (ikhtilaf) unter den Leuten der Wahrheit nicht aus einem Mangel an Wahrheit entsteht, so entsteht auch die Einheit (ittifaq) unter den Leuten der Gottvergessenheit nicht etwa dadurch, dass sie die Wahrheit besäßen. Es ist vielmehr so, dass eine spezielle Aufgabe, eine besondere Funktion, diesen Klassen der Gesellschaft zugeschrieben wurde, wie den Weltleuten, denen, die sich in der Politik engagiert haben und denen, die eine weltliche Erziehung genossen
haben, und so wurden die Funktionen verschiedener Gruppen, Gesellschaften und Gemeinschaften definiert und unterscheiden sich nun voneinander. In ähnlicher Weise wurde auch der materielle Gegenwert, den sie ihrer Funktion entsprechend zu empfangen haben, um sich so ihren Lebensunterhalt sichern zu können, wie auch der moralische Wert (hubb-u djah), welcher in der Gunst besteht, die ihnen die Leute entsprechend ihrem Stolz und ihrem Einsatz entgegenbringen, festgesetzt und genau verteilt.
Mahnung: Die Gunst der Menschen kann man nicht einfordern, sie wird vielmehr gegeben. Wo sie gegeben wird, sollte man sich nicht in ihr gefallen. Gefällt man sich aber in ihr, so ist die Wahrhaftigkeit (ikhlas) verloren und die Heuchelei (riya) tritt an ihre Stelle. Wo der Wunsch nach Ruhm und Ansehen die Aufmerksamkeit eines Menschen beflügelt, so ist sie nicht Lohn noch Belohnung, sondern ein Schlag (ins Gesicht) und eine Strafe für seinen Mangel an Wahrhaftigkeit (ikhlas). Wem Menschen eine derartige Aufmerksamkeit zuwenden, Ehre und Ansehen, dessen Wahrhaftigkeit (ikhlas) verletzen sie, die Quelle der Vitalität zu allen guten Taten. Und selbst wenn sie dabei noch eine vorübergehende winzige Freude bis an den Rand des Grabes erlangen, so nimmt diese doch auf der anderen Seite des Grabes eine recht unschöne Gestalt an. Deshalb sollte man sich von den Menschen keine solche Aufmerksamkeit wünschen, vielmehr vor ihr zurückschrecken. Ja man sollte vor ihr fliehen!
Mögen denen, die öffentliches Ansehen suchen und solchem Ruhm und Ansehen hinterher laufen, die Ohren klingen!
Es gibt also grundsätzlich nichts, was genügend Konfliktstoff, Uneinigkeit oder gar Streit produzieren könnte. Wie groß also auch immer der Weg des Übels (muzahme) sein mag, dem sie folgen, so können sie sich dennoch untereinander einigen (ittifaq).
Was aber nun die Leute des Glaubens (ehl-i din), der Wissenschaft und die Gefährten der Orden betrifft, so beziehen sich ihre Aufgaben auf die gesamte Menschheit, ihr weltlicher Lohn ist weder festgelegt noch irgendwie unterteilt, und ihr Anteil (maqam) an sozialem Ansehen, sowie ihre
Stellung in der Öffentlichkeit, sind nicht von vornherein festgelegt. Es können viele für den selben Posten (maqam) kandidieren. Es strecken sich viele Hände nach dem gleichen geistigen und materiellen Gewinn aus, der ihnen angeboten wird. Von daher also kommt es, dass Konflikte und Streitigkeiten untereinander entstehen. So verkehrt sich Einigkeit () in Uneinigkeit (nifaq) und Einheit (ittifaq) verwandelt sich in Streit (ikhtilaf).
So ist denn Wahrhaftigkeit (ikhlas) gegen diese fürchterliche Krankheit die Salbe und Arznei. Das heißt, (Wahrhaftigkeit kann dadurch erreicht werden), dass man die Wahrheitsliebe der Eigenliebe vorzieht und seinen Egoismus und den Gefallen an sich selbst (nefs ve enaniyet) durch den Gefallen an der Wahrheit (haqq) überwindet und so die Bedeutung der Ayah اِنْ اَجْرِىَ اِلاَّ عَلَى اللّٰهِ {"Fürwahr, mein Lohn ist einzig bei Gott." (Sure 11, 29)} zum Ausdruck bringt, die materielle und geistige Belohnung der Menschen zurückweist
Man sollte sich auch die "Tugend der Beschenkung" zu seinem Wegweiser (rehber) wählen, die der Qur'an an den Sahabis gelobt hat. Das heißt, sobald es gilt, ein Geschenk oder Almosen (Sadaqa) anzunehmen, sollte man sich selbst stets einen anderen vorziehen und statt sich für seinen Gottesdienst eine irdische Belohnung zu wünschen oder auch nur in seinem Herzen zu erwarten, wissend, dass dies einzig und allein eine Gnade (ihsan) Gottes ist, ohne dabei einem Menschen ein Gefühl der Verpflichtung aufzuladen oder eine Gegenleistung für seinen Gottesdienst anzunehmen. Denn man darf in dieser Welt für seinen Gottesdienst keine Gegenleistung erwarten, damit die Wahrhaftigkeit nicht entflieht. Zwar hat man ein Recht darauf, dass die Gemeinde einen mit allem Lebensnotwendigen versorgt, ja sogar ein Recht auf Almosen (zekat). Doch darf man dies nicht einfordern. Es wird einem gegeben. Wem etwas gegeben wurde, der darf nicht sagen: "Dies ist der Lohn für meine Dienstleistung." Soweit es möglich wäre, sollte man stets bescheiden anderen vor sich selbst den Vorzug geben, die bedürftiger sind. (Wer solcher Art) das Geheimnis der Ayah
("Und sie geben ihnen den Vorzug vor sich selbst, auch wenn sie selbst bedürftig wären." (Sure 59, 9))
zum Ausdruck bringt, wird sich vor dieser schrecklichen Gefahr erretten und Wahrhaftigkeit gewinnen.
und die Bedeutung der
Ayah وَمَا عَلَى الرَّسُولِ اِلاَّ الْبَلاَغُ {"Und nichts obliegt dem Propheten außer seiner Verkündigung." (Sure 5, 99)}
zum Ausdruck bringt.
Wer weiß, dass solche Angelegenheiten, wie wohl angesehen zu sein, einen guten Eindruck zu machen und bei den Menschen in Gunst zu stehen, eine Angelegenheit Gottes des Gerechten und in Seiner Huld (ihsan) sind und nichts mit der Verkündigung (tebligh) der Botschaft zu tun haben, die seine eigene Aufgabe (vazifeh) ist, dabei auch gar nicht notwendig sind, weil er auch gar nicht (mit dergleichen Angelegenheiten) betraut ist, (wer dies weiß) wird (in der Erlangung) der Wahrhaftigkeit erfolgreich sein. Andernfalls wird seine Wahrhaftigkeit ihm entfliehen.
Zweiter Grund:
Die Einheit (ittifaq) unter den Leuten des Irrweges entspringt aus ihrer Erniedrigung (dhillet) und die Disputationen (ikhtilaf) unter den Leuten der Rechtleitung erwächst aus ihrer Würde (izzet). Das heißt, dass Weltleute und Leute des Irrweges, welche gottvergessene Leute sind, elend und schwach sind, da sie sich nicht auf Recht und Wahrheit (haq ve haqiqat) stützen. Weil sie aber so schwach sind, brauchen sie Kraft. Aus dieser Not heraus ist ihnen Einheit (ittifaq) und Hilfe von Herzen willkommen. Wenn auch ihr
Weg auf einem Irrtum beruht, so wahren sie doch wiederum ihre Einheit. Es ist, als wollten sie aus ihrer Ungerechtigkeit (haqsizlik) eine Liebe zur Wahrheit (haq) machen, ihren Irrweg in Wahrhaftigkeit (ikhlas) umwandeln, ihre Gottlosigkeit in eine Solidarität aller Gottlosen umschmieden, ihre Heuchelei (nifaq) eine Übereinstimmung (vifaq) sein lassen, um auf diese Weise zum Erfolg zu gelangen. Denn eine Wahrhaftigkeit, die aus dem Herzen kommt, kann nicht ohne eine Wirkung bleiben, selbst, wenn sie auf das Böse gerichtet ist. In der Tat wird Gott, dem, der sich etwas wahrhaftig wünscht, es auch geben.
{(Anmerkung): مَنْ طَلَبَ وَجَدَّ وَجَدّ ("Wer ernsthaft sucht, findet.")
Dies ist in der Tat ein Leitsatz der Wahrheit. Seine Gültigkeit ist umfassend und kann in ihrer ganzen Breite auch unseren Weg (meslek) mit einschließen.}
Was jedoch die Leute der Rechtleitung und des Glaubens betrifft, die Leute des Wissens und die Angehörigen der Orden, so empfangen sie, weil sie sich auf Wahrheit und Gerechtigkeit (haq ve haqiqat) stützen und auf diesem Weg der Wahrheit einzig an ihren Herrn denken und in ihrem Erfolg auf Ihn vertrauen, innerlich eine gewisse Würde. So sie sich schwach fühlen, so wenden sie sich nicht an die Menschen, sondern an ihren Herrn und erbitten von ihm Hilfe. Weil aber ihre Gesichtspunkte unterschiedlich sind, verspüren sie kein echtes Bedürfnis nach Hilfe von Seiten derer, deren Standpunkt ihrem eigenen entgegengesetzt ist und sehen darin keine Notwendigkeit für eine Einheit (ittifaq). Dort wo sich Selbstsucht und Egoismus finden, halten sie sich selbst für gerecht und glauben, dass sich ihr Gegner im Unrecht befände und so treten an Stelle von Einheit und Liebe (ittifaq ve muhabbet) Uneinigkeit (ikhtilaf) und Streit unter Rivalen. So geht ihre Wahrhaftigkeit (ikhlas) verloren und ihre Aufgabe (vazife) gerät durcheinander.
So liegt denn nun das einzige Heilmittel, um solch fürchterlichen Folgen gefährlicher Ursachen begegnen zu können, in den folgenden "Neun Anweisungen".
1. Sich positiv verhalten, das heißt, sein Verhalten in der Liebe zum eigenen Weg ausrichten, Feindschaft (adavet) gegenüber anderen Wegen, ihren Fehlern und Mängeln nicht nähren, ihr Wissen und Denken (fikr ve ilim) nicht kritisieren und sich mit dergleichen Dingen nicht beschäftigen.
2. Vielmehr sollte man innerhalb des Islamischen Kreises, unabhängig von der jeweiligen Sichtweise über die einigenden Bande (rabita-i vahdet), die zu Liebe, Brüderlichkeit und Einheit (ittifaq) hinführen, nachdenken und so zu dieser Einheit gelangen.
3. Was aber das Recht (haq) eines jeden betrifft, der den rechten Weg geht, so sollte man einen anderen auf seinem Weg nicht belästigen, sondern vielmehr sagen: "Ich befinde mich auf dem rechten Weg." oder "Mein Weg ist der bessere (güzeldir)." Man sollte auch nicht andeuten, dass der Weg eines anderen unrichtig (haqsiz) oder unschön sei, oder sagen: "Richtig ist einzig mein eigener Weg." oder "Gut ist einzig meine eigene Sichtweise." und sich so eine vernunftgemäße (Sichtweise) zum Wegweiser machen.
4. In Betracht ziehen, dass die Einheit mit den Leuten der Wahrheit eine Bedingung des von Gott kommenden Erfolges und der Ankergrund der Ehre im religiösen Leben ist.
5. Und ferner sollte man sich vor Augen führen, dass auch der stärkste Widerstand eines Einzelnen gegen die Angriffe eines kollektiven Genius der Leute des Irrweges und der Ungerechtigkeit, der ihnen aus ihrer Solidarität erwächst, durch die Einheit unter den Leuten der Wahrheit besiegt werden kann, wenn auch sie ihrerseits eine solche gemeinschaftliche Kraft formen, um Recht und Gerechtigkeit angesichts dieser furchtbaren gemeinschaftlichen Kraft der Leute des Irrweges zu bewahren.
6. Um die Wahrheit vor den Stürmen der Irrlehre (batil) zu retten bewahren.
7. Selbstsucht (nefs) und Egoismus (enaniyet)
8. und ein falsches Denken über "Ehre"
9. durch die Aufgabe irgendwelcher bedeutungsloser Gefühle von Rivalität zur Wahrhaftigkeit zurückzufinden und seiner Aufgabe gerecht zu werden...
Dritter Grund:
Die Uneinigkeit (ikhtilaf) unter den Leuten der Wahrheit erwächst nicht aus ihrer mangelnden Einsatzbereitschaft oder etwa ihrer niedrigen Gesinnung, noch erklärt sich die Einigkeit (ittifaq) unter den Leuten des Irrglaubens und des Irrweges aus ihrer hohen und edlen Gesinnung und ihrer Begeisterung. Vielmehr entstammt die Uneinigkeit aus dem Missbrauch ihrer hohen und edlen Gesinnung und die Einigkeit unter den Leuten des Irrglaubens aus der Schwäche und Unfähigkeit ihrer mangelnden Einsatzbereitschaft.
Was die Leute der Rechtleitung zu einem Missbrauch ihrer hohen Gesinnung treibt und weiter in die Uneinigkeit (ikhtilaf) und zu Streitigkeiten treibt, ist vielmehr ihr Verlangen nach einer himmlischen Belohnung (hirs-i sevab), was im Hinblick auf das Jenseits als eine gute Eigenschaft gepriesen wird, und eine außergewöhnliche Begierde (kanaatsizlik) hinsichtlich ihrer jenseitigen Verpflichtungen. So denken sie: "Lass mich diese Belohnung gewinnen! Lass mich diese Leute führen! Auf mich sollen sie hören!" Er spielt sich als Rivalen
gegenüber seinem wahrhaftigen Bruder auf, dessen Liebe, Hilfe, Brüderlichkeit und Unterstützung er ernsthaft bedarf und versucht gegen ihn zu konkurrieren. Indem er sich selbst sagt: "Warum gehen meine Schüler zu ihm? Warum habe nicht ich so viele Schüler wie er?" wird er eine Beute seiner Ichsucht (enaniyet), neigt jenem Geltungsdrang (hubb-u djah) zu, der schon eine verwerfliche Eigenschaft ist, und verliert somit seine Wahrhaftigkeit und öffnet der Heuchelei (riya) das Tor.
Heilung für diesen Irrtum, diese Wunde, diese fürchterliche Krankheit des Geistes besteht in dem Grundsatz, dass Gottes Wohlgefallen nur durch Wahrhaftigkeit allein gewonnen werden kann und nicht durch eine große Anzahl von Anhängern und großartige Erfolge. Denn diese Dinge gehören zum Aufgabenbereich Gottes. Man kann sie nicht erbitten, vielmehr werden sie manchmal gewährt. Manchmal wird in der Tat ein einziges Wort zur Ursache für ihre Erlösung und zu einer Quelle ihres Wohlgefallens (bei Gott). Eine Masse sollte nie Grund für allzu viel Aufmerksamkeit sein. Denn manchmal erlangt, wer auch nur einen einzigen Menschen auf den rechten Weg leitet (irshad), ebensoviel Wohlgefallen bei Gott, wie einer, der tausend Menschen rechtleitet. Ferner erfordert die Aufrichtigkeit und die Liebe zur Wahrheit, dass jemand wünschen sollte, allen Muslimen, wer auch immer es sei und wo auch immer er sei, von Nutzen zu sein. Andernfalls ist der Gedanke: "Mögen sie bei mir Unterricht nehmen und mich so den Lohn Gottes gewinnen lassen" eine List der Ichsucht und des Egoismus (nefs ve enaniyet).
Oh Mensch, der du gierig (hirs) nach Gottes Lohn (sevab) und unersättlich (kanaatsiz) nach guten Taten für das Jenseits bist! Es sind zuweilen Propheten aufgetreten, die, obwohl es nur Wenige gab, die ihnen nachfolgten, doch den unendlichen Lohn für die geheiligten Aufgaben ihres Prophetentums erhalten haben. Das heißt, der wahre Erfolg liegt nicht in der Größe seiner Gefolgschaft, sondern darin,
Gottes Wohlgefallen zu erlangen. Wer bist du eigentlich, dass du in deiner Gier sagst: "Alle sollen mich hören!" und dabei deine eigene Aufgabe vergisst und dich stattdessen in die Aufgaben Gottes einmischst? Dir Anerkennung (etraf) zu verschaffen und das Volk um dich zu versammeln ist Gottes Werk. So tu denn deine Pflicht und mische dich nicht in die Aufgaben Gottes.
Zudem sind es nicht nur die Menschen, durch die der, der die Wahrheit hört und Recht spricht, Gottes Lohn (sevab) erlangt. Vielmehr sind es Gottes des Gerechten bewusstseinstragende Geschöpfe, Geistwesen und Engel, die den Kosmos erfüllen und allüberall beleben. Wenn du also nun schon so viel Lohn (sevab) empfangen möchtest, mache dir die Wahrhaftigkeit zu deinem Grundsatz und denke dabei einzig an Gottes Wohlgefallen. Dann werden die gesegneten Worte, die deinen Mund verlassen, entsprechend deiner Wahrhaftigkeit und lauteren Absicht belebt und verlebendigt werden und sich durch die Luft schwingend in jedes einzelne Ohr all der unendlich vielen, bewusstseinstragende Wesen eingehen, es erleuchten und so auch dir deinen Verdienst (sevab) bringen.
Wenn du also z.B. sagst: «Elhamdulillah (Dank sei Gott)», so wird dieses Wort mit Gottes Erlaubnis in Form von Millionen großer und kleiner "Elhamdulillah"-Worte in die Luft geschrieben. Da aber der Allweise Gestalter nichts Sinnloses oder Überflüssiges tut, so hat er entsprechend den vielen gesegneten Worten, die da gehört werden sollen, (bereits zuvor) entsprechend viele Ohren erschaffen. Wenn diese Worte mit Wahrhaftigkeit und reiner Absicht (niyet-i sadiqa) in der Luft zum Leben gebracht werden, so dringen sie wie wohlschmeckende Früchte in die Ohren der Geistwesen ein. Wenn aber das Wohlgefallen Gottes und die Wahrhaftigkeit diesen Worten in der Luft kein Leben schenkt, so werden sie auch nicht gehört. Dann bleibt auch der Lohn auf das Wort im Mund beschränkt. Mögen nun also die Ohren der Qur'anrezitatoren (Hafidh) klingen,
von denen man sagt, dass ihre Stimmen nicht mehr schön klingen und die nun traurig sind, nur noch wenige Zuhörer zu haben!
Vierter Grund:
Und in genau der gleichen Weise, wie Rivalitätsdenken und Uneinigkeit (ikhtilaf) unter den Leuten der Rechtleitung nicht aus der Unfähigkeit erwachsen, deren Konsequenzen zu erkennen, oder vielleicht aus einer gewissen Kurzsichtigkeit, so folgt die innige Eintracht (ittifaq) der Leute des Irrweges nicht aus einer gewissen Weitsichtigkeit oder weiser Voraussicht. Vielmehr lassen sich die Leute der Rechtleitung unter dem Einfluss von Recht und Wahrheit (haq ve haqiqat) nicht von den blinden Gefühlen ihrer Seele (nefs) verführen und folgen stattdessen den Neigungen ihres Herzens und ihrem weit vorausschauenden Verstand. Da sie aber dabei ihre Rechtschaffenheit (istikamet) und Wahrhaftigkeit nicht bewahren konnten, konnten sie auch ihre hohe Stellung (maqam) nicht länger beibehalten und gerieten deshalb miteinander in Streit.
Was aber die Leute des Irrweges betrifft, so unterliegen sie dem Einfluss ihrer Lust und Laune und kommen unter der Vorherrschaft ihrer Sinne, die allen Konsequenzen gegenüber blind sind und stets ein Dirhem (= 3 g) gegenwärtigen Genusses einem Batman (= 8 kg) künftigen Genusses vorziehen, in einer geradezu herzlichen Übereinstimmung für einen unmittelbaren Vorteil und ein augenblickliches Vergnügen zusammen. Diese niedrig gesinnten und herzlosen Anbeter ihrer Seelen (nefs) vereinigen und verbinden sich in der Tat aus reinem inneren Antrieb heraus und nur um ihrer irdischen, unmittelbaren Vergnügungen und Vorteile willen. Es stimmt schon, dass die Leute der Rechtleitung ihr Antlitz ihren Belohnungen im Jenseits und ihrer eigenen Vervollkommnung zugewandt haben, und dies in Übereinstimmung mit den erhabenen Anweisungen ihres Herzens und ihrer Vernunft, doch obwohl ein nüchterner Sinn für die Richtung, völlige Wahrhaftigkeit, Hingabe für Eintracht und Gemeinschaft möglich sind, ist es ihnen dennoch nicht gelungen, sich von
ihrem Egoismus zu befreien. So haben sie denn entweder durch ihre Übertreibungen (ifrat) oder durch ihre Unterlassungen (tefrit) ihre Einheit verloren, diese erhabene Quelle aller Macht, und sind so ihrer Wahrhaftigkeit verlustig gegangen. So haben sie auch ihre Aufgaben vernachlässigt und ihre Pflichten für das Jenseits verletzt. Man kann nicht so leicht das Wohlgefallen Gottes erringen!
Die Salbe und das Heilmittel für diese schwere Krankheit besteht darin, stolz darauf zu sein, die auf dem Weg der Wahrheit wandeln nach den Grundsätzen der Liebe um Gottes willen zu begleiten (el hub-bu fi'llah) - oder vielmehr ihnen zu folgen und ihnen die Ehre zu überlassen, die Führerschaft (Imam) zu übernehmen - seine Ichsucht aufzugeben, verbunden mit der Möglichkeit, dass, wer auch immer auf dem Pfade der Wahrheit wandeln möge, besser sein könne, als man selbst, und auf diese Weise zur Wahrhaftigkeit zu gelangen. Errettung von dieser Krankheit kann auch gefunden werden, wenn man weiß, dass ein Dirhem Handlung in Wahrhaftigkeit einem Batman weiser Taten ohne jede Wahrhaftigkeit vorzuziehen ist und die Stellung dessen, der zu folgen gelernt hat (tabiiye), vor dem zu bevorzugen, dem man folgen muss, mit all den Gefahren und der Verantwortlichkeit, die das mit sich bringt. So erlangt man Wahrhaftigkeit und kann seine Aufgaben für das Jenseits recht erfüllen.
Fünfter Grund:
Sowie Uneinigkeit (adem-i ittifaq) und Disputationen (ikhtilaf) unter den Leuten der Rechtleitung nicht ein Ergebnis der Schwäche sind und die machtvolle Einheit der Leute des Irrweges kein Ergebnis von Stärke sind, so kommt auch die Uneinigkeit unter den Leuten der Rechtleitung nicht aus jener Kraft, die das Ergebnis der Unterstützung (nokta-i istinad) ist, die aus einem vollkommenen Glauben erwächst, und die Einheit unter den Leuten der Gottvergessenheit und des Irrweges aus der Schwäche und Unfähigkeit, die sie als ein Ergebnis eines Fehlens an irgendeinem inneren Halt (nokta-i istinad) in ihrem Herzen verspüren. Denn weil die Schwachen eine Einheit brauchen, gründen sie schlagkräftige
Gemeinschaften.
Weil aber die Starken kein vergleichbares Bedürfnis verspüren, sind ihre Vereinigungen nur schwach. Löwen brauchen keine Gemeinschaft wie die Füchse und leben deshalb für sich allein. Wilde Ziegen leben in Herden, um sich so vor den Wölfen zu schützen. Das heißt, die Gemeinschaft der Schwachen ist stark, wohingegen das Kollektiv der Starken schwach ist. Es ist ein schöner Hinweis auf dieses Geheimnis und eine subtile Anmerkung des Qur'an, wenn er sagt وَقَالَ نِسْوَةٌ فِى الْمَدِينَةِ {"Und die Frauen in der Stadt sagten." (Sure 12, 30)} wobei er für die weibliche Gemeinschaft das männliche Verbum قَالَ {"er sagte"} gebraucht, obwohl es doch eigentlich in doppelter Hinsicht weiblich sein müsste. Im Gegensatz dazu ist in dem Ausdruck قَالَتِ الْاَعْرَابُ {"die Beduinen sagten" (Sure 49, 14)} das Verbum قَالَتِ {"sie sagte"}
in diesem Fall in der weiblichen Form, obwohl doch das dazu gehörige Subjekt eine Gemeinschaft von Männern darstellt. Darin findet sich also der Hinweis, dass eine Gemeinschaft von schwachen, sanftmütigen und milden Frauen an Stärke, ja Härte und Strenge gewinnt und sogar eine Art Männlichkeit erreicht. Der Gebrauch des Verbums in seiner maskulinen Form ist deshalb وَقَالَ نِسْوَةٌ {"Und die Frauen sagten" (Sure 12, 30)} zuhöchst angemessen. Starke Männer und ganz besonders die arabischen Beduinen vertrauen im Gegensatz dazu auf ihre eigene Stärke. Darum sind ihre Gemeinschaften schwach, denn sie zeigen eine Haltung der Vorsicht und der Sanftmut und Weise in dieser Art weibliche Züge auf, wofür dann der Gebrauch des Verbums in seiner femininen Form قَالَتِ الْاَعْرَابُ {"die Beduinen sagten" (Sure 49, 14)} am angemessensten erscheint.
In der Tat ist der Glaube an Gott eine ganz besonders starke Stütze (kuvvetli bir nokta-i istinad) für die Leute der Wahrheit und aus ihm erwächst ihnen das Vertrauen (tevekkul) und die Hingabe (teslim) an Ihn. Deshalb brauchen sie anderen ihre Bedürfnisse nicht zu unterbreiten und verlangen von ihnen keine Unterstützung oder Hilfeleistung. Und selbst wenn sie danach verlangen, so geben sie sich dabei keine ernsthafte Mühe. Die Weltleute aber leugnen in ihren weltlichen Angelegenheiten die wahre Quelle aller Hilfe (haqiqi nokta-i istinad). So fallen sie denn in Schwäche und Unfähigkeit. Und wenn sie eine akute Notlage erleben und Hilfe benötigen, so kommen sie zusammen und opfern sich von ganzem Herzen auf.
So stürzen denn die Leute der Wahrheit, weil sie die aus der Einheit erwachsende wahre Stärke nicht wahrnehmen und sie auch nicht suchen, der Zwietracht, ein
Ergebnis, das zur Ungerechtigkeit und zum Schaden führt. Im Gegensatz dazu erringen die ungerechten Leute des Irrweges, da sie aus ihrer Schwäche heraus die Kraft, die aus der Einheit erwächst, verspüren, Einigkeit, die ein außerordentlich wichtiges und zweckmäßiges Fahrzeug ist.
So liegt denn das Heilmittel und die Salbe gegen diese Krankheit einer ins Unrecht führenden Uneinigkeit unter den Leuten der Wahrheit darin, das nachdrückliche Verbot in der Ayah
{"Streitet euch nicht miteinander, damit ihr nicht den Mut verliert und der Sieg euch nicht entgleitet." (Sure 8, 46)}
und das außerordentlich weise göttliche Gebot für das gesellschaftliche Leben in der Ayah
{"Und helft euch einander im Guten und in der Gottesfurcht." (Sure 5, 3)}
zum Leitsatz eures Handelns zu machen und dabei zu bedenken, in welchem Grade die Uneinigkeit (ikhtilaf) der Sache des Islam schadet und in welchem Grade sie den Sieg der Leute des Irrweges über die Leute der Wahrheit erleichtert. Darum sollte man sich von ganzem Herzen und mit ganzer Hingabe und (dem Gefühl) der völligen Schwäche und der eigenen Ohnmacht der Karawane der Leute der Wahrheit anschließen. Und schließlich sollte man darüber seine eigene Wenigkeit vergessen, sich vor Verstellung und Heuchelei (riya) retten und so zur Wahrhaftigkeit gelangen.
Sechster Grund:
Uneinigkeit (ikhtilaf) unter den Leuten der Wahrheit erwächst nicht aus Niedertracht, Mangel an Begeisterung und fehlender Unterstützung, ebenso wenig wie die innere Einheit gottvergessener Weltleute und der Leute des Irrweges in den Dingen des irdischen Lebens
aus Edelmut, Begeisterung und Wohlwollen entsteht. Es ist vielmehr so, dass die Leute der Wahrheit meistens an die Dinge denken, die ihnen im Jenseits von Nutzen sein können und deshalb ihren Edelmut, ihre Begeisterung und ihr Wohlwollen für derartige wichtige und zahlreiche Dinge einsetzen. Weil sie also ihre Zeit, die ihr wahres Kapital ist, nicht für eine bestimmte Sache aufwenden, kann ihre Einheit mit ihren Bundesgenossen niemals an Kraft gewinnen. Denn es gibt viele Dinge und ihr Wirkungsfeld ist umfangreich. Was aber diese gottvergessenen Weltleute betrifft, so denken sie nur an dieses irdische Leben und klammern sich mit all ihren Sinnen, mit Herz und Verstand (ruh) an diesem irdischen Leben fest und kleben förmlich an jedem, der ihnen in solchen Angelegenheiten helfen könnte. Gleich einem irre gewordenen Diamantenhändler zahlen sie fünf Lira für ein Stückchen Glas, das keine fünf Para wert ist, und widmen ihre Zeit, die vergleichsweise fünfhundert Lira Wert ist, Dingen, die in Wirklichkeit und in den Augen der Leute der Wahrheit keine fünf Para wert sind. Einen so hohen Preis zu zahlen und sich für eine Sache mit einer solchen Hingabe und mit allen Sinnen einzusetzen, wird sicherlich in dieser wahren Wahrhaftigkeit auch für den zum Ziel führen, der auf dem falschen Weg ist. So sind sie den Leuten der Wahrheit gegenüber die Sieger. Diesem Sieg zufolge verfallen die Leute der Wahrheit dem Elend, der Erniedrigung, der Heuchelei (riya) und der Verstellung und verlieren so ihre Wahrhaftigkeit. Auf diese Weise werden sie dazu gezwungen, vor einem Teil dieser niederträchtigen, missgünstigen und ehrlosen Weltleute zu kriechen und ihnen zu schmeicheln.
Oh ihr Leute der Wahrheit, ihr wahrheitsliebenden Leute des Gesetzes (scharia), ihr Leute des Rechts und ihr Angehörigen der Orden! Seht einander angesichts dieser fürchterlichen Krankheit der Uneinigkeit (ikhtilaf) eure Fehler nach! Schließt eure Augen vor dem, was unter euch unzureichend und mangelhaft ist! Verhaltet euch so, wie es
die gute Sitte (edeb-i furqan) entsprechend der Ayah
{"Und wenn sie leerem Geschwätz begegnen, gehen sie in edler Gesittung vorüber." (Sure 25, 72)}
von euch verlangt!
Betrachtet es als eure erste und wichtigste Aufgabe, interne Streitigkeiten zu vermeiden, während ihr gleichzeitig von einem äußeren Feind angegriffen werdet! Sucht dabei, die Leute der Wahrheit vor Demütigung und Erniedrigung zu bewahren! Bemüht euch um Brüderlichkeit, Liebe (muhabbet) und Zusammenarbeit, wie es in hunderten Ayat und Hadithen des Propheten so nachdrücklich empfohlen wird. Strebt mit ganzer Hingabe danach, mit euren Bundesgenossen und mit euren Brüdern im Glauben eine Einheit herzustellen, die stärker ist als die der Weltleute! Also verliert euch nicht in irgendwelchen Auseinandersetzungen. Und schwächt nicht eure Eintracht indem ihr euch zurückzieht und sagt: "Anstatt meine kostbare Zeit mit sinnlosen Kleinigkeiten zu vertrödeln, möchte ich doch lieber meine so wertvolle Zeit für so kostbare Dinge, wie Nachsinnen und Gottesgedenken (dhikr ve fikr) aufwenden." Denn in diesem geistigen Kampf kann das, was ihr für eine Kleinigkeit haltet von großer Bedeutung sein. So wie die Wache eines Soldaten unter besonders schwerwiegenden Umständen manchmal die Bedeutung von einem Jahr Gottesdienst erhält, so kann einer eurer wertvollen Tage, der zur Zeit der Niederlage der Leute der Wahrheit in Angelegenheiten des geistigen Kampfes für eine Kleinigkeit aufgewandt wird, wie die Stunde jenes Soldaten tausendfachen Wert annehmen. Ein Tag kann tausend Tagen gleich sein. Was auch immer man um Gottes willen unternimmt, kann man nicht als große oder kleine Dinge betrachten, in wertvolle und wertlose Angelegenheiten unterscheiden. Ein Stäubchen in Wahrhaftigkeit und um Gottes willen gegeben,
wird so zu einem Stern. Was zählt ist nicht die Art der aufgewandten Mittel, sondern das Ergebnis. Solange das Ergebnis das Wohlgefallen Gottes ist und das Ferment die Wahrhaftigkeit, ist es nicht klein sondern groß.
Siebenter Grund:
Uneinigkeit (ikhtilaf) und Streit (rekabet) zwischen den Leuten der Wahrheit und des Rechts erwachsen nicht aus Eifersucht und Gier (hirs) nach den irdischen Dingen, während andererseits die Einigkeit unter den Leuten der Welt und der Gottvergessenheit nicht aus ihrem Edelmut und ihrer Großherzigkeit entsteht. Vielmehr sind die Leute der Wahrheit nicht dazu in der Lage, die edle Großherzigkeit und den vortrefflichen Edelmut, wie sie doch eigentlich von der Wahrheit ausgehen sollten, und den lobenswerten Wetteifer (himmet) auf dem Weg der Wahrheit in der rechten Weise zu pflegen. Da durch die Beteiligung und Mitwirkung von Unberufenen in gewissem Grade Missbrauch getrieben wurde, verfielen sie der Uneinigkeit (ikhtilaf) und dem Streit (rekabet) und haben dadurch sowohl sich selbst als auch der islamischen Gemeinschaft beträchtlichen Schaden zugefügt. Was aber die Leute der Gottvergessenheit und des Irrweges betrifft, so vereinigen sie sich, um nicht die Vorteile zu verlieren, von denen sie so berauscht sind, und ihre Anführer und Genossen, die um dieses Nutzens willen bei ihnen in Ansehen stehen, nicht zu verärgern, in ihrer Erniedrigung, Ehrlosigkeit und Niedertracht bedingungslos mit all ihren Genossen, wie schändlich, verräterisch und boshaft sie auch sein mögen. Sie vereinigen sich um eines Vorteils willen und in welcher Form auch immer mit ihren Teilhabern. Als Ergebnis dieser herzlichen Übereinkunft erlangen sie in der Tat die Vorteile, die sie sich erhofft hatten.
Oh ihr Leute der Wahrheit und Gefährten der Gerechtigkeit, die ihr vom Unglück verfolgt und in Streitigkeiten verstrickt seid! Da ihr in dieser unglückseligen Zeit eurer Wahrhaftigkeit verlustig gegangen seid und das Wohlgefallen Gottes nicht zum alleinigen Ziel eurer Bemühungen gemacht habt, so habt ihr diese Schande und die Niederlage
der Leute der Wahrheit selbst verursacht. In den Dingen des Glaubens und dort, wo es um das Jenseits geht, sollte es Rivalitätskämpfe, Neid (hased) und Eifersucht nicht geben, und vom Standpunkt der Wahrheit aus sollte es das nicht geben, denn der Grund für Neid (hased) und Eifersucht ist folgender: wenn sich viele Hände nach einer einzigen Sache ausstrecken, wenn viele Augen auf einen einzigen Posten ausgerichtet sind, wenn so viele Mägen nach einem einzigen Laib Brot hungern, so entsteht durch Konurrenzkämpfe und Rivalitätsstreitigkeiten zunächst Eifersucht und am Ende der Neid. Denn da in dieser Welt viele Menschen dieselbe Sache beanspruchen, und da die Welt, so eng und so vergänglich wie sie nun einmal ist, die grenzenlosen Wünsche der Menschheit nicht befriedigen kann, werden sie einander zu Rivalen. Doch im Jenseits werden jedem einzelnen Menschen ein Stückchen Paradies zum Geschenk (ihsan) erhalten, das zu durchwandern er fünfhundert Jahre benötigen würde.
Eine bedeutende Frage, wie sie von einer bedeutenden Persönlichkeit gestellt wurde:
Die Überlieferung sagt: Im Paradies wird der Mensch einen Garten empfangen, den zu durchmessen er fünfhundert Jahre benötigen wird. Wie kann man diese Wahrheit mit dem Fassungsvermögen unserer irdischen Intelligenz begreifen?
Antwort:
In dieser Welt hat jeder seine eigene, begrenzte Welt, welche ebenso groß ist. Und sein Leben ist die tragende Säule dieser Welt. Mit seinen äußeren und inneren Sinnesorganen macht er von dieser Welt Gebrauch und sagt sich dabei: "Die Sonne ist meine Lampe und die Sterne sind meine Kerzen." Die Existenz anderer Daseinsformen und Lebewesen begrenzt dabei die Besitzansprüche dieses Mannes in keiner Weise. Im Gegenteil: sie erleuchten und schmücken ihm noch seine Welt. In gleicher Weise, wenn auch auf einer tausende Grade höheren (Ebene), gibt es das Paradies für einen jeden und dazu noch zusätzlich ein eigenes fünfhundert Jahre großes Stückchen Paradies mit Tausenden von Schlössern und Huris. Aus diesem Paradies wird er seiner Entwicklungsstufe entsprechend mit seinen Sinnen und Empfindungen seinen Nutzen ziehen, entsprechend der Art, wie es der Ewigkeit angemessen ist. Die Tatsache, dass auch andere dieses allgemeine Paradies mit ihm teilen verletzt in gar keiner Weise seine Nutzungs- und Eigentumsrechte an ihm, sondern stärken sie vielmehr noch und schmücken ihm sein eigenes, weit ausgedehntes Paradies. Und so wie es in der Tat in dieser Welt einen Menschen gibt, der diesen Garten in einer Stunde, diesen Park in einem Tag, dieses Erholungsgebiet in einem Monat, dieses Reich in einem Jahr durchwandert und mit seinem Mund, seinen Ohren, seinen Augen, seiner Nase und mit allen seinen Sinnen genießt, so werden seine Sinne, die einen Garten in dieser vergänglichen Welt kaum eine Stunde nutzen konnten in dieser Ewigkeit, den gleichen Nutzen erfahren, wie von einem Garten im Umfang eines Jahres. Gesicht und Gehör, die hier kaum einen Ausflug von einem Jahr genießen konnten, werden dort einen Ausflug von fünfhundert Jahren Länge in einer Art und Weise genießen können, die jenes prächtigen, mit so überwältigender Schönheit gesegneten Landes würdig ist. Jeder Gläubige wird dort entsprechend seinem geistigen Stand genießen und mit seinen Sinnen seine Freude und seinen Genuss finden, wie sie sich entsprechend der Belohnung, die er sich in dieser Welt verdient hat und den guten Taten, die er in ihr verrichtet hat, entwickeln und entfalten werden.
Dazu werden ihnen noch siebzigtausend Schlösser und Huris gegeben werden. Und einem jeden der Leute des Paradieses wird nach seinem eigenen Empfinden gegeben werden, womit er vollkommen zufrieden sein kann, was zeigt, dass es im Jenseits nichts gibt, was einen Grund zu Konkurrenzstreitigkeiten geben könnte und dass also Rivalitäten dort nicht möglich sind. Wenn das aber so ist, dann kann es auch keine Konkurrenz hinsichtlich der guten Werke geben, für die sie sich im Jenseits eine Belohnung erhoffen. Hier ist auch kein Platz für Neid. Wer aber neidisch ist, der ist entweder ein Heuchler (riyakar), sodass er mit frommen Werken (amel-i salih) nach irdischen Zielen strebt, oder aber er ist ein wahrer Narr, der den Sinn einer guten Tat nicht kennt und nicht versteht, dass die Wahrhaftigkeit Leben (ruh) und Basis aller guten Werke ist. Tritt er in Konkurrenz zu den Freunden Gottes (auliya-ullah), so hegt er auf diese Weise
eine Art Feindschaft ihnen gegenüber und zieht zugleich die Größe und Weite der göttlichen Barmherzigkeit in Zweifel.
Hierzu ein Vorfall, der diese Wahrheit bestätigt: Einer meiner früheren Gefährten hegte gegenüber jemandem eine Feindschaft (adavet). In seiner Gegenwart wurde sein Feind einmal wegen seiner Werke der Frömmigkeit (amel-i salih) erwähnt, ja sogar als ein Heiliger (velayet) beschrieben. Der Mann wurde zunächst nicht eifersüchtig oder verlegen. Als dann aber jemand zu ihm sagte: "Dieser dein Feind ist mutig und stark." Da sahen wir, wie in dem Mann der Neid und eine heftige Eifersucht erwachten. Wir sagten zu ihm: "Heiligkeit und Frömmigkeit sind eine Stärke und Größe, dem Brillanten des unendlichen, ewigen Lebens gleich. In dieser Hinsicht warst du ihm gegenüber nicht eifersüchtig. Obwohl sich aber nun irdische Kraft auch bei einem Ochsen und Mut auch bei einem Raubtier finden, so sind sie doch im Vergleich mit Heiligkeit und Frömmigkeit wie Glasstückchen im Vergleich mit einem Diamanten."
Da antwortete der Mann: "Auf Rang und Name haben wir beide in dieser Welt in gleicher Weise unsere Augen gerichtet. Die Stufenleiter, die wir dazu erklimmen müssen, heißt Mut und Kraft. Darum also bin ich eifersüchtig geworden. Die Rangstufen im Jenseits sind grenzenlos. Während er hier mein Gegner ist, kann er deshalb dort dennoch mein herzlich geliebter Bruder sein."
Oh ihr Leute der Wahrheit und Angehörige der Orden! Der Dienst an der Wahrheit gleicht einem großen und schweren Schatz, den es zu tragen und zu bewahren gilt. Diejenigen, welche diesen Schatz auf ihren Schultern tragen, werden sich um so mehr froh und zufrieden sein, je mehr starke Hände zu ihrer Hilfe eilen. Weit davon entfernt, neidisch zu sein, sollte man lieber diejenigen zu ihrer großen Stärke, ihrer effektiven Leistung und ihrer besonderen Befähigung beglückwünschen, die in aufrichtiger Liebe gekommen sind und ihre Hilfe angeboten haben. Warum also sollte man seine getreuen Brüder und
hingabefreudigen Helfer als eine Art Konkurrenz betrachten und so seiner Wahrhaftigkeit verlustig gehen? Ihr werdet fürchterlichen Anklagen ausgesetzt sein in den Augen der Leute des Irrweges, wie z.B. (dem Vorwurf), mit eurer Religion irdische Interessen zu verfolgen, was noch hundertmal mehr unter eurer Würde und Berufung liegt, wenn ihr euren Lebensunterhalt mit eurem Wissen um die Wahrheit verdient und in eurer Gier (hirs) und Habsucht (rekabet) noch miteinander wetteifert.
Das einzige Mittel gegen diese Krankheit ist, stets die Schuld bei sich selbst zu suchen und stets nicht für sich selbst und die eigene Sache, sondern für seinen Weggefährten einzutreten. Es gibt einen Leitsatz für die Liebe zu Wahrheit und Gerechtigkeit unter den Moraltheologen und den Rhetorikern, der lautet: "Wer immer bei einer Debatte über welchen Gegenstand auch immer sich wünscht, er möge recht behalten, wer immer froh darüber ist, dass er recht bekommen hat, während sein Gegner im Unrecht bleibt und es sich herausstellt, dass er sich geirrt hat: ein solcher Mensch ist ungerecht." Es ist nicht nur so, dass ein solcher Mensch verloren hat. Denn wer aus einer solchen Debatte als Sieger hervorgeht, der hat dabei nichts gelernt, was er nicht schon zuvor gewusst hätte und sein möglicher Stolz (gurur) verursacht ihm einen Verlust. Wenn es sich aber herausstellt, dass sein Gegner recht hatte, so wird er von ihm etwas gelernt haben, was er zuvor noch nicht wusste. Er wird etwas dabei gewonnen haben, ohne etwas zu verlieren, und dabei zugleich vor seinem Stolz bewahrt bleiben. Mit anderen Worten: Wer gerecht ist und die Wahrheit liebt, bricht um der Liebe zur Wahrheit willen mit seiner Seele (nefs). Wenn er erkennt, dass sein Gegner recht hat, wird er das wiederum gutwillig akzeptieren, dessen Standpunkt verteidigen und darüber zufrieden sein.
Wenn also nun die Leute des Glaubens und der Wahrheit, die Angehörigen der Orden und die Leute der Wissenschaft sich diese Grundsätze zur Richtschnur machen,
so werden sie zur Wahrhaftigkeit gelangen. Und sie werden Erfolg haben bei der Erfüllung jener Aufgaben, deren Lohn für sie im Jenseits liegt. Durch die Barmherzigkeit Gottes werden sie vor einem tragischen Sturz (über einer solchen Auseinandersetzung) und dem gegenwärtigen Unglück gerettet werden.
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Einundzwanzigster Blitz
Diese Abhandlung war ursprünglich die Vierte von sieben Problemstellungen der Siebzehnten Notiz zum Siebzehnten Blitz. Sie ist wegen ihres Zusammenhanges mit der Wahrhaftigkeit zum Zweiten Punkt des Zwanzigsten Blitzes geworden, wurde jedoch auf Grund ihres Glanzes als Einundzwanzigster Blitz in den Band der "Blitze" eingereiht.
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Streitet euch nicht miteinander, damit ihr nicht den Mut verliert und der Sieg euch nicht entgleitet." (Sure 8, 46) "Und steht demütig vor Gott." (Sure 2, 238) "Wohl ergeht es dem, der sie reinigt. Und zu Schanden wird, der sie verdirbt." (Sure 91, 9-10) "Und verkauft nicht meine Zeichen für ein Geringes!" (Sure 2, 41)}
Oh meine Brüder im Glauben und meine Gefährten im Dienst am Qur'an! Ihr wisst ja bereits und ihr solltet es auch wissen, dass in dieser Welt wie auch in jener Welt immer dann, wenn ihr den Lohn eurer Guten Werke erst dort erwartet (uhrevi hizmetler), der wichtigste Grundsatz, die stärkste Kraft, der willkommenste Fürsprecher, der beständigste Stützpfeiler (nokta-i istinad), der kürzeste Weg zur Wahrheit, das willkommenste wortlose Gebet, das wundersamste Fahrzeug (auf dem Weg) zu eurem Ziel, die erhabenste Eigenschaft und der reinste Gottesdienst (ubudiyet) die
Wahrhaftigkeit ist. Doch obwohl nun die Wahrhaftigkeit so viele lichtgleiche hervorragende Eigenschaften und so viele Kräfte umfasst und obwohl wir in diesen schrecklichen Zeiten und angesichts solch fürchterlicher Feinde, einem starken Druck, überwältigender ketzerischer Neuerungen (bid'a) und Verirrungen (dalalet) so außerordentlich wenige, so schwach, arm und kraftlos sind, wurde doch durch Gottes Güte (ihsan-i Ilahi) eine so große und schwere, allumfassende heilige Aufgabe im Glauben und Dienst am Qur'an auf unsere Schultern gelegt. Mit Sicherheit sind wir daher mehr als jeder andere dazu verpflichtet mit unserer ganzen Kraft nach Wahrhaftigkeit zu streben. Diesem Geheimnis der Wahrhaftigkeit in uns Raum zu verschaffen ist für uns ganz besonders notwendig. Sonst wäre, was wir bisher in unserem heiligen Dienst erreicht haben, zum Teil wieder verloren, könnte nicht weiter bestehen und wir würden dafür unnachsichtlich zur Verantwortung gezogen werden. Dann würde zum Schaden unserer ewigen Glückseligkeit die nachdrückliche Warnung wahr werden, die in dem göttlichen Verbot der Ayah
{"Und verkauft nicht meine Zeichen für ein Geringes!" (Sure 2, 41)}
enthalten ist, und unsere Wahrhaftigkeit um irgendwelcher bedeutungsloser, völlig überflüssiger, schädlicher, trauriger, selbstsüchtiger, abscheulicher, scheinheiliger (riya), niedriger Gefühle und eines persönlichen Vorteils willen zu Grunde gehen. Wir würden die Rechte unserer Brüder verletzen. Es wäre ferner eine Pflichtverletzung im Dienst am Qur'an und letztendlich auch eine Respektlosigkeit gegenüber den heiligen Glaubenswahrheiten.
Meine Brüder! Es gibt vor einer großen und bedeutenden guten Tat viele Schaden bringende Hindernisse. Die Teufel lassen diejenigen, welche an solchen Diensten mitwirken niemals in Ruhe. Wegen dieser Hindernisse der Teufel ist es notwendig, sich auf die Kraft der Wahrhaftigkeit
verlassen zu können. Ihr solltet euch vor all den Dingen hüten, welche eure Wahrhaftigkeit zerstören könnten, so wie man sich auch vor Schlangen und Skorpionen hüten muss. So wie bereits Hasret Yusuf, mit dem der Friede sei, sagte:
{"Denn fürwahr, die Seele verlangt gebieterisch nach dem Bösen, es sei denn, dass mein Herr sich erbarmt." (Sure 12, 53)}
soll man dem, was die Seele gebietet, nicht vertrauen. Lasst euch nicht täuschen durch das, was eure Ichsucht (enaniyet) und eure Seele (nefs-i emmare) euch gebieten! Um Wahrhaftigkeit zu erlangen und zu wahren und Hindernisse aus dem Weg zu räumen, solltet ihr die folgenden Regeln als Wegweiser gebrauchen:
Eure erste Regel:
In euren Werken das Wohlgefallen Gottes suchen. Wenn Er zufrieden ist, ist es nicht mehr wichtig, wenn auch die ganze Welt euch zürnt. Wenn Er etwas annimmt, bleibt es ohne Wirkung, wenn alle Welt es ablehnt. Nachdem Er etwas mit Wohlgefallen angenommen hat, Er es wünscht und Seine Weisheit es erfordert, wird Er, auch wenn ihr Ihn nicht ausdrücklich darum gebeten habt, alle Welt in Bewegung setzen, es anzunehmen. Auch sie werden damit zufrieden sein. Aus diesem Grund ist das elementare Ziel in diesem Dienst, direkt und unmittelbar einzig das Wohlgefallen Gottes des Gerechten zu erstreben.
Eure zweite Regel:
(Dies soll nicht gesagt sein) um die im Dienst des Qur'an stehenden Brüder zu kritisieren, ihnen eure Überlegenheit vor Augen zu führen und so Gefühle der Eifersucht und des Neides in ihnen wachzurufen. Denn so wie des Menschen eine Hand nicht gegen die andere konkurriert, ein Auge nicht das andere kritisiert, die Zunge nicht dem Ohr widerspricht und das Herz die Mängel des Geistes (ruh) nicht offen legt, so ergänzt es vielmehr dessen Unvollkommenheiten, bedeckt seine
Fehler, hilft ihm in seiner Not und unterstützt ihn in (der Erfüllung) seiner Aufgaben. Denn andernfalls würde das Leben im Dasein des Menschen ausgelöscht, sein Geist entflieht und der Leib zerfällt. Und so wie ferner die Räder in einer Maschine nicht miteinander konkurrieren, einander nicht zu überflügeln und zu überbieten trachten, sich vielmehr ihre Fehler nachsehen, einander nicht kritisieren, sich ihren Arbeitseifer nicht gegenseitig zerstören und einander nicht aufhalten, so helfen sie auch einander, nach besten Kräften ihre Bewegungen auf das gemeinsame Ziel hin auszurichten. So bewegen sie sich denn in völliger Übereinstimmung und Einheit (ittifaq) dem Ziel ihrer Schöpfung entgegen. Sollte sich hier auch nur ein ganz klein wenig Angriffslust oder Herrschsucht einschleichen, so würde das die ganze Fabrik vollkommen durcheinander bringen, unproduktiv werden und ohne Ergebnis bleiben. So würde denn ihr Besitzer die ganze Fabrik vollständig zerlegen und demontieren.
So seht denn nun, ihr Schüler der Risale-i Nur und Diener des Qur'an! Ihr und wir bilden die Organe eines geistigen Körpers, würdig, den Namen eines vollkommenen Menschen zu tragen. Wir gleichen dem Räderwerk einer Fabrikationsanlage, die als Endprodukt eine Ewige Glückseligkeit in einem Ewigen Leben herstellt. Wir sind die Schauerleute, die auf einem Boot ihres Herrn arbeiten, das die mohammedanische Gemeinschaft (Ummat-i Muhammed) zum Haus des Friedens (Daru-s'Selam) an der Küste der Sicherheit (selamet) bringen wird. So bedürfen wir sicherlich der Solidarität und wahrhaftigen Einheit, die wir im Geheimnis der Wahrhaftigkeit zu gewinnen trachten sollten, ja geradezu gewinnen müssen und die sicher gestellt wird durch vier Einzelpersonen, deren vereinigte geistige Kräfte 1111 Personen ergeben. Wenn in der Tat drei Elif {Arabischer Buchstabe "a", gleichzeitig die Zahl "1" (A.d.Ü.)} sich nicht vereinigen, so behalten sie den Wert von drei. Vereinigen sie sich aber im
Geheimnis der Zahlen, so erlangen sie gemeinsam den Wert von 111. Wenn vier mal vier voneinander getrennt bleiben, so ergibt sich ein Wert von sechzehn. Wenn aber mit dem Geheimnis der Bruderschaft und Einheit (uhuvvet ve ittihad) als Ziel und einer gemeinsamen Aufgabe (ittifaq-i vazife) als Klangakkord (tevafuq), Schulter an Schulter in einer Reihe stehen, dann haben sie die Kraft und den Wert von 4444. Auch zahlreiche historische Ereignisse bezeugen, dass im Geheimnis der Wahrhaftigkeit die moralische Stärke und der Wert von sechzehn zu jedem Opfer bereiten Brüdern größer war als der von viertausend.
In einer wahrhaftigen und aufrichtigen Gemeinschaft kann jeder einzelne mit den Augen der anderen Brüder sehen und auch mit ihren Ohren hören. Bilden zehn Männer eine wirkliche Einheit, so hat jeder Einzelne in gewissem Maße die moralische Stärke und den Wert, als könne er mit dem Blick von zwanzig Augen zugleich schauen, dem Verstand von zehn Gehirnen zugleich denken, dem Gehör von zwanzig Ohren zugleich lauschen und der Arbeitskraft von zwanzig Händen zugleich zupacken.
Eure dritte Regel:
Ihr müsst wissen, dass eure ganze Stärke in der Wahrhaftigkeit (ikhlas) und in der Wahrheit (haq) liegt. In der Tat liegt die Stärke in der Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Und auch die Ungerechten gewinnen Stärke durch die Wahrhaftigkeit und Offenheit, die sie in ihren Ungerechtigkeiten an den Tag legen.
Ein Beweis dafür, dass die Stärke in der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit (haq ve ikhlas) liegt, ist in der Tat unser Dienst (hizmet). Durch ein klein wenig Wahrhaftigkeit in unserem Dienst wird diese Behauptung dargelegt und sie ist auch ein Beweis in sich selbst. Denn im Vergleich zu dem Dienst an Wissenschaft und Glaube, den wir seit mehr als zwanzig Jahren in meiner Heimat und in Istanbul geleistet haben, wurde hier mit euch in sieben, acht Jahren hundertfach mehr geleistet. Dabei gab es in meiner Heimat und auch in Istanbul hundert-, ja sogar tausendmal mehr, die mir geholfen haben, als es hier, wo ich alleine bin, Brüder gibt, die bei mir sind. Denn hier bin ich alleine, ein Fremder, der zur Hälfte nicht unterrichtet ist und noch dazu von ungerechten Beamten observiert und verfolgt wird. Ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass der Dienst, den ich mit euch in diesen sieben, acht Jahren versehen habe und die geistige Kraft, die hundertfach mehr Erfolg als die früheren Dienste zeitigt, aus eurer Wahrhaftigkeit erwachsen sind. Ich muss außerdem bekennen, dass ihr mich durch eure wahrhaftige Wahrhaftigkeit in einem gewissen Grade vor der Heuchelei (riya) bewahrt habt, die bisher meine Seele unter dem Schleier von Ruhm und Ehre (sheref) umschmeichelt hatte. Möge Gott es wollen, dass ihr zu einer vollkommenen Wahrhaftigkeit gelangen und auch mich zu dieser vollkommenen Wahrhaftigkeit hinführen werdet. Ihr wisst ja, dass Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, mit diesem seinem an die Zeiten der alten Propheten gemahnenden Wunder und Hasret Ghauthu-l'Adham, dessen Geheimnis Gott heiligen möge, mit jener seiner in die Zukunft weisenden Wundergabe euch auf Grund des Geheimnisses der Wahrhaftigkeit ihre Anerkennung
bezeigen werden. Sie unterstützen und trösten euch und spenden euch im Geiste Beifall. Ihr solltet in der Tat nicht daran zweifeln, dass diese ihre Anerkennung euch auf Grund eurer Wahrhaftigkeit zuteil wird. Wenn ihr diese Wahrhaftigkeit wissentlich verletzt, werden sie es sein, von denen ihr dafür die Schläge erhaltet. Doch es sind Schläge von liebender Hand, die euch den "Zehnten Blitz" wieder in Erinnerung rufen sollen.
Wenn ihr euch weiterhin die Unterstützung von solchen Größen des Geistes wünscht, wie sie jetzt hinter euch stehen, und sie euch als Lehrer vor Augen wünscht, so erstrebt eine vollkommene Wahrhaftigkeit nach der Ayah
{"...und sie geben ihnen den Vorzug vor sich selbst." (Sure 59, 9)}
Gebt den Seelen eurer Brüder vor eurer eigenen Seele den Vorzug in Ehre (sheref), Rang (maqam) und Zuwendung bis hin zu jenen Dingen, wie den materiellen Vorzügen, an denen sich eure Seele erfreut, ja selbst noch den ganz unschuldigen, harmlosen Vorzügen, wie einem bedürftigen Gläubigen eine tiefgreifende Glaubenswahrheit in ihrer ganzen Schönheit darzulegen. Soweit möglich ermuntere einen Kollegen, der es bisher noch nicht gewagt hat, nun selbst auch einmal zu unterrichten, damit deine eigene Seele nicht in Selbstzufriedenheit verfalle. Wenn du einen Wunsch hast, wie etwa: "Lass mich ihm diese Gute Nachricht überbringen und auslegen, sodass ich das Verdienst (sevab) erwerbe", so ist dies sicherlich keine Sünde und auch kein Fehler (zarar), doch könnte das Geheimnis der Wahrhaftigkeit zwischen euch dadurch verletzt (sirr-i ikhlasa zarar) werden.
Eure vierte Regel:
Hier geht es darum, sich die Tugenden und Verdienste seines Bruders in sich selbst vorzustellen, dafür dankbar zu sein und auf die Ehren (sheref) stolz zu sein, die ihm zuteil werden. Bei den Ordensleuten (= Sufis) kennt man dafür die Ausdrücke "Aufgehen im Scheich (fena fi-sh'Scheich)" und "Aufgehen im Propheten (fena fi-r'Rassul)".
Ich bin kein Sufi. Doch sie ermöglichen uns mit diesen Grundsätzen auf unserem Weg in der Formulierung "Aufgehen in den Brüdern (fena fi-l ikhvan)" auch einen guten Grundsatz. Unter den Brüdern nennt man das «tefani», d.h. ineinander aufgehen, d.h. seine eigenen, seelenartigen Empfindungen (nefs) vergessen und in den Gefühlen der Brüder und in ihren Vorzügen mitleben. Bekanntlich ist ja die Grundlage unseres Weges die Brüderlichkeit. Es geht hier nicht um ein Verhältnis wie zwischen Vater und Sohn, zwischen Scheich und Muried (Lehrer und Schüler, Meister und Lehrling). Es geht um das Verhältnis wahrer Brüderlichkeit. (In einer solchen Bruderschaft) kann höchstens noch eine Meisterschaft (ustadlik) vermitteln. Damit unser Lebensweg Freundschaft (Khalil) sei, muss auch unsere Lebensart freundschaftlich (khillet) sein. Was aber diese Freundschaft (khillet) betrifft, so verlangt sie von uns, ein enger Freund (dost), ein hingebungsvoller Kamerad (arkadash), ein herzlich willkommener Weggefährte (yoldash) und ein edelgesinnter Bruder (kardesh) zu sein. Der Grundstein dieser Freundschaft (khillet) ist aber aufrichtige Wahrhaftigkeit. Ein Mensch, der diese aufrichtige Wahrhaftigkeit zerstört, stürzt von der Spitze des Turmes auf dem höchsten Gipfel dieser Freundschaft herab. Und er fällt vielleicht (mit Leib und Seele) in ein ganz tiefes (schwarzes) Loch. Und es gibt dazwischen keinen Ort, an dem er sich festklammern könnte.
Und in der Tat kann man da zwei Wege erkennen. Da gibt es die Möglichkeit, dass die, welche sich jetzt von unserem Weg, der Großen Straße des Qur'an, trennen, unwissentlich den Mächten des Unglaubens helfen, die unsere Feinde sind. Doch möge Gott es wollen, dass diejenigen, welche auf dem Weg der Risale-i Nur in den heiligen Bereich des Qur'an eintreten, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, dem Licht, der Wahrhaftigkeit und den Glauben immer mehr Kraft hinzufügen und so niemals in derartige Abgründe hinabstürzen werden.
Oh meine Gefährten im Dienst am Qur'an!
Eine der wirkungsvollsten Methoden Wahrhaftigkeit zu gewinnen und zu bewahren, ist die "Verbundenheit mit dem Tod(Rabita-i Maut)".
So wie es in der Tat die Länge unserer Wunschliste ist, die unsere Wahrhaftigkeit verfälscht und uns zu Scheinheiligkeit (riya) und irdischen Genüssen verführt, so ist es diese Verbundenheit mit dem Tod, die einen Abscheu gegenüber der Heuchelei (riya) bewirkt und Wahrhaftigkeit gewinnen lässt. Das heißt, man sollte an seinen Tod denken und sich dabei vor Augen rufen, dass diese Welt vergänglich ist, und sich so vor den Einflüsterungen seiner Seele retten. In der Tat haben die Sufis und die Leute der Wahrheit aus den Ayat des Weisen Qur'an:
{"Jede Seele wird den Tod kosten." (Sure 3, 185) "Du wirst fürwahr sterben und fürwahr werden auch sie sterben." (Sure 39, 30)}
ihre Lehren empfangen, (den Gedanken) ihrer Verbundenheit mit dem Tod zum Ausgangspunkt für ihre Wanderschaft gemacht und die Illusion von einem ewigen Leben (in dieser Welt) als Quelle einer (endlos) langen Wunschliste verstopft. Als eine Art Arbeitshypothese oder Bild (vor ihrem geistigen Auge) stellen sie es sich vor, schon gestorben zu sein und gewaschen zu werden und malen es sich aus, wie sie ins Grab gelegt werden. So beständig und immer weiter nachdenkend wird die gebietende Seele über dergleichen Erwägungen und Vorstellungen (tahayyul) betrübt und verzichtet so bis zu einem gewissen Grade auf ihre ach so lange Wunschliste. Diese (innere) Verbundenheit bietet eine Menge Vorteile. So heißt es in einer Hadith, die uns in dieser Verbundenheit mit dem Tod unterrichtet:
{"Denkt häufig an den, der die Genüsse zerstört!" (oder so ähnlich)}
Das heißt: Denkt häufig an euren Tod, der euch eure Genüsse verdirbt und versalzt.
Da unser Weg jedoch nicht der eines Ordens ist, sondern (der Weg) der Wahrheit, brauchen wir diese Verbundenheit in der Theorie und in der Kontemplation (hayal) nicht nach Art der Sufis zu machen. Es entspricht ohnehin nicht dem Weg der Wahrheit. Denn man sollte nicht in dieser Weise seinen Blick in die Zukunft lenken und so die zukünftige Zeit in die Gegenwart holen, sondern besser vom Standpunkt der Wahrheit aus mit seinen Gedanken von der Gegenwart in die Zukunft gehen. In der Tat kann man seine eigene Leiche als einzige Frucht an der Spitze dieses Baumes betrachten, der unser kurzes Leben ist, ohne dass es dazu einer Arbeitshypothese oder bildlichen Vorstellung bedürfte. So wie er dabei einzig seinen eignen Tod erblickt, so erblickt er dort auch das Ende seiner Zeit, sobald er nur ein wenig zur anderen Seite hinüber geht. Wenn er dann noch ein wenig weiter zur anderen Seite hinüber geht, wird er dann auch Zeuge des Endes der Welt und es öffnet sich ihm der Weg zur vollkommenen Wahrhaftigkeit.
Die zweite Methode:
Sobald wir in der Kraft eines sicheren, durchforschten Glaubens (iman-i tahqiq) und mit Hilfe der Lichter, die aufstrahlen, wenn wir über den Glauben nachdenken, so wie Er der Schöpfung immanent ist und uns in der Erkenntnis ihres Meisters (marifet-i Sani') gegeben wird, einen gewissen Sinn für die göttliche Gegenwart (huzur) erlangt haben und nun daran denken, dass der allbarmherzige Schöpfer (Khaliq-i Rahiem) allgegenwärtig ist und alles überschaut und bei keinem anderen nach seinem Wohlwollen suchen außer bei Ihm und uns dabei darüber im Klaren sind, dass in Seiner Gegenwart nach anderen zu schauen oder von ihnen Hilfe zu erwarten in Seiner Gegenwart einem guten Betragen widerspricht, so kann man vor einer derartigen Heuchelei (riya) bewahrt bleiben und Wahrhaftigkeit erlangen. Wie dem auch sei, es gibt dabei viele Grade und Abstufungen. Wie viel Nutzen auch immer sich jemand als seinen Anteil davon nimmt, so viel wird auch sein Nutzen sein. Es werden eine Reihe von Tatsachen in der Risale-i Nur erwähnt,
die einen Menschen vor der Heuchelei (riya) bewahren können, sodass er Wahrhaftigkeit gewinnt. So begnügen wir uns damit hier darauf hinzuweisen und wollen somit hier die Diskussion beenden.
Von den wahrlich zahlreichen Dingen, welche die Wahrhaftigkeit zerstören und in die Heuchelei (riya) treiben, wollen wir hier kurz drei erläutern.
Erstens:
Ein Konkurrenzkampf (rekabet), der um eines materiellen Vorteils willen entsteht, untergräbt nach und nach die Wahrhaftigkeit. Zum einen vereitelt er das Ziel dieses Dienstes, zum anderen vernichtet er auch den materiellen Gewinn selbst. In der Tat hat dieses Volk immer den Gedanken der Hochachtung und der Unterstützung für diejenigen, die für die Wahrheit des Islam und für die jenseitige Welt arbeiten, genährt. Und es hat sich tatsächlich um die Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse gekümmert, mit der Absicht, an ihrer aufrichtigen Wahrhaftigkeit und an ihren treuen Diensten auf seine Weise Anteil zu haben. Damit sie keine Zeit verlieren sollten, hat es ihnen mit materiellen Gütern wie Spenden und Geschenken geholfen und ihnen seine Verehrung bezeigt. Aber diese Unterstützung und Hilfe darf man nicht verlangen, vielmehr werden sie frei gegeben. Ja, man sollte noch nicht einmal in seinem Herzen einen Wunsch hegen, auch nicht durch seine Haltung eine Hoffnung zum Ausdruck bringen. Vielmehr wird alles auf unerhoffte Weise gegeben. Anderenfalls erleidet die Wahrhaftigkeit Schaden. Außerdem gerät man so in die Nähe des in folgendem Qur'anvers ausgesprochenen Verbotes:
{"Ihr sollt meine Zeichen nicht um ein Geringes verkaufen." (Sure 2, 41)}
Dadurch ist der Wert der guten Taten teilweise abgebrannt (und vernichtet). Wer sich also nach einem materiellen Vorteil sehnt und in dieser Hoffnung verweilt, der wird danach in der Triebhaftigkeit seiner Seele und durch
seine Eigenliebe, um sich einen solchen Vorteil nicht von einem anderen wegnehmen zu lassen, gegen seinen wahren Bruder und Kollegen im gemeinsamen Dienst ein Gefühl der Rivalität (rekabet) in sich entwickeln. Die Wahrhaftigkeit erleidet Schaden; der heilige Dienst geht zu Grunde. In den Augen der Leute der Wahrheit entsteht eine beklemmende Situation. Und auch der materielle Gewinn geht verloren. Nun ja... Dieser Teig benötigt noch viel Wasser. Ich will hier abbrechen und nur noch zwei Beispiele erzählen, um das Geheimnis der Wahrhaftigkeit und die herzliche Gemeinschaft (ittifaq) unter meinen wahren Brüdern zu bestärken.
Erstes Beispiel:
Um großen Reichtum zu erlangen und gewaltig an Macht zu gewinnen, haben Weltleute, ja sogar ein Teil der Politiker und bedeutende Komiteen im menschlichen Gemeinschaftsleben den Grundsatz der Gütergemeinschaft für sich zur Richtschnur gemacht. Trotz aller Missbräuche und Nachteile gewinnen sie ganz erstaunlich an Macht und erzielen einen großen Gewinn. Aber trotz aller Nachteile einer solchen Gütergemeinschaft ändert sich durch die Gemeinschaft im Wesentlichen nichts. Jeder einzelne ist wie einem Besitzer über das Ganze vergleichbar, wenn auch nur unter bestimmten Umständen und in gewisser Hinsicht; aber einen Vorteil davon hat er nicht. Nun gut...
Wenn dieser Grundsatz der Gütergemeinschaft im Bemühen um das Jenseits praktiziert wird, bewirkt er einen gewaltigen Gewinn ohne einen Nachteil. Denn der gesamte Besitz bringt es als ein Geheimnis mit sich, dass er vollständig in die Hände jedes einzelnen Teilhabers dieser Gesellschaft übergeht. Wenn nämlich von vier, fünf Männern, welche die Absicht haben, eine Gesellschaft zu begründen, einer Petroleum, einer einen Docht, einer einen Lampensockel, einer einen Zylinder und einer ein Streichholz herbeibringt, so können sie die Lampe entzünden. Jeder wird Besitzer einer vollständigen Lampe. Wenn dann jeder Gesellschafter je an einer Wand einen
großen Spiegel hat, so erscheint in jedem einzelnen Spiegel zusammen mit dem ganzen Zimmer eine fehlerfreie und ungeteilte Lampe.
Genauso verhält es sich auch mit der gemeinschaftlichen Arbeit, was die jenseitigen Güter im Geheimnis der Wahrhaftigkeit, die Gesellschaft im Geheimnis der Brüderlichkeit, die Solidarität im Geheimnis der Eintracht betrifft: Die Summe dieser Gemeinschaftsarbeit und all das Licht, das aus ihr entspringt, wird jedem Einzelnen zur Gänze in seinem Arbeitsheft gutgeschrieben. Dies wurde so von allen Meistern und Heiligen geschaut und bezeugt und ist ein Erfordernis der allumfassenden Barmherzigkeit und der Freigiebigkeit Gottes.
Oh meine Brüder! Insha'allah wird materieller Gewinn euch nicht zu einem Konkurrenzkampf (rekabet) verführen. Aber aus dem Blickwinkel des Nutzens (für das Leben im) Jenseits betrachtet ist es möglich, dass ihr euch täuschen lasst, so wie ein Teil der Ordensleute sich täuschen lässt. Aber wo ist da das bisschen persönlicher Verdienst und wo ist, entsprechend dem obigen Beispiel, Verdienst und Licht aus der gemeinsamen Arbeit?
Zweites Beispiel:
Die Handwerker, die mit den Produkten ihrer handwerklichen Arbeit einen möglichst hohen Gewinn erzielen wollen, erwerben durch ihre Zusammenarbeit einen bedeutenden Reichtum. So haben zehn Leute, die Nähnadeln produzieren wollten, versucht, diese Stück für Stück herzustellen. Als Ergebnis dieser Einzelherstellung waren nur drei Nadeln täglich die Frucht eines solchen Ein-Mann-Betriebes. Dann haben sich diese zehn Leute nach den Regeln einer Produktionsgemeinschaft vereinigt. Einer bringt Eisen, einer versorgt den Ofen, einer bohrt die Löcher, einer steckt das Material in den Ofen, einer spitzt die Nadeln an usw. Jeder einzelne beschäftigt sich nur mit einer Teilarbeit in seinem Nadelproduktionsbetrieb. Da die Arbeit jedes einzelnen einfach ist, geht keine Zeit verloren, jeder gewinnt in seinem Tun an Geschicklichkeit und macht seine Arbeit
sehr schnell. Danach haben sie unter sich das Ergebnis ihrer Produktion geteilt, die nach den Gesetzen der Arbeitsteilung und Gemeinschaftsproduktion durchgeführt wird. Sie haben gesehen, dass auf jeden einzelnen statt dreier Nadeln täglich dreihundert Nadeln entfielen. Dieses Beispiel wurde unter den weltlichen Handwerksleuten sprichwörtlich und regte sie zur Gemeinschaftsproduktion an.
Oh meine Brüder! Wenn nun schon in weltlichen Angelegenheiten, bei opaker Materie, auf diese Weise Einheit und Verbundenheit so gewaltige Summen als Gewinn abwerfen, so könnt ihr einen Vergleich anstellen, was für einen großen Gewinn es erbringt, wenn sich durch die Gnade Gottes in dem Spiegel jedes einzelnen das Ganze reflektiert, das von einer anderen Welt und leuchtend ist, und das man nicht in kleine Stücke zu zerteilen braucht. Jeder einzelne bekommt so viel Belohnung wie die ganze Gemeinschaft verdient. Diesen gewaltigen Gewinn soll man nicht durch Konkurrenzkampf und Unaufrichtigkeit (rekabet ve ikhlassizlik) entgleiten lassen.
Zweitens:
Das zweite Hindernis, an dem die Wahrhaftigkeit zerbricht, ist die Ruhmsucht (hubb-u djah), die aus dem Geltungsbedürfnis (shöhret) entsteht und unter dem Deckmantel von Würde und Ehre (sheref) die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und öffentliche Anerkennung zu gewinnen sucht. Seinem Bedürfnis nach Selbstbestätigung zu schmeicheln und das Tier in uns auf ein Postament zu erheben, ist eine äußerst bedenkliche Krankheit des Geistes und öffnet der Scheinheiligkeit (riya) und Selbstgefälligkeit, was "unbewusste Abgötterei (shirk-i khafi)" genannt wird, die Türe.
Oh meine Brüder! Unsere Berufung im Dienst am Weisen Qur'an ist die Wahrheit und Bruderschaft. Das Geheimnis der Bruderschaft ist: "Jeder soll mit seiner Persönlichkeit in den Brüdern aufgehen {In der Tat glücklich der, welcher aus dem Strom, der aus der Lehre des Qur'an gespeist wird, einen See voll wohlschmeckendem Wasser (gemeint ist die Bruderschaft des Islam - A.d.Ü.) zu füllen vermag, um seine eigene Persönlichkeit und seinen Egoismus in diesen See hineinzuwerfen und einem Stückchen Eises gleich in ihm zu verschmelzen.} und ihrer Seele vor
der eigenen Seele den Vorzug geben." Darum soll solch ein Konkurrenzdenken (rekabet), das aus dem Bedürfnis nach Amt und Würden (hubb-u djah) erwächst, unter uns keinen Einfluss haben. Denn es ist mit unserem Weg ganz und gar nicht zu vereinbaren. In Anbetracht der Tatsache, dass die Würde der Brüder im Allgemeinen jedem einzelnen von ihnen gehören sollte, hoffe ich nur, dass es den Risale-i Nur Schülern hundertfach ferne liegt, diese große Würde des Geistes für ein kleines, persönliches Stückchen Ruhm zu opfern und für eine Würde, die in Konkurrenzkämpfe (rekabet) verstrickt, nur sich selber sucht. In der Tat dürfen sich das Herz, der Verstand und die Seele der Risale-i Nur Schüler nicht zu solchen niedrigen, schadenträchtigen und gemeinen Dingen herabwürdigen. Doch jeder findet in sich seine Triebnatur (nefs-i emmare). Und zuweilen gehen diese Empfindungen der Seele in Fleisch und Blut über. Sie üben bis zu einem gewissen Grade, dem Geiste zum Trotz und entgegen Herz und Verstand ihren Einfluss aus. Ich will euren Geist oder euer Herz nicht verdächtigen, auch eurem Verstand nicht die Schuld geben. Auf Grund der Wirkung, die der Risale-i Nur gegeben ist, vertraue ich auch darauf. Doch eure Gefühle (nefs) und Neigungen (heva), Empfindungen (hiss) und Vorstellungen (vehim) führen euch zuweilen in die Irre. Deswegen werdet ihr manchmal nachdrücklich ermahnt. Dieser Nachdruck bezieht sich auf Gefühle und Neigungen, Empfindungen und Vorstellungen. Ihr sollt in eurem Verhalten Besonnenheit an den Tag legen.
Wäre es unsere Berufung, die Würde eines Scheichs anzustreben und gäbe es da nur eine einzige Rangstufe oder eine begrenzte Anzahl Rangstufen: Um diesen Rang würden sich mehrere talentierte Kandidaten bewerben. Es gäbe einen Wettbewerb um das eigene Fortkommen.
Aber unsere Berufung ist die Bruderschaft. Ein Bruder kann einem Bruder kein Vater sein und sich nicht so verhalten wie ein geistiger Meister (murshid). Die Stellung in der Bruderschaft ist weit gefächert. Sie kann nicht Anlass dafür sein, dass man sich müht, einander den Rang abzulaufen und versucht, sich gegenseitig zu überflügeln. Bestenfalls kann der Bruder dem Bruder Stütze und Rückhalt sein; so vervollkommnet er seinen Dienst. Hier ein Beweis, dass es auf den Wegen der Väter und Lehrer infolge des Wettstreits, durch ehrgeiziges Mühen um Lohn, in dem Streben nach dem Höchsten, zu äußerst mangelhaften und gefährlichen Ergebnissen kommen kann: Wenn unter Ordensleuten bei aller so bedeutsamen und erhabenen Vollkommenheit und aller Verdienste Divergenzen (ikhtilaf) und Rivalitäten (rekabet) auftreten, so ist das folgenschwere Ergebnis davon, dass ihre heiligen und erhabenen Kräfte den Stürmen der Ketzerei (bid'a) nicht standhalten können.
Drittens:
Das dritte Hindernis heißt Angst und Habsucht (tama). Dieses Hindernis wurde zusammen mit einigen anderen Hindernissen in der Abhandlung "Sechs Stürme" vollständig erklärt. Wir wollen es dabei belassen und bitten und flehen zu dem Herrn in der Überfülle Seines Erbarmens und machen dabei auch alle Seine Schönen Namen zu unseren Fürsprechern: "Gewähre uns allen, dass wir das Ziel der vollkommenen Wahrhaftigkeit erlangen mögen... Amen."
{"Oh Allah, bei Deiner Wahrheit und um der Sure der Wahrhaftigkeit willen, reihe uns ein unter diejenigen, welche als Deine wahrhaftigen Diener nach Wahrhaftigkeit streben. Amen. Amen. Amen..." "Gepriesen seist Du! Kein Wissen besitzen wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende und der Allweise!" (Sure 2, 32)}
Ein persönlicher Brief an einige Brüder
Zu diesem kostbaren Brief, in dem unser Lehrer auf fünf Arten der Anbetung hinweist, wollten wir von ihm selbst eine Erklärung erhalten. Die Niederschrift der von ihm empfangenen Erklärung lautet wie folgt:
1. Sie ist der geistige Kampf gegen die Leute des Irrweges, welcher der wichtigste Kampf ist.
2. Sie ist der Dienst, bei dem man seinem Meister zur Verbreitung der Wahrheit Hilfe leistet.
3. Sie ist der Dienst, den man den Muslimen im Glauben leistet.
4. Sie ist das Studium der Wissenschaften, das man mit dem Griffel betreibt.
5. Sie ist eine Art der Anbetung, die man im Nachsinnen (tefekkur) vollzieht und die manchmal in einer Stunde mehr Segen bringen kann als ein Jahr der Anbetung.
Rüschtü, Husrev, Re'fet
Für diejenigen unter meinen Brüdern, welche des Schreibens überdrüssig geworden, während der drei dem Gebet geweihten Monate der Niederschrift der Risale-i Nur, die aus fünferlei Gesichtspunkten zu den Gebeten gezählt wird, anderen Gebeten den Vorzug geben, möchte ich den Geist einer Ehrwürdigen Überlieferung erläutern.
Erstens:
Das heißt, "Bei der Wiederversammlung wird die Tinte, welche die Gelehrten für die Wahrheit verwandt haben, dem Blut der Märtyrer gleichgeachtet, erhält deren Wert."
Zweitens:
D.h.: "Wer in einer Flut der Ketzerei, inmitten eines Stroms von Irrlehren an den Edlen Sitten und der Wahrheit des Qur'an festhält und ihr dient, wird den Lohn von hundert Märtyrern gewinnen."
Oh ihr Brüder, die ihr in eurem Hang zur Faulheit des Schreibens überdrüssig geworden seid und der Mystik (sofi-meshreb) zuneigt! Diese beiden Überlieferungen (vom Gottesgesandten Mohammed - Friede und Segen sei mit ihm) zeigen: Wenn ihr in einer solchen Zeit der Wahrheit des Glaubens, dem Geist des Gesetzes (esrar-i sheriat) und den Edlen Sitten (sunnet-i seniye) einen Dienst erweist, so wird euch für das schwarze Licht, das euren segensreichen, reinen Stiften entströmt, oder ein Dirhem Tinte, das dem Wasser des Lebens gleicht, am Tage der Wiederversammlung Lohn gleich hundert Dirhem Blut der Märtyrer gegeben werden. So sollt ihr euch dementsprechend um diesen Gewinn bemühen.
In dieser Überlieferung wird der Ausdruck "Gelehrter (âlim)" verwendet. Viele von uns sind aber nur Schreiber.
Wer ein Jahr diese Abhandlungen und Lektionen liest und dabei versteht und sie annimmt, der wird ein bedeutender, wahrhaftiger Gelehrter unserer Zeit werden. Auch wenn er sie nicht versteht, so ist dennoch in Anbetracht dessen, dass die Schüler der Risale-i Nur eine geistige Körperschaft (shahs-i manevi) bilden, ohne Zweifel diese geistige Körperschaft einem Gelehrten unserer Zeit gleich. Was aber eure Schreibstifte betrifft, so sind sie die Finger dieser geistigen Verkörperung. Und obwohl ich es meiner Ansicht nach gar nicht wert bin, wohlan denn, so sei es, dass ihr in meiner Nachfolge mich auf Grund eurer guten Meinung über mich in meiner Armseligkeit als einen Lehrer betrachtet, mir die Stellung eines Gelehrten zuerkennt und so mit mir verbunden seid. Da ich nun ungebildet und ohne Schreibzeug bin, mögen eure Stifte als mein
Schreibstift angesehen werden. So werdet ihr den in der Überlieferung aufgezeigten Lohn erhalten.
Zweiundzwanzigster Blitz
{"Im Namen des Hochgelobten."}
Dem gerechten Bürgermeister von Isparta, der Justiz und der Polizeibehörde, sowie meinen persönlichsten, innigsten und aufrichtigsten Brüdern gewidmet, biete ich diese kleine so persönliche Abhandlung an, die ich vor zweiundzwanzig Jahren geschrieben habe, als ich mich in Barla, Kreis Isparta, befand, weil sie in Beziehung zu Volk und Regierung steht. Falls es für geeignet erscheinen sollte, mögen einige Exemplare davon mit den neuen oder auch mit den alten Buchstaben getippt werden, damit auch diejenigen, die seit fünfundzwanzig, dreißig Jahren noch nach meinen Geheimnissen suchen und darin forschen, begreifen: Wir haben gar keine versteckten Geheimnisse. Und unser verborgenstes Geheimnis, das ist diese Abhandlung. Sie sollen sie kennenlernen!
Obwohl diese Abhandlung die Dritte Streitfrage der Siebzehnten Notiz innerhalb des Siebzehnten Blitzes wäre, wurde sie wegen ihrer Dringlichkeit und des Umfangs ihrer Fragen und wegen ihrer glänzenden und ausdrucksstarken Antworten als Zweiundzwanzigster Blitz des Einunddreißigsten Briefes in die Sammlung der Blitze eingereiht. Man muss also dieser Abhandlung in diesem Band einen Platz einräumen. Von privatem Charakter (mahrem)\ist sie meinen innigsten, aufrichtigsten und treuesten Brüdern zugeeignet.
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Denn wer auf Allah vertraut, dem ist Er sein Genügen. Wahrlich, was Allah sich vorgenommen hat, das erreicht Er; und schon hat Er allen Dingen Seine Bestimmung auferlegt." (Sure 65, 3)}
Diese Streitfrage besteht aus drei Hinweisen.
Erster Hinweis:
Eine wichtige Frage, die mich persönlich und auch die Risale-i Nur betrifft.
Warum mischen sich die Weltleute bei jeder Gelegenheit in deine religiösen Angelegenheiten ein, obwohl doch du dich niemals in weltliche Angelegenheiten einmischt? Mischt sich denn irgendein Gesetz irgendeiner Regierung in das Leben derer, die sich aus der Welt zurückgezogen haben und als Einsiedler leben wollen?
Der Neue Said beantwortet diese Frage mit Schweigen. Der Neue Said sagt: "Diese Antwort möge die Vorausschau Gottes geben." Gleichzeitig aber spricht zwangsläufig der Verstand des Alten Said, den er sich vorübergehend geliehen hat:
Wer auf diese Frage eine Antwort geben sollte, ist die Regierung von Isparta, sind die Einwohner dieser Stadt. Denn Volk und Regierung dieser Stadt sind von dem, was diese Frage beinhaltet, weit stärker betroffen als ich.
Denn warum sollte ich, da nun einmal die Regierung, die aus Tausenden von Personen besteht und ihr Volk, das aus Hunderttausenden von Personen besteht und dazu verpflichtet ist, sich um mich zu kümmern und mich zu verteidigen, mich unnötigerweise mit meinen Anklägern konferieren und mich selbst verteidigen? Denn seit neun Jahren lebe ich in dieser Stadt und allmählich kehre ich ihren weltlichen Angelegenheiten immer mehr den Rücken. Keiner meiner Lebensumstände ist zugedeckt und keiner meiner Seelenzustände noch bekleidet geblieben. Jede auch noch so private und zur Veröffentlichung am wenigsten geeignete Abhandlung ist in die Hände der Regierung und mancher Abgeordneten geraten. Als ob ich durch mein Verhalten die Weltleute in Angst und Schrecken versetzt, mich in ihre Regierungsangelegenheiten eingemischt, dergleichen vorbereitet oder auch nur beabsichtigt hätte, hat die Regierung dieser Stadt und der Kreis mich neun Jahre lang beobachten lassen und hinter mir her spioniert, und das, obwohl ich zu denen, die zu mir gekommen sind selbst noch über meine Privatangelegenheiten offen gesprochen habe. Doch die Regierung hat sich mir gegenüber schweigend verhalten und sich nicht weiter mit mir befasst. Hätte ich das Glück von Volk und Vaterland zerstört, ihm für die Zukunft irgendeinen Schaden zugefügt und mich auf diese Weise schuldig gemacht, dann sind alle, angefangen vom obersten Gouverneur bis hin zum letzten Polizeikommandanten eines Dorfes seit neun Jahren dafür verantwortlich. Nun müssten sie sich von ihrer Verantwortung wieder rein zu waschen mich verteidigen und denen, die bisher versucht hatten, Kuppeln aus Seifenschaum zu errichten, erklären, dass eine Kuppel eine Seifenblase sei. Ist dem aber so, dann überlasse ich ihnen die Antwort auf diese Frage. Nun aber ist das Volk dieser Stadt in seiner Gesamtheit mehr als ich dazu verpflichtet, mich zu verteidigen, und zwar deshalb, weil wir seit neun Jahren mit Hunderten von Abhandlungen, die einen spürbaren Eindruck hinterlassen
haben, aber auch mit der Tat für das ewige Leben in jener, die Stärkung des Glaubens und ein glückliches Leben in dieser Welt für das Volk, das uns ein gesegnetes ist von Gott, Bruder und Freund gearbeitet haben. Es ist niemandem auf Grund dieser Abhandlungen Wirrwarr oder Schaden erwachsen, und dass auf staatlicher oder gemeindlicher Ebene irgendwelche Eigensüchteleien zum Vorschein gekommen wären. Allah sei Dank (lillahilhamd) dafür, dass die Stadt Isparta den segensreichen Status des alten Heiligen Damaskus erworben hat und durch die Risale-i Nur den segensreichen Status, hinsichtlich seiner Kraft überzeugten Glaubens und seiner Festigkeit im Glaubensleben, und den segensreichen Status also von der Art der El-As-har-Universität in Ägypten. Ihre Räume dienen dem Gebet und dem Unterricht in religiösen wie weltlichen Fächern. Sie ist eine theologische Hochschule für die gesamte islamische Welt. Durch die Risale-i Nur wurde es erreicht, dass in dieser Stadt die Stärke des Glaubens und die Begeisterung für die religiösen Verpflichtungen die allgemeine Gleichgültigkeit überwinden halfen. Dadurch ist sie im Vergleich mit allen anderen Städten zu einer hohen religiösen Haltung erstarkt. Deshalb müssen alle Menschen in dieser Stadt, selbst dann, wenn sie glaubenslos sein sollten, mich und die Risale-i Nur verteidigen. Da meine Verteidigung für sie eine sehr bedeutsame Verpflichtung darstellt, für meine Wenigkeit die Aufgabe beendet ist und - Dank sei Allah (lillahilhamd) - Tausende von Schülern an meiner Statt gearbeitet haben und noch heute arbeiten, sehe ich keine Veranlassung mehr dazu gegeben, mein so winzig kleines Recht zu verteidigen. Ein Mann, der so viele tausend Anwälte hat, braucht sich nicht mehr selbst zu verteidigen.
Zweiter Hinweis:
Antwort auf eine kritische Frage.
Warum spielst du den Beleidigten? Nicht ein einziges Mal bist du bei uns vorstellig geworden; geschwiegen hast du! Du beschwerst dich lautstark über uns und sagst:
"Ihr schikaniert mich." Aber bei uns gibt es ein Prinzip, eine eigene Devise als Erfordernis unserer Zeit. Deren Praktizierung aber akzeptierst du nicht für dich. Wer die Gesetze anwendet, kann ungesetzlich nicht handeln; wer sie aber nicht akzeptiert, ist ein Revolutionär. Um es kurz zu machen; in diesem Zeitalter der Befreiung, der Epoche des Republikanismus, die gerade erst begonnen hat, spielst du manchmal den Hodja und manchmal den Einsiedelmann, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen und bemühst dich darum, dir außerhalb der Einflusssphäre der Regierung Macht und eine soziale Stellung zu verschaffen, obwohl es doch ein Grundgesetz unserer Regierung geworden ist, zu Gunsten des Gleichheitsprinzips mit der bisherigen Vor- und Gewaltherrschaft, der Unterdrückung auf Grund von Privilegien zu brechen, was du ja schon in deinem ganzen äußeren Gehabe zum Ausdruck bringst und was auch dein bisheriger Lebenslauf beweist. Dieses dein Verhalten mag man, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, in der Unterdrückung und unter der Despotie der Bourgeoisie gutheißen, aber bei uns haben sich nach der Aufklärung und dem Sieg der Klasse der Proletarier die Grundsätze des endgültigen Sozialismus Bolschewismus ganz klar gezeigt, was unserer Arbeit sehr gut zustatten kommt und weshalb wir auch diese Prinzipien des Sozialismus akzeptiert haben. Deshalb kommt uns deine Haltung schwer an, läuft unseren Prinzipien zuwider. Deswegen hast du kein Recht, dich wegen der zusätzlichen Auflagen bei uns zu beschweren und auch noch den Beleidigten zu spielen!?
Wer im gesellschaftlichen Leben der Menschheit einen neuen Weg einschlagen will, kann nichts Gutes zustande bringen, keinen Fortschritt erzielen und keinen Erfolg haben, wenn er sich hier in dieser Welt nicht im Einklang mit den Naturgesetzen (kanun-u fitrat) befindet. Was er tut, erweist sich als destruktiv und alle seine Handlungen werden ihm als Bosheit angerechnet. In Anbetracht dieser
Tatsache erweist es sich als notwendig, den Naturgesetzen zu folgen. Doch dem Gesetz der völligen Gleichheit kann man erst dann folgen, wenn man die Natur (fitra) des Menschen ändert und die der Erschaffung des Menschengeschlechtes zu Grunde liegende Weisheit abschafft. Ich selbst bin wahrhaftig von Hause aus und meiner Lebensweise nach ein Proletarier und gehöre meinem Wesen und Denken entsprechend zu denen, die das Prinzip der "Gleichheit aller vor dem Gesetz" akzeptieren. Auf Grund meines Mitempfindens und meines islamischen Glaubens opponiere ich seit eh und jäh mit einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit gegen die Unterdrückung durch die privilegierte Klasse der Oberschicht, welche man die Bourgeoisie nennt. Deshalb bin ich auch mit meiner ganzen Kraft für absolute Gerechtigkeit und gegen die Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Ungerechtigkeit und Despotie.
Aber das Wesen (fitra) des Menschen und die tiefe Wahrheit und Weisheit, die ihr zu Grunde liegt, ist dem Gesetz von der absoluten Gleichheit entgegengesetzt. Denn so wie der allweise Schöpfer (Fatir-i Hakiem), um uns Seine Allmacht (kemal-i qudret) und Weisheit (hikmet) in ihrer Vollendung zu zeigen, aus wenigen Dingen eine große Ernte hervorbringt, auf eine einzige Seite viele Bücher schreiben lässt und durch ein einziges Ding viele Aufgaben erfüllen lässt, so lässt Er auch durch das Menschengeschlecht die Aufgaben von tausenderlei verschiedenen Arten (der Schöpfung) wahrnehmen.
Dies aber ist nun das gewaltige Geheimnis, dass Gott der Gerechte das Menschengeschlecht in seinem Wesen so erschaffen hat, dass es sich in Tausenden von Arten entfaltet und sich auf tausenden Stufen gleich ebenso vielen voneinander verschiedenen Tiergattungen zeigt. Doch ist der Mensch nicht einem Tier gleich, in seinen äußeren und inneren Fähigkeiten und Empfindungen begrenzt. Gott hat ihm die Freiheit geschenkt und ihm die Fähigkeit verliehen, auf unendlichen Stufen zu schreiten. Obwohl die Menschen in ihrer Gesamtheit nur eine einzige
menschliche Gattung bilden, kommen sie dennoch in ihrer Bedeutung Tausenden von Gattungen gleich, weshalb der Mensch auch die Bedeutung eines Stellvertreters Gottes auf Erden, der Frucht der Schöpfung und eines Königs über alles Lebendige erhalten hat.
Nun aber finden der Wettbewerb und alle menschlichen Qualitäten, die aus dem wahrhaftigen Glauben entstehen, ihre Ursache in der Mannigfaltigkeit der Arten, welche die so überaus notwendige Hefe zu dessen Entfaltung und das Antriebsaggregat zu dessen Fortentwicklung bilden. Diese menschlichen Qualitäten zu streichen oder auch nur zu nivellieren ist nur dann möglich, wenn man den Menschen in seinem Wesen verändert, seinen Verstand auslöscht, seine Seele zerstört und seinen Geist tötet. Nachfolgend dazu ein absolut zutreffendes (kamilane) {Eine Anspielung auf seinen Verfasser Namik Kemal. (A.d.Ü.)} Wort, würdig, dieser Unserer Zeit, die unter dem Deckmantel, eine freiheitlich demokratische Republik begründen zu wollen, eine furchtbare Schreckensherrschaft aufgerichtet hat, in ihr unmenschliches Antlitz zu schlagen, ein Wort, das jedoch fälschlicherweise einer hervorragenden Persönlichkeit, die diesen Schlag nicht verdient hätte, ins Gesicht geschleudert wurde:
Wie wäre es denn möglich durch Ungerechtigkeit und Despotie dem Volk zu nehmen sein Recht auf Freiheit und Demokratie!
Doch an Stelle dieses Ausspruchs will ich dieser unserer Zeit ins Gesicht schleudern:
Wie wäre es denn möglich durch die Ungerechtigkeit und Unterdrückung dem Volk die Freiheit der Wahrhaftigkeit zu rauben und sein Recht?
Versuche doch, ob du der Menschheit töten kannst das Herz und ihren Sinn für die Wahrhaftigkeit!
oder:
Wie wäre es denn möglich durch Ungerechtigkeit und Unterdrückung einer Seele alle ihre Vorzüge zu stehlen und ihre Verdienste?
Tatsächlich sind diejenigen Werte, die aus dem Glauben hervorgehen keine Quelle der Bevormundung und können auch kein Grund zur Unterdrückung sein. Bevormundung und Gewaltherrschaft auszuüben ist Charakterlosigkeit. So ist denn der bedeutendste Wesenszug eines Mannes von Charakter der, in all seiner Armut, Schwäche und Bescheidenheit teilzuhaben am menschlichen Gemeinschaftsleben. Gott sei Dank (lillahilhamd) hat mein Leben stets diesen Charakterzug (meshreb) getragen und wird auch weiter durch ihn geprägt sein. Ich will mich nicht rühmen zu behaupten, besondere Vorzüge zu besitzen, doch in der Absicht, mit den Worten der Sure: "Verkündige die Gnade deines Herrn" (Sure 93, 11) zu danken, darf ich sagen, dass Gott der Gerechte aus der Fülle Seiner Freigiebigkeit mir den Vorzug geschenkt hat, mich für mich selbst und für andere um das Verständnis von Glaube und Qur'an zu bemühen. Diese Gnade Gottes habe ich Gott sei Dank (lillahilhamd) in meinem ganzen Leben unter Gottes Führung um der islamischen Nation willen und zu deren Glück verwendet; und so wie Unterdrückung und Bevormundung für mich niemals in Frage kamen, so habe ich auch, worauf die Gunst der Massen gerichtet ist und was bei den Leuten als besonders populär gilt und wonach die meisten Gottvergessenen verlangen, auf Grund einer tiefen, entscheidenden Wahrheit verabscheut. Zwanzig Jahre meines früheren Lebens haben die Gunst der Massen und der Applaus des Volkes unerfüllt gelassen, weshalb ich sie für mich als schädlich ansehe. Doch nehme ich dies als ein Zeichen dafür, dass die Risale-i Nur bei ihnen gut angekommen ist und will sie deshalb nicht vor den
Kopf stoßen.
emischt und niemals in irgendeiner Weise gegen eure Grundsätze verstoßen. Neun Jahre Leben in der Gefangenschaft sind Zeugnis dafür, dass ich gar nicht die Absicht und auch nicht den Wunsch danach habe. Als sei ich ein ehemaliger Diktator, der ständig auf eine Gelegenheit wartet und nur mit dem Gedanken an Unterdrückung und Diktatur umgeht, spioniert ihr ständig hinter mir her und schikaniert mich; doch nach welchem Gesetz? Und in welcher Angelegenheit? Kein Staat der Welt dürfte sich eine solche über jedes Maß und Gesetz hinausgehende Handlungsweise erlauben, wie sie ganz offensichtlich auch nicht ein Einziger billigen würde. In einer derart üblen Weise gegen mich vorzugehen, bedeutet nicht nur für mich eine Kränkung, nein, die ganze Menschheit würde euch grollen, wüsste sie davon, ja vielleicht grollt euch die ganze Schöpfung deshalb!
Dritter Hinweis:
Eine spitzfindige Wahnsinnsfrage.
Da du nun einmal hier in diesem Lande lebst, musst du dich auch an die staatlichen Gesetze der Regierung dieses Landes halten. Warum versteckst du dich hinter deinem Einsiedlerleben und versuchst so, dich vor unseren Gesetzen zu drücken? Kurzum: Hinsichtlich unserer heutigen Staatsgesetze verstößt es gegen die Grundlagen unserer Republik, die auf dem Prinzip der Gleichheit basieren, wenn du, den wir doch gar nicht beauftragt haben, dir eine Vorrangstellung anmaßt und den Überlegenen spielst, indem du deinen Einfluss auf einen Teil des Volkes ausübst und es unterdrückst. Warum lässt du dir die Hand küssen, obwohl du doch gar kein entsprechendes Amt inne hast? "Auf mich sollen die Leute hören!", sagst du und maßt dir in deiner Selbstgefälligkeit ein Amt an?
Wer ein Gesetz anwenden will, sollte es zuerst
bei sich selbst anwenden, danach mag er es bei den anderen anwenden. Ihr wendet einen Grundsatz, den ihr bei euch selbst nicht anwendet, bei anderen an und hebt so diesen Grundsatz vor allen anderen zuerst bei euch selbst auf, brecht euer Gesetz, verstoßt gegen es. Denn auf mich wollt ihr ja dieses Gesetz von der absoluten Gleichheit anwenden. Doch ich sage euch:
Würde ein einfacher Soldat in der Gesellschaft den gleichen Rang einnehmen wie ein Marschall und würde ihn das Volk mit der gleichen Hochachtung aufnehmen, die es einem Marschall erweist und er das gleiche Entgegenkommen und die gleiche Hochachtung genießen wie jener, oder würde jener Marschall, als begäbe er sich auf die Stufe eines einfachen Soldaten hinab, in seiner äußerlichen Erscheinung das Aussehen dieses einfachen Soldaten annehmen und würde jener Marschall über seine eigentliche Aufgabe hinaus keine persönliche Bedeutung mehr zukommen, ja würde man selbst einen Chef des Stabes, welcher als der Klügste von allen eine Armee zum Sieg geführt hatte, im allgemeinen Interesse, in der Hochachtung, die man ihm entgegenbringt und in der Verehrung, die er genießt, einem einfältigen Soldaten gleich behandeln, dann könntet ihr auch zu mir - eurem Gleichheitsgesetz entsprechend - sagen: "Nenne dich nicht einen Hodja! Billige es nicht, dass man dir Ehre (hurmet) erweist! Stelle deinen eigenen Wert (fazilet) in Abrede (inkar)! Mache aus dir einen Bediensteten deines Dieners! Werde Kollege unter den Bettlern!"
Diese Ehre (hurmet), dieser Rang (maqam), dieses Ansehen ist auf die Arbeitszeit beschränkt und gebührt nur unseren Funktionären. Du bist ein Mann ohne Funktion. Du darfst nicht unseren Funktionären gleich es billigen, dass das Volk dir Ehre erweist!?
Bestünde ein Mensch nur aus seinem Körper... und bliebe der Mensch für immer als ein Unsterblicher in dieser Welt... und schlössen sich des Grabes Pforten... und tötete man den Tod... und bliebe dann der
Dienst nur auf die militärische und auf die zivile Beamtenschaft beschränkt... Dann enthielten eure Worte noch einen Sinn. Da aber ein Mensch nun einmal nicht nur aus seinem Körper besteht, trennt man nicht, um den Körper zu ernähren, Herz (= Gemüt), Zunge (= Sprache), Verstand und Gehirn (= Bewusstsein) von ihm ab und gibt es ihm zu essen. Man zerstört diese Organe nicht. Sie sind im leib-seelischen Stoffwechsel mit inbegriffen.
Da sich aber nun einmal die Pforten des Grabes nicht schließen werden und da nun einmal die Sorge um die Zukunft auf der anderen Seite des Grabes die wichtigste Frage jedes Einzelnen ist, sind die Aufgaben, die es mit sich bringen, dass das Volk Gehorsam leistet und Ehrerbietung erweist, sicherlich nicht auf den sozialen, politischen und militärischen Aufgabenbereich, also nur das rein irdische Leben des Volkes, beschränkt. Wie es also in der Tat eine Aufgabe ist, den Reisenden auf ihrem Weg einen Pass mitzugeben, so ist es auch eine Aufgabe, den Reisenden in die Ewigkeit sowohl einen Pass als auch ein Licht auf den dunklen Weg mitzugeben, eine Aufgabe, wie es keine wichtigere Aufgabe gibt, als diese.
Diese Aufgabe zu verkennen, hieße den Tod leugnen und das Zeugnis der dreißigtausend Zeugen, die täglich mit dem Siegel ihres Leichnams die Verkündigung اَلْمَوْتُ حَقٌ {"Tod ist Wahrheit"} unterzeichnen, zu verleugnen und zu verkennen. Es gibt also einen inneren (manevi) Aufgabenbereich zur Erfüllung innerer (manevi) Grundbedürfnisse. In diesen Aufgabenbereich hinein gehört als wichtigstes der Glaube, der Unterricht im Glauben und die Stärkung im Glauben als ein Pass für die Reiseroute in die Ewigkeit, als die Taschenlampe des Herzens im Dunkeln der Zwischenwelt (Berzah) und Schlüssel der Ewigen Glückseligkeit. Bestimmt werden Wissende in der Wahrnehmung dieser Aufgabe in gar keinem Fall, undankbar
gegenüber den ihnen verliehenen Gnadengaben, Gottes Geschenke und den Wert des Glaubens für nichts erachten und auf die Stufe des Lasters und der Sünde hinunterfallen. Sie werden sich nicht mit sittenwidrigen Neuerungen (bid'a) und Lastern von Menschen niedriger Gesinnung besudeln!... Deswegen also dieses Einsiedlerleben, das euch nicht gefällt und das ihr für eine Ungleichheit haltet!
Deshalb und auf Grund dieser Wahrheit rede ich nicht mit Hochmütigen (mutekebbir) wie ihr, die mich gleich euch mit Schikanen einschüchtern wollen und deren Ichsucht mit dem Bruch des Gleichheitsgesetzes ein geradezu pharaonisches Ausmaß angenommen hat. Denn Hochmütigen (mutekebbir) gegenüber darf man nicht bescheiden auftreten, weil solcher Art Bescheidenheit als Würdelosigkeit ausgelegt würde. Vielmehr sage ich den gemäßigten, bescheidenen und gerechten unter ihnen: "Gott sei Dank (felillahilhamd) kenne ich meine eigenen Fehler und Schwächen." Ich bin nicht so stolz, eine Ehrenstellung unter den Muslimen zu verlangen, sondern sehe alle Zeit meine grenzenlosen Fehler und meine Nichtigkeit, finde Trost, wenn ich um Vergebung (istighfar) bete und erwarte von den Leuten nicht Verehrung sondern ihr Gebet. Im übrigen glaube ich, dass alle meine Kollegen den Weg, den ich eingeschlagen habe, bereits kennen. Es ist dabei jedoch Folgendes zu beachten: Wenn ich der tiefen Wahrheit des Weisen Qur'an diene und während ich die Glaubenswahrheiten unterrichte, nehme ich um der Wahrheit und der Ehre (sheref) des Qur'an willen vorübergehend jenes ehrwürdige (sheref) Verhalten an, wie es während der Unterrichtsstunden notwendig ist, um den Ernst und die Würde (izzet) der Wissenschaft zu bewahren, meinen Nacken nicht zu beugen vor denen, die in die Irre gehen. Ich meine, dass es den Weltleuten nicht zusteht, Gesetze zu erlassen, die in diesem Punkt das Gegenteil bewirken sollen!
Es ist bekannt, dass überall auf der Erde der Wissenschaftler sein
Urteil vom Standpunkt der Erkenntnis und der Wissenschaft aus abgibt. Wo und bei wem auch immer er Erkenntnis und Wissenschaft bemerkt, nährt er ihm gegenüber auf Grund der gemeinsamen Berufung ein Gefühl der Freundschaft und kommt ihm mit Ehrerbietung entgegen. Ja selbst dann, wenn sich zwei Staaten im Spannungskriegszustand miteinander befinden, wird ein Professor des einen Landes bei einem Besuch in dem anderen Lande von den dortigen Wissenschaftlern um des Ansehens (hurmet) der Wissenschaft und der Erkenntnis willen mit allen Ehren (hurmet) willkommen geheißen werden.
Dennoch war es gerade ein Teil der Angehörigen des Erziehungsministeriums und auch ein kleiner Teil der offiziellen Hodjas, der einen Wissenschaftler schikaniert, Feindseligkeiten gegen ihn genährt und ihn geradezu gekränkt hat; einen Angehörigen des selben Vaterlandes und des gleichen Glaubens, sowohl Freund als auch Bruder; einen Wissenschaftler, der, als England durch sein oberstes Konsistorium der Wissenschaften an das Amt des Scheichu-l'Islam sechs Fragen richtete, auf die es vom Scheichu-l'Islam eine Antwort in sechshundert Worten erwartete, in sechs Worten eine Antwort verfasste, die ihre volle Anerkennung fand, obwohl das Erziehungsministerium ihm diese Anerkennung schuldig blieb; einem Wissenschaftler, der den wichtigsten und grundlegendsten Prinzipien der fremden Philosophen wahre Wissenschaft und Erkenntnis entgegenzusetzen und sie dadurch zu überwinden vermochte; einem Wissenschaftler, der, gestützt auf die Kraft der Erkenntnis und der Wissenschaft, die er aus dem Qur'an empfangen hatte,
die Philosophen Europas herauszufordern vermochte; einen
Wissenschaftler, der sechs Monate vor der Zeit der Konstitutionellen Monarchie (1908-18) in Istanbul sowohl die Gelehrten als auch die Studenten zu einem Disput eingeladen und dabei alle Fragen fehlerfrei richtig beantwortet hatte, ohne selbst eine Frage zu stellen; einem Wissenschaftler, der sein ganzes Leben dem Glück des Volkes gewidmet hatte; einem Wissenschaftler, der in Hunderten von Abhandlungen, die er in türkischer Sprache, der Sprache des Volkes, veröffentlicht hatte, das Volk unterrichtet und ihm Klarheit geschenkt hatte. Was soll man nun in Anbetracht eines solchen Zustandes noch dazu sagen! Soll man so etwas "Zivilisation" nennen? Ist das Begeisterung für die Wissenschaft? Ist das Begeisterung für das Vaterland? Ist das Begeisterung für das Volk? Ist das Begeisterung für die Republik? Nein, keineswegs! Ganz und gar nicht! Das ist überhaupt nichts. Vielmehr ist es göttliche Fügung (qader-i Ilahi). Die göttliche Fügung hat sich diesem Wissenschaftler gegenüber feindselig (adavet) gezeigt, wo er auf Freundschaft gehofft hatte, damit sich sein Wissen nicht angesichts der Verehrung (hurmet) in Heuchelei (riya) verkehre und damit er die Wahrhaftigkeit erlange...
Nachwort
Eine Kritik, die nach meiner Meinung sowohl erstaunlich als auch eine Quelle der Dankbarkeit ist:
Die außergewöhnliche Selbstgefälligkeit (enaniyet) der Weltleute bewirkt, dass diese, sobald es um Selbstgefälligkeit geht, eine derartige Empfindsamkeit entwickeln, dass man ihr den Grad eines Wunders (keramet) beimessen müsste, wenn sie ihnen bewusst wäre, oder aber, man müsste dieser Verhaltensweise den Grad der Genialität verleihen. Es handelt sich bei dieser Verhaltensweise um Folgendes:
Sie empfinden jede, ein bisschen scheinheilige (riya) Selbstgefälligkeit in meiner Haltung, auch wenn meine Seele und mein Verstand sie nicht wahrnehmen, mit der Empfindlichkeit der Waage ihrer eigenen Selbstgefälligkeit und widersetzen sich dieser meiner, von mir selbst nicht empfundenen Selbstgefälligkeit auf das heftigste. In acht, neun Jahren habe ich acht-, neunmal die Erfahrung gemacht, dass ich über die Vorausschau Gottes (qader-i Ilahi) nachgedacht habe, wenn wieder einmal eine Schikane gegen mich vorgekommen, sie sich mir gegenüber ungerecht verhalten hatten und ich mich fragte: "Warum hat mich diese Heimsuchung Gottes in der Gestalt dieser Menschen betroffen?" So begann ich wieder die Listen und Ränke meiner Seele zu untersuchen.
Da verstand ich, dass entweder meine Seele sich ihrem Wesen entsprechend mir selbst unbewusst der Selbstgefälligkeit zugeneigt, oder aber mich bewusst in die Irre geführt hatte.
So sagte ich mir, dass die Vorausschau Gottes bei aller Ungerechtigkeit der Rechtlosen mir gegenüber gerecht gehandelt hatte. Zum Beispiel: In diesem Sommer hatten mich meine Freunde auf ein schönes Pferd gesetzt. Ich habe einen Spazierritt unternommen. Ohne mir dessen
bewusst zu werden erwachte in meiner Seele ein so stolzes Wohlgefühl, dass die Weltleute dermaßen heftig auf meine Laune reagierten, dass sie mir nicht nur meinen heimlichen Wunsch verleideten, sondern auch auf viele andere Dinge den Appetit verdarben. Es gibt sogar noch ein Beispiel: Es war diesmal nach dem Monat Ramadan, dass meine Seele - ohne dass ich es bemerkte - nachdem ein Imam, der zu seiner Zeit ein sehr großer und heiliger Mann gewesen war, weil er die Gabe der Vorausschau besaß, uns seine Aufmerksamkeit zugewandt hatte, meine Brüder rechtschaffen und aufrichtig waren, meine Gäste eine hohe Meinung von mir hatten und mir ihre Ehrerbietung bezeigten, heuchlerisch (riya) so tat, als ob sie (= meine Seele) dankbar sein wolle und so gerne eine Haltung der Selbstgefälligkeit angenommen hätte. Da spürten diese Weltleute plötzlich in ihrer grenzenlosen Empfindlichkeit selbst noch das letzte Stäubchen meiner Heuchelei (riya) auf und fingen plötzlich an, mich zu belästigen. Ich sage Gott dem Gerechten Dank dafür, dass ihre Ungerechtigkeit mir zu einem Fahrzeug zur Wahrhaftigkeit geworden ist.
{"Oh Herr! Ich nehme meine Zuflucht zu Dir vor den Nachstellungen und Bosheiten der Teufel. Ja zu Dir, oh mein Herr nehme ich meine Zuflucht, wenn sie sich mir nahen. Oh Allah! Oh Du mein Beschützer, bester unter allen, die mich behüten! Behüte mich und bewahre die Herausgeber dieser Abhandlungen und ihre Gefährtinnen vor der Bosheit der Dschinnen und Menschen und vor der Bosheit der Leute des Irrweges, der Vertreter sittenloser Neuerungen, der Leute, die sich auflehnen (gegen Deine Weisungen)! Gepriesen seist Du! Kein Wissen besitzen wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Du bist der Allwissende, der Allweise!"}
Dreiundzwanzigster Blitz
Obwohl dies eigentlich die Sechzehnte Notiz zum Siebzehnten Blitz wäre, wird sie wegen ihrer Bedeutung als Dreiundzwanzigster Blitz bezeichnet. Sie vernichtet die aus dem Naturalismus herauswachsende atheistische Philosophie, ohne ihr noch die Chance zu einer späteren Renaissance zu lassen. So zertrümmert sie den Grundstein des Unglaubens vollständig.
Mit dieser Abhandlung wird anhand von neun Unmöglichkeiten, die mindestens neunzig Unmöglichkeiten beinhalten, dargelegt, in welchem Maße die wahre Natur des Weges, den die Gottesleugner unter den Naturalisten beschritten haben, unvernünftig und hässlich ist und in welchem Grade sie auf Aberglauben beruht. Weil aber diese Unmöglichkeiten schon in anderen Abhandlungen teilweise dargelegt wurden, können wir hier einige Stufen überspringen, indem wir uns ganz kurz fassen. Es steigt daher plötzlich der Gedanke auf: Wie konnten nur so berühmte und vernünftige Philosophen einen so deutlichen und offensichtlichen Aberglauben annehmen und auf einem solchen Wege fortschreiten? Ja, sie konnten die wahre Natur des von ihnen eingeschlagenen Weges nicht wahrnehmen. Aber die Realität dieses Weges, die Prämisse und das Resultat dieses Weges ist dergestalt, dass ich bereit bin, den Zweiflern mit ganz klaren und unwiderlegbaren Zeugnissen ausführlich darzulegen und zu beweise
dass eine Zusammenfassung ihrer Lehre,
deren Voraussetzungen und zwangsläufige Resultate hässlich und abscheulich und dem Verstande unzugänglich sind und werde dies auch am Ende jeder Unmöglichkeit, die ich niederschreiben werde, darlegen.
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Es sprachen ihre Gesandten: Gibt es etwa einen Zweifel an dem Schöpfer der Himmel und der Erde?" (Sure 14, 10)}
Diese ehrwürdige Ayah zeigt, in der Form einer verneinenden Fragestellung, indem sie aussagt, dass es "über Gott den Gerechten keinen Zweifel gibt und geben darf", dass die Existenz und Einheit Gottes (vahdaniyet-i Ilahiye) ganz offensichtlich ist.
1338 bin ich nach Ankara gegangen. Ich sah, dass sich in die Überzeugung von Leuten des Glaubens, die sich des Sieges der islamischen Armee über die Griechen erfreuten,
sehr schlimme atheistische Gedankengänge einzuschleichen begannen, die sie zerstören und vergiften könnten. "Oh weh!", sagte ich, dieser Drache nagt ja an den Fundamenten (erkan) unseres Glaubens (iman). Weil diese Ayah ganz offensichtlich die Existenz und Einheit (vahdaniyet) Gottes verständlich macht, habe ich durch sie Hilfe erhalten, aus dem Weisen Qur'an ein starkes Zeugnis entnommen und eine arabische Abhandlung geschrieben, die geeignet ist, das Haupt des Atheismus zu spalten. Ich ließ sie in der Druckerei "Yeni Gün" in Ankara drucken. Weil es aber nur wenige gab, die arabisch konnten und daher diesem Werk auch kaum eine Bedeutung beimaßen, zeigte dieses doch so kurz und treffend formulierte und starke Zeugnis leider keine Wirkung. Dieses atheistische Gedankengut aber entwickelte sich leider und gewann an Macht. Ich muss also zwangsläufig dieses Zeugnis erklären, soweit wie dies in türkischer Sprache möglich ist. Da einzelne Teile dieses Zeugnisses bereits in einigen Abhandlungen vollständig erläutert wurden, werde ich sie hier nur kurz niederschreiben. Viele Zeugnisse, die sich in anderen Abhandlungen verstreut finden, sind teilweise in diesem Zeugnis zusammengefasst. Jedes einzelne von ihnen kann als eines seiner Komponenten betrachtet werden.
Einführung
Oh Mensch! Wisse, dass es fürchterliche Worte gibt, die den Mund der Menschen verlassen, ohne dass sie deren Gottlosigkeit bemerken. Leute des Glaubens gebrauchen sie, ohne es zu wissen. Wir erklären hier drei äußerst wichtige von ihnen.
"Es wurde verursacht", d.h. die Ursachen haben diesen sichtbaren Dingen ihre Existenz verliehen.
"Es bildete sich selbst", d.h. es bildete sich aus sich selbst heraus, entstand, erwuchs.
"Es erfordert die Natur", d.h. es ist natürlich, die Natur erfordert es, bringt es zu Stande.
Ja, es gibt nun einmal ein Dasein und das kann auch nicht geleugnet werden. Zudem gleicht jedwedes Sein einem Kunstwerk, das mit Sinn und Verstand ins Dasein gerufen wurde. Überdies besteht es nicht ewig und ohne Anfang (qadim), sondern wurde neu geschaffen. Auf jeden Fall, oh du Atheist, wirst du sagen, dass das, was hier ist, z.B. dieses Tier da durch Ursachen der unbelebten Natur hervorgebracht wurde, d.h. dieses Sein wurde durch die Verknüpfung von Ursachen ins Dasein gebracht... oder aber: Es hat sich selbst eine Form gegeben... oder aber: Es kam unter der Einwirkung natürlicher Ursachen als natürliches Ergebnis zu Stande... oder aber: Es ist ein Geschöpf aus der Kraft des Glorreichen-Allmächtigen (Qadir-i Dhu l-Djelal).
Da aber dem Verstande außer diesen vier Wegen kein anderer Weg mehr offen bleibt, steht uns, wenn wir mit absoluter Sicherheit beweisen können, dass die oben genannten drei Wege nicht gangbar sind, auf einem Aberglauben beruhen, außerhalb des Möglichen liegen, zwangsläufig und offensichtlich nur noch der vierte Weg als die ohne allen Zweifel einzig sichere Lehre von der (alles bewirkenden Einheit und) Gegenwart (vahdaniyet) Gottes offen.
Erste Streitfrage:
Ein Geschöpf hat durch eine Verknüpfung der Ursachen aus der unbelebten Welt Gestalt angenommen und ist so ins Dasein getreten. Wir wollen hier unter sehr vielen Unmöglichkeiten nur drei erwähnen.
Erste Unmöglichkeit:
In einer Apotheke findet man Hunderte von Gläsern, die mit den verschiedenartigsten Substanzen angefüllt sind. Man wolle nun aus diesen Heilmitteln eine wundersame Salbe gewinnen, die lebendig sein soll! Außerdem ist es erforderlich, aus ihnen ein wundersames lebendes Heilmittel herzustellen. Wir sind gekommen und haben in dieser Apotheke eine große Menge dieser lebendigen Salbe und von diesem lebenden
Heilmittel gesehen. Wir haben jede dieser Salben untersucht.
Wir haben gesehen: Jedes dieser Gläser enthält eine bestimmte Menge, ein, zwei Dirhem (= 6 Gramm) von diesem, drei, vier Dirhem von jenem, sechs, sieben Dirhem von etwas anderem usw. Es wurden verschiedene Mengen unterschiedlicher Arzneimittel verwendet. Hätte man ein Dirhem mehr oder weniger entnommen, wäre diese Salbe nicht mehr lebensfähig, könnte ihre Wirkung nicht mehr zeigen. Und auch dieses lebende Heilmittel haben wir geprüft. Es wurde aus jedem Glas eine ganz bestimmte Menge entnommen. Wäre es auch nur um ein Geringes mehr oder weniger gewesen, hätte das Heilmittel seine Besonderheit verloren. Es gibt nicht nur mehr als fünfzig verschiedene Gläser, man hat auch noch unterschiedliche Mengen von jedem Mittel verwendet, da jedes von ihnen sein eigenes Maß kennt.
Ja, wäre es denn auf irgendeine Weise möglich und wahrscheinlich, dass die aus den verschiedenen Gläsern entnommenen unterschiedlichen Mengen dadurch zueinander gekommen sein und sich miteinander vermischt haben könnten, dass irgendein sonderbarer Zufall oder vielleicht ein Windstoß die Gläser umgeworfen habe, wodurch die Arzneien ausgelaufen seien und jede von ihnen sich mit dem nur allein ihr eigenen genauen Maß zu einer bestimmten Salbe vereinigt hätten... Gäbe es vielleicht etwas, das ein noch größerer Aberglaube, noch unwahrscheinlicher und absurder wäre als dieses? Könnte ein Esel selbst eine doppelte Eselei annehmen und dann ein Mensch werden, er würde sagen: "Eine solche Idee kann ich nicht annehmen" und davonlaufen.
So ist es also wie in diesem Beispiel: Alles, was Leben in sich enthält, ist sicherlich eine solche lebendige Salbe. Und jede Pflanze gleicht einem lebenden Heilmittel, das aus vielen unterschiedlichen Substanzen zusammengesetzt ist, für das viele spezifische Maßeinheiten angewandt wurden. Dies den Ursachen und Elementen der
Natur zuzuschreiben und zu sagen: "Die Ursachen haben dies bewirkt" ist hundertfach weiter von jeglicher Vernunft entfernt, unmöglicher und absurder, als die Entstehung einer Salbe in einer Apotheke durch das Umstürzen der Gläser.
Alles Lebendige in dieser großen Apotheke der Welt kann nur aus der unendlichen Weisheit (hikmet), dem grenzenlosen Wissen (ilim) und einem alles umfassenden Willen (irade) Gestalt annehmen, durch Urteil und Bestimmung (qadha ve qader) des Urewigen-Weisen (Hakiem-i Edhel), der die Waage hält. Ein Unglückseliger, welcher sagt: "Dies haben die Ursachen der natürlichen Elemente zu Stande gebracht, die taub und blind, einem Sturzbach ohne Grenzen gleich dahinströmen", ein dummer Phantast, der sagt: "Dies wunderbare Heilmittel ist ganz von selbst entstanden, dadurch, dass die Gläser umgestürzt und ausgelaufen sind." Er spricht noch törichter als ein törichter Trunkenbold. Ja, dieser Unglaube, diese Torheit, diese närrische Trunkenheit ist reine Phantasterei.
Zweite Unmöglichkeit:
Wäre nicht ein jedes Ding dem Glorreichen-Allmächtigen (Qadir-i Dhu l-Djelal) zuzuschreiben, welcher Ein-Einziger (Vahid-i Ahad) ist, sondern auf Ursachen aus der unbelebten Natur zurückzuführen, dann müsste notwendigerweise bei der Entstehung alles dessen, was da lebt, eine Vielzahl von Ursachen und Elementen beteiligt sein. Es ist aber ganz offensichtlich eine Unmöglichkeit, dass in dem Körper eines so kleinen Geschöpfes wie einer Mücke eine derart große Anzahl von Vektoren (esbab), die voneinander verschieden und einander entgegengesetzt sind, in so vollkommener Ordnung, mit einer so empfindlichen Maßgenauigkeit und in so vollständiger Übereinstimmung wirksam werden, dass jeder, der auch nur so viel Bewusstsein besitzt, wie sich im Flügel einer Mücke befindet, sagen muss: "Das ist unmöglich. Das kann nicht sein." Ja, der winzige Leib einer Mücke steht mit den meisten Ursachen und Elementen des Alls in Verbindung, ist sogar dessen Zusammenfassung. Wären sie nicht
dem Urewigen-Allmächtigen (Qadir-i Edhel) zuzuschreiben, dann müssten diese Ursachen der unbelebten Natur selbst neben ihrem Körper zu finden sein, oder aber in ihren winzigen Leib eintreten. Ja, es wäre sogar erforderlich, dass sie in jede einzelne Facette ihres Auges eintreten, die ein verkleinertes Abbild ihres Körpers ist. Denn, wenn die Ursache aus der unbelebten Natur kommt, muss sie auch neben oder in dem verursachten Objekt wirksam werden. In diesem Falle müsste man davon ausgehen, dass sie wie ein Meister im Inneren der biologischen, chemischen und physikalischen Bausteine und Grundelemente dieser winzigen Zelle arbeiten, dort, wo nicht einmal die Spitzen der Fühler einer Mücke mehr Platz finden.
Also würde sich einer solchen Hypothese selbst noch ein ungewöhnlich spitzfindiger unter den Sophisten schämen.
Dritte Unmöglichkeit:
Eine unverrückbare Grundregel sagt: اَلْوَاحِدُ لاَ يَصْدُرُ اِلاَّ عَنِ الْوَاحِدِ {"Einheit entsteht nur aus der Einheit."} das heißt, wenn eine Existenz Einheit (vahdet) besitzt, kann sie nur von einem Einzigen (vahid), von einer einzigen Hand geschaffen sein. Besonders dann, wenn dieses Ding in der so vollendeten Ordnung seiner Existenz und mit den ihm eigenen Maßen alle Aspekte des Lebens in sich gesammelt aufzeigt, kann sie offensichtlich nicht durch viele verschiedene Hände geschaffen worden sein, weil das eine Ursache zu Streitigkeiten (sebeb-i ikhtilaf) und Verwirrungen wäre, sondern muss vielmehr von der Hand eines Allmächtigen (Qadir) und Allweisen (Hakiem) geschaffen worden sein. Da dieses Durcheinander verschiedener Hände in einem Durcheinander unendlich vieler lebloser Naturelemente, die - taub und blind, ohne Verstand und Bewusstsein - nicht ihre Grenze kennen, diese Blindheit und Taubheit von Ursachen
auf unendlich vielen grenzenlos möglichen Wegen, Verbindungen und Vereinigungen nur noch vermehrt, ist es so weit davon entfernt, noch vernünftig zu sein, wie die gleichzeitige Annahme von hundert Unmöglichkeiten, dass diese Existenz in ihrer Wohlgeordnetheit und Proportionalität und Einheitlichkeit sich darauf stützen sollte.
Aber selbst dann, wenn wir einmal von dieser Unmöglichkeit absehen wollen, müssen sicherlich dennoch die Einwirkungen der Ursachen der unbelebten Natur eine Angriffs- und Berührungsfläche haben. Aber diese Berührungsfläche mit den Ursachen der unbelebten Natur kann bei lebenden Wesen nur deren Oberfläche sein. Trotzdem sehen wir, dass das Innere der Lebewesen zehnmal mehr geordnet ist als deren Äußeres, feiner gestaltet und künstlerisch noch vollendeter, obwohl es die Hände der Ursachen der unbelebten Natur nicht erreichen und nicht berühren können. Obwohl die winzigsten Pflanzen und die winzigsten Tierchen künstlerisch noch weit staunenswerter gestaltet und noch einzigartiger geschaffen sind als die großen Geschöpfe, hieße es, hundertfach blind und tausendfach taub zu sein, wollte man dies starren, einsichtslosen, grobkörnigen, weitmaschigen, grobkalibrigen, einander entgegengesetzten, blinden Ursachen zuschreiben, wo doch die Hände und die Werkzeuge der Ursachen der unbelebten Natur in ihnen gar keinen Platz finden, ja sie noch nicht einmal auch nur von außen berühren können!...
Aber es gibt noch eine Zweite Streitfrage.
Sie behauptet: "Es hat sich von selbst gebildet." Das heißt: Es ist aus sich selbst heraus entstanden.
Nun, auch dieser Satz enthält viele Unmöglichkeiten. Er ist in vielfacher Hinsicht unmöglich und irrig. Um ein Beispiel zu geben, wollen wir drei von diesen Unmöglichkeiten erklären.
Erste Unmöglichkeit:
Oh du hartnäckiger Leugner (muannid munkir)! Dein Egoismus hat dich so dumm gemacht, dass er dich
in deinen Schlussfolgerungen dahin führt, hundert Unmöglichkeiten zugleich anzunehmen. Denn du existierst; und du bist nicht einfach ein Stückchen tote, unveränderliche Materie. Vielmehr gleichst du einer wohldurchdachten und aufs Beste konstruierten Maschine, die sich ständig erneuert und einem wundervollen Palast, der beständig renoviert wird. Die Zellen deines Körpers sind zu jeder Zeit an der Arbeit. Dein Körper lebt in ständiger Beziehung mit dem All, was besonders seine Erhaltung und Funktionstüchtigkeit und was seine Fortpflanzung betrifft, und befindet sich in einem beständigen Austauschprozess. Die Zellen, die in deinem Körper arbeiten, achten darauf, dass diese Beziehungen nicht beeinträchtigt werden und dieser Austauschprozess nicht gestört wird. Dabei gehen sie mit Umsicht vor und es ist, als seien sie auf den Kosmos hin ausgerichtet. Sie fassen zuerst deine Ausrichtung auf den Kosmos ins Auge und erfüllen danach ihre Aufgabe. In deinem äußerlichen und innerlichen Wohlbefinden ziehst du entsprechend dieser wunderbaren Erfüllung der Aufgabe deiner Zellen deinen Nutzen.
Wenn du nicht annehmen willst, dass sich die Zellen deines Körpers wie winzige Beamte oder wie ein Heer des Urewig-Allmächtigen (Qadir-i Edhel) verhalten oder der Bleistiftspitze des Bauplanzeichners (qalem-i qader) gleichen bzw. den Punkten, die er damit macht (qalem-i qudret), dann ist für jede Zelle, die in deinem Auge arbeitet, ein solches Auge notwendig, welches das Ganze deines Körpers von allen Seiten zugleich sehen kann, ein Auge, welches auch das ganze Weltall, mit dem du verbunden bist, zu sehen vermag; man müsste ihr einen solchen Verstand verleihen wie von hundert Genien, welche deine ganze Vergangenheit und die Zukunft kennen und begreifen müssten, die Generationen vor dir und nach dir, den Brunnen, aus dem alle deine Elemente hervorgegangen sind und die Quelle ihrer Versorgung. Einer von deinen Zellen, die wie du in dieser Angelegenheit nicht einen Funken Verstand besitzt, so viel Wissen und Bewusstsein zuzuschreiben, wie sie tausend Platons nicht besitzen, ist ein tausendfach wahnwitziger Aberglaube!...
Zweite Unmöglichkeit:
Dein Körper gleicht einem einzigartigen Palast mit tausend Kuppeln. Die Steine in jeder dieser Kuppeln verharren, sich einander gegenseitig stützend, freitragend und ohne Säulen. Ja, dein Körper ist sogar noch tausendmal wunderbarer. Denn der Palast deines Körpers erneuert sich ständig in vollendetem Regelmaß (kemal-i intizam). Von Geist (ruh), Gemüt (qalb) und den Feinheiten der Seele (manevi letaif), die unsere Bewunderung erregen, einmal ganz abgesehen, kommt jedes Organ schon allein deines Körpers einem kuppelüberkrönten Saale gleich. Die Zellen wie die Steine in dieser Kuppel, die einander gegenseitig in so vollkommener Harmonie und Ordnung stützen, bilden ein wunderbares Gebäude, ein überragendes Kunstwerk und bezeigen gleich Auge und Zunge ein einzigartiges Wunderwerk der Macht (mu'djize-i qudret).
Wären nicht alle diese Zellen Beamten gleich dem Befehl des Meisters dieser Welt unterstellt, dann müsste jede einzelne Zelle sowohl absoluter Herr (hâkim-i mutlaq) über alle Zellen in diesem Körper, als auch jede einzelne ein absoluter Sklave (mahkûm-u mutlaq) sein; es müsste jede einzelne der anderen sowohl gleichgestellt als auch bezüglich ihrer Souveränität der anderen entgegengesetzt sein; sie müsste sowohl Ursprung und Quelle all der vielen Eigenschaften sein, die einzig dem Notwendig-Seienden zugehören, als auch von vielen Bedingungen abhängig und an sie gebunden und zugleich auch völlig frei und ungebunden sein. Ein solches in sich einheitliches und wohlgestaltetes Geschöpf, welches nur das Werk des Ein-Einzigen (Vahid-i Ahad) und Geheimnis der Einheit (sirr-i vahdet) sein kann, unzähligen Zellen zuzuschreiben ist für jeden, der auch nur über ein Fünkchen klaren Bewusstseins verfügt, ganz klar und offensichtlich eine Unmöglichkeit; ja, das sind hundert Unmöglichkeiten.
Dritte Unmöglichkeit:
Wäre dein Körper nicht gleich einer Handschrift, geschrieben mit der Feder des Urewigen-Allmächtigen (Qadir-i Edhel),
welcher Ein-Einziger (Vahid-i Ahad) ist, sondern der Natur zugehörig, wie von den Ursachen gedruckt, dann müssten sich in deinem Körper entsprechend der Anzahl der Zellen und Organe deines Körpers tausende verschiedener natürliche Gussformen gleich ineinander verschachtelten Kreisen vorfinden. Denn wenn dieses Buch, das sich hier in unseren Händen befindet, eine Handschrift ist, so hat ein einziger Stift all dies geschrieben und es beruht auf der Kenntnis (ilm) seines Schreibers.
Wenn es sich dabei aber um keine Handschrift handelt, die mit einer Feder geschrieben wurde, man vielmehr sagte, es sei aus sich selbst entstanden, oder die Natur habe es zustande gebracht, dann wäre gleich wie für den Druck eines Buches eine besondere Type für jeden einzelnen Buchstaben notwendig, um es drucken zu können. So wie sich in einer Druckerei ebenso viele Typen befinden, wie es Buchstaben gibt, damit die Buchstaben nachher auch in Erscheinung treten können, so müssen auch an Stelle eines einzigen Stiftes, ebenso viele Typen wie Buchstaben vorhanden sein.
Ja, es kommt manchmal vor, dass sich unter diesen Buchstaben einmal ein Riesenbuchstabe befindet, in dem eine ganze Seite mit einem kleinen Stift und feinen, dünnen Linien hinein geschrieben wurde, sodass für die Beschriftung eines einzigen Buchstabens Tausende von Drucktypen notwendig werden. Wenn sie nun aber sogar in wohlgeordneterweise miteinander verschachtelt sind und die Gestalt deines Körpers annehmen, dann müssen wir für jedes einzelne Organ, für jedes einzelne Gewebestückchen entsprechend der Anzahl der einzelnen Bestandteile ebenso viele verschiedene Gussformen verwenden.
Nun denn! Wolltest du auch jetzt noch alle diese hundert Unmöglichkeiten dennoch für möglich halten und die Herstellung aller dieser wohlgeordneten kunstvollen Drucktypen, dieser vollendeten Gussformen und Schreibfedern nicht wiederum auf einen einzigen Prototyp zurückführen
wollen, dann benötigte man für die Verfertigung dieser Schreibfedern, Gussformen und Drucktypen wiederum eine gleichgroße Anzahl Modelle dieser Schreibfedern, Gussformen und Drucktypen. Denn auch sie wurden einmal hergestellt und auch sie sind vollendete Kunstwerke, usw... das setzt sich nacheinander so fort...
So verstehe denn auch du! Dies ist ein Gedankengang, der in sich eine so große Zahl Unmöglichkeiten und Irrtümer mit sich bringt, wie es Zellen gibt. Oh du dickköpfiger (muannid) Nichtsnutz! Schäme auch du dich... Gib deinen Irrtum auf!
Dritte Streitfrage:
"Es erfordert die Natur", das heißt, die Natur macht es notwendig. Die Natur bringt das zu Stande. Siehe, diese Behauptung enthält viele Unmöglichkeiten. Um ein Beispiel zu geben, erwähnen wir drei von ihnen.
Erste Unmöglichkeit:
Wenn man das augenfällige und weisheitsvolle künstlerisch-kreative Schaffen, das sich in allem Sein, besonders aber in der belebten Natur zeigt, nicht der Feder des Bauplanzeichners (qalem-i qader) und der Macht (qudret) der Urewigen Sonne zuschreiben, sondern von der Natur und einer Kraft ableiten will, die taub und blind und ohne Verstand ist, dann müsste man auch die Natur mit zahllosen unsichtbaren (manevi) Maschinen und Druckereien ausstatten, damit sie jedes Ding verfertigen kann, oder aber stattdessen jedes Ding mit einer Macht (qudret) und Weisheit (hikmet) ausstatten, die das All zu erschaffen und zu regieren vermag.
Denn so wie die Sonne sich in jedem Glasstückchen und in jedem Wassertropfen auf der Erde widerspiegelt, so muss man auch, wollte man nicht alle diese winzigkleinen Sonnen auf die eine einzige Sonne am Himmel zurückführen, es annehmen, dass alle die besonderen Eigenschaften, welche die natürliche, erschaffene Sonne besitzt, sich in einem winzig-kleinen Glasstäubchen, in dem noch nicht einmal ein Streichholzköpfchen Platz finden
kann, zwar sichtbar klein, aber in der ganzen Tiefe der Bedeutung der Sonne verkörpern. Ja, man muss sogar entsprechend der Anzahl der Glasstäubchen ebenso viele natürliche Sonnen annehmen. Genauso wie in diesem Beispiel müsste man, wollte man die Existenzen und Lebewesen nicht unmittelbar auf die Erscheinung der Namen der Urewigen Sonne zurückführen, in allen Existenzen, besonders aber in allem, was da lebt, eine Natur und eine Macht voraussetzen, die grenzenlose Macht (qudret), unendlichen Willen (irade), unbegrenztes Wissen (ilim) und ewige Weisheit (hikmet) besitzt, ja sogar ein Gott wäre.
Ein solcher Gedankengang aber ist der größte Aberglaube und Irrtum einer Unmöglichkeit, den es im Weltall gibt. Ein Mensch, der das Kunstwerk des Schöpfers des Alls (Khaliq-i Kainat) einer vorgeblichen, belanglosen, entscheidungsunfähigen Natur zuschreibt, zeigt damit sicherlich, dass er hundertfach tierischer als das Tier ist und ohne jeden Verstand.
Zweite Unmöglichkeit:
Wenn diese überaus geordneten ausgewogenen Existenzen voll Kunst und Weisheit nicht einer einzigen Person zugeschrieben werden, die unendliche Macht (Qadir) und Weisheit (Hakiem) ist, sondern stattdessen von der Natur abgeleitet werden, dann muss man voraussetzen, dass die Natur in jedem Stückchen Erde so viele Maschinen enthält, wie der Anzahl aller Druckereien und Fabriken Europas entspricht, und dass dieses Stückchen Erde das Wachsen und Gedeihen von zahllosen Blumen und Früchten veranlassen kann, deren Quelle und Werkbank es ist. Man kann in der Tat sehen, dass z.B. eine Schüssel voll Erde, die den Blumen als Topf dient, die Fähigkeit hat, aus den Samen - wie sie der Reihe nach hineingeworfen werden - Form und Gestalt aller Blumen in ihrer Mannigfaltigkeit und Verschiedenartigkeit zu bilden.
Wollte man dies nicht auf den glorreichen Allmächtigen (Qadir-i Dhu l-Djelal) zurückführen, dann könnten sie, fände sich nicht in dieser Schüssel voll Erde für jede einzelne Blume eine besondere
unsichtbare (manevi) Maschinerie der Natur, nicht in diesen Daseinszustand treten. Denn was die Samen betrifft, so sind sie wie die Spermien und die Eier aus der gleichen Substanz. Denn wie ein Teig bestehen sie aus einer Mischung von Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff und Stickstoff, ungefügt und ungestaltet. Wind und Wasser, Wärme und Licht; jedes von ihnen wirkt einem Gießbach gleich in seiner undifferenzierten Art und ohne jedes Unterscheidungsvermögen auf sie ein und bringt aus dieser Erde zahllose, ganz verschiedene, überaus planmäßig (muntazam) und kunstvoll gestaltete Blumen hervor. Es müssen sich also offensichtlich und zwangsläufig in der Erde, die sich in dieser Schüssel befindet, ebenso viele unsichtbare (manevi) Druckereien und Fabriken winzigen Ausmaßes befinden, wie man sie sich in Europa vorstellen kann, damit sie so viele lebendige Stoffe und tausenderlei verschiedene Textilien herstellen können.
Da kann man also nun vergleichen, in welchem Grade die Gedanken der ungläubigen Materialisten von der Bahn des noch Vernunftgemäßen abgewichen sind. Siehe, wie weit diese Törichten, Berauschten in Menschengestalt, die glauben, dass die Natur ein Erfinder sei und von sich selbst behaupten, dass sie Wissenschaftler und Männer von Verstand seien, sich von Verstand und Wissenschaft entfernt haben und was für einen hochkomplizierten und auf gar keine Weise möglichen Aberglauben sie sich selbst als Weg ausgesucht haben! Lache über sie und spucke vor ihnen aus!...
Sobald man sagt:
"Man kann alles Sein auf die Natur zurückführen", entstehen derart merkwürdige Unmöglichkeiten, Probleme im Grade einer Negation. Wenn man aber das Sein der Persönlichkeit des Einen zuschreibt, der nichts und niemandes bedarf und dessen alle und alles bedarf (Dhat-i Ahad u Samed), wie wird dann wohl diese Problematik gelöst? Wie kann man eine Schwierigkeit, die einer Unmöglichkeit gleich kommt, in eine Leichtigkeit umwandeln, die an Zwangsläufigkeit grenzt?
Im Falle der ersten Unmöglichkeit zeigt z.B. das Phänomen der Sonneneinstrahlung mit vollkommener Leichtigkeit und ohne alle Schwierigkeiten vom kleinsten Stäubchen bis zur Oberfläche des größten Meeres seine Fülle und seine segensreiche Wirkung ganz einfach in den kleinen Sonnen, die sich widerspiegeln. Wollte man aber von der Sonne absehen, dann müsste man, trotz einer bis zum Grade der Negation reichenden Komplikation es für möglich halten, dass die Sonne in den Dingen selbst reale Gestalt angenommen habe. Führt man in dieser Weise alles Sein unmittelbar auf die Persönlichkeit des Einen, der nichts und niemandes bedarf und dessen alle und alles bedarf (Dhat-i Ahad u Samed), zurück, dann kann auch alles Sein alles das, was es benötigt mit der an Zwangsläufigkeit grenzenden Leichtigkeit und Automatik auf Grund dieses Phänomens und kraft dieser Verbindung von ihm erlangen. Wollte man aber von dieser Verbindung absehen und dieses Dienstverhältnis in Führerlosigkeit verkehren und alles Sein der eigenen Führung und der Natur überlassen, dann müsste man trotz hunderttausender Probleme und Komplikationen bis zum Grade einer Negation, notwendigerweise annehmen, dass die blinde Natur eine solche Macht und Weisheit besitzt, das All zu erschaffen und zu regieren und im Körper eines Lebewesens wie z.B. einer Mücke, die eine verkleinerte Inhaltsangabe des Alls darstellt, diesen Körper gleich einer wunderbaren Maschine erschaffen habe. Dies aber ist nicht nur eine Unmöglichkeit, dies sind vielmehr tausend Unmöglichkeiten.
So wie es unmöglich und ausgeschlossen ist, dass der Notwendig-Seiende in Seiner Person einen Teilhaber oder Gegenpol habe, ebenso ist es unmöglich und ausgeschlossen, dass Er in Seiner Herrschaft (rububiyet) und bei der Erschaffung eines Dinges (idjad-eshya) einen anderen als Teilhaber oder Mitwirkenden habe.
Was aber die Schwierigkeit der zweiten Unmöglichkeit betrifft, so wurde bereits in verschiedenen Abhandlungen
bewiesen, dass das, was für ein einziges Ding leicht ist, ebenso für alle Dinge einfach wird, wenn man alle Dinge dem Einzigen und Alleinigen (Vahid-i Ahad) zuschreibt. Führt man sie aber auf die Ursachen und auf die Natur zurück, so wird das nicht nur für ein Ding, sondern auch für alle Dinge zur Schwierigkeit, was wir bereits mit verschiedenen unwiderlegbaren Zeugnissen bewiesen haben.
Wenn ein Mann als ein Soldat oder als ein Beamter in seines Königs Diensten steht, dann vermag dieser Beamte oder dieser Soldat auf Grund dieses Dienstverhältnisses hunderttausendmal mehr zu leisten als auf Grund seiner persönlichen Befugnisse. Und im Namen seines Kaisers kann er zuweilen sogar einen König gefangen nehmen. Denn für die Leistungen, die er erbringt und die Tätigkeiten, die er ausführt, verschafft er sich Vollmacht und Ausrüstung nicht selbst und braucht sie sich auch nicht selbst zu verschaffen... Auf Grund seines Dienstverhältnisses übernehmen die königliche Schatzkammer, das Zeughaus und das Heer, das für seine Versorgung zuständig ist, Ausrüstung und Verantwortung. Das heißt, dass die Werke, die er vollbringt, voll Majestät sein können wie die eines Königs und die Leistungen, die er zeigt, so wundervoll sein können wie die eines Heeres.
Auf diese Weise zerstört eine Ameise auf Grund ihres Dienstverhältnisses den Palast des Pharao... richtet eine Mücke in diesem Auftrage Nimrod zu Grunde... und aus diesem Verhältnis erwachsen dem Samenkorn eines Tannenbaumes, klein wie ein Weizenkorn, alle Äste und Zweige einer riesigen Tanne.
Wenn diese Verbindung aufgehoben und dieses Dienstverhältnis gelöst wird, muss er zur Durchführung dieser Arbeiten die Verantwortung auf seinen Schultern tragen und sich die Ausrüstung auf den eigenen Rücken laden. Dann müsste er seine Arbeit nach Maßgabe seiner winzigen Fäuste und nach Anzahl der Munition auf seinen Rücken laden. Wollte man dann noch von ihm erwarten, dass er seine Pflichten und Aufgaben mit der gleichen spielerischen Leichtigkeit ausführe wie zuvor, dann müsste er sicherlich die Kraft eines Heeres in seiner Hand halten und sich die königliche Rüstungsindustrie auf seinen Rücken laden. Selbst die Moritaten und Bänkelsänger, die Gaukler und Komödianten würden sich dergleichen Phantastereien schämen!...
Führt man alles Sein auf den Notwendig-Seienden zurück, dann ist alles mit zwangsläufiger Folgerichtigkeit ein Leichtes. Es aber vom Aspekt der Natur her zu betrachten, ist bis zum Grade der Negation kompliziert und liegt außerhalb der Reichweite des vernünftigen Denkens (aql).
Dritte Unmöglichkeit:
Zwei Beispiele, die in einigen Abhandlungen erläutert worden sind, zur Erklärung dieser Unmöglichkeit.
Erstes Beispiel:
In ein Schloss, das in einer menschenleeren Wüste erbaut und errichtet und mit allem Komfort der Zivilisation eingerichtet und ausgestattet wurde, tritt ein völlig unzivilisierter Mensch ein, sieht sich darin um...
erblickt darin tausende überragender Kunstwerke... sagt in seinem Mangel an Bildung und Zivilisation: "Von außen hat keiner daran mitgewirkt. Eines von den Dingen in diesem Schloss hat dieses Schloss erschaffen und alles, was sich darinnen befindet."
Und er beginnt es zu durchforschen. Welches Ding er auch immer betrachtet... auch sein primitiver Verstand vermag kein Ding zu erblicken, das dies alles erschaffen haben könnte. Dann findet er ein Heft, in dem der Bauplan dieses Schlosses, ein Inhaltsverzeichnis seiner Einrichtung und die Gesetze seiner Verwaltung niedergelegt sind. Zwar hat auch dieses Heft, ohne Hände, ohne Augen, ohne einen Hammer so wenig wie die übrigen Dinge in diesem Schloss irgendeine Fähigkeit, es einzurichten und auszustatten. Er findet aber keinen anderen Ausweg und weil er sieht, dass dieses Heft im Vergleich mit den anderen Dingen im Hinblick auf die Lehre von den Gesetzen der Wissenschaft in Beziehung zu dem Gesamt des Schlosses steht, sieht er sich gezwungen zu sagen: "Da also ist das Heft, das dieses Schloss erbaut, eingerichtet und ausgestattet hat und das diese Dinge erschaffen, verteilt und befestigt hat."... So wandelt er seine Primitivität in die Phantastereien der Toren und Trunkenbolde um...
Nun tritt also wie in unserem Beispiel ein primitiver Mensch, getragen von dem Gedanken des die Gottheit leugnenden Naturalismus, in dieses Schloss der Welt, das noch in unendlichem Maße besser geordnet und vollkommener ist als das Schloss in unserem Beispiel und allseits voll wunderbarer Weisheit. Er denkt nicht, dass dies ein Kunstwerk des Notwendig-Seienden ist, der in Seiner Person außerhalb des "Kreises der Möglichkeiten" (= die geschaffene Welt) ist und wendet sich von Ihm ab und wendet sich stattdessen dem Kodex der göttlichen Gesetze und dem Katalog der Kunstwerke des Herrn zu, der Tafel innerhalb des "Kreises der Möglichkeiten", welche vom göttlichen Geschick (qader-i Ilahi) beschrieben und wieder abgewischt
wird, dem Buch über die Ausführung der Gesetze der göttlichen Macht (qudret-i Ilahi), auf Grund dessen alles verwandelt und neu gestaltet wird und das man so fälschlicher Weise "Natur" nennt. Und er sagt: "Da nun einmal diese Dinge nach einer Ursache verlangen, gibt es außer diesem Heft kein Ding, das zu ihnen in Beziehung stünde. Zwar akzeptiert der Verstand in keiner Hinsicht, dass dieses Heft ohne Auge, ohne Verstand, ohne Macht die Werke der vollkommenen Herrschaft (rububiyet) zu Stande bringen könnte, die eine grenzenlose Macht erfordern. Da ich aber nun einmal einen urewigen Schöpfer (Sani-i Qadiem) nicht akzeptiere, glaube ich, dass es das Beste wäre, zu sagen, dass dieses Heft dies alles erschaffen hat und erschaffen kann." Wir aber sagen dagegen:
Oh du dummer Trunkenbold, der du noch dümmer bist als ein dumm gewordener Dümmling! Ziehe deinen Kopf aus dem Sumpf der Natur und sieh dich um! Blicke auf den glorreichen Meister (Sani-i Dhu l-Djelal), den alles, was da ist von den Atomen bis hin zu den Planeten, mit so vielen verschiedenen Zungen bezeugt und auf den sie mit ihrem Finger hinweisen... Siehe, wie der Urewige Architekt in diesem Schloss, das Er geschaffen und in diesem Heft, in das Er sein Programm hineingeschrieben hat, sichtbar wird... Lies Seinen Erlass! Höre Seinen Qur'an!.. Rette dich vor deinen Phantastereien!
Zweites Beispiel:
Ein völlig unzivilisierter Mensch betritt einen ausgedehnten Kasernenhof. Er sieht, wie ein ganzes, großes, wohlgeordnetes Heer gemeinsam exerziert und alle Bewegungen diszipliniert durchführt. Er beobachtet, wie auf die Bewegung eines Soldaten hin ein ganzes Bataillon, eine Kompanie, ein Zug aufsteht, sich setzt, auf einen Feuerbefehl hin Feuer gibt. Weil er in seinem primitiven, unkultivierten Denken nicht begreift, dass hier ein Kommandeur auf Anweisung der Regierung und nach königlichem Gesetz kommandiert und weil er das leugnet, stellt er sich vor, diese Soldaten seien durch ein Seil miteinander verbunden. Er denkt sich, was für ein
wundersames Seil doch dieses vorgebliche Seil sein müsse, ist erstaunlich. Danach geht er wieder...
Er geht an einem Freitag in eine riesengroße Moschee, ähnlich der Hagia Sophia (Ayasofya). Er wird Zeuge, wie die Gemeinde der Muslime auf das Wort eines Mannes hin aufsteht, sich verneigt, sich zu Boden wirft und sich setzt. Weil er die Schariah, die aus einer Sammlung geistiger, himmlischer Gesetze besteht und die inneren Prinzipien, die den Weisungen des Herrn der Schariah zugrunde liegen, nicht begreift, stellt er sich vor, dass handfeste Seile diese Gemeinschaft gebunden hätten und diese seltsamen Seile sie gefangen hielten und tanzen ließen. Er verlässt die Moschee mit solchen Gedanken eines Gauklers, wie sie selbst wilde Tiere in der Gestalt wildester Menschen zum Lachen gebracht hätten und geht davon...
Genauso also wie in diesem Beispiel betritt ein Ungläubiger, der das gottleugnende Gedankengut der Naturalisten vertritt, welches eine reine Grausamkeit ist, diese Welt, welche für unzählige Soldaten ein ausgedehnter Kasernenhof des Sultans von Ewigkeit zu Ewigkeit (Sultan-i Edhel ve Ebed) und den Kosmos, der eine wohlgeordnete Moschee des Ewig-Angebeteten (Mabud-u Edhel) ist. Er stellt sich die unsichtbaren, kosmischen Gesetze, welche Anordnungen des ewigen Sultans (Sultan-i Edhel) sind und Seiner Weisheit entstammen nur als einzelne, rein äußerliche Gesetze der Materie vor. Er vermeint, dass die theoretischen Gesetze der Herrschaft des Königs (saltanat-i rubiyet), die Naturgesetze des Ewig-Angebeteten (Mabud-u Edehl), die unsichtbaren, nur den Wissenschaftlern bekannten Sitten- und Moralgesetze und alle Prinzipien nur eine äußerliche praktische Bedeutung hätten. Er setzt an Stelle der göttlichen Macht und den aus Seinem Wissen und Wort kommenden und nur den Wissenschaftlern vertrauten Gesetzen nur die natürlichen und menschlichen Gesetze ein, legt in ihre Hände die Erschaffung der Welt und bezeichnet sie sodann als "Natur". Er nimmt an, dass die Kraft (quvvet), welche nur eine Erscheinung der Macht des Herrn (qudret-i Rabbaniye) ist, selbst eine Macht (qudret) besäße und aus sich selbst zu allem im
Stande sei.
{Bediüzzaman gibt hier eine so kurz gefasste Zusammenschau der Gesetze, dass ihre Übersetzung mit einem einzigen deutschen Wort unmöglich wird. Wir bringen deshalb hier einen kurzen Kommentar.
1. Kavanin-i itibariye: Unsichtbare, nicht unmittelbar wirksame Naturgesetze, welche den Wissenschaftlern eine Beschreibung des Kosmos ermöglichen. Hierher gehören z.B. die Vermessung der Erde und ihre Längen- und Breitengrade.
2. Scheriat-i fitriye-i kübra: Die sichtbaren, unmittelbar wirksamen Gesetze. Sie werden in der Natur als Naturgesetze wirksam und erweisen sich unter den Menschen z.B. als Gottes Hilfe in Not.
3. Ahkam: Gebote, die Gott den Menschen befohlen hat, z.B. beten, fasten, Almosen geben sowie menschliche Gesetze, z.B. das Strafrecht und das Zivilrecht.
4. Düstur: Unsichtbare, aber sehr wohl wirksame Gesetze. Es sind dies in der Natur die Formeln zur Berechnung in der Mathematik, Physik, Chemie usw., z.B. Formeln zur Berechnung von Zeit, Raum, Materie, Energie usw. Im menschlichen Zusammenleben sind es Grundsätze, Prinzipien und Leitmotive, z.B. alle Menschen sehnen sich nach dem Licht.
5. a) Ilim: Das Wissen Gottes über alle Dinge.
b) Kelam: Das Wort, das Gott an den Menschen richtet, z.B. im Qur'an.
c) Vücud-u ilmi = Der Lehrkörper: Das Wissen, über das die Gelehrten unsichtbar verfügen, weil es für die Außenstehenden nicht sichtbar ist, z.B. die Gesetze des Rechtsgelehrten, die gültig und wirksam, aber nicht offensichtlich sind. (A.d.Ü.)}
Das alles aber bezeugt eine Primitivität des Denkens noch tausendmal simpler als die Primitivität in unserem Beispiel.
Kurzum:
Das Ding, das die Naturalisten "Natur" nennen und das nur in ihrer Vorstellung, aber nicht in der Realität existiert, kann bestenfalls und wenn es eine äußerliche Realität besitzt, nur ein Kunstwerk aber kein Künstler sein. Es ist eine Dekoration, aber nicht der Dekorateur. Es ist ein Rechtsspruch aber kein Richter. Es ist ein Naturgesetz, aber nicht der Gesetzgeber. Es ist ein erschaffenes
Ehrenkleid, aber nicht der Schöpfer. {Gott verhüllt sich hinter Seiner Schöpfung wie hinter einem Schleier. Die Menschen, welche Gott hinter diesem Schleier nicht zu erblicken vermögen und Seine Ehre nicht zu würdigen wissen, werden von Seiner Natur wie von einem Ehrenschild zurückgewiesen. - A.d.Ü.} Es ist ein reagierendes Objekt und kein agierendes Subjekt. Es ist ein Kodex von Gesetzen, nicht seine durchführende Instanz. Es verfügt selbst über keine Macht. Es ist eine Lineatur und nicht das Lineal...
Da es nun einmal eine Schöpfung gibt und da dies auch schon einmal am Anfang der Sechzehnten Notiz gesagt wurde, kann man sich logischerweise über die vier Wege hinaus keinen weiteren Weg mehr vorstellen, wie all das, was da ist, ins Dasein gelangt sein könne. Von diesen vier Aspekten haben sich drei - jeder von ihnen auf Grund dreier Unmöglichkeiten - mit absoluter Sicherheit als Aberglaube erwiesen. Dadurch ist mit absoluter Sicherheit der Weg der Einheit (vahdet) als der vierte Weg sicherlich zwangsläufig und offensichtlich bewiesen. Was aber den vierten Weg betrifft, so zeigt die Ayah
{"Gibt es etwa einen Zweifel an Allah dem Schöpfer der Himmel und der Erde?" (Sure 14, 10)}
ohne Zweifel und Verdacht, dass die Persönlichkeit der notwendigen Existenz Gott ist und dass alle Dinge unmittelbar aus Seiner Macht (qudret) hervorgehen und die Himmel und die Erde Ihm zur Verfügung stehen.
Oh du armseliger Mensch, der du deine Zuflucht zu den Ursachen nimmst und die Natur anbetest! Es ist nun einmal jeden Dinges Wesen genauso erschaffen wie das Ding selbst. Es ist ein Werk, das der Künstler erst neu gestaltet hat... Auch sein Ergebnis wurde gebildet gleich wie seine Ursache. Und es bedarf nun einmal zur Schaffung jeden Dinges sehr vieler Geräte und Werkzeuge. Es gibt
also einen absoluten Allmächtigen (Qadir-i Mutlaq), der diese Natur gemacht und diese Ursache erschaffen hat. Und warum sollte der vollkommene Allmächtige das Bedürfnis haben, solche ohnmächtigen Elemente bei der Erschaffung zu Partnern Seiner Herrschaft zu machen?! Gott behüte! Er hat das Ergebnis unmittelbar zusammen mit der Ursache erschaffen. Er hat diese Anordnung und Reihenfolge in diesem offensichtlichen Kausalitätsverhältnis verfügt, um das Aufscheinen Seiner Namen und Seine Weisheit (hikmet) zu erweisen. Er hat Ursachen und Natur zu einem Schleier vor Seiner Macht gestaltet, damit man sich an diese wenden und bei ihnen nachsuchen könne, wenn in den Dingen offensichtlich unheilvolle Fehler und Mängel auftreten. Auf diese Weise bleibt Seine Würde (izzet) unangetastet.
Ist es für einen Uhrmacher etwa leichter, für eine Uhr Zahnräder zu verfertigen, um sie danach in die Uhr in Reih' und Ordnung einzufügen... oder ist es etwa leichter, in diese Zahnräder eine wundersame Maschine einzubauen und danach die Herstellung dieser Uhr den Händen einer solchen automatischen Maschine zu übergeben, damit sie eine Uhr herstellen solle? Wäre dies etwa nicht außerhalb der Möglichkeiten? Also auf, du, wenn du noch recht und billig zu denken vermagst... sei du der Richter!
Oder es habe ein Schreiber Tinte, Feder und Papier gebracht. Wäre es leichter, wenn er nun selbst dieses Buch schriebe... oder sollte er innerhalb des Papiers, der Tinte, der Feder einzig für dieses eine Buch noch mühsamer eine eigene Schreibmaschine erfinden, noch kunstvoller als dieses Buch, und danach zu dieser Maschine, die kein Bewusstsein hat, sagen: "Los! Nun schreib 'mal!" und sich selbst nicht weiter darum kümmern? Wäre das etwa nicht hundertmal schwieriger als das Schreiben selbst?
Wollte man sagen:
Ja, eine Maschine zu erfinden, die ein Buch schreiben kann, ist hundertmal schwieriger als dieses Buch. Aber wäre es nicht vielleicht doch eine Erleichterung unter dem Aspekt einer Maschine, die von dem gleichen Buch viele Exemplare schreiben kann?
Der urewige Künstler hat in Seiner grenzenlosen Macht in den Dingen ihr eigenes Wesen und Antlitz erschaffen und erneuert jederzeit das Aufscheinen Seiner Namen, um wieder eine andere Form zu zeigen, sodass kein Brief des Unwandelbaren (mektub-u Samed) und kein Buch des Herrn (kitab-i Rabbani) irgendeinem anderen Buche gleich wäre. In jedem Falle wird Er, um wieder andere Bedeutungen zum Ausdruck zu bringen auch wieder ein anderes Antlitz wählen. Wenn du Augen hast, betrachte das menschliche Antlitz und siehe: Von Adams Zeiten bis heute, ja vielleicht in Ewigkeit steht absolut sicher fest, dass jedes Antlitz in Anbetracht der Antlitze aller jedem Einzelnen gegenüber ein Unterscheidungsmerkmal aufweist und dabei in diesem kleinen Antlitz die Grundelemente übereinstimmen. Deshalb ist jedes einzelne Antlitz ein anderes Buch. Schon die künstlerische Gestaltung erfordert einen unterschiedlichen Schriftsatz, eine andere Gestaltung des Buches, eine andere Abfassung des Textes. Auch um das Material zusammenzubekommen und alles an den rechten Ort zu bringen, als auch um alles für den Körper notwendige richtig einzusetzen, benötigt man ein ganz und gar anderes Atelier.
Nun ja, wir haben einmal den unmöglichen Fall angenommen, die Natur unter dem Aspekt einer Druckerei zu betrachten. Eine solche Druckerei hätte aber außer der Aufgabe, die Texte zu setzen und zu drucken, d.h. in eine gefertigte Gussform zu bringen, auch noch die Aufgabe, die dazu benötigten Bestandteile in dem ihnen eigenen Maße von den Enden der Welt zusammenzubringen, nach einem besonderen System zu verarbeiten und dann dem Druckvorgang anzuvertrauen, wobei die Herstellung des Drucksatzes noch hundertmal schwieriger wäre als die Verarbeitung der Materie für den Körper eines Lebewesens. Für all das aber ist wiederum die Macht (qudret) und der Wille (irade) eines vollkommen Allmächtigen (Qadir-i Mutlaq) erforderlich, der diese Druckerei erschaffen hat. Das aber heißt, dass die
Annahme einer solchen Druckerei und ihrer Voraussetzungen ein ganz und gar unsinniger Aberglaube ist.
So also hat, wie in diesem Beispiel mit der Uhr und dem Buch, der glorreiche Meister (Sani-i Dhu l-Djelal), der aller Dinge Mächtige (Qadir-i kulli shey), der die Ursachen erschaffen hat, auch das Verursachte erschaffen. Er verbindet in Seiner Weisheit das Verursachte mit den Ursachen. Er bestimmt mit Seinem Willen (irade) die Natur der Dinge, deren Erscheinung nur ein Spiegelbild und eine Reflexion der Gesetze in den Dingen ist, ein Spiegelbild der großen Naturgesetze Gottes, die ein Ausdruck der Werke Gottes im Alltag sind und mit den Geschehnissen im Kosmos im Zusammenhang stehen. Er hat in Seiner Macht den Bauplan für die Natur erfunden, dementsprechend sie ihre äußere Gestalt zeigt und die Dinge dieser Naturanlage entsprechend erschaffen... So hat Er beides (Bauplan und Ausführung) miteinander verbunden... Ja, gibt es denn etwas noch Einfacheres als diese Annahme einer solchen Tatsache, die doch in einem solchen Grade verstandesgemäß und das Ergebnis zahlloser Beweise ist... Ja, ist das denn nicht im Grade einer Notwendigkeit sogar erforderlich?
Wäre es leichter, diese primitiven äußeren Gegebenheiten, ohne Einsicht und Bewusstsein, geschaffen und geprägt wie sie sind, die du als Ursachen und Natur bezeichnest, mit allen für das Zustandekommen eines Dinges notwendigen Geräten und Werkzeugen zu versehen, damit sie selbst ganz alleine mit Umsicht und Weisheit die Dinge verfertigen? Wäre dies nicht bis zum Grade einer Negation außerhalb des Möglichen? Wir überlassen dies deinen unklaren Vorstellungen zur Klärung!
Der Gottesleugner und Naturanbeter sagt:
Da du mich nun schon einmal zu Klarheit und Einsicht einlädst, sage auch ich: ich habe eingesehen, dass ich bis jetzt einen falschen Weg eingeschlagen hatte, der sowohl hundertfach unmöglich war, als auch sehr gefährlich und im äußersten Grade hässlich. Aus Ihren obigen kritischen Betrachtungen wird verständlich für jeden, der auch nur
einen Funken Verstand besitzt, dass es unmöglich und unvorstellbar ist, die Schöpfung den Ursachen und der Natur zuzuschreiben. Und jedes Ding unmittelbar dem Notwendig-Seienden zuzuschreiben, ist notwendig, ja zwangsläufig.
{"Lobpreis und Dank sei Allah für den Glauben!",}
sage ich und nehme den Glauben an.
Aber ich habe noch einen Zweifel.
Ich akzeptiere es, dass Gott der Gerechte der Schöpfer ist. Aber was schadete es Seiner Königsherrschaft (saltanat-i rububiyet), wenn ein paar winzige Ursachen bei der Erschaffung unbedeutender Dinge beteiligt wären und dabei ein wenig Lob und Preis gewönnen? Würde dies Seinem Königtum (saltanat) Abbruch tun?
Wie wir in einigen Abhandlungen ganz klar bewiesen haben, besteht das besondere der Herrschaft (hâkimiyet) darin, eine Beteiligung an ihr zurückzuweisen. Ja, noch nicht einmal ein unbedeutender Herrscher, ein Beamter, wird eine Beteiligung seines Sohnes an den Herrschaftsaufgaben dulden. Einige fromme Herrscher haben sogar ihre eigenen Kinder umgebracht in dem Verdacht, dass diese sich an ihrer Herrschaft beteiligen wollten; und das obwohl sie sogar Kalifen waren. Dies beweist, wie grundsätzlich das "Gesetz von der Ablehnung einer Teilhaberschaft" an der Herrschaft gilt. Angefangen bei dem Erscheinen zweier Direktoren in einer Provinz bis hin zu dem Auftreten zweier Könige in einem Reich, zeigt es sich, dass "das Gesetz von der Ablehnung einer Teilhabe", welches das Erfordernis der Unabhängigkeit in der Herrschaft ist, seine Macht in der Geschichte der Menschheit durch sehr seltsame Wirren erwiesen hat.
Siehe in welchem Grade diese, wenn auch nur schattenhaften Weisungs- und Herrschaftsbefugnisse unter schwachen und hilfsbedürftigen Menschen jegliche Teilhaberschaft zurückweisen, die Beteiligung anderer ablehnen und eine Partnerschaft in der Herrschaft nicht anerkennen und danach streben, mit einem schrankenlosen Fanatismus ihre Unabhängigkeit im Amt zu bewahren; und wenn du dann vergleichen kannst, in welchem Grade
bei einer vollendeten Herrschaftsbefugnis (hâkimiyet-i mutlaq), bei der Herrschaft Gottes (rububiyet), in welchem Grade bei einer vollendeten Weisungsbefugnis (amiriyet-i mutlaq), der der Erhabenheit Gottes (uluhiyet), in welchem Grade bei einer vollendeten Unabhängigkeit (istighna-yi mutlaq), bei der Einheit Gottes (Ahadiyet), in welchem Grade bei einer vollendeten Autarkie, bei der Allmacht Gottes (qadiriyet-u mutlaq), Ihm, dem Glorreichen (Dhat-i Dhu l-Djelal), diese Ablehnung einer Beteiligung, diese Zurückweisung einer Partnerschaft, diese Abwehr einer Teilhaberschaft, in welchem Grade dies bei einer solchen Herrschaft (hâkimiyet) notwendig, zwangsläufig und unentbehrlich ist, dann vergleiche dies!
Aber es ist noch ein Zweiter Punkt, über den ich im Zweifel bin:
Wollte man den Ursachen, einigen Winzigkeiten etwas göttliche Verehrung (ubudiyet) zuwenden, welchen Mangel erführe dadurch die Anbetung (ubudiyet) des Vollkommenen-Angebeteten (Mabud-u Mutlaq), welcher der Notwendig-Seiende ist und dem die Geschöpfe vom Atom bis hin zu den Planeten dienen?
Der allweise Schöpfer (Khaliq-i Hakiem) des Weltalls hat den Kosmos wie einen Baum erschaffen, dessen vollendetste Frucht die mit Bewusstsein begabten Lebewesen sind. Unter allem aber, was Leben und Bewusstsein trägt, hat Er den Menschen gemacht, als die Frucht, welche alles in sich vereinigt. Und was für den Menschen am wichtigsten, ja sogar der Erschaffung des Menschen Folge, Ziel seiner Natur und Frucht seines Lebens, ist Gott zu danken (shukur), Ihn anzubeten und Ihm zu dienen (ibadet). Wird der absolute Herrscher (Hâkim-i Mutlaq), der unabhängige Befehlshaber und der Eine-Einzige (Vahid-i Ahad), der - um selbst geliebt zu werden und um sich zu erkennen zu geben - das All erschuf, den Menschen, der die Frucht des ganzen Universums ist, und die Dankbarkeit und die Anbetung (shukur ve ibadet), welche die größte Frucht des Menschen ist, dies in die Hände eines anderen geben? Wird Er wohl ganz im Gegensatz zu aller Weisheit das Ergebnis der Erschaffung und die Frucht des Alls zunichte machen? Nein und abermals nein!.. Wird Er damit einverstanden sein und es gestatten, dass der Dienst und
die Anbetung (ibadet) Seiner Geschöpfe anderen dargebracht wird, in einer Weise, die es dahin bringt, Seine Weisheit und Seine Herrschaft (hikmet ve rububiyet) zu verleugnen? Und würde Er, der in Seinen Taten in unendlichem Grade selbst geliebt werden möchte und sich zu erkennen geben möchte, sich selbst in Vergessenheit geraten lassen und all Seine vollkommensten Geschöpfe anderen ihren Dank abstatten und sich den Ursachen gegenüber erkenntlich zeigen und ihnen ihre Liebe und ihre Anbetung darbringen lassen? Oh du mein Freund, der du es nun aufgegeben hast, die Natur anzubeten! Auf nun und sprich!
«Elhamdulillah!» Diese meine beiden Zweifel sind nun beseitigt. Du hast zwei so glänzende und starke Beweise für die göttliche Einheit (vahdaniyet-i Ilahiye) vorgelegt und dafür, dass Er in Wahrheit der Angebetete (Mabud-u bil-Haq) ist und keiner außer Ihm der Anbetung würdig ist; das abzustreiten käme einer Verleugnung der Sonne am lichten Tage gleich.
Nachwort
Der Mann, der die atheistische Naturphilosophie aufgegeben hat und zum Glauben gelangt ist, sagt: Elhamdulillah! Ich habe keine Zweifel mehr. Aber es gibt da noch einiges, was ich gerne wissen möchte.
Erste Frage:
Wir hören von vielen, die in ihrer Trägheit das Gebet aufgegeben haben und sagen: Hat Gott der Gerechte unseren Dienst und unsere Anbetung nötig, dass Er diejenigen, welche das Gebet aufgegeben haben, im Qur'an mit großer Macht und mit allem Nachdruck bedrängt und sie mit einer entsetzlichen Strafe wie der Hölle bedroht? Wie passt das zum Qur'an, der doch sonst so maßvoll, geradlinig und gerecht ist, wenn er auf einen winzigen Fehler im privaten Bereich mit solch äußerster Heftigkeit reagiert?
Gewiss, Gott der Gerechte hat deinen Dienst und deine Anbetung nicht nötig. Er braucht gar nichts von dir. Aber es ist für dich selbst vonnöten, zu dienen und anzubeten. Du bist innerlich krank. Denn wir haben bereits in vielen Abhandlungen bewiesen, dass es dieser Dienst ist und die Anbetung, die das Gegengift gegen die Wunden deiner Seele darstellen. Wird etwa ein Kranker, den ein gütiger Arzt dazu drängt, wegen seiner Krankheit eine heilsame Arznei zu trinken, zu dem Arzt sagen: "Hast du es nötig, mich dermaßen zu bedrängen?" Du verstehst, was für ein Unsinn das wäre.
Der Qur'an, der diejenigen, welche ihren Dienst aufgekündigt haben und von der Anbetung abgekommen sind, so fürchterlich bedroht und eine so schreckliche Strafe über sie verhängt, ist einem Könige vergleichbar, der darüber wacht, dass seine Untertanen ihre Pflicht erfüllen und einem aufsässigen Manne eine seiner Verfehlung entsprechende fürchterliche Strafe erteilt, wenn er seine Untertanenpflicht verletzt hat.
In gleicher Weise verletzt ein Mann, der Gott nicht mehr
dient und Ihn nicht mehr anbetet, die Rechte alles dessen, was da ist, bedeutend und tut den Untertanen des Königs von Ewigkeit zu Ewigkeit (Sultan-i Edhel ve Ebed) im übertragenen Sinne ein schweres Unrecht an. Denn die Vollkommenheit allen Seins wird auf dem Antlitz derer sichtbar, die sich ihrem Meister (Sani') zugewandt haben und Ihn rühmen und verehren (tesbih ve ibadet). Diejenigen, welche Ihn nicht verehren und Ihn nicht anbeten, sehen diese Anbetung allen Seins nicht und können sie auch nicht sehen, ja leugnen sie vielleicht sogar. Zu gleicher Zeit verachten sie alles Sein, das Gott rühmt und Ihn preist (ibadet ve tesbih) und so einen hohen Rang einnimmt und deren jedes Einzelne ein Brief des Unwandelbaren (mektub-u Samed) und ein Spiegel der Namen des Herrn ist, indem sie es von seinem hohen Rang herabziehen und es als ohne Bedeutung, ohne Aufgabe, ohne Leben und ohne Ordnung begreifen, es in seiner Vollkommenheit leugnen und verletzen.
In der Tat sieht ein jeder das All gleich einem Spiegel seiner selbst. Gott der Gerechte hat den Menschen als einen Maßstab, als eine Waagschale des Alls geschaffen. Aus dieser Welt heraus hat Er jedem Menschen seine eigene Welt gegeben. Er zeigt ihm die Farbe dieser Welt entsprechend der inneren Einstellung dieses Menschen. Zum Beispiel sieht ein ganz hoffnungslos und traurig weinender Mensch alle Welt in einem Bilde hoffnungslosen Weinens. Ein Mensch aber, der freudig und vergnügt ob der frohen Kunde vollkommen fröhlich lächelt, sieht auch alle Welt fröhlich lachen. Ein Mensch, der in ernstem und tiefem Nachsinnen (mutefekkiran) Gott rühmt (ibadet) und Ihn preist (tesbih), entdeckt auch und sieht gewissermaßen, wie alles, was da ist, Gott eine solche Anbetung und einen solchen Lobpreis darbringt, wie es diesen auch in der Tat und in der Wahrheit gibt...
Ein Mensch aber, der Gott nicht achtet oder Ihn verleugnet und Ihn nicht mehr anbetet, macht sich von allem, was da ist, konträr (mukhalif) und völlig im Gegensatz zu ihrer wahren Natur ein fehlerhaftes Bild und verletzt sie geistiger
Weise in ihren Rechten. Zudem begeht ein solcher, der das Gebet aufgegeben hat, da er nicht Herr seiner Seele ist, ein Unrecht gegenüber seiner eigenen Seele, die ein Diener seines Herrn ist. Dieser ihr Herr droht dem Menschen, der seiner eigenwilligen Seele nachgibt, streng, damit dieser sie in ihre Pflicht nimmt. Zudem gilt die Aufkündigung seines Dienstes und die Unterlassung seiner Anbetung, als des Sinnes der Schöpfung und des Zieles der Natur, auch als eine Auflehnung gegen die göttliche Weisheit (hikmet-i Ilahi) und den Willen des Herrn (meshiet-i Rabbani). Und dafür wird er seine Strafe empfangen.
Wer das Gebet unterlässt, tut damit seiner eigenen Seele unrecht - der Seele, die ein Diener und Verehrer und Eigentum Gottes des Gerechten ist - und verstößt dabei gleichzeitig gegen die berechtigten Ansprüche des Kosmos. Ja gerade so wie der Unglaube eine Beleidigung gegenüber der Schöpfung ist, so ist auch die Unterlassung des Gebetes eine Leugnung der Vollkommenheit der Schöpfung. Weil sie ein Verstoß gegen die göttliche Weisheit ist, ist sie auch mit einer so fürchterlichen Drohung verknüpft und zieht sie auch eine so strenge Bestrafung nach sich.
Um also diesem Rechtsanspruch und dem oben erwähnten Sachverhalt Ausdruck zu verleihen, wählt der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, auf wunderbare Weise diesen strengen Ausdruck und stimmt so in seiner Aussage voll und ganz mit der Erfordernis der Situation überein, was man als die Wahrhaftigkeit in der Aussageweise (haqiqat-i belaghat) bezeichnet.
Zweite Frage:
Der Mann, der den Naturalismus aufgegeben hat und zum Glauben gelangt ist, sagt:
Es ist eine Tatsache von überwältigender Größe (azim), dass ein jedes Sein in jeglicher Hinsicht, in jeglicher Beziehung, unter allen Umständen und Verhältnissen vom göttlichen Willen (meshiet-i Ilahi) und der Macht ihres Herren (qudret-i Rabbani) abhängig ist. In Anbetracht ihrer gewaltigen Größe (azamet) will uns dies nur
schwer in den Kopf. Wo hingegen diese maß- und grenzenlose Überfülle, die sich vor unseren Augen ausbreitet und diese unbeschränkte Leichtigkeit, mit der sie erschaffen und gestaltet wurde, diese maß- und grenzenlose Leichtigkeit und Simplizität, mit der die Dinge aus der Einheit (vahdet) heraus gestaltet wurden, die sich auf Grund der oben angeführten Beweise bewahrheitet hat, diese maß- und grenzenlose Leichtigkeit, welche mit den Worten des Qur'an:
{"Eure Erschaffung und eure Auferstehung ist gleich der einer einzigen Seele." (Sure 31, 28) "Es ist aber weder eure Erschaffung noch Eure Auferstehung (schwieriger) als die einer einzigen Seele, und die Angelegenheit der Stunde nicht mehr als ein Augenzwinkern oder noch näher." (Sure 16, 77)}
dargelegt oder ähnlichen Ayat ganz offensichtlich gezeigt wird, diese überwältigende Tatsache zeigt sich in einer durchaus akzeptablen und völlig verständlichen Weise. Was ist das Geheimnis (sirr) dieser Leichtigkeit und die Weisheit (hikmet), die dahinter steht?
In der Erklärung zu: وَهُوَ عَلٰى كُلِّ شَىْءٍ قَدِيرٌ {"Und Er ist aller Dinge mächtig." (Sure 5, 120)} wie sie sich im Zehnten Wort des Zwanzigsten Briefes findet, wird dieses Geheimnis auf eine absolut klare und deutliche und offensichtliche Weise erklärt... Besonders im Anhang zu diesem Brief wird noch weit klarer bewiesen, dass die Erschaffung allen Seins genauso leicht wird, wie die eines einzelnen Dinges, wenn man sie auf den Einzigen Meister (Sanii Vahid) zurückführt. Führt man sie aber nicht auf den Einen-Einzigen, den Gegenwärtigen (Vahid-i Ahad) zurück, dann wird die Gestaltung eines einzigen Dinges genauso schwierig wie die allen Seins und die eines Samenkorns
ebenso kompliziert wie die eines Baumes. Führt man sie aber auf den wahren Meister (Sani-i Haqiqi) zurück, dann wird das All so einfach wie ein Baum, ein Baum wie ein Samenkorn, das Paradies wie ein Frühling und der Frühling wie eine Blume.
Wir verweisen hier nur auf ein, zwei unter Hunderten von Beweisen, die die Quelle der Geheimnisse (sirr) aufzeigen und die Weisheit (hikmet), die hinter ihnen steht. In ihnen wird ganz klar und offensichtlich, mit welcher Leichtigkeit alles Sein so ganz und schnell, wohlgeordnet, wertvoll und kunstvoll gestaltet ins Dasein tritt, dessen grenzenlose Überfülle für jedermann offensichtlich ist. In ihnen findet sich für ein Geringes mit Leichtigkeit von jeder Gattung eine Fülle von Arten. Dies haben wir bereits in anderen Abhandlungen dargelegt. Zum Beispiel:
So wie es hundertmal leichter ist, hundert Soldaten dem Kommando eines einzigen Offiziers zu unterstellen, als einen Soldaten dem Kommando von hundert Offizieren, die Ausrüstung eines Heeres von einem Hauptquartier aus durch ein einheitliches Gesetz zu regeln, von einer einzigen Fabrik aus durch den Befehl eines einzigen Königs ebenso leicht ist, als handelte es sich dabei um einen einzelnen Soldaten... ebenso ist es genauso schwierig, einzelne Soldaten durch verschiedene Hauptquartiere ausstatten zu lassen, ihre Ausstattung verschiedenen Fabriken und verschiedenen Kommandeuren zu überlassen, als handelte es sich dabei um ein ganzes Heer. Denn für die Ausrüstung eines einzelnen Soldaten müssen ebenso viele Fabriken vorhanden sein, wie für ein ganzes Heer notwendig sind.
Desgleichen wird es unter dem Geheimnis der Einheit (sirr-i vahdet) offensichtlich, dass die Lebenssubstanz, die einen Baum aus einer einzigen Wurzel, von einem einzigen Zentrum aus und durch ein einziges Gesetz ernährt, so wie dieser Baum Tausende von Früchten bringt, auch eine einzelne Frucht mit gleicher Leichtigkeit hervorbringt. Geht man aber von einer Vielheit (kethret) aus, statt von der Einheit (vahdet) und käme
die Lebenssubstanz, die für jede Frucht notwendig ist, von verschiedenen Stellen, dann wäre die Schwierigkeit für jede einzelne Frucht dieselbe wie für einen ganzen Baum. Ja, für ein einziges Samenkorn, welches das Urbild eines Baumes in sich enthält, und für sein Programm bestünde die gleiche Problematik wie für einen ganzen Baum. Denn all das, was für das Leben eines einzigen Baumes an Lebensnotwendigem erforderlich ist, ist auch für ein einziges Samenkorn notwendig.
So gibt es also gleich diesem Beispiel noch Hunderte von Beispielen, um zu zeigen, in welch grenzenlosem Maße das Sein tausendfach mit Leichtigkeit aus der Einheit (vahdet) heraus ins Dasein tritt, um wie vieles leichter noch als auch nur ein einziges Ding aus einer Vielheit (shirk) und Mannigfaltigkeit (kethret) heraus. Weil aber diese Tatsache schon in anderen Abhandlungen ebenso klar bewiesen wurde, wie zwei mal zwei vier ist, überlassen wir das diesen und wollen hier nur ein besonders wichtiges Geheimnis (sirr) von dem, was so einfach und leicht ist, unter dem Gesichtspunkt der göttlichen Bestimmung (qader-i Ilahi), des Wissens (ilim) und der Macht des Herrn (qudret-i Rabbaniye) darlegen. Es ist dies Folgendes:
Du bist und hast ein Sein. Wenn du dieses auf die urewige Macht (Gottes = Qadir-i Edhel) zurückführst, hat Er dich in einem einzigen Augenblick durch einen Befehl (emir), durch Seine unendliche Allmacht (qudret) aus dem Nichts heraus erschaffen, so wie man ein Streichholz entzündet. Führst du dich aber nicht auf Ihn zurück, schreibst du vielmehr dein Sein den Ursachen der Materie und der Natur zu, dann wird es für dich, der du eine wohlgeordnete Zusammenfassung des Alls und seine Frucht bist, dessen verkleinertes Inhaltsverzeichnis und Liste, notwendig, die materiellen Bestandteile deiner Existenz aus dem All und seinen Elementen herauszusieben, sie mit feinen Instrumenten zu messen und zu wiegen und sie so von den Ecken der Welt her zusammenzubringen, um dich zu gestalten. Denn die materiellen Ursachen können nur sammeln und gestalten. Sie können nicht selber schaffen, was sie nicht
vorfinden, was nicht vorhanden ist, nicht aus dem Nichts bilden. Alle Leute von Verstand werden dies bestätigen. Also müssen sie die Bestandteile für den Körper eines kleinen Lebewesens von den Enden der Welt her zusammenbringen.
So verstehe also nun, wie leicht dies alles für die Einheit Gottes (vahdet ve tauhid) ist und wie schwer für eine Vielheit (shirk) und was für ein irriges Denken (dalalet)!
Zweitens:
Vom wissenschaftlichen Standpunkt (ilim nokta) aus betrachtet ist alles unendlich leicht. Zum Beispiel: "Qader" ist eine Art der Wissenschaft, die für jedes Ding sein Maß und seine ihm eigene unsichtbare Gussform bestimmt. Und dieses durch "Qader" bestimmte Maß gilt für den Körper eines Dinges als sein Plan und sein Typ. Wenn die Macht (qudret) es erschafft (idjad), dann erschafft sie es ganz leicht entsprechend diesem durch "Qader" bestimmten Maß. Wird dieses Ding nicht auf den Glorreichen, Allmächtigen (Qadir-i Dhu l-Djelal) zurückgeführt, der der Herr einer allumfassenden, grenzenlosen und urewigen Wissenschaft ist, dann tauchen - wie wir dies bereits oben erklärt haben - nicht nur tausend Schwierigkeiten, nein, hundert Unmöglichkeiten auf. Denn dann wird es notwendig, von außen her tausende materieller Gussformen im Inneren eines kleinen Tierchens zur Anwendung zu bringen, wenn es ein solches durch (Gottes) «Qader» und Wissen bestimmtes Maß nicht gäbe.
So verstehe also nun das Geheimnis der unendlichen Leichtigkeit in der Einheit (vahdet) und die grenzenlosen Schwierigkeiten im irrigen Denken (dalalet) und in der Vielheit (shirk) und wisse, wie wahrheitsgemäß und hoch und recht die Wahrheit ist, welche in der Ayah:
{"Es ist aber weder eure Erschaffung noch Eure Auferstehung (schwieriger) als die einer einzigen Seele, und die Angelegenheit der Stunde nicht mehr als ein Augenzwinkern oder noch näher." (Sure 16, 77)}
zum Ausdruck kommt!